Von Hortator*
Der überlieferte römische Ritus steht heute in einem spannungsvollen Feld zwischen Irritation und neu erwachter Anziehungskraft – und gerade in diesem Spannungsfeld lassen sich die jüngsten Aussagen von Eduard von Habsburg, von 2015 bis 2025 ungarischer Botschafter beim Heiligen Stuhl und bis zur Regierungsübernahme von Peter Magyar Sonderbotschafter für Kirche, Familie und Lebensrechtsfragen, und Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln, als zwei unterschiedliche, in wesentlichen Punkten jedoch konvergierende Perspektiven lesen.
Beide Stimmen gehen von einer Erfahrung aus, die zunächst nicht selbstverständlich ist: Der überlieferte Ritus wirkt auf viele Menschen fremd, ja sogar irritierend. Habsburg beschreibt offen die erste Begegnung mit der überlieferten lateinischen Messe als Moment der Verwirrung und des Widerstands. Gerade diese Fremdheit sei es jedoch, die – richtig vermittelt – nicht abschrecken müsse, sondern in eine tiefere Wahrnehmung des Sakralen hineinführen könne. Sein Anliegen ist daher pastoral schlicht, aber entscheidend: eine „Übersetzungsarbeit“ für jene zu leisten, die neugierig sind oder Vorbehalte haben, damit sie nicht vorschnell „Mauern aufbauen“. Dies setzte er mit seinem morgen in den Handel kommenden Buch „Discovering the Latin Mass: A Travel Guide for the Curious“ (Sophia Institute Press) in die Tat um. Das Buch liegt auf Englisch vor, aber vielleicht folgt ja auch noch eine deutsche Ausgabe).
Kardinal Woelki hingegen betont (siehe Bericht in der Tagespost v. 6. Juni) weniger die Einstiegsproblematik als die bereits erkennbaren Früchte der traditionellen Liturgieform. Besonders bei jungen Menschen sieht er eine Stabilisierung des Glaubenslebens, eine Vertiefung der kirchlichen Praxis und eine Verankerung im Gebet. Seine Worte über die pastorale Arbeit der mit der überlieferten Liturgie verbundenen Gemeinschaften zeigen Anerkennung: Die Feier der Liturgie geschehe „gut und verantwortungsvoll“, und dort, wo Menschen geistlich Heimat finden, sollen sie diesen Weg auch gehen dürfen. Der Ton ist hier weniger erklärend als bestätigend – weniger Einführung als Ermutigung.
Gemeinsam ist beiden Perspektiven die klare Wahrnehmung, dass der überlieferte römische Ritus nicht bloß eine ästhetische oder nostalgische Erscheinung ist, als die er von dem im vorigen Jahr verstorbenen Papst Franziskus kritisiert wurde, sondern eine geistliche Wirklichkeit, die konkrete Lebenswirkungen entfaltet. Bei dem österreichischen Erzherzog zeigt sich dies vor allem im familiären und persönlichen Glaubensleben: mehr Beständigkeit im Gebet, stärkere Sakramentalität des Alltags, eine Art „Durchsickern“ der Liturgie in das Leben hinein. Bei Kardinal Woelki wird derselbe Grundgedanke kirchlich-pastoral gespiegelt: Die Liturgie trägt, formt und stärkt Glaubensbiographien – besonders dort, wo sie jungen Menschen Orientierung gibt.
Unterschiedlich ist nur der Akzent: Habsburg spricht als jemand, der den Zugang erleichtern will, der Brücken baut und die Fremdheit in Vertrautheit übersetzen möchte. Kardinal Woelki spricht als Bischof, der bereits entstandene Bindungen wahrnimmt und deren Legitimität und Fruchtbarkeit anerkennt. Der eine ist eher „Einlader“, der andere eher „Bestätiger“ – doch beide bewegen sich in derselben Grundüberzeugung: Der überlieferte Ritus ist für sie nicht primär ein Gegenstand von Meinungsdebatten, sondern ein Ort geistlicher Erfahrung.
Beide Wortmeldungen treffen sich in einem Gedanken: Die besondere Kraft des über Jahrhunderte gewachsenen römischen Ritus liegt gerade in seiner Andersheit. Was seit der Liturgiereform von 1970 als fremd erscheint, ist nicht Defizit, sondern Verheißung: eine Einladung, die vertrauten Maßstäbe hinter sich zu lassen und neu in die Wirklichkeit des Mysteriums einzutreten – weg vom Mäßigen, hin zum Ganzen.
In dieser Perspektive wird deutlich: Der alte Ritus ist weder bloß Vergangenheit noch bloß Gegenwartskontrast, sondern ein Raum, in dem die Kirche ihre eigene Mitte neu entdecken kann – still, anspruchsvoll und gerade dadurch fruchtbar für jene, die sich ihm mit Geduld und Offenheit nähern. Und vorausgesetzt, die heutige kirchliche Hierarchie gewährt ihm den lebensnotwendigen Freiraum.
Bild: X/Wikicommons
*Von Hortator bisher erschienen:
Wenn anstelle des Menschen Gott in der Mitte des Ritus steht, ergibt sich eine völlig andere Perspektive. Was aber bleibt, ist die göttliche Vollmacht, mit der der Priester am Altar die Transsubstantation vollzieht. Nicht Gott ist der Handelnde, sondern der Priester. Diese Gnade, die den Leviten der katholischen Kirche gewährt ist, sollte mit der entsprechenden Reinheit und Demut aufgenommen werden. Schon sind wir angelangt beim alten Ritus, der Reinheit und Demut auf dem Weg zum Mysterium sicherstellt.
Das Büchlein gibt es bereits als deutsche Ausgabe. Die gedruckte Fassung zum Kaufen, eine digitale Version kostenlos. Siehe hier: https://www.renovamen-verlag.de/Abenteuer-Alte-Messe-.-Ein-Reisefuehrer-fuer-Neugierige/9783956211799
Wo der Heilige Geist weht, herrscht Eintracht. Wenn Zwei konträre Positionen vertreten, muss mindestens einer den Geist nicht haben.
Das Büchlein v. Habsburgs ist in Deutsch als kostenfreier Download erhältlich
https://www.renovamen-verlag.de/media/93/5a/f7/1770650009/Download_Abenteuer_Alte_Messe.pdf