Verfolgung leiden – Erinnerung an Bischof Kurt Krenn

Bischof Kurt Krenn von Sankt Pölten (1936-2014)
Bischof Kurt Krenn von Sankt Pölten (1936-2014)

Von Wolf­ram Schrems*

Aus Anlaß des 30. Jah­res­ta­ges der Ernen­nung von Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Kurt Krenn zum Weih­bi­schof von Wien am 3. März 1987 brach­te Rudolf Föder­mayr, Schwa­ger des ver­ewig­ten Bischofs, eine Gedenk­schrift her­aus, die für die öster­rei­chi­sche Kir­chen­ge­schichts­schrei­bung von eini­ger Rele­vanz sein wird.

Der Haupt­teil ist eine detail­lier­te Chro­no­lo­gie der Ereig­nis­se durch den Kir­chen­hi­sto­ri­ker und ehe­ma­li­gen Bischofs­vi­kar P. Dr. Ilde­fons M. Fux OSB (Prio­rat Maria Rog­gen­dorf). Die­se ist der Fest­schrift zum 70. Geburts­tag von Bischof Krenn Der Wahr­heit ver­pflich­tet (Josef Kreiml, Micha­el Stickel­bro­eck, Ilde­fons Man­fred Fux, Josef Spin­del­böck (Hg.), Ver­lag St. Josef, Klein­hain, 2006) ent­nom­men. Ange­fügt sind eine kur­ze Bio­gra­phie, sowie Nach­ru­fe auf Bischof Krenn, die zeit­na­he zu sei­nem Tod am 25. Jän­ner 2014 erschie­nen. Sie stam­men von Ste­phan Bai­er (Die Tages­post), vom Rezen­sen­ten (Nach­ruf vom 31.01.14 auf die­ser Sei­te, mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Redak­ti­on abge­druckt), vom Pfar­rer von Zell am Zil­ler (Tirol, Erz­diö­ze­se Salz­burg), Dechant Dr. Ignaz Stein­wen­der, von P. Wer­ner Schmid, dem dama­li­gen Mode­ra­tor der Welt­prie­ster­ge­mein­schaft St. Josef, Kleinhain/St. Pöl­ten, der am Tag nach dem Tod Bischof Krenns eine Pre­digt hielt, und von P. Ilde­fons Fux.

„Ein neuer Weihbischof für Wien“ – inmitten eines unaufrichtigen Episkopats

Bischof Krenn "... Verfolgung leiden"
Bischof Krenn „… Ver­fol­gung lei­den“

Pater Fux, bekannt für sein außer­ge­wöhn­lich wert­vol­les Buch über öster­rei­chi­sche Glau­bens­zeu­gen Für Chri­stus und Öster­reich (2001) und für sein Bemü­hen, die Kam­pa­gne gegen Kar­di­nal Hans Her­mann Groà«r histo­risch auf­zu­ar­bei­ten, zeich­net in sei­nem Bei­trag die Stel­lung­nah­men von Kir­chen­män­nern und Jour­na­li­sten nach, die meist mehr oder weni­ger unver­hoh­le­nen Haß gegen den neu­ernann­ten Bischof — und den ernen­nen­den Papst — aus­drücken. Die Kir­che Öster­reichs war schon län­ger in einen offe­nen Glau­bens­ab­fall gera­ten. Die Ernen­nung von Bischof Krenn paß­te vie­len nicht in ihr Ver­ständ­nis von Kir­che und Kir­chen­po­li­tik.

P. Fux beleuch­tet die Ereig­nis­se unter dem Gesichts­punkt des Wider­stan­des gegen den neu­ernann­ten Bischof und all­ge­mein gegen das Recht des Pap­stes, Bischö­fe zu ernen­nen (auch wenn letz­te­res oft nur ver­klau­su­liert vor­ge­bracht wur­de).

Erschüt­ternd und skan­da­li­sie­rend ist, was P. Fux über die Pres­se­kon­fe­renz von Erz­bi­schof Karl Berg (Salz­burg) und Bischof Johann Weber (Graz) im Anschluß an den Ad-limi­na-Besuch bei Papst Johan­nes Paul II. am 19. Juni 1987 berich­tet. Die Bischö­fe beschwich­tig­ten damals und gaben an, es gebe „kei­ne Spal­tung unter den Bischö­fen, kei­ne Kluft zum Hei­li­gen Vater“ (43).

Die­se Stel­lung­nah­men waren aber unwahr­haf­tig, wie Bischof Weber spä­ter zugibt:

„Bei die­ser Pres­se­kon­fe­renz, so erin­ner­te sich Weber spä­ter, da haben wir ‚schon sehr gekün­stelt. Da ist es uns extrem schlecht gegan­gen‘“ (ebd.).

Kla­rer­wei­se stellt sich die Fra­ge, wann die Her­ren Bischö­fe in ihrem Wir­ken sonst noch „gekün­stelt“ haben. Oder wann sie gelo­gen haben.

Bischof Krenn ermahn­te bekannt­lich die Lüg­ner mit def­ti­gen Wor­ten.

P. Fux stellt ange­sichts eines Epi­sko­pats, der sich all­zu­oft den welt­li­chen Mäch­ten unter­wirft, einen grö­ße­ren kir­chen­ge­schicht­li­chen Zusam­men­hang her:

„Man wird im Streit über die in Fra­ge gestell­ten Bischofs­er­nen­nun­gen im Kon­text der Kir­chen­ge­schich­te wohl nicht umhin kön­nen, an eine Neu­auf­la­ge des Inve­sti­tur­strei­tes zu den­ken, nur dass es nicht die Staats­ge­walt war, die hier Rech­te für sich bean­spruch­te, son­dern eine Bewe­gung von Prie­stern und Lai­en, die ein Mit­be­stim­mungs- bzw. Zustim­mungs­recht im Sin­ne eines vari­ier­ten ‚Pla­ce­tum regi­um‘ für sich arro­gier­te. Die­se Bewe­gung stütz­te sich auf eine brei­te ideo­lo­gi­sche Strö­mung der Kon­zils­in­ter­pre­ta­ti­on (…)“ (44).

Aus heu­ti­ger Sicht wird man aller­dings ergän­zend sagen müs­sen, daß die­se Bewe­gung sich auf eine durch­aus nahe­lie­gen­de, zumin­dest mög­li­che „Inter­pre­ta­ti­on“ stütz­te. Das Kon­zil und des­sen Begleit­mu­sik hat­ten sicher revo­lu­tio­nä­re Impul­se begün­stigt.

„Kurt Krenn ging es stets um die Wahrheit“

Bischof Kurt KrennDipl.-Theol. Ste­phan Bai­er, Öster­reich-Kor­re­spon­dent der drei­mal wöchent­lich in Würz­burg erschei­nen­den Tages­post und gro­ßer Pan­eu­ro­pä­er, ver­fügt, wenn er nicht gera­de EU-Pro­pa­gan­da betreibt (wegen der schon min­de­stens ein Abon­ne­ment der DT gekün­digt wur­de), über ein gesun­des Urteils­ver­mö­gen. So auch in gegen­ständ­li­chem Nach­ruf, der das intel­lek­tu­el­le und seel­sorg­li­che Wir­ken des Ver­stor­be­nen wür­digt, aber auch das Uner­freu­li­che nicht ver­schweigt:

„[Alle] Kon­tro­ver­sen über die Aus­rich­tung der Kir­che und ihrer Theo­lo­gie hät­ten den streit­ba­ren Hir­ten von St. Pöl­ten nicht zu Fal­le gebracht. Die För­de­rung des Prie­ster­nach­wuch­ses war ihm ein zen­tra­les Anlie­gen, und wur­de ihm letzt­lich zum Ver­häng­nis. Im Gespräch mit die­ser Zei­tung mein­te Krenn 2001, man müs­se Erfolg auch quan­ti­fi­zie­ren, also sol­le man sei­ne Amts­zeit dar­an mes­sen, ob es nach­her mehr Prie­ster in der Diö­ze­se gebe als vor­her. Das Pölt­ner Semi­nar wuchs, aber das Unkraut dar­in offen­bar auch. Als der von ihm instal­lier­ten Lei­tung des Prie­ster­se­mi­nars homo­se­xu­el­le Akti­vi­tä­ten zuge­schrie­ben wur­den, als Krenn die Vor­wür­fe all­zu schnell abtat, da wand­ten sich vie­le Bischö­fe von Krenn ab“ (57).

Das ist – lei­der – rich­tig. Aller­dings hat­ten sich etli­che Bischö­fe nicht erst in der Kri­se um das Prie­ster­se­mi­nar von Bischof Krenn abge­wandt.
Eine gleich­sam hagio­gra­phi­sche Dar­stel­lung von Bischof Krenn, wie sie von wohl­mei­nen­den, aber nicht immer nüch­tern den­ken­den Katho­li­ken fall­wei­se auch prak­ti­ziert wird, nützt nie­man­dem. Bai­er stellt den über­ra­gen­den Intel­lekt des Uni­ver­si­täts­pro­fes­sors und sein viel­fäl­ti­ges seel­sorg­li­ches und gesell­schaft­li­ches Wir­ken rich­ti­ger­wei­se her­aus, spricht um der Wahr­heit wil­len aber auch das fata­le Ver­säum­nis in des­sen Amts­füh­rung an. Hat­te der Bischof nicht auf Rat­ge­ber gehört oder den fal­schen ver­traut? Wir wis­sen es nicht.

Frü­her oder spä­ter wird die Wahr­heit ans Licht kom­men.

„Der Wahrheit verpflichtet“

Hw. Dr. Stein­wen­der zitiert in sei­nem Nach­ruf die Aus­sa­ge eines ehe­ma­li­gen Gen­dar­me­rie­kol­le­gen, der der Kir­che fern stand:

„Du, der Krenn, der taugt mir. Wenn ich den bei Dis­kus­sio­nen mit Jour­na­li­sten beob­ach­te, dann habe ich den Ein­druck, der ope­riert von einer höhe­ren War­te aus, dem kom­men sie nicht an“ (65).

Stein­wen­der, selbst ein Mann aka­de­mi­scher Bil­dung, stellt die die didak­ti­schen Fähig­kei­ten des Pro­fes­sors her­aus:

„Ein Jour­na­list, der bei Krenn als Stu­dent Vor­le­sun­gen gehört hat­te, erzähl­te mir ein­mal, dass Krenn als Pro­fes­sor in Regens­burg bei den Stu­den­ten unglaub­lich beliebt war. Ihm ging es bei Prü­fun­gen nicht dar­um, fest­zu­stel­len, ob jemand einen Stoff kennt, son­dern ob er denkt, ob der Stu­dent gelernt hat, zu den­ken“ (65).

Was dem Rezen­sen­ten von beson­de­rer Rele­vanz erscheint, ist der von Dechant Stein­wen­der gewür­dig­te Ein­satz des Bischofs für die Frei­heit:

„Oft hat man Krenn vor­ge­wor­fen, er pola­ri­sie­re. Sicher hat er mit scharf­sin­ni­gen Wort­mel­dun­gen welt­an­schau­li­che Geg­ner her­aus­ge­for­dert und har­mo­nie­be­dürf­ti­ge Mit­brü­der sowie zeit­gei­sti­ge Mit­läu­fer ver­är­gert. Aber er tat dies, weil er sen­si­bel war für die tota­li­tä­ren Züge der Mei­nungs­ma­che, es war ein Dienst an der Frei­heit und an der Wahr­heit“ (66).

„Tota­li­tä­re Züge der Mei­nungs­ma­che“ – sehr rich­tig.

„Ein Streiter Christi ist von uns gegangen“

Zum Abschluß sei P. Ilde­fons Fux zitiert, der in sei­nem Wir­ken selbst aller­hand inner­kirch­li­che Uner­freu­lich­kei­ten erle­ben muß­te:

„Dass die fort­ge­setz­te Rei­he an Ver­de­mü­ti­gun­gen und Ent­eh­run­gen auch eine robu­ste Kon­sti­tu­ti­on nicht unbe­rührt las­sen wür­de, muss­te Freund oder Feind, klar sein. ‚Eine Kam­pa­gne hat ihn kaputt gemacht‘, über­schrieb tref­fend Prof. DDr. Wolf­gang Wald­stein sei­ne Dar­stel­lung der Demis­si­on Krenns; zwei­fel­los hat­te die Erkran­kung des bis­he­ri­gen Diö­ze­sans durch die Ereig­nis­se des Jah­res 2004 neue Schub­kraft erhal­ten. Er hät­te sich für sein Zeug­nis der Treue und für sein mehr als 13jähriges Bemü­hen im Bis­tum St. Pöl­ten bei der Amts­über­ga­be am 28. Novem­ber 2004 wohl ein Mehr an Dank­sa­gung ver­dient als die blo­ße Nen­nung sei­nes Namens“ (72).

Resümee

Der Band sei allen emp­foh­len, die sich ein Bild über die dama­li­gen Vor­gän­ge um die Ernen­nung Bischof Krenns einer­seits und über Ein­schät­zun­gen sei­nes Ver­mächt­nis­ses ande­rer­seits machen wol­len. Beson­ders Inter­es­sier­te, die die dama­li­gen Ereig­nis­se nicht selbst mit­ver­folgt haben, soll­ten zu die­sem Band grei­fen.

Viel­leicht, hof­fent­lich, füh­len sich auch noch leben­de Akteu­re der dama­li­gen Ereig­nis­se auf­ge­ru­fen, ihre dama­li­ge Rol­le recht­zei­tig zu über­den­ken. Es wäre für die Kir­che Öster­reichs und für ihre eige­ne See­len­hy­gie­ne von gro­ßer Wich­tig­keit.

Alle poli­tisch Den­ken­den, ob katho­lisch oder nicht, soll­ten dar­über hin­aus beden­ken, daß der­ar­ti­ge Haß­kam­pa­gnen wie gegen Bischof Krenn für ein Gemein­we­sen mora­lisch zer­stö­re­risch sind. In Geor­ge Orwells 1984 sind es die Zwei-Minu­ten-Haß-Ein­schal­tun­gen auf dem all­ge­gen­wär­ti­gen Tele­schirm, die die Bevöl­ke­rung gegen einen mehr oder weni­ger ima­gi­nä­ren Feind eini­gen sol­len. Dabei wer­den die Men­schen aber immer mehr ent­menscht und die Gesell­schaft als gan­ze mora­lisch zer­setzt. Die Kam­pa­gne nützt daher nur den Mäch­ti­gen im Hin­ter­grund.

„Ver­fol­gung lei­den“ mag als lar­moy­an­ter Titel für eine Schrift ange­se­hen wer­den, die einer nach dem Titel­bild offen­sicht­lich kraft­vol­len und elo­quen­ten Per­sön­lich­keit gewid­met ist. Wie P. Fux aber rich­tig schreibt, haben die „Ver­de­mü­ti­gun­gen und Ent­eh­run­gen“ (man könn­te auch von Haßerup­tio­nen spre­chen) auch eine „robu­ste Per­son“ nicht unbe­rührt gelas­sen. Er zitiert den berühm­ten Juri­sten und Natur­rechts­phi­lo­so­phen Wolf­gang Wald­stein, der sag­te: „Eine Kam­pa­gne hat ihn kaputt gemacht“ (72). Wenn publi­zi­sti­sche Hecken­schüt­zen im Auf­trag mäch­ti­ger Krei­se einen unbe­que­men Bischof her­aus­schie­ßen kön­nen, dann kann jeder ande­re Mensch des öffent­li­chen Lebens eben­falls ver­nich­tet wer­den – ohne Argu­men­te, ohne fai­ren Pro­zeß, ohne Wahr­heit. Das aber formt eine freie Gesell­schaft in eine Orwell­sche Hor­ror­vi­si­on um. –

Herrn Rudolf Föder­mayr, ein in Glau­ben und Leben auf vie­len Gebie­ten bewähr­ter Mann, sei für die Her­aus­ga­be des Buches, das ihm nicht nur Lob ein­tra­gen wird, Dank und Aner­ken­nung aus­ge­spro­chen.

Ilde­fons Fux, …Ver­fol­gung lei­den… — Ein neu­er Weih­bi­schof für Wien, Erin­ne­rung an die Ernen­nung und Kon­se­kra­ti­on von Kurt Krenn, 1987; Eigen­ver­lag, Her­aus­ge­ber: Rudolf Föder­mayr; Ober­kap­pel 2017; 72 S.; Bestel­lun­gen über: Christ­li­cher Medi­en­ver­sand, Linz (hurnaus@aon.at +43(0)732788117), oder: Ver­lag St. Josef, Klein­hain (verlag@stjosef.at +43(0)2742360088).

*MMag. Wolf­ram Schrems, Theo­lo­ge, Phi­lo­soph, Kate­chist

Bild: st.josef.at/ORF/Youtube (Screen­shots)

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