Zwei Ausgaben des Osservatore Romano an einem Tag

Diadochenkämpfe

Die beiden Titelseiten der ersten und der zweiten Ausgabe des Osservatore Romano vom 28. März 2019.
Die beiden Titelseiten der ersten und der zweiten Ausgabe des Osservatore Romano vom 28. März 2019.

(Rom) Gestern veröffentlichte der Osservatore Romano gleich zwei Ausgaben. Was war geschehen?

Ein direkter Vergleich der Titelseiten der beiden Ausgaben, läßt den Unterschied sogleich ins Auge springen. In der zunächst gedruckten Ausgabe war auf der Titelseite eine Erklärung von Chefredakteur Andrea Monda veröffentlicht worden. Es handelte sich um jene Erklärung, mit der er am Dienstag auf den geschlossenen Rücktritt von Lucetta Scaraffia und der gesamten Redaktion der monatlichen Frauenbeilage der Zeitung des Papstes „Donna Chiesa Mondo“ reagiert hatte.

Verschiedene Ausgaben einer Tageszeitung am selben Tag sind keine Seltenheit. Die New York Times ist nur ein Beispiel dafür. In der Zwischenkriegszeit waren Morgen- und Abendausgaben derselben Zeitung auch im deutschen Sprachraum keine Seltenheit. Gemeinsam war ihnen, daß die Ausgaben klar erkennbar ausgewiesen wurden. Die Straßenverkäufer bewarben sie auch entsprechend mit „Morgenausgabe“ oder „Abendausgabe“.

Genau dieser Hinweis fehlt auf den beiden Ausgaben des Osservatore Romano, die gestern gedruckt und in Umlauf gebracht wurden. In der zweiten Ausgabe verschwand die Erklärung des Chefredakteurs. Sie wurde ersetzt, indem andere Artikel über den Waffenruhe im Gazastreifen, der nicht hält, und die Bombardierung eines Krankenhauses im Jemen umgruppiert und in größerer Aufmachung veröffentlicht wurden.

Daraus folgt, daß es eine Intervention von höherer Stelle gab, um die Entscheidung von Chefredakteur Monda zu korrigieren. Aufgrund der Neustrukturierung der vatikanischen Medienhierarchie, wie sie von Papst Franziskus am 18. Dezember 2018 vorgenommen wurde, dürfte dieser Eingriff durch den päpstlichen Hausvatikanisten Andrea Tornielli geschehen sein, der nun über die Ausrichtungs- und Koordinierungsbefugnis für die Inhalte aller Vatikanmedien verfügt.

Scaraffias Rücktritt unter Protest, samt einem Brief an Papst Franziskus, den der Vatikanist Sandro Magister am Wochenbeginn vollinhaltlich veröffentlichte, konnte in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt bleiben. Dennoch will man im Vatikan die unangenehme Angelegenheit offensichtlich schnell und möglichst leise hinter sich bringen. Zu unangenehmen Fragen zu schweigen, wird von Papst Franziskus immer wieder als Methode praktiziert – bisher erstaunlich erfolgreich.

Der Abgang der Frauenredaktion ist nicht Ausdruck eines inhaltlichen Richtungsstreites, sondern eines Machtkampfes, um Posten, Einfluß und Freiräume. Scaraffia und ihre keineswegs unumstrittene Frauenbeilage waren noch unter Benedikt XVI. und nicht ohne Zutun von Kardinal Gianfranco Ravasi entstanden. Unter Franziskus genießen aber ganz andere Leute die Gunst des Papstes. Der Druck einer zweiten, korrigierten Ausgabe des Osservatore Romano führte es gestern deutlich vor Augen. So wurde unter dem neuen Chefredakteur Monda vom Osservatore Romano bereits die Werbetrommel für die Aufhebung des priesterlichen Zölibats und die Zulassung verheirateter Priester gerührt werden.

Unklar bleibt, ob und in welchem Rahmen die Frauenbeilage fortgesetzt wird.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Osservatore Romano (Screenshot)

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