Johannes Paul II. – ein kritischer Rückblick auf sein Pontifikat

Kardinalserhebung 2001: Korge Mario Kardinal Bergoglio küßt den Fischerring Johannes Pauls II.
Kardinalserhebung 2001: Jorge Mario Kardinal Bergoglio küßt den Fischerring Johannes Pauls II.

Von Wolfram Schrems*

Ist angesichts der Schrecken des derzeitigen Pontifikats ein kritisches Buch über Johannes Paul II. tatsächlich gerade vordringlich? So könnte man sich angesichts des Erscheinens der aktualisierten Neuauflage eines Titels des Bonner Altphilologen Heinz-Lothar Barth von 2011 fragen. Die Antwort wird wohl lauten: „vordringlich“ nicht, aber zum Verständnis des jetzigen Desasters durchaus hilfreich.

Dazu vier Punkte:

Theologische Weichenstellungen aus der „Nouvelle Théologie“

Johannes Paul II. war denjenigen Theologen verbunden, die unter die „Neue Theologie“ gerechnet werden. Diese Strömung, eine Neuauflage des Modernismus des 19. Jahrhunderts, wurde von Papst Pius XII. in Humani generis (1950) kritisiert. Diese Maßnahme blieb jedoch halbherzig und kam zu spät. Johannes Paul II. hatte jedoch nach eigenen Angaben zwei Vertretern dieser Strömung, nämlich Yves Congar OP und Henri de Lubac SJ, beides einflußreiche Konzilstheologen, vieles zu verdanken (122). Er kreierte beide zu Kardinälen.

Von deren Voraussetzungen (besonders prominent die Vermischung von Natur und Gnade) gelangte Johannes Paul II. etwa zur Idee des Religionstreffens von Assisi 1986:

„Aus falscher fundamentaltheologischer und dogmatischer Sicht ist es unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. vor allem zu schweren Fehlern in Theorie und Praxis des Umgangs mit anderen Konfessionen und Religionen gekommen, eine Entwicklung, die (…) mit der Tendenz zur Allerlösung eng zusammenhängt. Hier waren schon auf dem II. Vatikanum falsche Weichen gestellt worden. Jener Kirchenversammlung fühlte sich Johannes Paul II. immer in herausragender Weise verpflichtet“ (45f).

Die hier beschriebene Tendenz ist heute stärker als je zuvor.

Balamand 1993 – Verrat an den katholischen Ostkirchen

Papst Franziskus hat bekanntlich eine inhaltlich bestimmte katholische Mission als „Proselytismus“, der eine „gewaltige Dummheit“ („solenne sciocchezza“) sei, verworfen. So wird man wohl die – vom Wortlaut ja nicht sehr klaren – päpstlichen Aussagen verstehen müssen. Nun ist die Kritik am „Proselytismus“ durch den Vatikan aber schon viel älter. Sie taucht etwa in dem berüchtigten Dokument von Balamand (Libanon) auf, in dem den unierten Ostkirchen wiederum (nämlich nach der schändlichen „Ostpolitik“ ab 1958) ein Dolch in den Rücken gestoßen wird.

Auch diesmal geht es um eine angebliche Verständigung mit den schismatischen Ostkirchen:

„Den mit Rom unierten Katholiken wird dort [im Balamand-Dokument] jegliche missionarische, ja sogar jede karitative Aktivität untersagt, für die nicht die Erlaubnis der orthodoxen Ortsbischöfe eingeholt wurde (…). Den Unierten ist verwehrt, für die Union zu werben, ein solches Engagement für die Einheit in der Wahrheit wird als ‚Proselytismus‘ diskriminiert“ (47f).

Johannes Paul II. (1978-2005)
Johannes Paul II. (1978-2005)

Maßgeblich mitgewirkt an diesem Dokument hat Kardinal Walter Kasper. Dieser war von Johannes Paul II. zum Kardinal kreiert und mit wichtigen Aufgaben betraut worden, obwohl gewichtige Stimmen vor dessen Irrlehren gewarnt hatten (102f).

Nun, fast ein Vierteljahrhundert später, fragen wir uns, ob das Verhältnis zu den getrennten Christen des Ostens und ihren Hierarchen wirklich besser geworden ist. Wir fragen uns angesichts der kirchlichen Verurteilung des „Proselytismus“, ob es – unter unierten Katholiken wie auch unter westlichen – überhaupt noch eine Mission gibt, die diesen Namen verdient. Und wir fragen uns, ob das derzeitige Wirken von Kardinal Kasper segensreich ist.

Das Judentum und die hl. Schrift

Die Aussagen und Gesten des Papstes gegenüber den Juden waren problematisch und brachen mit dem überlieferten Glauben (93ff).

In diesem Zusammenhang wurde unter seinem Pontifikat eine Unterminierung der Glaubwürdigkeit der Evangelien (Kardinal Willebrands, „Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche“, 1985; 93) und ein Bruch der überlieferten Zuordnung des Alten Testamentes auf das Neue Testament (Päpstliche Bibelkommission, „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“, 2001; 101) betrieben.

In Zeiten eines massiven jüdischen Einflusses auf die Hierarchie (Rabbiner Abraham Skorka in der Entourage des Papstes) fragt man sich zwangsläufig nach den vorbereitenden Schritten.

Umstrittene Schuldbekenntnisse

Bekanntlich beging Johannes Paul II. in der Fastenzeit des Jahres 2000 ein großes Schuldbekenntnis der Kirche. Damit fühlten sich auch andere Hierarchen ermutigt, ihrerseits alle möglichen Schuldbekenntnisse und Entschuldigungen auszusprechen. Das führte zu profunden Konfusionen.

Barth zitiert den Mainzer Kanonisten und Kirchenhistoriker Georg May:

„,Die Entschuldigungen für Fehler der Vergangenheit werden geradezu skandalös, wenn sie aus dem Mund derselben Bischöfe kommen, die seit Jahrzehnten der Selbstzerstörung der katholischen Kirche nicht nur zugesehen, sondern sie aktiv mitbetrieben haben. (…) Dazu kommt eine weitere schlimme Wirkung der Schuldbekenntnisse und Vergebungsbitten von Papst und Bischöfen. Sie werden das ohnehin geschwächte Selbstbewußtsein der katholischen Christen noch mehr als bisher vermindern‘“ (117).

Barth fährt mit der nächstliegenden Frage fort und stellt das Evidente fest:

„Und es darf, so möchte ich ergänzen, ernsthaft bezweifelt werden, ob all diese Gesten an die Welt wirklich die Menschen aufgeschlossener für die Botschaft Jesu Christi gemacht haben. Haben sie in größerem Umfang Bekehrungen bewirkt? Wohl kaum!“ (117f).

Das „Selbstbewußtsein der katholischen Christen“ ist heutzutage kein Thema. Alles andere ist bekanntlich wichtiger.

Resümee

Heinz-Lothar Barth stellt die persönliche Frömmigkeit des verstorbenen Papstes, seine Verdienste um die Jugend und sein Engagement für die katholische Moral, für Freiheit und Frieden heraus und weiß sich zu einer „ausgewogenen und gerechten Bilanz“ verpflichtet.

Barth: Papst Johannes Paul II. – Ein kritischer Rückblick
Barth: Papst Johannes Paul II. – Ein kritischer Rückblick

Er fügte einen tiefschürfenden Exkurs über die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen an, in den ein scharfsinniger Artikel des Theologen P. Matthias Gaudron FSSPX eingearbeitet ist.

Ein Desiderat wäre noch ein eigenes Kapitel zum Thema Fatima, da auch Johannes Paul II., obwohl grundsätzlich gegenüber der Botschaft offen, weder die Weihe Rußlands vollzogen noch die Sühnesamstage verbreitet hat. Die Deutung des „III. Geheimnisses“ vom Jahr 2000 ist unglaubwürdig. Von daher geriet auch sein Pontifikat ins Zwielicht.

Gaudron sagt, daß der hl. Thomas Morus in seinem Roman Utopia „Ideen vertrat, die dem Sozialismus ähnlich sind“ (138). Das stimmt so höchstwahrscheinlich nicht, da vieles in dem Werk wohl ironisch zu verstehen ist.

Das Lektorat ist wiederum aufgerufen, die Verschreibungen, etwa dreißig an der Zahl, in einer künftigen Auflage auszumerzen. –

Barths Beitrag ist, wie eingangs gesagt, zum Verständnis des derzeitigen Desasters hilfreich. Es bleibt natürlich ein Schmerz angesichts der penibel dargestellten Fakten einerseits und der Erinnerung an eine sympathische und gewinnende Persönlichkeit bestehen.

Es sei angemerkt, daß Dozent Barth um größtmögliche Objektivität bemüht ist und daher auch dann Zeugnisse anerkennt, wenn sie ihm gegen die ursprüngliche Aussageabsicht gehen. Das zeichnet einen Weisen aus.

Von daher gebühren dem Autor und dem Verlag Dank und Anerkennung für ein weiteres wahrheitsliebendes Buch.

Heinz-Lothar Barth, Papst Johannes Paul II. – Ein kritischer Rückblick auf sein Pontifikat, Sarto, Bobingen, 2. durchgesehene und leicht korrigierte Auflage, o. J. (2017), 145 S. (Erstauflage: Papst Johannes Paul II.: Santo subito? Ein kritischer Rückblick auf sein Pontifikat, Sarto, 1. März 2011)

*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist

Bild: MiL/Sarto

5 Kommentare

  1. Ich finde das unsinnig. Papst Joannes Paulus II war ein grosser Papst. Niemand haette das damals besser getan. Und wahrscheinlich jetzt auch noch, haette er noch gelebt! Das waere viel besser fuer die Kirche gewesen.

  2. Jegliche Form der Wojtyla Nostalgie ist unangebracht. Bergoglio setzt nur fort, was mit Roncallis Revolution in Gang gesetzt wurde, Montini mit der Zerstörung der Liturgie fortsetzte, Wojtyla mit der Relativierung des Dogmas durch seine gotteslästerlichen Idolatrien vorantrieb und B. nun konsequenterweise auf die Moral umlegt. Ratzingers Pontifikat war nur das retardierende Moment der Tragödie, welches der sich abzeichnenden Katastrophe vorausging.

    • @Catholicus: Sie gehoeren wahrscheinlich zu diejenigen,die alle nachkonziliaere Paepste falsch finden. Aber Papst Joannes Paulus II hat das alles nicht ausgedacht! Er ist unschuldig an die damaligen Erneuerungen und die meiste Leute finden ihn eher viel zu konservativ.Zum Beispiel bei uns in der Niederlanden.Er hat eher die Erneuerungen noch aufgehalten.

  3. @ AJ
    Wojtyla war sicher eine gespaltene Persönlichkeit mit Licht und Schatten. Ich denke, dass dieses Buch wie auch die vorliegende Rezension dies klar wiedergibt. Ihre bedingungslose Verherrlichung ist fehl am Platze.
    @catholicus
    wahrlich düster wird es, wenn man an daran denkt, dass Sie in Ihrer Auflistung – mit gutem Grund, denn er konnte in seiner kurzen Amtszeit ja so gut wie nichts bewirken – an Papst Luciani vergessen haben, der sich wahrschlich in diese nicht so gut eingefügt hätte.

    • @Franz Lechner: Sie haben Recht dass ich Papst Joannes paulus II bedingungslos verherrliche, das ist so, und auch Papst Benedikt! Da in diesen zeiten die Roemisch-Katholische Kirche noch unumstritten war in ihrer Moral. Das waren andere Zeiten, nicht so wie die Verwirrungen von Heute. Und natuerlich sind Paepste auch nur Mensche, aber diese haben die Kirche nicht zerstoert.

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