Waffenbrüder

Buchbesprechung

Der Roman "Waffenbrüder" des finnischen Autors Viljo Sarajas über Finnlands Freiheitskampf gegen die Sowjetunion wurde wieder zugänglich gemacht.
Der Roman "Waffenbrüder" des finnischen Autors Viljo Sarajas (1900–1970) über Finnlands Freiheitskampf gegen die Sowjetunion wurde wieder zugänglich gemacht.

Daß der Bekannt­heits­grad fin­ni­scher Wer­ke und Lite­ra­ten in Deutsch­land außer­halb von Fach­krei­sen und Ken­nern als begrenzt gel­ten darf, ist wohl wenig umstrit­ten. Ein Roman aus Finn­land ist für den deut­schen Leser grund­sätz­lich eine exo­ti­sche Rari­tät. Ein Werk aus dem Zwei­ten Welt­krieg umso mehr, auch wenn Vil­jo Sara­jas „Waf­fen­brü­der“ sei­ner­zeit als beste Wirk­lich­keits­dar­stel­lung aus dem fin­nisch-rus­si­schen Win­ter­krieg von 1939/1940 aus­ge­zeich­net wur­de. Gro­ße Bekannt­heit erlang­te es außer­halb Skan­di­na­vi­ens nie. Umso erfreu­li­cher ist es, daß der Jun­g­eu­ro­pa Ver­lag die­ses Buch ver­legt hat und damit dem deutsch­spra­chi­gen Raum eine ein­zig­ar­ti­ge Kriegs­schil­de­rung bietet.

Das Werk des sonst wenig bekann­ten oder ander­wei­tig erfolg­rei­chen Autors ist dem­entspre­chend als Zeug­nis sei­ner Zeit zu betrach­ten, aus einem frem­den Teil Euro­pas, einer frem­den, ver­gan­ge­nen Zeit. Wie die mei­sten fin­ni­schen Wer­ke zum Win­ter­krieg schil­dert es die Kriegs­er­fah­rung fin­ni­scher Sol­da­ten, die sich der geball­ten sowje­ti­schen Kampf­stär­ke gegen­über­sa­hen und einer qua­si hoff­nungs­lo­sen Auf­ga­be stell­ten. Einem Feind, der mate­ri­ell in jeg­li­cher Hin­sicht weit­aus über­le­gen vor den Toren stand und alles zu neh­men droh­te. Der sowje­ti­sche Angriff erfolg­te nicht gänz­lich aus hei­te­rem Him­mel, ihm gin­gen meh­re­re Pro­vo­ka­tio­nen und Eska­la­tio­nen vor­aus, nicht zuletzt die Anne­xi­on des nahe­lie­gen­den Bal­ti­kums und war letzt­end­lich ein zu erwar­ten­der Schlag im impe­ria­len Bestre­ben der Sowjet­uni­on. Finn­land selbst war bis zum Ende des Ersten Welt­krie­ges Teil des rus­si­schen Zaren­rei­ches und als Nati­on in sei­ner Staat­lich­keit noch sehr jung, mili­tä­risch zu die­sem Zeit­punkt völ­lig unter­ent­wickelt. Die sowje­ti­sche Offen­si­ve war dem­nach der Ver­such, das dem Zaren­reich nach der Nie­der­la­ge im Ersten Welt­krieg gegen das Deut­sche Kai­ser­reich abtrün­nig gewor­de­ne Finn­land dem rus­sisch domi­nier­ten Staat wie­der ein­zu­ver­lei­ben. Für die Fin­nen han­del­te es sich um eine exi­sten­zi­el­le Fra­ge, Frei­heit oder Knecht­schaft. In die­sem Win­ter 1939 fin­det die Erzäh­lung statt.

Die­se unver­hoff­te David-gegen-Goli­ath-Aus­gangs­la­ge ist dem Erzäh­ler in jeder Pas­sa­ge vor Augen. Der Krieg ist neu, unbe­kannt, ereig­nis­reich, kein ver­trau­tes Unter­fan­gen. Es gibt kein gro­ßes Ziel, außer das Stand­hal­ten. Was den mili­tä­risch uner­fah­re­nen Fin­nen stärkt, ist die mora­li­sche Gewiss­heit, als Ver­tei­di­ger der Hei­mat im Recht zu sein. Patrio­ti­sche Lob­ge­sän­ge auf das fin­ni­sche Volk und das fin­ni­sche Land durch­zie­hen das Werk. Stets wird sicht­bar gehal­ten, wofür die Män­ner sich in den schein­bar siche­ren Tod wer­fen. Der pathe­ti­sche Ein­schlag ist an meh­re­ren Stel­len zu erwar­ten, ver­mei­det jedoch das Abrut­schen ins Kit­schi­ge. Der Stil ist der Hand­lung ange­mes­sen und für jeden Leser leicht zugäng­lich. Der Leser wird unmit­tel­bar in die Situa­ti­on eines jun­gen fin­ni­schen Man­nes ver­setzt, der sei­ne Hei­mat und Fami­lie liebt und die­se nun mit der Waf­fe zu ver­tei­di­gen gezwun­gen ist. Man fin­det dabei jedoch kein aus­ufern­des Lamen­tie­ren und kei­ne pazi­fi­sti­schen Unter­tö­ne, kein pein­li­ches Appel­lie­ren an die uni­ver­sa­le Mensch­lich­keit, wie man es aus kon­tem­po­rä­rer Kriegs­li­te­ra­tur mitt­ler­wei­le gewohnt ist. Viel­mehr wird der Krieg, gera­de die­ser Krieg, als eine Not­wen­dig­keit emp­fun­den, um die Gemein­schaft, die Hei­mat und ihre Frei­heit, das Eige­ne zu erhal­ten. Es ist die Not­wen­dig­keit, kei­ne Lust am Krieg als Aben­teu­er oder Schau­spiel, aber auch kei­ne Tra­gö­die, vor der nur die Flucht ret­ten kann. Es ist ernst. Es geht den Sol­da­ten um ihr Vater­land. Denn des „Vater­lan­des Not ist unser aller Not, und sein Schick­sal ist auch unseres“.

Die Erzäh­lung folgt einem klas­si­schen Muster, bei der der Erzäh­ler in sei­nen Kriegs­er­fah­run­gen von getreu­en Kame­ra­den durch ver­schie­de­ne Tra­gö­di­en und klei­ne Momen­te beglei­tet wird, die jeweils ihre cha­rak­te­ri­sti­schen Merk­ma­le besit­zen und der Hand­lung mehr Facet­ten schen­ken. Die­se Gemein­schaft Finn­lands Söh­ne ist zugleich mit christ­lich-reli­giö­sen Moti­ven durch­tränkt und stellt über gemein­sam abge­hal­te­ne Got­tes­dien­ste ein wesent­li­ches Bin­de­glied dar, als Ver­kör­pe­rung auch der kirch­li­chen Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, wenn es da heißt: „nie­mand unter uns ist ja ein­sam, ganz allein gewe­sen. Ein jeder hat den Höch­sten in sich getragen“.

Krieg als gerech­ter Krieg, vor allem zur Ver­tei­di­gung, ist der Kir­che und den Vätern wie Tho­mas von Aquin, ein legi­ti­mes Mit­tel. Die Idee der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen und Hei­li­gen als Sol­da­ten und Krie­ger ist dem Chri­sten­tum eben­falls nicht fremd, fin­det sich sowohl in theo­lo­gi­schen Schrif­ten als auch der Hei­li­gen Schrift selbst wie­der. Und natür­lich sind zahl­rei­che Hei­li­ge, die als Mär­ty­rer im Kampf um ihre Hei­mat gegen heid­ni­sche Inva­so­ren star­ben, selbst Sol­da­ten gewe­sen. Da wäre zum Bei­spiel Andre­as Str­atela­tes, syri­scher Feld­herr des Römi­schen Rei­ches, der sein Hei­mat­land gegen die Hee­re per­si­scher Hei­den ver­tei­dig­te. Sicher­lich ein weni­ger bekann­ter Name mit einer umfang­rei­chen Geschich­te, ver­mut­lich ver­gleich­bar mit der Exo­tik des rus­sisch-fin­ni­schen Win­ter­krie­ges. Nicht zuletzt wäre da auch eine Jean­ne d’Arc, die uns als mit­tel-west­eu­ro­päi­sche Leser selbst heu­te noch als fran­zö­si­sche Natio­nal­hel­din geläu­fig ist. Und auch einer der Grün­dungs­my­then der deut­schen Nati­on, die Schlacht auf dem Lech­feld, des­sen Sie­ger, Otto der Gro­ße, den hei­li­gen Micha­el zum Schutz­pa­tron der Deut­schen erklär­te, erzählt von der Ver­tei­di­gung christ­li­cher Hee­re gegen ein­fal­len­de magya­ri­sche Hei­den. So ste­hen in „Waf­fen­brü­der“ christ­li­che Fin­nen den gott­lo­sen Bol­sche­wi­ken gegen­über, auch wenn der ideo­lo­gi­sche bzw. ein reli­giö­ser Kon­flikt als sol­cher nicht im Vor­der­grund der Geschich­te steht. Doch der Bezug zu Gott und der eige­nen, christ­lich gepräg­ten Kul­tur zeich­net die Wahr­neh­mung der fin­ni­schen Truppen.

In den pazi­fi­zier­ten Kir­chen West­eu­ro­pas ist ein mili­tan­tes, natio­nal gefärb­tes Chri­sten­tum die­ser Art frei­lich längst nicht mehr exi­stent. Gemäß hier vor­herr­schen­der pro­gres­si­ver Geschichts­deu­tung zäh­len die Kreuz­zü­ge und kon­fes­sio­nel­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu einer über­wun­de­nen, archai­schen Epo­che der Kir­chen­ge­schich­te, als die Kir­che noch die pri­mi­ti­ven Bräu­che und Tra­di­tio­nen der euro­päi­schen Bar­ba­ren kaschier­te, ehe es sich im Zuge der Moder­ne zum zahn­lo­sen Wohl­fühl­kult eman­zi­pier­te, der nach Mei­nung vor allem pro­te­stan­ti­scher Theo­lo­gen der ursprüng­li­che Kern der Leh­re Chri­sti sei. Und in Zei­ten, in denen selbst bibli­sche Gebo­te offen­kun­dig ver­dreht wer­den – man den­ke an die kürz­lich erfolg­ten „Homo­pho­bie ist Sünde“-Aktionen evan­ge­li­scher Kir­chen in Deutsch­land im Zuge des soge­nann­ten pri­de-Monats – ist von der Wie­der­kehr einer abend­län­di­schen Chri­sten­heit kei­ner­lei Vor­stel­lung mög­lich, nur weni­ge leben­de Rest­be­stän­de in den klei­nen Inseln der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen katho­li­schen Got­tes­häu­ser und vor allem der ortho­do­xen Kir­che, wel­che sich offen dem west­li­chen Regen­pro­gres­sis­mus in den Weg stellt, exi­stie­ren noch.

Und so ist die Erzäh­lung eines sich gegen eine Über­macht behaup­ten­den euro­päi­schen, christ­li­chen Vol­kes, das in der Ver­tei­di­gung sei­nes Lan­des ein Recht, eine hei­li­ge Auf­ga­be sieht, dem heu­ti­gen durch­schnitt­li­chen Leser sicher­lich etwas Ana­chro­ni­sti­sches. Der dem­entspre­chend pathos­ge­la­de­ne Stil des Autors wirkt an eini­gen Stel­len glei­cher­ma­ßen etwas befremd­lich, kann einem kon­ser­va­tiv gesinn­ten Leser aller­dings gro­ßes Wohl­be­fin­den ver­mit­teln. Nicht­de­strotz spie­gelt es den histo­ri­schen Umstand und das Geschil­der­te sowie die Ernst­haf­tig­keit in der Erfah­rung des Erzäh­lers wider. Gegen die feind­li­che „Mas­se“ ist Wehr zu lei­sten, denn „sie hat das gekränkt, was uns hei­lig ist, sie ist ein­ge­drun­gen, zu ver­hee­ren, was unser ist“. Das Vater­land ist hier noch hei­lig, etwas, das nicht zur Debat­te steht und mit allen Mit­teln, auch dem eige­nen Leben, ver­tei­digt wird, für das ein Mär­ty­rer zu wer­den sich lohnt. Auch dies bedarf kei­nem aus­ge­wo­ge­nen inne­ren Dia­log über Zwei­fel und Sinn­haf­tig­keit, es steht wie selbst­ver­ständ­lich; „was bedeu­ten schon die toten Lei­ber, die See­len kön­nen sie uns doch nicht neh­men. Und ist wohl mein Leben mehr wert als das andere?“

Die Über­schnei­dung von Gemein­schafts­ge­fühl und reli­giö­sem Ethos ist dem Autor ver­mut­lich nicht gänz­lich unbe­wusst gelun­gen. Der ori­gi­na­le Titel des Buches wür­de nach kor­rek­ter Über­set­zung ins Deut­sche eigent­lich „Das erlö­ste Land“ hei­ßen. Man ent­schied sich bei der deut­schen Titel­wahl jedoch dafür, die Beto­nung auf die Waf­fen­brü­der­lich­keit der Figu­ren zu legen und weni­ger auf die reli­gi­ös auf­ge­la­de­nen Ele­men­te der Erzäh­lung. Dies erscheint nahe­lie­gend, ist es doch in erster Linie eine Kriegs­er­zäh­lung und Finn­land als luthe­ri­sche Nati­on mit einer all­ge­mein eher kühl anmu­ten­den Men­ta­li­tät nicht son­der­lich mit mythisch-reli­giö­ser The­ma­tik in Ver­bin­dung zu brin­gen. Auch ist der fin­nisch-rus­si­sche Win­ter­krieg nicht in erster Linie als reli­gi­ös-ideo­lo­gi­scher Kon­flikt in den Geschichts­bü­chern ver­merkt. Doch der Krieg als reli­giö­se Erfah­rung bzw. mit Sen­dungs­funk­ti­on, gera­de für die Natio­nen­bil­dung, ist in der Lite­ra­tur seit der Roman­tik frei­lich ein geläu­fi­ges Motiv. Und Turn­va­ter Jahn soll­te wohl – zumin­dest in die­sem Fall – Recht behal­ten, wenn er einst for­mu­lier­te: „Die künf­ti­ge Zeit wird Krie­ge um Völ­ker­schei­den erle­ben, aber es wer­den hei­li­ge Krie­ge sein.“

Und auch wenn die Krie­ge des 20. Jahr­hun­derts, die rie­si­gen Mate­ri­al­schlach­ten, kei­ne son­der­lich hei­li­gen Krie­ge waren, schafft es Sara­ja den Ver­tei­di­gungs­kampf der Fin­nen als sol­chen zu schil­dern. Die Sakra­li­tät die­ses Krie­ges, der Ver­tei­di­gung, wird in den Feld­got­tes­dien­sten beson­ders greif­bar. Wie zu frü­he­ren Zei­ten euro­päi­scher Chri­sten­heit gilt die Mes­se den Sol­da­ten, dabei selbst­re­dend auch den Gefal­le­nen, Gott und der Hei­mat. Wirk­mäch­tig heißt es, es sei eine „mäch­ti­ge Mes­se, die da auf­steigt aus der Män­ner­brust und die­sen ern­sten Her­zen. Da drau­ßen beglei­tet der Don­ner der Kano­nen den männ­li­chen Gesang, der gleich­sam die Wän­de des Unter­stan­des tie­fer in die Erde hin­ein­drückt. Der Wein schwappt aus dem Becher. So also zit­tert Chri­sti Blut durch die­sen Lärm“. Die Figu­ren zie­hen Kraft aus dem Got­tes­dienst, aus den Wor­ten der Schrift, wel­che der Erzäh­ler reflek­tiert und sie auf sei­ne erleb­te Situa­ti­on bezieht. Ihrem Leid, ihrem Erfolg ist mit die­sen christ­li­chen Ele­men­ten eine Note ver­lie­hen, die den Mythos des Win­ter­krie­ges nicht bloß als natio­na­len Kraft­auf­wand der Fin­nen, son­dern eine hei­li­ge Mis­si­on her­vor­hebt. Hei­li­ge Krie­ge sind nicht bloß in der Lite­ra­tur unse­rer Zeit eine Sel­ten­heit gewor­den. Den­noch schafft es Sara­ja, die Gefühls­la­ge und Lebens­rea­li­tät fin­ni­scher Sol­da­ten christ­li­chen Glau­bens, und zwar eines geleb­ten christ­li­chen Glau­bens, in einem Welt­krieg, der ideo­lo­gi­scher und geo­po­li­ti­scher Logik folg­te, leb­haft zu machen. Gera­de für Chri­sten ist die­ses Buch daher eine wohl­tu­en­de Rari­tät und es sei allen, die sich in eine ver­gan­ge­ne Zeit noch geleb­ten Ern­stes und Glau­bens seh­nen, ans Herz gelegt.

  • Vil­jo Sara­jas: Waf­fen­brü­der, Roman, Jun­g­eu­ro­pa Ver­lag, Dres­den 2021, 164 Sei­ten, 15,00 €
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