Verurteilter Mißbrauchstäter schreibt im Osservatore Romano

Und die päpstlichen Maßnahmen?



Wie geht der Vatikan konkret mit dem sexuellen Mißbrauchsskandal um?
Wie geht der Vatikan konkret mit dem sexuellen Mißbrauchsskandal um?

(Rom) In der Tageszeitung des Papstes, dem Osservatore Romano, schreibt ein Priester, der wegen sexueller Belästigung verurteilt wurde. Kritiker werfen die Frage nach glaubwürdigen Maßnahmen gegen den sexuellen Mißbrauchsskandal auf.

Der Osservatore Romano erscheint seit 1861. Inzwischen hat er allerdings seine Eigenständigkeit eingebüßt und wurde durch die Medienreform von Papst Franziskus in die Zentralredaktion aller Vatikanmedien überführt. Franziskus hat sie in den vergangenen Jahren in dem von ihm neuerrichteten Kommunikationsdikasterium gebündelt. Im Dezember 2018 ersetzte er den bisherigen Chefredakteur durch Andrea Monda, um die Einheitslinie durchzusetzen. Der eigentliche Chefredakteur aller Medien ist seither Andrea Tornielli, der Hausvatikanist von Papst Franziskus.

Die Tageszeitung des Papstes veröffentlichte einen Kommentar des ehemaligen Pressesprechers des Bischofs von Fano, der am Strand der Adria erwischt wurde, als er sich sexuell an einem jungen Mädchen zu schaffen machte. Dafür wurde er zu mehr als zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Tageszeitung La Verità spricht vom „wiederholten beschämenden Fall für den Vatikan“. Als sich der Priester an einem 13-jährigen Mädchen zu schaffen machte, verhängte ein italienisches Gericht eine Gefängnisstrafe gegen ihn. Kirchlicherseits scheint es keine Sanktionen gegen den Priester gegeben zu haben. Er wurde weder a divinis suspendiert noch in den Laienstand zurückversetzt. Vielmehr schrieb er nun einen Kommentar im Osservatore Romano.

Am vergangenen Mittwoch druckte die Zeitung des Papstes den Kommentar von Don Giangiacomo Ruggeri, der 2012 nach sehr delikaten Ermittlungen verhaftet wurde. Ein Rettungsschwimmer von Fano, dem der Priester, der damals Sprecher des Bischofs der gleichnamigen Stadt in den Marken war, am Strand aufgefallen war, hatte Anzeige erstattet. Die Polizei legte sich auf die Lauer und filmte das unstatthafte Verhalten des Priesters gegenüber einer 13-Jährigen.

Don Ruggeri leugnete die Vorwürfe nicht und versicherte dem Richter, nicht pädophil zu sein. Nach einigen Tagen Untersuchungshaft und vier Monaten Hausarrest wurde er in erster Instanz zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Im Berufungsverfahren erfolgte die Reduzierung des Strafmaßes auf ein Jahr und elf Monate.

„Nur wenige Wochen, nachdem der Papst“ bedingungslose Strenge und Härte gegen Priester forderte, die sich des sexuellen Mißbrauchs von Minderjährigen schuldig machen, demonstriert die Zeitung des Vatikans, „was sie von einem Schuldspruch durch ein italienisches Gericht“ und „von den Anweisungen des Papstes hält“, so Maurizio Belpietro, der Chefredakteur von La Verità, der persönlich den Vorfall bekannt machte.

Belpietro stellt zugleich die Frage, „welche Grenzen“ Papst Franziskus genau ziehe, damit ein Mißbrauch auch wirklich ein Mißbrauch ist. Ja, es stimme, daß das Mädchen nicht vergewaltigt wurde, aber…

Andrea Mundo, der neue Chefredakteur des Osservatore Romano, ruderte schließlich zurück. Don Ruggeri habe weder einen Vertrag mit der Zeitung des Papstes noch gebe es eine ständige Mitarbeit.

„Ich entschuldige mich bei den Lesern, daß ich die Situation nicht ausreichend in Rechnung gestellt habe und nicht ausreichend sensibel war.“

Das Vorgehen der Vatikanzeitung liefert Kritikern eine Steilvorlage, weil sie es in einem besonders sensiblen Bereich an Transparenz fehlen ließ. Der Autor hätte mit einem klärenden Hinweis vorgestellt werden können.

Und worüber durfte Don Ruggeri im Osservatore Romano schreiben?

Wie Mundo der Nachrichtenagentur AdnKronos erklärte, war er „zusammen mit anderen Experten“ ersucht worden, einen Beitrag zu dem „wichtigen Thema [der Kirche als] Feldlazarett“ zu liefern. Ruggeri schrieb in diesem Zusammenhang über soziale Medien.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: La Verità (Screenshot)

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