HIERONYMUS, De viris illustribus – Berühmte Männer

Hieronymus bei seinen Studien (Domenico Ghirlandaio, Fresko, 1480, Florenz, Chiesa di Ognissanti)
Hieronymus bei seinen Studien (Domenico Ghirlandaio, Fresko, 1480, Florenz, Chiesa di Ognissanti)

Von Wolf­ram Schrems*

Was der Trie­rer Theo­lo­ge Micha­el Fied­ro­wicz mit sei­ner bereits auf die­ser Sei­te bespro­che­nen Ver­öf­fent­li­chung Päp­ste und Kir­chen­vä­ter, beab­sich­tig­te, soll hier auf­ge­grif­fen und wei­ter­ge­führt wer­den: alle Inter­es­sier­ten, Gläu­bi­ge und Suchen­de, mit dem weit­hin unbe­kann­ten Schatz der Leh­re der Kir­chen­vä­ter näher ver­traut zu machen.

Prof. Fied­ro­wicz und der Car­t­hu­sia­nus-Ver­lag lie­fern mit ihren wert­vol­len Publi­ka­tio­nen dazu die geeig­ne­ten Hilfs­mit­tel.

Wer­fen wir daher einen kur­zen Blick auf ein Werk, das sich mit dem genia­len Schöp­fer der Vul­ga­ta beschäf­tigt. Her­aus­ge­be­rin ist Clau­dia Bar­thold.

Der hl. Euse­bi­us Hie­ro­ny­mus (also ohne dem häu­fig bei­gestell­ten Sophro­ni­us, gebo­ren 347 in Stri­don, nach sei­nen Wor­ten „Grenz­ort zwi­schen Dal­ma­ti­en und Pan­no­ni­en“, nach dama­li­ger poli­ti­scher Ein­tei­lung Pro­vinz Dal­ma­tia, loziert ent­we­der in der Nähe von Lai­bach oder von Rije­ka, viel­leicht auch Štri­go­va, dt. Stridau, im kroa­ti­schen Zwi­schen­mur­land oder in der Nähe des heu­ti­gen Bos­ans­ko Gra­ho­vo in West­bos­ni­en, also nicht in Dal­ma­ti­en nach heu­ti­gem Sprach­ge­brauch, gestor­ben 30. Sep­tem­ber 420 in Beth­le­hem), Mönch, Prie­ster, Klo­ster­grün­der, einer der vier „gro­ßen“ latei­ni­schen Kir­chen­vä­ter, Kir­chen­leh­rer, ist der geschichts­mäch­ti­ge Über­set­zer bzw. Neu­über­set­zer der hl. Schrift in die latei­ni­sche Spra­che. Er ist auch Ver­fas­ser vie­ler exege­ti­scher, spi­ri­tu­el­ler und bio­gra­phi­scher Schrif­ten.

Das Buch: Leben und Werk berühmter Autoren

Die vor­lie­gen­de Aus­ga­be ent­hält den latei­ni­schen Text und eine deut­sche Über­set­zung der bio­bi­blio­gra­phi­schen Schrift De viris illu­stri­bus, „Über berühm­te Män­ner“, einem Kata­log von 135 Autoren mit kur­zen Anga­ben zu ihren Lebens­da­ten und ihrem Werk. Damit ahm­te Hie­ro­ny­mus eine lite­ra­ri­sche Gat­tung nach, die von Sue­ton und Cice­ro geprägt wor­den war. Eine sei­ner wich­tig­sten Quel­len ist die Kir­chen­ge­schich­te des Euse­bi­us von Cae­sarea (ca. 260–340).

Hieronymus: De viris illustribus, Carthusianus-Verlag
Hie­ro­ny­mus: De viris illu­stri­bus, Car­t­hu­sia­nus-Ver­lag

Anlaß der Schrift ist „der gei­stig-lite­ra­ri­sche, mit Argu­men­ta­ti­on und Rhe­to­rik geführ­te Angriff der paga­ni“ (35) „also der heid­ni­schen Pole­mi­ker Cel­sus (2. H. 2. Jhdt.), Por­phy­ri­us (ca. 233–305) und Kai­ser Juli­an Aposta­ta (330–363, Kai­ser ab 361)“, dem sich Hie­ro­ny­mus ent­ge­gen­stellt.

Dem Text sind eine umfas­sen­de Ein­lei­tung, der übli­che text­kri­ti­sche Appa­rat, ein detail­lier­ter Kom­men­tar und meh­re­re Ver­zeich­nis­se und Regi­ster bei­gege­ben. Die Lite­ra­tur­an­ga­ben umfas­sen etwa vier­hun­dert Titel.

Bril­lan­te Dar­stel­lun­gen bei­spiels­wei­se zur Rezep­ti­ons­ge­schich­te (etwa 18ff) zei­gen eine Wis­sen­schaft­le­rin, die sci­en­tiae und sapi­en­tiae und fidei glei­cher­ma­ßen ver­pflich­tet ist. Sie bie­tet sogar ein in latei­ni­scher Spra­che ver­faß­tes Vor­wort zum kri­ti­schen Appa­rat (151).

Die Ein­tra­gun­gen des hie­ro­ny­mia­ni­schen Kata­logs rei­chen vom Apo­stel­für­sten Petrus und dem Her­ren­bru­der Jako­bus über Poly­karp, Ire­nä­us und Hil­ari­us bis zu Hie­ro­ny­mus selbst. Was an die­sem Kata­log schon die Zeit­ge­nos­sen über­rascht hat: Hie­ro­ny­mus nahm in die­se Liste auch Autoren man­geln­der Recht­gläu­big­keit (Ter­tul­li­an, Orige­nes), den Häre­si­ar­chen Pho­ti­nus, die Juden Phi­lon und Jose­phus Fla­vi­us und den Hei­den Sene­ca auf.

Die über­wie­gen­de Mehr­zahl der dar­ge­stell­ten Autoren ist katho­lisch (beson­ders bekann­te sind etwa Cle­mens von Rom, Igna­ti­us von Antio­chi­en und Justin).

Was Hie­ro­ny­mus wie­der­um nicht dar­an hin­dert, auch gegen recht­gläu­bi­ge Zeit­ge­nos­sen, die ihm irgend­wie miß­fal­len, spit­ze Bemer­kun­gen zu machen. Es ist durch­aus para­dox: Hie­ro­ny­mus wird mit Ambro­si­us, Augu­sti­nus und Gre­gor dem Gro­ßen zu den vier „gro­ßen“ Latei­ni­schen Vätern gezählt, hat­te jedoch zu den bei­den erst­ge­nann­ten ein span­nungs­rei­ches Ver­hält­nis. Einen der vier „gro­ßen“ Öst­li­chen Väter, den hl. Johan­nes Chryso­sto­mus, immer­hin einer der bedeu­tend­sten Pre­di­ger der Kir­chen­ge­schich­te („Gold­mund“), bedenkt er mit einem unver­ständ­lich dür­ren Ein­trag.

Hier­an kann man erken­nen, daß auch Hei­li­ge an ihren je spe­zi­fi­schen Schwä­chen arbei­ten müs­sen. Bei Hie­ro­ny­mus war es ein Zug ins Cho­le­ri­sche. (Auch über den römi­schen Kle­rus dürf­te er nicht begei­stert gewe­sen sein, um das Min­de­ste zu sagen.)

Um nun zum hie­ro­ny­mia­ni­schen Text selbst zu kom­men:

Von den Aposteln …

So klin­gen dann die bio­gra­phi­schen Aus­füh­run­gen:

„1. Simon Petrus, Sohn des Johan­nes, aus dem Ort Bet­sai­da in der Pro­vinz Gali­läa, Bru­der des Apo­stels Andre­as und Ober­haupt der Apo­stel, übte das Bischofs­amt in der Kir­che von Antio­chia aus und ver­kün­de­te das Evan­ge­li­um der Dia­spo­ra derer, die in Pon­tus, Gala­ti­en, Kap­pa­do­zi­en, Asi­en und Bithy­ni­en von der Beschnei­dung zum Glau­ben gekom­men waren; dann begab er sich im zwei­ten Regie­rungs­jahr des Clau­di­us nach Rom, um Simon den Magi­er zu bezwin­gen, und dort hat­te er den Bischofs­stuhl 25 Jah­re inne (…). 3. Er schrieb zwei Brie­fe, die man als katho­li­sche bezeich­net; der  zwei­te von ihnen wird ihm auf­grund der sti­li­sti­schen Dis­kre­panz zum ersten von den mei­sten abge­spro­chen. 4. Aber auch das Evan­ge­li­um nach Mar­kus, der sein Hörer und Dol­met­scher war, wird ihm zuge­schrie­ben“ (161).

Buße des heiligen Hieronymus (Van Dyck, Öl auf Leinwand, 1618
Buße des hei­li­gen Hie­ro­ny­mus von Antho­nis van Dyck, 1618

Erwäh­nens­wert ist auch der Apo­stel­schü­ler und Athe­ner Bischof Qua­dra­tus (c. 19), der aus­sag­te, „er habe noch vie­le gese­hen, die zur Zeit des Herrn in Judäa mit Krank­hei­ten bela­stet waren und geheilt wur­den, und auch sol­che, die von den Toten auf­er­stan­den waren“ (185).

An sich ist eine sol­che Aus­sa­ge ja nicht über­ra­schend, da die in den Evan­ge­li­en berich­te­ten Ereig­nis­se kla­rer­wei­se histo­risch sind. Nach Jahr­zehn­ten der fälsch­lich so genann­ten „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ der Bibel und der Bestrei­tung der histo­ri­schen Zuver­läs­sig­keit der Evan­ge­li­en kom­men heu­te wahr­schein­lich die Wenig­sten auf die Idee, daß die von Jesus geheil­ten oder auf­er­weck­ten Men­schen ja noch bis Ende des 1. Jahr­hun­derts Zeug­nis von ihren Erleb­nis­sen geben konn­ten.

Bemer­kens­wert ist der Ein­trag zum alex­an­dri­ni­schen Juden Phi­lo (c. 11), „der von uns des­halb unter die Kir­chen­schrift­stel­ler ein­ge­reiht [wird], weil er ein Buch über die Urge­mein­de des Mar­kus in Alex­an­dria ver­fasst hat“ (175), sowie der Ein­trag zum eben­falls jüdi­schen Jose­phus Fla­vi­us (c. 13) und des­sen Chri­stus­zeug­nis. Bei­de Ein­trä­ge wer­den aber von der Wis­sen­schaft als nicht zuver­läs­sig gewer­tet  (179, 293).

… bis in seine eigene Zeit – aber nicht immer sine ira et studio

Hie­ro­ny­mus war, wie gesagt, kein gro­ßer Freund sei­nes Zeit­ge­nos­sen Ambro­si­us (c. 124):

„Ambro­si­us, Bischof von Mai­land, schreibt bis zum gegen­wär­ti­gen Tag; da er noch am Leben ist, will ich mich eines Urtei­les über ihn ent­hal­ten, damit man nicht im einen Fall Schmei­che­lei oder im ande­ren Fall mei­ne Wahr­haf­tig­keit bean­stan­de“ (257).

Nun­mehr jedoch freut sich Hie­ro­ny­mus, daß die wun­der­ba­ren Hym­nen des Ambro­si­us zum fixen Bestand­teil des Stun­den­ge­be­tes gehö­ren. In der Gegen­wart Got­tes gibt es kei­ne Anti­pa­thien mehr!

Am Schluß legt er sei­ne eige­nen Lebens­da­ten dar, zählt sei­ne Schrif­ten auf und schließt fol­gen­der­ma­ßen ab (c. 135):

„5. Das Neue Testa­ment habe ich nach dem grie­chi­schen Ori­gi­nal­text über­tra­gen, das Alte Testa­ment habe ich nach dem Hebräi­schen über­setzt; die Zahl der Brie­fe an Pau­la und Eusto­chi­um steht nicht sicher fest, da täg­lich neue ent­ste­hen. 6. Außer­dem habe ich geschrie­ben: (…) vie­le ande­re Schrif­ten über das Werk der Pro­phe­ten, die ich momen­tan in Hän­den habe und die noch nicht abge­schlos­sen sind“ (263).

Jeden­falls stellt er sein Licht nicht unter den Schef­fel. –

Lei­der sind eben nicht alle Ein­trä­ge in der Liste des Hie­ro­ny­mus was­ser­dicht. Gro­ßer wis­sen­schaft­li­cher Wert wird Hie­ro­ny­mus jedoch für die latei­ni­schen Autoren zuge­stan­den.

Resümee

Die Her­aus­ge­be­rin Clau­dia Bar­thold gehört zum Schü­ler­kreis bzw. zur „Mei­ster­klas­se“ von Micha­el Fied­ro­wicz. Die­sem wid­me­te sie den Band. Aus den Wid­mungs­wor­ten ist ableit­bar, daß sich der Mei­ster offen­bar nicht mit einer durch­schnitt­li­chen Arbeit zufrie­den­ge­ge­ben hat­te (vgl. Ex 5, 6). Deo gra­ti­as.

Clau­dia Bar­thold demon­striert mit die­sem Band, wie die wis­sen­schaft­li­che Edi­ti­on eines Kir­chen­va­ter­tex­tes (oder eines son­sti­gen bedeut­sa­men alten Tex­tes) aus­zu­se­hen hat. Inso­fern kann und soll jeder, der ein ver­gleich­ba­res Pro­jekt durch­füh­ren will, an die­ser Aus­ga­be Maß neh­men.

Statue des hl. Hieronymus neben der Geburtsbasilika in Bethlehem
Sta­tue des hl. Hie­ro­ny­mus neben der Geburts­ba­si­li­ka in Beth­le­hem

Der Band ist allen zu emp­feh­len, die bereit sind, sich tie­fer in die Pro­ble­me der Patri­stik ein­füh­ren zu las­sen. Für den ein­schlä­gig vor­ge­bil­de­ten Leser ist die Lek­tü­re des hie­ro­ny­mia­ni­schen Kata­logs und der Kom­men­ta­re von gro­ßem Inter­es­se. Er wird auf vie­le alte Bekann­te sto­ßen. Er wird aber auch zur Kennt­nis neh­men müs­sen, daß Hie­ro­ny­mus – Hei­lig­keit hin oder her – in die­sem Text nicht immer exakt arbei­te­te und nicht frei von per­sön­li­chen Ani­mo­si­tä­ten war, wie schon fest­ge­hal­ten.

Aber auch das ist die Rea­li­tät in der hei­li­gen Kir­che.

Wei­ters ist der Band beson­ders Stu­den­ten der Theo­lo­gie, der Geschich­te und der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft zu emp­feh­len, die ihre Kennt­nis­se auf eine brei­te­re Basis stel­len wol­len (oder sol­len). Schließ­lich ist Hie­ro­ny­mus ja ein wich­ti­ger Zeu­ge für die histo­ri­sche Zuver­läs­sig­keit der Bibel und der frü­hen Väter. Denn wenn die Leh­re Chri­sti und Sei­ner Kir­che nicht wahr gewe­sen hät­te sein sol­len, dann wäre zur Lebens­zeit des Hei­li­gen, immer­hin knapp 400 Jah­re nach den Ereig­nis­sen (d. h. Heil­s­er­eig­nis­sen), kei­ne Spur mehr davon zu fin­den gewe­sen.

Aber Jesus Chri­stus war noch immer in aller Mun­de, bei Katho­li­ken wie bei Häre­ti­kern, bei Juden und Hei­den, in Rom und in Beth­le­hem, am Bal­kan, in Arme­ni­en, Indi­en, Per­si­en und in vie­len ande­ren Gegen­den. Auch der Pro­fan­hi­sto­ri­ker muß das aner­ken­nen.

Dadurch wur­de auch das Alte Testa­ment über die Gren­zen Isra­els hin­aus bekannt. Hie­ro­ny­mus hat­te bekannt­lich die Hexa­pla des Orige­nes vor sich und somit einen offen­sicht­lich ver­läß­li­chen hebräi­schen Text (den wir nicht bzw. nur teil­wei­se besit­zen).

Alles das sind Impli­ka­tio­nen der Patri­stik.

Es lohnt sich also für Glau­ben­de und Suchen­de, in die Leh­ren der Kir­chen­vä­ter ein­zu­drin­gen. Sie sind das Para­dig­ma der Tra­di­ti­on. Ohne Begrün­dung der Theo­lo­gie in der Tra­di­ti­on kommt nur Unsinn her­aus – wie wir ja um uns her­um sehen.

Von daher ist Prof. Fied­ro­wicz, sei­ner Assi­sten­tin Clau­dia Bar­thold und dem Ver­le­ger Peter Bar­thold Dank dafür aus­zu­spre­chen, daß sie die Ver­brei­tung der Kir­chen­vä­ter im deut­schen Sprach­raum auf exzel­len­te Wei­se för­dern.

Hie­ro­ny­mus, De viris illu­stri­bus – Berühm­te Män­ner, mit umfas­sen­der Werk­stu­die her­aus­ge­ge­ben, über­setzt und kom­men­tiert von Clau­dia Bar­thold, Car­t­hu­sia­nus-Ver­lag, Mühl­heim an der Mosel, 2. ver­bes­ser­te Auf­la­ge 2011 (unver­än­der­ter Nach­druck 2013), 432 S. www.carthusianus.de (Der Ver­lag ist mitt­ler­wei­le nach Foh­ren-Lin­den über­sie­delt).

*MMag. Wolf­ram Schrems, Linz und Wien, katho­li­scher Theo­lo­ge, Phi­lo­soph, Kate­chist, beson­de­res Inter­es­se an den Kir­chen­vä­tern

Bild: Wiki­com­mons

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