China: Wer spielt im Vatikan ein Doppelspiel?

Papst Franziskus: Nicht nur Kardinal Zen wird sich derzeit die Frage stellen, wer im Vatikan in der China-Agenda ein Doppelspiel spielt. Der argentinische Journalist Omar Bello legte 2013 eine Biographie über den wahren Franziskus, als dessen Freund und Vertrauter er sich bezeichnete.
Nicht nur Kardinal Zen wird sich derzeit die Frage stellen, wer im Vatikan in der China-Agenda ein Doppelspiel spielt. Der argentinische Journalist Omar Bello legte 2013 eine Biographie über den „wahren Franziskus“ vor, als dessen „Freund und Vertrauter“ er sich bezeichnete.

(Rom) Kar­di­nal Joseph Zen schil­der­te in einem gestern von ihm ver­öf­fent­lich­ten Brief die jüng­sten Ereig­nis­se um die Situa­ti­on der chi­ne­si­schen Kir­che und das Ver­hält­nis zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Volks­re­pu­blik Chi­na. Er ent­hüll­te, daß im Vati­kan jemand ein dop­pel­tes Spiel spielt.

Der Kar­di­nal ist ent­setzt dar­über, daß eine „vati­ka­ni­sche Dele­ga­ti­on“ in Chi­na unter­wegs ist, um recht­mä­ßi­ge Bischö­fe auf­zu­for­dern, ihren Platz für unrecht­mä­ßi­ge und exkom­mu­ni­zier­te Bischö­fe zu räu­men.

Nach­dem im Okto­ber 2017 ein Bischof eine schrift­li­che Auf­for­de­rung aus Rom erhal­ten hat­te, zugun­sten eines exkom­mu­ni­zier­ten Bischofs zurück­zu­tre­ten, schrieb Kar­di­nal Zen besorgt Papst Fran­zis­kus einen Brief, ohne Ant­wort zu erhal­ten.

Kuri­en­erz­bi­schof Savio Hon, von Kar­di­nal Zen gebe­ten, infor­mier­te Papst Fran­zis­kus dar­auf­hin im Herbst 2017 per­sön­lich. Der Papst war erstaunt, schien von nichts zu wis­sen und ver­si­cher­te, die Sache zu stu­die­ren.

Im Dezem­ber war dann jedoch eine „vati­ka­ni­schen Dele­ga­ti­on“ in der Volks­re­pu­blik Chi­na unter­wegs und wie­der­hol­te „im Namen des Hei­li­gen Stuhls“ die Rück­tritt­auf­for­de­rung zugun­sten unrecht­mä­ßi­ger Bischö­fe.

Wer spielt in Rom welches Spiel?

Noch besorg­ter bestieg Kar­di­nal Zen selbst ein Flug­zeug und flog nach Rom, wo er Papst Fran­zis­kus am 10. Janu­ar am Ran­de der Gene­ral­au­di­enz per­sön­lich meh­re­re Schrei­ben über­gab. Der Papst ließ ihn dar­auf rufen und das Anlie­gen vor­tra­gen. Der Papst ver­si­cher­te ihm, nach der Begeg­nung mit Kuri­en­erz­bi­schof Hon Anwei­sung gege­ben zu haben, „kei­nen zwei­ten Fall Mindszen­ty“ zu schaf­fen.

Kardinal Joseph Zen
Joseph Kar­di­nal Zen

Gestern mach­te Kar­di­nal Zen die­se Ant­wort von Papst Fran­zis­kus öffent­lich, „auch auf die Gefahr hin beschul­digt zu wer­den, die Ver­schwie­gen­heits­pflicht zu bre­chen“.

Der Kar­di­nal wird wis­sen, war­um er einen so ekla­tan­ten Schritt setz­te.

Es steht näm­lich die Fra­ge im Raum, wer eine „vati­ka­ni­sche Dele­ga­ti­on“, mut­maß­lich ange­führt von Kuri­en­erz­bi­schof Clau­dio Maria Cel­li, mit dem Auf­trag nach Peking ent­sen­det hat, im Namen des Hei­li­gen Stuhls, also des Pap­stes, recht­mä­ßi­ge Bischö­fe auf­zu­for­dern, zugun­sten von unrecht­mä­ßi­gen und exkom­mu­ni­zier­ten Bischö­fen das Feld zu räu­men.

Auf­grund der bis­he­ri­gen Amts­füh­rung fällt es schwer, anzu­neh­men, jemand könn­te es wagen, hin­ter dem Rücken des Pap­stes und sogar gegen des­sen aus­drück­li­chen Wil­len („Ich habe ihnen gesagt, kei­nen neu­en Fall Mindszen­ty zu schaf­fen!“) eine eige­ne Chi­na-Poli­tik zu betrei­ben und poten­ti­ell die dor­ti­ge Unter­grund­kir­che zu gefähr­den.

Der Seitenhieb des Vatikans

Indem Kar­di­nal Zen die Ant­wort des Pap­stes gestern öffent­lich mach­te, ver­sucht er dem Dop­pel­spiel einen Rie­gel vor­zu­schie­ben, wer immer ein sol­ches im Vati­kan gespielt hat, und sei es der Papst selbst.

Erklärung von Vatikansprecher Greg Burke zu ChinaEine Bestä­ti­gung kam heu­te aus dem Vati­kan. Das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt „bedau­er­te“ die Ent­hül­lun­gen von Kar­di­nal Zen. Die inter­na­tio­na­le Pres­se­agen­tur Asso­cia­ted Press (AP), deren Bericht welt­weit zahl­rei­che Medi­en über­neh­men und wahr­schein­lich ver­stär­ken wer­den, rück­te den Kar­di­nal in die Ecke eines Geg­ners der „Öff­nun­gen“ von Papst Fran­zis­kus gegen­über Peking. Die Hand­ha­be dafür lie­fer­te das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt. Mit „Ver­wun­de­rung und Bedau­ern“ habe man zur Kennt­nis genom­men, daß „Per­so­nen der Kir­che (…) die Ver­wir­rung und Pole­mik för­dern“.

Ein hef­ti­ger Sei­ten­hieb gegen Kar­di­nal Zen, der nament­lich zwar nicht genannt wur­de, dafür aber – obwohl Kar­di­nal der Kir­che – zu einer „Per­son der Kir­che“ degra­diert wur­de.

Vati­kan­spre­cher Greg Bur­ke lehn­te es zudem ab, den Bericht von Asia­News „zu kom­men­tie­ren oder zu bestä­ti­gen oder zu demen­tie­ren“. Asia­News hat­te am 22. Janu­ar mit einem aus­führ­li­chen Hin­ter­grund­be­richt und unter Beru­fung auf Kar­di­nal Zen und wei­te­re chi­ne­si­sche Quel­len ent­hüllt, daß recht­mä­ßi­ge Bischö­fe „im Namen des Hei­li­gen Stuhls“ zum Rück­tritt gedrängt wer­den, um unrecht­mä­ßi­gen, exkom­mu­ni­zier­ten Bischö­fen Platz zu machen.

Wurde Erzbischof Hon für die neue China-Politik aus Rom wegbefördert?

Vor dem Hin­ter­grund der jüng­sten Ereig­nis­se zeigt sich auch die Ernen­nung von Kuri­en­erz­bi­schof Savio Hon zum Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Grie­chen­land in einem ande­ren Licht. Msgr. Hon ist nicht nur Chi­ne­se, son­dern auch Sale­sia­ner wie Kar­di­nal Zen.

Erzbischof Savio Hon
Erz­bi­schof Savio Hon

2010 war er von Papst Bene­dikt XVI. zum Sekre­tär der römi­schen Kon­gre­ga­ti­on für die Evan­ge­li­sie­rung der Völ­ker ernannt wor­den. Die Ernen­nung war in direk­tem Zusam­men­hang mit der Chi­na-Poli­tik des Hei­li­gen Stuhls gese­hen wor­den. 2016 wur­den ihm Auf­ga­ben außer­halb des Vati­kans über­tra­gen, so jene als Apo­sto­li­scher Admi­ni­stra­tor des Erz­bis­tums Aga­ña auf Guam, weil gegen den dor­ti­gen Erz­bi­schof ermit­telt wur­de. Eine Auf­ga­be, für die es nicht der Num­mer Zwei einer römi­schen Kon­gre­ga­ti­on bedurf­te.

Am 28. Sep­tem­ber 2017 ernann­te Papst Fran­zis­kus den chi­ne­si­schen Sale­sia­ner über­ra­schend zum Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Grie­chen­land. Die Ent­schei­dung war des­halb über­ra­schend, weil der damals fast 67 Jah­re alte Hon, nie zuvor für den Diplo­ma­ti­schen Dienst des Hei­li­gen Stuhls tätig war und auch über kei­ne diplo­ma­ti­sche Erfah­rung ver­füg­te.

Einen Monat spä­ter, am 26. Okto­ber, erhielt der recht­mä­ßi­ge Bischof Peter Zhuang von Shan­tou die schrift­li­che Rück­tritts­auf­for­de­rung aus dem Vati­kan.

Für die Volks­re­pu­blik Chi­na ist in Rom die Kon­gre­ga­ti­on für die Evan­ge­li­sie­rung der Völ­ker zustän­dig, deren Num­mer Zwei der mit den Ver­hält­nis­sen in Chi­na bestens ver­trau­te Msgr. Hon war. Ein chi­ne­si­scher Gesprächs­part­ner ist über­zeugt, daß der Sale­sia­ner durch die Ernen­nung zum Nun­ti­us aus dem Vati­kan weg­be­för­dert wur­de, weil er „nie die­se Poli­tik unter­stützt“ hät­te.

Der Mann, dem Bergoglio ein neues Auto schenkte

Der wahre FranziskusIm Zusam­men­hang mit den jüng­sten Ereig­nis­sen in Chi­na soll eine Epi­so­de in Erin­ne­rung geru­fen wer­den, die jeder selbst bewer­ten soll.

Als Kar­di­nal Ber­go­glio im März 2013 zum Papst gewählt wur­de, ver­öf­fent­lich­te der argen­ti­ni­sche Jour­na­list und stu­dier­te Phi­lo­soph Omar Dani­el Bel­lo die Bio­gra­phie „El ver­dade­ro Fran­cis­co“ (Der wah­re Fran­zis­kus, Edi­cio­nes Noti­ci­as, Bue­nos Aires 2013). Bel­lo, der sich selbst als „Freund und Ver­trau­ten“ von Kar­di­nal Ber­go­glio bezeich­ne­te und als „der Phi­lo­soph, der Ber­go­glio am besten kennt“, beschrie­ben wur­de, kam im März 2015 bei einem Ver­kehrs­un­fall ums Leben.

Auf den Sei­ten 36/37 sei­nes Buches schil­der­te er fol­gen­de Bege­ben­heit:

„Du mußt ihn sofort raus­wer­fen!“, ver­lang­te Ber­go­glio mit lau­ter Stim­me. Die Wän­de zit­ter­ten. „Kei­nen Tag län­ger hat die­ser Typ hier­zu­sein. Hast du ver­stan­den?“

Er bezog sich auf einen Mit­ar­bei­ter der Kurie, den er nicht aus­ste­hen konn­te.

„Wirf ihn mir sofort raus! Ver­stan­den?“

„Er wird aber mit Ihnen spre­chen wol­len …“, ant­wor­te­te einer der Öko­no­men.

„Ich habe gesagt, du sollst ihn raus­wer­fen. In wel­cher Spra­che rede ich?“

„In Ord­nung, Mon­se­ñor, wir wer­den ihn sofort raus­wer­fen…“

Nach der Ent­las­sung bat der betrof­fe­ne Mit­ar­bei­ter um ein Gespräch mit dem Kar­di­nal, und es wur­de ihm sofort und ohne Fra­gen gewährt.

„Aber ich habe nichts davon gewußt, mein Sohn, ich bin völ­lig über­rascht …“, ver­si­cher­te ihm Kar­di­nal Ber­go­glio, als der „Raus­ge­wor­fe­ne“ ihm sei­ne Sor­gen vor­brach­te.

„War­um haben sie dich raus­ge­wor­fen? Wer war das?“

Der Mann ver­ließ das Arbeits­zim­mer des Kar­di­nals ohne Arbeit, aber mit einem nigel­na­gel­neu­en Auto als Geschenk. Er war davon über­zeugt, daß Ber­go­glio ein Hei­li­ger ist, getrie­ben von Umstän­den, die er nicht kon­trol­lie­ren kann, und umge­ben von einer Hor­de bös­ar­ti­ger Assi­sten­ten. Die Geschich­te die­ser Ent­las­sung wird auch von den Sicher­heits­leu­ten der Kurie von Bue­nos Aires bestä­tigt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Asia­News

5 Kommentare

  1. Soweit ich das über­blicken kann, sind die For­de­run­gen der diver­sen hie­si­gen pro­gres­si­ven anti­kon­ser­va­ti­ven Prie­ster- und Lai­en-Platt­for­men in der Chi­ne­si­schen Katho­li­schen-Patrio­ti­schen Ver­ei­ni­gung der KP der Demo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Chi­na schon umge­setzt. Ich war schon vor Jah­ren der Mei­nung, dass die­se VR-Chi­na-KP-ange­pass­te Bibel­aus­le­gung die­sen Grup­pie­run­gen als Vor­bild dient. Nicht die röm. kath. Kir­che gibt gestützt auf die Hl. Schrift die Linie vor, son­dern die Par­tei­zen­tra­le.
    Die­se Chi­ne­si­schen Katho­li­schen-Patrio­ti­schen Ver­ei­ni­gung ist eine KP-gesteu­er­te natio­na­li­sti­sche Grup­pie­rung, die sich die Bei­fü­gung katho­lisch (= all­um­fas­send) aus­leiht.
    Die Ein­fuhr von nicht System-kor­ri­gier­ten Bibeln in die VR Chi­na ist ja ver­bo­ten so viel mir zu Ohren kam.

    • Bei einem Kate­chis­mus
      möch­te ich gar nicht wis­sen,
      was da alles hin­ein­zu­schrei­ben und nicht hin­ein­zu­schrei­ben ver­langt wür­de.
      Ist ja bei uns in Euro­pa auch schon voll im Gan­ge.

  2. Wenn die von Bel­lo auf den Sei­ten 36/37 sei­nes Buches geschil­der­te Bege­ben­heit wirk­lich so statt­ge­fun­den haben soll­te, wäre das bei­na­he schon eine Unge­heu­er­lich­keit. Dann wäre aber tat­säch­lich noch weit­aus Unge­heu­er­li­che­res zu erwar­ten. Soll­te es sich aller­dings um eine erfun­de­ne Sto­ry des töd­lich ver­un­fall­ten Jour­na­li­sten han­deln, wäre auch das eine Unge­heu­er­lich­keit. Aber wer kann das – so oder so – veri­fi­zie­ren. Denk­bar ist, dass diver­se süd­ame­ri­ka­ni­sche Geheim­dien­ste, aber vor allen auch der ame­ri­ka­ni­sche, der rus­si­sche und der chi­ne­si­sche, genü­gend Mate­ri­al über den argen­ti­ni­schen Jesui­ten und spä­te­ren Bischof/Kardinal Jor­ge M. Ber­go­glio zusam­men­ge­tra­gen haben. Ber­go­glio dür­fe schon in jun­gen Jah­ren als poli­ti­sche Figur inter­es­sant gewe­sen sein und nicht erst jetzt als Papst.

  3. P. Ber­nar­do Cer­vel­le­ra PIME, der mit Chi­na gut ver­traut ist und Chi­ne­sisch spricht, betreibt die von Giu­sep­pe Nar­di genann­te Nach­rich­ten­sei­te Asia­News, die auch auf Eng­lisch ver­füg­bar ist: http://www.asianews.it/en.html

    Klar ist, daß sich hier ganz häß­li­che Din­ge abspie­len und daß ein zwei­ter Fall Mindszen­ty (oder Sli­pyj, ukrai­ni­scher Groß­erz­bi­schof, den Paul VI. ganz wider­lich behan­delt hat) sehr wohl beab­sich­tigt ist.

    Der man­chen Lesern die­ser Sei­te sicher bekann­te kana­di­sche Autor Micha­el D. O’Bri­en hat bereits 1996 in Father Eli­jah Chi­na the­ma­ti­siert. Dort betreibt nach dem Roman der sini­st­re Kar­di­nal Vet­to­re eine eigen­mäch­ti­ge Poli­tik (aller­dings gegen den Wil­len des Pap­stes). Im Roman The Father’s Tale (2011) the­ma­ti­siert O’Bri­en eben­falls die chi­ne­si­sche Unter­grund­kir­che, die sich hero­isch dem kom­mu­ni­sti­schen System wider­setzt. Offen­bar spielt Chi­na für die Zukunft der Kir­che eine nicht zu unter­schät­zen­de Rol­le, even­tu­ell kann man sich sogar eine spi­ri­tu­el­le Erneue­rung der am Boden lie­gen­den post­kon­zi­lia­ren Kir­che aus Chi­na erwar­ten.

    Ganz klar, daß das die der­zei­ti­ge Abbruchs­po­li­tik der St. Gal­len — Mafia und ihrer Epi­go­nen ver­hin­dern will.

  4. Für man­che scheint zu gel­ten: Reden ist eine Sache, han­deln eine ande­re.
    Trotz allem: Beten und hof­fen!

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