Franziskus, Revolutionär: „Die Kollegialität bin ich.“

Papst Franziskus
Papst Fran­zis­kus

Der Rechts­hi­sto­ri­ker Franz Nor­bert Otter­beck befaßt sich im nach­fol­gen­den Auf­satz mit Aspek­ten von Kon­ti­nui­tät und Bruch zwi­schen Bene­dikt XVI. und Papst Fran­zis­kus, mit der Fra­ge der Kol­le­gia­li­tät unter dem amtie­ren­den Kir­chen­ober­haupt und den Wei­chen­stel­lun­gen von Paul VI. weit über sei­nen Tod hin­aus. Die Zwi­schen­ti­tel wur­den von der Redak­ti­on eingefügt.

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Gast­bei­trag von Franz Nor­bert Otterbeck*

Im Sep­tem­ber 2013 gab der Ver­fas­ser sei­ne Hoff­nung zum Aus­druck, dass die bei­den Päp­ste, die das 21. Jahr­hun­dert bis­lang her­vor­ge­bracht hat, ins­ge­samt ein gemein­sa­mes Werk voll­enden wer­den. (Ver­öf­fent­licht in THEOLOGISCHES, Jg. 2013, Sp. 547–558.) Papst Bene­dikt als Plan­ver­fas­ser sozu­sa­gen, Fran­zis­kus als sein Voll­ender. Das wird im welt­wei­ten Maß­stab viel­leicht der­einst so gese­hen wer­den. Aber auf dem Peters­platz hin­ge­gen erklingt „Papa Fran­ces­co“ nur sel­ten zur Melo­die von „Bene­det­to“, zum Bei­spiel wenn deut­sche Mini­stran­tin­nen da sind (und eini­ge Mini­stran­ten), so am 5. August 2014, zu „Maria Schnee“ sozusagen.

Im Sep­tem­ber 2013 war aller­dings zunächst die mas­si­ve Medi­en­wel­le abzu­weh­ren, die beson­ders „im deutsch­spra­chi­gen Raum“ den Argen­ti­ni­er gegen den Deut­schen aus­spiel­te. Schon 2014 kam bei BILD aber nie­mand mehr auf die Idee, eine Schlag­zei­le zu brin­gen wie: Ihr seid zwar Papst – wir aber Welt­mei­ster. Statt­des­sen viel fal­scher Humor um „Göt­ze“, den Tor­schüt­zen, und „Erlö­sung“. Die „Erlö­sung“ fiel übri­gens in der 113. Minu­te. Hat also doch der hei­li­ge Kai­ser Hein­rich den Ball über die Linie gescho­ben, „von oben“? Der 13. Juli ist seit 1970 sein Festtag.

Viel Götzendienerei bei medialer Aufwertung Unseres Heiligen Vaters gegenüber berühmtem Vorgänger

Sehr viel Göt­zen­die­ne­rei spielt mit bei der immer noch betrie­be­nen media­len Auf­wer­tung Unse­res Hei­li­gen Vaters gegen­über sei­nem berühm­ten Vor­gän­ger. Das hier ange­mes­sen gewür­dig­te Buch über Papst Fran­zis­kus (THEOLOGISCHES, Jg. 2013, Sp. 297–302.) von 2013 hat der Ex-BILD-Repor­ter Andre­as Eng­lisch jüngst in erwei­ter­ter Fas­sung neu her­aus­ge­ge­ben. Im Unter­ti­tel wird die von ihm bereits am 20. März 2013 aus­ge­ru­fe­ne „Revo­lu­ti­on“ jetzt zemen­tiert. Die Chan­ce einer erwei­ter­ten Fas­sung hin­ge­gen hat er ver­passt, wie zu erwar­ten war. Von den ihm ange­krei­de­ten sach­li­chen Feh­lern wur­den nur sechs berich­tigt (auf den nun­meh­ri­gen Sei­ten: 12 f., 54, 64, 68, 136, 143, 173; die Erwäh­nung Pius XI. fehlt auf S. 184 immer noch). Auf Sei­te 366 macht er von sei­ner her­aus­ra­gen­den Inkom­pe­tenz wie­der pein­lich Gebrauch: Er ernennt Jako­bus den Älte­ren („Sant­ia­go“) zum Bru­der Jesu und liest in den Text des NT eine Art jesua­ni­sche kol­lek­ti­ve Füh­rung der Gemein­de hin­ein, die angeb­lich jetzt Papst Fran­zis­kus für sei­ne Kir­che nach luthe­ri­schem Vor­bild (S. 367 f.) auf­grei­fen wird. Pustekuchen.

„Pastorale Linke“ deutscher Nation rüstet auf

Viel­leicht soll­te der Ver­fas­ser das Ende der Außer­or­dent­li­chen Bischofs­syn­ode 2014 noch abwar­ten, aber ich lege mich jetzt schon fest: Zöli­bat bleibt, Frau­en­or­di­na­ti­on ist kein The­ma und in der angeb­lich so bren­nen­den Fra­ge, „hier“ mehr eine kir­chen­steu­er­po­li­ti­sche Fra­ge (i.e. Eli­mi­nie­rung von Aus­tritts­grün­den) der soge­nann­ten „Wie­der­ver­hei­ra­te­ten“ wird es zwar theo­lo­gi­sche Signa­le geben, aber kein Zugang zu den Sakra­men­ten beschlos­sen wer­den. Wenn es anders kommt, muss ich die­sem Text noch eine Fuß­no­te bei­fü­gen. (Die­ser Text stammt im über­ar­bei­te­ten Ent­wurf vom 16. Okto­ber 2014. Es bestand hier aller­dings kein Anlass zur Kor­rek­tur.) Aller­dings wird das The­ma ja sowie­so erst 2015 zu Ende erör­tert. Die mit­un­ter beun­ru­hi­gen­den Signa­le mit­ten aus der lau­fen­den Syn­ode las­sen also noch kein End­ur­teil zu. Die „pasto­ra­le Lin­ke“ deut­scher Nati­on rüstet aber auf. Da sie aber kein wirk­li­ches Echo mehr fin­den wird, genera­ti­ons­be­dingt, wird sich die­ser vom media­len „Franz-Image“ ange­feu­er­te Kraft­akt schon sehr bald abschwä­chen. Dann aber ste­hen wir vor einer bei­spiel­lo­sen katho­li­schen Trüm­mer­land­schaft in Deutsch­land; und der ähn­lich gela­ger­ten Umge­bung, wie es sie min­de­stens seit 1945 nicht mehr gab. Denn die­sel­ben Kräf­te, die „Franz“, den demo­kra­ti­schen Kai­ser sozu­sa­gen, auf ihre Alt-68er-Ban­ner malen, haben bereits nichts unver­sucht gelas­sen, um die zar­ten, jun­gen Pflänz­chen, die in der Ära Bene­det­to nun­mal, gegen alle Hoff­nung, spros­sen, jäh aus­zu­rei­ßen. Lud­wig Ring-Eifel von der KNA, ein Kür­zel für bezahl­te „Arbeits­lo­sig­keit“, beeil­te sich 2013 mit sei­ner Scha­den­freu­de auf katholisch.de (einem von vie­len bischöf­li­chen Mil­lio­nen-Grä­bern) zu bekun­den, dass von der „Genera­ti­on Bene­dikt“ nichts blei­ben wird.

Man wird sehen, ob Kar­di­nal Woel­ki, zwei­fel­los momen­tan der beste Mann im Epi­sko­pat deut­scher Zun­ge, in Köln noch etwas muti­ger auf­tre­ten wird als in Groß-Ber­lin erlebt, der Metro­po­le der Hei­den­angst. Es gibt ja auch am Rhein noch ande­re „Zei­chen der Zeit“. Der mit sich selbst beschäf­tig­te Beschäf­ti­gungs­sek­tor „anti­rö­misch“ katho­li­scher Pro­ve­ni­enz hier­zu­lan­de weiß die­sen nur nichts mehr ent­ge­gen­zu­stel­len. Man den­ke nur an den trau­ri­gen Zustand der Bon­ner Fakul­tät, an der Joseph Ratz­in­ger zum Kon­zils­be­ra­ter aufblühte.

Kardinal Brandmüller: Kirchen müssten voll sein, falls Begeisterung für Papst mehr als nur oberflächlich

Unser The­ma ist aber immer noch „Papst Franz“ und die Deut­schen bzw. Joseph Ratz­in­ger und die Deut­schen. Kar­di­nal Brand­mül­ler hat jüngst zu Recht ange­merkt, dass die Kir­chen voll sein müss­ten, falls die Begei­ste­rung für den Hei­li­gen Vater mehr als nur ober­fläch­lich wäre. (Kath.net am 26. August 2014.)

Die Anstren­gun­gen, die der Papst unter­nimmt, ver­fol­gen das­sel­be Ziel, das Bene­dikt XVI. ins Auge gefasst hat­te: Die Kir­che „fit“ machen, wahr­nehm­bar im 21. Jahr­hun­dert, damit die­ses die Men­schen zu Gott heim­führt, anstatt in den Abgrund. Fran­zis­kus zieht, gut igna­tia­nisch, die Kon­tu­ren schär­fer. Ent­we­der-Oder. Jesus oder Satan. Das wird nörd­lich der Alpen sen­sa­tio­nell ein­mü­tig igno­riert. Hier kommt nur an, dass der Papst angeb­lich in Kür­ze alles das abschaf­fen wird, was den post­mo­der­nen Men­schen von heu­te ein Dorn im „Was­ser­bett“ ihres „Lebens­stils“ zu sein scheint. Der Dorn sitzt aber woan­ders; und wer den her­aus­zieht, der ver­nich­tet dann die Behag­lich­keit. Aus­ge­rech­net den Islam im deut­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt – eigent­lich: Staats­bür­ger­kun­de – schön­zu­fär­ben, als sei Allah der­sel­be gute Vater im Him­mel (kei­nes­wegs!), das hat doch kei­nes­wegs zu ver­hin­dern ver­mocht, dass auch deut­sche „Kon­ver­ti­ten“ jetzt Krieg füh­ren, für den isla­mi­schen Staat.

Kleinkariert gestrickte Muster von DBK und ZdK

Es ist rich­tig, dass Papst Fran­zis­kus die „Ver­än­de­rung“ der Kir­che nicht scheut. Aber sie soll sich Chri­stus nähern, und nicht von ihm weg­trei­ben. Das woll­te auch unser Papst Bene­dikt. Star­ke Kräf­te hier­zu­lan­de kön­nen „Ver­än­de­rung“ nur als Anpas­sung des römi­schen „Mon­strums“ an die doch recht klein­ka­riert gestrick­ten Muster von DBK und ZdK (also Cduc­su mit eini­gen rot­grü­nen Ein­spreng­seln) auf­fas­sen. Eine in die­se Rich­tung zie­len­de „Ver­än­de­rung“ ist aber im Welt­maß­stab nicht finan­zier­bar. Das „kirch­li­che Leben“ hier ist, ohne Total­sub­ven­ti­on, kaum mehr vital, wenn­gleich noch ca. 5‑fach vita­ler als die EKD, die mit­hin noch etwa fünf­fach drei­ster über­fi­nan­ziert ist. So „geht“ Kir­che welt­weit nicht. Welt­weit „geht“ Kir­che nur noch als: Geh-hin-Kir­che, also der „Kirch­gang“ der Kir­che zu den Men­schen. Das ist zwar „im Reich“ (Dtld./Österreich/Schweiz) auch ein popu­lä­res Pro­gramm, aber nur, um es immer wie­der in den inter­nen „Dienst“-Besprechungen zu the­ma­ti­sie­ren. Wie „weit weg“ Rom doch von „den Men­schen“ ist! Meint man: „Pil­le“ ab 13 auch in der Ursu­li­nen­schu­le? Und Kon­do­me, ver­teilt vom stän­di­gen Dia­kon? Stän­dig? Aber man sagt: „weit weg“. Papst Fran­zis­kus meint mit einer Kir­che, die hin­aus­geht, zu den Rän­dern, nun aber ech­te Men­schen, die wirk­lich zu Men­schen gehen, eine Kul­tur der Begeg­nung; und kei­ne pasto­ra­le Dienst­be­spre­chun­gen in noblen Her­ren­häu­sern, mit stän­dig fri­schem Kaf­fee und ein­zeln ver­pack­ten Kek­sen dazu. Papst Fran­zis­kus wird nie­mals „die Pil­le“ emp­feh­len, rühm­te er doch den Hl. Johan­nes Paul II. als den „Papst der Fami­lie“. Papst Fran­zis­kus wird beim Welt­fa­mi­li­en­tref­fen in Phil­adel­phia im Sep­tem­ber 2015 auch kei­ne Kon­do­me aus dem Heli­ko­pter reg­nen las­sen. Stat crux dum volvi­tur orbis.

Aus dem „Revolutionär“ Franziskus wird kein katholischer Luther. Gott sei Dank

Theo­lo­gisch ist Ber­go­glio SJ nach wie vor ein „har­ter Bre­cher“. Er hat die Dog­ma­tik ent­lang der tra­di­tio­nel­len Lite­ra­tur gelernt; und ihm wird gewiss kein Lobes­wort über Teil­hard de Char­din oder Karl Rah­ner über die Lip­pen kom­men, wie­wohl bei­de Jesui­ten sind; und er sel­ber längst sogar dem Ordens­ge­ne­ral Pedro Arru­pe aus dem Bas­ken­land ver­zie­hen hat. Der­sel­be war anschei­nend aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den über­zeugt, den kasti­li­schen Katho­li­zis­mus à  la Fran­cis­co Fran­co welt­weit bekämp­fen zu müs­sen, weil er mit „Glau­be UND Gerech­tig­keit“ durch­aus ein fran­zis­ka­ni­sches Ide­al mit in die igna­tia­ni­sche Visi­on hin­ein­ge­bracht hat. Mag Andre­as Eng­lisch schon zu Leb­zei­ten im Gra­be rotie­ren: Aus dem „Revo­lu­tio­när“ Fran­zis­kus wird kein katho­li­scher Luther. Gott sei Dank.

Inner­halb des Pro­te­stan­tis­mus zielt Papst Fran­zis­kus übri­gens auf die Evan­ge­li­ka­len und sogar auf die Pfingst­ler. „Wo der Geist sich regt …“ hieß es in einem NGL (Neu­en Geist­li­chen Leid) der 70er Jah­re. Man mein­te damit sogar in Mün­ster um 1970 eher Che Gue­va­ra als ame­ri­ka­ni­sche Bap­ti­sten­pre­di­ger. Aus „neu­er“ römi­scher War­te ist der Hei­li­ge Geist aber anschei­nend eher bei bibel­treu­en Chri­sten zu ver­mu­ten als am Kon­fe­renz­tisch der Bon­ner Theo­lo­gen­fa­kul­tä­ten, die öku­me­nisch ver­eint längst der Selbst­ver­nich­tung ent­ge­gen­ei­len. „Denn sie logen, dass sich die Bal­ken bogen.“ (Man den­ke dabei nur an Hel­mut Merklein/Erich Grä­ßer und die ver­such­te Annul­lie­rung des Geburts­orts Jesu.)

Man wird mit der War­nung aber nicht gehört, dass Papst Fran­zis­kus „deutsch­na­tio­na­le“ Wün­sche nicht erfül­len wird. Wenn sich die „pasto­ra­le Lin­ke“ (zu der auch bun­te poli­ti­sche ‚Koli­bri‘ gehö­ren, von der kon­ser­va­tiv-libe­ra­len Rich­tung) in Kür­ze von ihrem „Schein­rie­sen“ abwen­den wird, man wird sagen, dass er immer klei­ner wur­de, je näher man ihm kam, dann ist guter Rat teu­er: Denn wo alle Zei­chen des Pap­stes Fran­zis­kus immer „gegen Ratz­in­ger“ gele­sen wur­den, da wer­den dann aus man­chen Ratz­in­ger­freun­den auch dann kei­ne „Fran­zis­ka­ner“ mehr, wenn die Nähe bei­der Päp­ste zuein­an­der für die All­ge­mein­heit sicht­ba­rer wer­den wird. Wird die­se aber sicht­ba­rer? Oder haben wir es in eini­gen wesent­li­chen Punk­ten doch mit dem „Anti-Ratz­in­ger“ zu tun?

Notwendige „Außenansicht“ der Kirche

In der „Zei­chen­set­zung“ ist der Jesu­it nun­mal par­kett­si­cher. Denn tat­säch­lich betrach­tet er die Kir­che wie einer „von drau­ßen“. Das ist aber nicht revo­lu­tio­när, son­dern mis­sio­na­risch. Kein Hans Küng und kei­ne Mar­got Käß­mann ver­moch­ten sich je von der „Innen­an­sicht“ zu lösen. Sol­che Theo­lo­gen behaup­ten, was die Welt von der Kir­che braucht. Aber sie wis­sen es nicht. Lei­der hat sich nicht erst in den Jah­ren unter Papst Bene­dikt gezeigt, dass die Curia roma­na, wenn­gleich weit bes­ser als ihr Ruf, das Schiff­lein Petri lei­der nicht „zen­tral“ in die „römi­sche“ Rich­tung zu steu­ern ver­mag. Hier kann der Blick von außen – wenn ihm Taten fol­gen – durch­aus heil­sam sein. Joseph Ratz­in­ger wag­te sich an eine Kuri­en­re­form nicht her­an, wie­wohl schon vie­le sie anmahn­ten. Die Kurie hät­te dann wohl noch ent­schlos­se­ner gegen den (dort eben nicht so gut ver­netz­ten) ehe­ma­li­gen Gar-nicht-Pan­zer-Kar­di­nal gear­bei­tet als sowie­so schon. Ich den­ke, dass Unser Papst Bene­dikt mit den Auf­räum­ar­bei­ten wie auch mit der Außen­wir­kung sei­nes Nach­fol­gers herz­lich ein­ver­stan­den ist. Sei­ne gele­gent­li­chen Äuße­run­gen aus letz­ter Zeit las­sen kei­ne ande­re Deu­tung zu. Ein Nadel­stich könn­te hin­ge­gen sein, dass anschei­nend seit 29. VI. 2014 die von BXVI bevor­zug­ten roten Kreu­ze auf dem Pal­li­um wie­der durch die tra­di­tio­nell schwar­zen Kreu­ze ersetzt sind. Damit ist zwar eigent­lich eine miss­glück­te „Pal­li­en-Reform“ von Pie­ro Mari­ni 2005 geschei­tert, die schon 2008 kor­ri­giert wur­de. Mir aber hat es gefal­len, dass die roten Kreu­ze den „deut­schen“ Papst unver­wech­sel­bar mach­ten, gegen­über dem schwar­zen Kreuz des deut­schen Ordens, das heu­te noch die Bun­des­wehr zeigt.

Vitalisierter und radikalisierter Montinianismo

Aber ver­lie­ren wir uns nicht in Details. Es geht ums Gan­ze. Und das ist nicht unge­fähr­det. In der Per­spek­ti­ve ins­ge­samt sind sich alle Päp­ste seit Paul VI. nah; und sogar Johan­nes XXIII. war schon in gewis­sem Sin­ne „Mon­ti­nia­ner“, da er „G.B.M.“ den Weg frei mach­te. Aber noch kei­ner zuvor hat den mon­ti­nia­nis­mo der­art vita­li­siert und radi­ka­li­siert wie G.M.B. (Ber­go­glio) es tut. Der Kon­zils­papst hat die Drei­fach­kro­ne nie­der­ge­legt, sein Nach­fol­ger schaff­te die Krö­nung ab, Joseph Ratz­in­ger ent­zog dem Papst­wap­pen die mon­ar­chi­sche Spit­ze; und mit sei­nem Rück­tritt gewis­ser­ma­ßen der Kir­che den mon­ar­chi­schen Kult. Ber­go­glio ver­nich­tet jetzt nahe­zu alles, was noch an einen Cäsar­o­pa­pis­mus unter päpst­li­cher „Feru­la“ erin­nern moch­te. Dazu gehört aller­dings die „alte Mes­se“ nicht. Nahm die­se Bewe­gung ihren Anfang bereits in Bre­scia, beim „Citta­di­no“, der Zei­tung von Papst­va­ter Gior­gio Mon­ti­ni, dem enga­gier­ten Christ­de­mo­kra­ten? Mag sein. Angeb­lich hat schon Pius X. anläss­lich einer Audi­enz für den Abge­ord­ne­ten Mon­ti­ni und sei­ne Fami­lie dem klei­nen Johann Bapist aus den gal­lo­ro­ma­ni­schen Ber­gen den Pon­ti­fi­kat pro­phe­zeit (so meint Bischof John Magee). Ahn­te der hei­li­ge Papst der Vor­kriegs­zeit, dass der im Okto­ber 2014 Selig­ge­spro­che­ne jedem ‚Cat­to­fa­scis­mo‘ alle Zukunfts­chan­cen abschnei­den wird? Damals gab es den „Faschis­mus“ noch nicht, aber die War­nung des Hei­li­gen Vaters vor dem „Sil­lon“ (einer Ver­men­gung von Reli­gi­on und Poli­tik) war durch­aus schon „anti­fa­schi­stisch“, eben­so aber die Akti­on Pius XI. gegen die Action fran­çai­se sowie auch die Annä­he­rung des Nun­ti­us Ron­cal­li (poli­tisch „rechts“ ste­hend!) an die IV. Repu­blik in Paris.

Der Erfolg der Pon­ti­fi­ka­te Bene­det­to-Fran­ces­co wird sich wie­der auf fran­zö­si­schem, spa­ni­schem und ita­lie­ni­schem Boden ent­schei­den, aber nicht in Alt­öt­ting, Keve­la­er, Werl oder dem inzwi­schen ver­ges­se­nen Wit­ten­berg, das kein Pil­ger­ort ist. Viel­leicht liegt der Schlüs­sel auch in USA, wo der Papst im näch­sten Jahr ein Tor auf­sto­ßen könn­te, zugun­sten der Armen welt­weit und dort vor Ort.

Bergoglio war in seiner Jugend kein Christdemokrat, sondern eher Peronist

Ber­go­glio war in sei­ner Jugend kein Christ­de­mo­krat, son­dern eher Pero­nist. In Argen­ti­ni­en ist die Nati­on aber jeden­falls nur als eine Repu­blik denk­bar, wenn auch das Ide­al zu oft durch Dik­ta­tu­ren emp­find­lich lädiert wur­de. Ber­go­glio fehlt der Kul­tur­schock von „1968“. Daher ist es ihm leich­ter mög­lich, das Kon­zil unver­fälscht zu lesen und zu fast 100% unter „Fort­schritt“ zu buchen, geist­lich ver­stan­den. Theo­lo­gisch sind ihm „Fort­schrit­te“ fast egal. Da ist nur Fort­schritt, was dazu dient, Jesus zu den Men­schen zu brin­gen; und die Zivi­li­sa­ti­on zu ihm, dem Herrn aller Welt. Aus lau­ter Abnei­gung gegen Spitz­fin­dig­keit und intel­lek­tu­el­le Spie­gel­fech­te­rei­en spricht Fran­zis­kus mit­un­ter durch­aus unscharf und zitiert feh­ler­haft. ((Von der Schön­statt-Bewe­gung wur­de am 25.10.2014 wie­der ‚Eccle­sia sem­per refor­man­da‘ einem latei­ni­schen Kir­chen­va­ter zuge­ord­net. Die­ses ‚bon­mot‘, das durch­aus auf das uralte Rin­gen der Kir­che um ihre chri­stus­ge­mä­ße Form bezo­gen wer­den kann, stammt aber m.E. aus dem nie­der­län­di­schen Cal­vi­nis­mus.)) Wo ein Kir­chen­va­ter ein­mal gesagt haben soll, der Hei­li­ge Geist sei sel­ber Har­mo­nie (ipse har­mo­nia est) war bis­lang unauf­find­bar. In Evan­ge­lii gau­di­um muss­te dann eine Stel­le bei Tho­mas von Aquin für die­ses Zitat her­hal­ten. (Evan­ge­lii gau­di­um, Nr. 117, Fn. 93.) Viel­leicht hat das irgend­ein Grie­che gesagt, aber für den Jesui­ten galt bereits: Grae­ca non legun­tur?

Paul VI. hat Weichen bis weit ins 21. und vielleicht noch 22. Jahrhundert gestellt

Abge­räumt wird aber nicht, was die Kir­che aus­zeich­net, vor allem nicht ihre Hier­ar­chie, wie die ersten Per­so­nal­ent­schei­dun­gen zei­gen, abge­räumt wird das, was Auf­trag und Sen­dung der Kir­che „von außen betrach­tet“ ent­ge­gen­ar­bei­tet. Das ist mon­ti­nia­nis­mo pur. Etli­che Leser wer­den sich genau dar­über ärgern, ver­fol­gen also unter dem Namen Fran­zis­kus immer noch den ver­meint­li­chen „Ham­let“ der Kir­che im 20. Jahr­hun­dert, der aber in Wahr­heit so zügig zu Ent­schei­dun­gen kam wie kei­ner seit Pius X. Die „dis­sen­ters“ links wie rechts wer­den sich damit anfreun­den müs­sen, dass Pao­lo VI bis weit hin­ein ins 21. und viel­leicht noch 22. Jahr­hun­dert die Wei­chen gestellt hat. Lef­eb­v­re nann­te das Selbst­zer­stö­rung. Aber man wird sehen. Der­zeit ist noch davon aus­zu­ge­hen, dass Chri­stus sel­ber im Hei­li­gen Geist durch die beru­fe­nen Amts­trä­ger sei­ne Kir­che anlei­tet und zu neu­en Ufern führt. Das kann auch Über­ra­schun­gen bereithalten.

Über­ra­schun­gen? Mari­en­ver­eh­rer for­dern seit lan­gem ein wei­te­res maria­ni­sches Dog­ma, etwas demon­stra­tiv. Das kann durch­aus kom­men. Die Chan­cen dafür ste­hen unter Papst Fran­zis­kus deut­lich gün­sti­ger als es unter Papst Bene­dikt mög­lich war, weil Ber­go­glio im Zwei­fel nicht zögert, von sei­nem Amt auch Gebrauch zu machen. Die Fra­ge aller­dings ist offen, ob er an Defi­ni­tio­nen inter­es­siert ist. In sei­ner petri­ni­schen Amts­pra­xis wird sich Papst Fran­zis­kus aber mehr und mehr als der Papst der „Media­trix“ erwei­sen, ganz erge­ben der Mitt­le­rin aller Gna­den. Kann eine Defi­ni­ti­on nüt­zen, wenn die Welt in Flam­men steht? Kann ein Dog­ma als „Feu­er­wehr“ die­nen? Das ist 1950 fehl­ge­schla­gen. Als Pius XII. für sich Unfehl­bar­keit in Anspruch nahm, mit Recht, da bekam so man­che hie­si­ge Theo­lo­gen­fa­kul­tät das Unver­ständ­nis der Welt drau­ßen zu spü­ren, im Hei­li­gen Jahr. Nur 25 Jah­re spä­ter, also nach kür­ze­rer Zeit als allein Johan­nes Paul II. im Amt war, war die Kir­che 1975 kaum noch als die zu erken­nen, der – zu Leb­zei­ten ruhm­reich – Pius XII. vor­stand. Wie das? Die Fra­ge ist noch unbe­ant­wor­tet. Vom Dog­ma der Assump­ta ist in der heu­ti­gen Pasto­ral, soweit mir bekannt, nicht ein­mal Fein­staub übrig­ge­blie­ben. „Das ist nicht wich­tig“, bekommt der vor­wit­zi­ge Schü­ler zu hören, der fragt, was es für uns bedeu­tet, dass Maria mit Leib und See­le in den Him­mel auf­ge­nom­men ist. Dabei hängt doch (auch) dar­an das gan­ze Gesetz samt den Pro­phe­ten, also der Ernst­fall der Lie­be des himm­li­schen Vaters zu sei­ner Schöpfung.

In Jeru­sa­lem sag­te der Papst sinn­ge­mäß (25. Mai 2014: „E quan­do la dis­unio­ne ci fa pes­si­mi­sti, poco corag­gio­si, sfi­du­cia­ti, andia­mo tut­ti sot­to il man­to del­la San­ta Madre di Dio. Quan­do nel­l’­ani­ma cri­stia­na ci sono tur­bo­len­ze spi­ri­tua­li, sol­tan­to sot­to il man­to del­la San­ta Madre di Dio tro­ver­emo pace. Che Lei ci aiuti in que­sto cammi­no.“) , dass wir alle, auch in der Öku­me­ne, wenn wir im Zwie­licht sind, unter dem Schutz­man­tel der Mut­ter Jesu unse­re Zuflucht fin­den. Das ist sie schon fast, die ver­miss­te Defi­ni­ti­on. „Unter dem Man­tel der Hei­li­gen Got­tes­mut­ter fin­den wir Frie­den.“ Das kann der Ver­fas­ser aus eige­nem Erle­ben zu Keve­la­er am Nie­der­rhein bestä­ti­gen. Der Christ der Zukunft ist also kein Mysti­ker, son­dern einer, der vor allem das erfah­ren hat: Die gan­ze, sicht­ba­re Kir­che ist als Con­so­la­trix aff­lic­torum, als Zelt Got­tes unter den Men­schen heilswirksam.

Warnung vor einer Ekklesiologie der Parteilichkeit

Wür­de „Pope Fran­cis“ zu einem Lehr­ur­teil fin­den, in vor­kon­zi­lia­rer Form, so wäre das eine Über­ra­schung. Aber sol­che schließt er ja nicht aus. Theo­lo­gisch ist mit­hin gegen Papst Fran­zis­kus nichts vor­zu­brin­gen. Er ist katho­lisch und hat das Talent, auch gegen­über „lin­ken Vögeln“ die rech­te Spra­che wie­der red­se­lig zu machen. Warn­si­gna­le gibt es trotz­dem und min­de­stens ein gro­ßes Risi­ko. Steu­ert unser Hei­li­ger Vater etwa den Epi­sko­pat „kol­le­gi­al“ in den Abgrund? Oft und oft hat der Ver­fas­ser die­ser Zei­len vor einer Ekkle­sio­lo­gie der Par­tei­lich­keit gewarnt. Papst Bene­dikt ging es im Petrus­amt immer um die Ein­heit der Catho­li­ca. Was dann, wenn der Papst – nicht theo­lo­gisch, aber kir­chen­po­li­tisch – zur „Par­tei“ wird? Stim­men aus dem Umfeld der Syn­ode sind da gar nicht hei­ter zu deu­ten. Von Zen­sur ist die Rede und davon, dass der Papst indi­rekt „alles“ steu­er­te. Zum Schluss bekann­te er offen, dass er sel­ber der Garant der Kol­le­gia­li­tät sei. (Unter Ver­wen­dung eines lan­gen Zitats von Bene­dikt XVI. zur Auto­ri­tät der Päp­ste.) So soll­te das mit der „Syn­oda­li­tät“ und „Kol­le­gia­li­tät“ aber nicht gemeint gewe­sen sein? Das ist ein schwie­ri­ger Begriff: Kol­le­gia­li­tät. (Vom Ver­fas­ser hier mehr­fach bear­bei­tet, z.B. THEOLOGISCHES, Jg. 2011, Sp. 401–408.) Mehr offe­ne Aus­spra­che, mehr gegen­sei­ti­ges Hin­hö­ren. Das ist gut. Aber wer „Barm­her­zig­keit“ gegen das Dog­ma aus­spielt, die doch unser Dog­ma ist und im Dog­ma immer anwe­send, der tut kei­nen Sama­ri­ter­dienst an der Mensch­heit. Bereits im Vor­jahr hat der Ver­fas­ser mit in Betracht gezo­gen, dass Bene­det­to und Fran­ces­co nicht nur in der Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät zuein­an­der zu erfas­sen sind. Beim Begriff der Kol­le­gia­li­tät der Bischö­fe droht aber noch kein wirk­li­cher Bruch, den ersten Anzei­chen nach, denn auch bei der aktu­el­len Syn­ode zemen­tier­te der Papst die­sel­be als „mit und unter Petrus“ zu exer­zie­ren. Hier war schon Jeseph Ratz­in­ger, ganz gegen sei­ne Gewohn­heit, über­ra­schend unprä­zi­se, als er die ‚Nota pra­e­via‘ zu Lumen gen­ti­um für das LThK (in 2. Aufl.) kom­men­tier­te (Band 12, Ergän­zungs­band, Frei­burg u.a. 1966, S. 348–359, insb. 355 ff.) , weil damals: Anhän­ger der „Kol­le­gia­li­tät“, wie­wohl das Wort (anders als: Kol­le­gi­um) im Text des Kon­zils gar nicht vor­kommt. „Kol­le­gia­le“ Expe­ri­men­te wie das Pasto­ral­kon­zil in Hol­land oder die Würz­bur­ger Syn­ode 1972–1975 haben wenig gute Früch­te gezeigt. Denn man hat die immer prä­sen­te Macht­fra­ge „barm­her­zig“ aus­ge­blen­det. Wer die hei­li­ge Hier­ar­chie dele­gi­ti­miert, der führt ja in Wahr­heit nicht etwa Chri­sten­rech­te in der Kir­che ein, son­dern rüt­telt an Canos­sa, an der gre­go­ria­ni­schen Reform. Sie­ger ist dann aber nicht das „from­me Volk“, son­dern die Staats­ge­walt (wie über­all im Gel­tungs­be­reich der Refor­ma­ti­on zu sehen: Kir­chen­recht ist dort nur­mehr Aus­fluss des Ver­wal­tungs­rechts). Auf die­sem Fel­de hat Papst Fran­zis­kus eine Grat­wan­de­rung zu mei­stern, die bis­lang noch am ehe­sten Paul VI. gelang (und den Nach­fol­gern weni­ger). Das kann gut und rich­tig ver­stan­den wer­den: Dezen­tra­li­sie­rung, Sub­si­dia­ri­tät. Aber Sie­ger darf dabei nicht die Frat­ze staat­lich ange­lei­te­ter Kir­chen­po­li­tik wer­den, und auch nicht mit­tel­bar, etwa „gelenkt“ durch das hie­si­ge Kir­chen­steu­er­sy­stem, das man­che Kom­men­ta­to­ren samt und son­ders als „Simo­nie“ (Käuf­lich­keit des Sakra­len) brand­mar­ken. Deut­sche Bischö­fe lie­ben das Geld und ver­ach­ten die Armut. Hier hof­fe und bete ich, dass mehr fran­zis­ka­ni­scher Geist sich regt.

Auch gegen Ende des Jah­res 2014 ist mit­hin die Fra­ge noch nicht abschlie­ßend zu beant­wor­ten, wie viel „Bruch“ und wie­viel „Kon­ti­nui­tät“ sich zwi­schen Bene­det­to-Fran­ces­co ein­spie­len wer­den; und wie­viel davon die Prot­ago­ni­sten sel­ber ver­ant­wor­ten, wie­viel davon aber durch die Medi­en erzeugt wird. „Media­trix“ statt mass-media, möch­te man da aus­ru­fen. Wer weiß? Viel­leicht tritt Papst Fran­zis­kus doch noch, ganz kol­le­gi­al, an das feh­len­de Mari­en­dog­ma her­an. Das wäre Revo­lu­ti­on und Restau­ra­ti­on zugleich. Zum Segen für Euch und für alle.

Dr. Franz Nor­bert Otter­beck ist Rechts­hi­sto­ri­ker und Wirt­schafts­ju­rist. Der Dok­tor bei­der Rech­te ist frei­be­ruf­li­cher Rechts­an­walt in Köln und publi­ziert u.a. zu rechts­wis­sen­schaft­li­chen und histo­ri­schen The­men, auch zur kirch­li­chen Zeitgeschichte.

Bild: Asia­News

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