Balduin Schwarz – ein katholischer Philosoph wieder zugänglich gemacht

Kreuzabnahme von Rogier van der Weyden, 1753, Detail
Kreuzabnahme von Rogier van der Weyden, 1435, Detail

Von Wolf­ram Schrems*

Im deut­schen Sprach­raum ist der katho­li­sche Phi­lo­soph Bal­du­in Schwarz (geb. 1902 in Han­no­ver, gest. 1993 in der Nähe von Salz­burg) ver­mut­lich nur einem hoch­spe­zia­li­sier­ten Leser­kreis bekannt. Der Lepan­to-Ver­lag mach­te Schwarz vor weni­gen Jah­ren einem grö­ße­ren Leser­kreis zugäng­lich.

Philosoph aus einer geistig fruchtbaren Denkschule

Bal­du­in Schwarz gehört zu der Schu­le der Rea­li­sti­schen Phä­no­me­no­lo­gie, die sich an der Wen­de vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert von der Kant­schen bzw. neu­kan­tia­ni­schen Erkennt­nis­zer­stö­rung ab- und der Rea­li­tät der Din­ge wie­der zuzu­wen­den vor­ge­nom­men hat­te.

„Zurück zu den Sachen selbst“, war ihr Mot­to. Dadurch wur­de die Phi­lo­so­phie von irrea­len Syste­men des 19. Jahr­hun­derts weg und zum Wirk­lich­keits­kon­takt, den die pla­to­nisch-ari­sto­te­li­sche und die katho­li­sche Phi­lo­so­phie gesucht und prak­ti­ziert hat­ten, zurück­ge­führt. Fol­ge­rich­tig fan­den etli­che Ver­tre­ter die­ser Rich­tung zum christ­li­chen Glau­ben.

Balduin Schwarz: Psychologie des Weinens Weinen
Bal­du­in Schwarz: Psy­cho­lo­gie des Wei­nens

Zu die­ser Denk­schu­le wer­den der frü­he Edmund Husserl, des­sen Assi­sten­tin, die spä­ter hei­lig­ge­spro­che­ne Edith Stein, Adolf Rei­nach, Max Sche­ler, Hed­wig Con­rad-Mar­ti­us, Diet­rich von Hil­de­brand, Josef Sei­fert, Fritz Wenisch u. a. gezählt.

Und eben Bal­du­in Schwarz.

Ihm wur­de im III. Reich die Lehr­erlaub­nis ent­zo­gen. Er emi­grier­te nach Frank­reich. Spä­ter ging er in die USA und lehr­te an der Ford­ham Uni­ver­si­ty. 1964 wur­de er an die neu­ge­grün­de­te Paris-Lodron-Uni­ver­si­tät Salz­burg beru­fen. Sein Sohn Ste­phen D. Schwarz (geb. 1932) ist eben­falls Phi­lo­soph. Er mach­te in einem säku­la­ren Umfeld Abtrei­bung und Lebens­schutz zum The­ma sei­nes Leh­rens und Publi­zie­rens (sie­he die Bespre­chung sei­nes Under­stan­ding Abor­ti­on auf die­ser Sei­te).

Ein Haupt­werk von Bal­du­in Schwarz ist die magi­stra­le Stu­die Der Irr­tum in der Phi­lo­so­phie (Habi­li­ta­ti­ons­schrift bei Peter Wust, 1934), an des­sen Neu­aus­ga­be (am Ran­de) mit­zu­wir­ken ich die Ehre hat­te. Wich­tig sind auch Wahr­heit, Irr­tum und Ver­ir­run­gen – Die sechs gro­ßen Kri­sen und Sie­ben Aus­fahr­ten der Abend­län­di­schen Phi­lo­so­phie und Ewi­ge Phi­lo­so­phie – Gesetz und Frei­heit in der Gei­stes­ge­schich­te.

Schwarz ist für die ori­gi­nel­le Trak­tie­rung zwei­er in der Uni­ver­si­täts­phi­lo­so­phie sei­ner Zeit weni­ger behan­del­ter The­men bekannt, näm­lich das Wei­nen und das Dan­ken.

Der Lepan­to-Ver­lag, eine noch jun­ge katho­li­sche Initia­ti­ve, brach­te die Inau­gu­ral­dis­ser­ta­ti­on von Schwarz Unter­su­chun­gen über die Psy­cho­lo­gie des Wei­nens (Mün­chen 1928) und den von Schwarz her­aus­ge­ge­be­nen Band Dank­bar­keit ist das Gedächt­nis des Her­zens neu auf den Markt.

Dazu in aller – bedau­er­li­chen – Kür­ze:

Das Weinen – eine spezifisch menschliche Handlung mit mehreren Bedeutungsgehalten

Schwarz ana­ly­siert in drei Kapi­teln (Das Wei­nen als Aus­druck, Das Wei­nen in phy­sio­lo­gisch-vita­ler Hin­sicht, Die see­li­sche Grund­hal­tung des Wei­nens) den Akt des Wei­nens und des­sen jeweils ver­schie­de­ne Aus­lö­ser und Umstän­de – damit auch die ver­schie­de­nen Bedeu­tungs­ge­hal­te des Wei­nens.

Dabei bleibt das Ver­hält­nis von Leib und See­le – in rea­li­sti­scher Demut gesagt – ein Geheim­nis:

„Wie die­se Urge­schie­den­heit [von Leib und See­le] über­wun­den wird, wie die See­le hier wie in ande­ren Hin­sich­ten im Lei­be wirk­sam sein kann, dürf­te unse­rer Ein­sicht auf immer ver­schlos­sen blei­ben“ (38).

Was die dem Wei­nen kor­re­spon­die­ren­den see­li­schen Ver­faßt­hei­ten betrifft:

Es gibt bspw. ein Wei­nen, das „einer wirk­li­chen Befrei­ung und Lösung der See­le“ (55) ent­spricht und ein sol­ches, das es nicht tut (Ver­här­tung, Ver­zweif­lung).

Die Ana­ly­se der see­li­schen Grund­hal­tung des Wei­nens und der Offen­heit für die gei­sti­ge Wirk­lich­keit führt zu fol­gen­der Ein­sicht:

„Im nor­ma­len See­len­le­ben tre­ten uns die Gegen­stän­de in einer gewis­sen Distanz gegen­über: sie kön­nen durch­aus inten­siv mit ihren Qua­li­tä­ten zu uns spre­chen und wir kön­nen sie auch voll ‚ernst neh­men‘, ohne daß die­se Distanz fort­fie­le. Über­all aber, wo ein Akt zum Wei­nen führt, liegt gleich­zei­tig eine Art der Sach­ver­haf­tung zugrun­de, in der die­se Distanz in eigen­ar­ti­ger, aus­ge­spro­che­ner Wei­se durch­bro­chen erscheint. (…) Ohne den Distanz­durch­bruch kann die Grund­hal­tung des Wei­nens, die ja eben in einem Kapi­tu­lie­ren vor der Über­macht, mit der die Sache auf mich ein­dringt, besteht, gar nicht ver­stan­den wer­den“ (66f).

Das heißt aber, daß „die Sache“, also Rea­li­tät wahr­ge­nom­men wird. Von daher zeigt sich, daß der Mensch eben offen für Wirk­lich­keit ist. Er kann die­se erken­nen und bleibt nicht in sich selbst gefan­gen. Das Wei­nen ist gera­de Aner­ken­nung einer objek­ti­ven, außer­halb des Ich bestehen­den, aber im Ich erkenn­ba­ren Wirk­lich­keit.

Im Gegen­satz zu schmerz­haf­ten Anläs­sen des Wei­nens ist bei „Mit­leid, (…) Rüh­rung und Ergrif­fen­heit, Andacht und Lie­be“ ein neu­er „Ein­wir­kungs­mo­dus“ gege­ben (68). Im Kon­takt mit hohen Wer­ten, ja mit dem Hei­li­gen selbst, liegt ein „frei­es sich-berüh­ren-Las­sen von der Inten­si­tät und Glut rei­ner Qua­li­tä­ten“ vor: „[Ich] wer­de direkt und mit einer zar­ten Inten­si­tät im Innern berührt, ohne ‚zer­ris­sen‘ zu wer­den“ (69).

Schwarz unter­schei­det sub­til und kri­tisch zwi­schen einem Ange­rührt­sein vom objek­tiv Wert­vol­len und dem sen­ti­men­ta­len Inten­die­ren ange­neh­mer Emp­fin­dun­gen, die eine Art von ver­werf­li­chem „Selbst­ge­nuß“ ist (71).

Schwarz kommt gegen Ende sei­ner Unter­su­chun­gen zur Fest­stel­lung, daß „der imma­nen­te Schöp­fungs­sinn des Men­schen in einer demü­tig lie­ben­den und ehr­fürch­tig gehor­sa­men Hin­ga­be an Gott und die gan­ze von ihm über­strahl­te Welt objek­ti­ver und abso­lu­ter Wer­te besteht“ (82).

Er schließt:

„In beson­de­rem Maße ist die letz­te Hin­ga­be des Men­schen an Gott, die sich im Wei­nen aus­drücken kann, von einer tie­fen Ein­sam­keit umschlos­sen“ (83).

Die­se Hin­ga­be ist nach den von Schwarz am Ende zitier­ten Wor­ten des hl. Augu­sti­nus im 2. Buch der Con­fes­sio­nes trost­voll und gebor­gen.

Ein Anhang the­ma­ti­siert natur­wis­sen­schaft­li­che Fra­gen.

In 89 Fuß­no­ten wer­den Lite­ra­tur­an­ga­ben zu spi­ri­tu­el­len, phi­lo­so­phi­schen und natur­wis­sen­schaft­li­chen Wer­ken gebo­ten.

Die phä­no­me­no­lo­gi­sche Dik­ti­on ist zwar gewöh­nungs­be­dürf­tig und erfor­dert Kon­zen­tra­ti­on und Ein­füh­lung. Aller­dings ent­spricht sie dem, was wir ohne­dies impli­zit wahr­neh­men, und hilft daher der expli­zi­ten Erschlie­ßung des Wahr­ge­nom­me­nen. Das macht phä­no­me­no­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen zwar anspruchs­voll aber auch anre­gend und befrei­end.

Das Werk erscheint in einer Zeit, in der eine gott­ge­ge­be­ne Natur des Men­schen sowie des­sen Wahr­heits­fä­hig­keit aggres­siv geleug­net wer­den, als wich­ti­ger Wider­spruch gegen Mate­ria­lis­mus und Rela­ti­vis­mus. Die mensch­li­che Gefühls­welt, sub­jek­tiv von jedem ein­zel­nen erlebt, besitzt ja über­in­di­vi­du­el­le, objek­ti­ve Bedeu­tung (die Igna­tia­ni­schen Exer­zi­ti­en beru­hen bei­spiels­wei­se auf der Ana­ly­se der inne­ren Regun­gen und Stim­mun­gen). Wer das nicht wahr­ha­ben will, führt sich und ande­re in die Irre. Die ende­mi­sche See­len­not unse­rer Tage zeigt genau die­ses Abge­schnit­ten­sein von der wah­ren Bedeu­tung des mensch­li­chen Gefühls­le­bens.

Damit zu dem zwei­ten Buch, das eben­falls ein typi­sches Defi­zit im See­len­le­ben unse­rer Zeit auf­zeigt und zu behe­ben mit­hel­fen kann:

 „Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens“ (Raymond Saint-Jean)

Die­ser schma­le und sehr schön gestal­te­te Band ent­hält Sen­ten­zen und län­ge­re Aus­füh­run­gen zum Dan­ken. Die­ses The­ma war Schwarz, wie oben gesagt, sehr wich­tig. Es ist – trotz tri­via­ler Kir­chen­lie­der der 80er Jah­re – nicht tri­vi­al, son­dern reicht tief in die Anthro­po­lo­gie hin­ein.

Balduin Schwarz: Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens
Bal­du­in Schwarz: Dank­bar­keit ist das Gedächt­nis des Her­zens

Bei tie­fe­rem Nach­den­ken – und Prak­ti­zie­ren – erschließt sich eine wesen­haf­te mensch­li­che Dimen­si­on, die in einem Zeit­al­ter drei­ster „For­de­run­gen“ und einer weit­ver­brei­te­ten Anspruchs­hal­tung wei­test­ge­hend ver­schüt­tet ist. Lei­der auch unter Chri­sten.

In sie­ben Kapi­teln, die ver­schie­de­ne Aspek­te der Dank­bar­keit the­ma­ti­sie­ren (Wahr­heit, Lie­be, Dank­schul­dig­keit gegen­über Gott) läßt Schwarz Dich­ter, Den­ker, Kir­chen­män­ner und Hei­li­ge mit wert­vol­len Gedan­ken zu Wort kom­men. Für unse­re depres­si­ve und oft ver­zwei­fel­te Zeit ist das Kapi­tel „Arz­nei“ gegen die Trau­rig­keit von beson­de­rer Rele­vanz.

Roma­no Guar­di­ni, Albert Schweit­zer und Diet­rich von Hil­de­brand kom­men beson­ders oft zu Wort. Auch ein Text des dama­li­gen Kar­di­nals Joseph Ratz­in­ger ist abge­druckt.

Dabei ist es nicht so, daß man alle zitier­ten Autoren und Quel­len unter jeder Rück­sicht gut fin­den müß­te oder dürf­te – gegen­über dem Tal­mud und dem Koran wer­den kla­rer­wei­se Vor­be­hal­te ange­zeigt sein. Aber das, was zum The­ma Dank­bar­keit zitiert ist, ist gut und beher­zi­gen­s­wert.

Wie immer geist­reich-iro­nisch ist bei­spiels­wei­se G. K. Che­ster­ton:

„Der eng­li­sche Maler Ros­set­ti macht irgend­wo die Bemer­kung, in Bit­ter­keit, aber als eine gro­ße Wahr­heit, es sei der schlimm­ste Augen­blick für einen Athe­isten, wenn er wirk­lich dank­bar ist und nie­man­den hat, dem er dan­ken könn­te“ (21).

Hein­rich Spa­e­mann, spät geweih­ter Prie­ster und Vater des gro­ßen Phi­lo­so­phen Robert Spa­e­mann, äußert einen tie­fen Gedan­ken:

„Dank nährt die Hoff­nung. Da er immer neu­es Gedächt­nis der Groß­ta­ten Got­tes ist, rich­tet er den Dan­ken­den aus auf die Ein­lö­sung aller Zusa­gen Got­tes. Dar­um ruht über dem Leben eines Dank­ba­ren ein geheim­nis­vol­ler Glanz, ein Licht der kom­men­den Welt, das auch ande­re zu Gott hin­zieht“ (52).

Eini­ge Apho­ris­men trug Schwarz selbst bei. Um ihm hier das Schluß­wort mit einer zen­tra­len Ein­sicht wah­rer Phi­lo­so­phie zu geben:

„Selbst in einem in Ein­sam­keit voll­zo­ge­nen Dan­ken ist der Mensch nicht mit sich allein. Im Dan­ken erweist sich, daß der Mensch ein Wesen ‚über sich hin­aus‘ ist“ (85).

Spe­zi­el­le Aner­ken­nung gebührt den Ver­ant­wort­li­chen für die schö­ne Gestal­tung des Ban­des. Hier ist eine biblio­phi­le und doch zeit­ge­nös­si­sche Aus­ga­be gelun­gen. Daher eig­net sich der Band als in jeder Hin­sicht wert­vol­les Geschenk. Bei man­chen wird er höchst­wahr­schein­lich zu ver­tief­tem Nach­den­ken über Grund, Wesen und Impli­ka­tio­nen der Dank­bar­keit füh­ren.

Resümee

Dank und Aner­ken­nung dem Lepan­to-Ver­lag, der sich um die Her­aus­ga­be der genann­ten Bän­de gro­ße Ver­dien­ste erwor­ben hat. Möge sie zur Ver­brei­tung des Schwarz­schen Den­kens bei­tra­gen.

Viel­leicht wird es dem Ver­lag auch mög­lich sein, in Rück­spra­che mit den Inha­bern der Rech­te alle ande­ren Wer­ke von Bal­du­in Schwarz kosten­gün­stig und leicht zugäng­lich neu her­aus­zu­brin­gen.

Bal­du­in Schwarz, Unter­su­chung zur Psy­cho­lo­gie des Wei­nens, mit einem Vor­wort von Fritz Wenisch, Lepan­to-Ver­lag, Rück­ers­dorf, o. J. (2014), 115 Sei­ten.

ders., Dank­bar­keit ist das Gedächt­nis des Her­zens, Lepan­to-Ver­lag (Serie Euda­e­mo­nia), Bonn, o. J. (2011), 105 S., vier Farb­ta­feln,

www.lepanto-verlag.de

*MMag. Wolf­ram Schrems, Theo­lo­ge, Phi­lo­soph, Kate­chist

Bild: Wikicommons/Kreuzabnahme von Rogier van der Wey­den, um 1435 (Detail)

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