Roger Vangheluwe ist tot – ein Skandal, der die Kirche in Belgien bis heute verfolgt


Roger Vangheluwe war von 1984 bis 2010 Bischof von Brügge. Er mußte wegen sexuellen Mißbrauchs zurücktreten und wurde vor zwei Jahren laisiert.
Roger Vangheluwe war von 1984 bis 2010 Bischof von Brügge. Er mußte wegen sexuellen Mißbrauchs zurücktreten und wurde vor zwei Jahren laisiert.

Am 3. Juli 2026 starb Roger Vang­he­lu­we im Alter von 89 Jah­ren. Sein Name bleibt untrenn­bar mit einem der schwer­sten Miß­brauchs­skan­da­le in der jün­ge­ren Geschich­te der katho­li­schen Kir­che Bel­gi­ens ver­bun­den. Der ehe­ma­li­ge Bischof von Brüg­ge starb zwei Jah­re, nach­dem ihn der Vati­kan aus dem Kle­ri­ker­stand ent­las­sen hatte.

Sein Tod been­det kein Kapi­tel der Auf­ar­bei­tung. Für vie­le Opfer bleibt die bedrän­gen­de Fra­ge bestehen, war­um ein Mann, der selbst den sexu­el­len Miß­brauch ein­ge­räumt hat­te, so lan­ge Teil der kirch­li­chen Hier­ar­chie blei­ben konnte.

Ein Bischof, der selbst Täter war

Roger Vang­he­lu­we wur­de 1984 zum Bischof von Brüg­ge ernannt. Im Jah­re 2010 muß­te er zurück­tre­ten, nach­dem er ein­ge­räumt hat­te, sei­nen Nef­fen über Jah­re hin­weg sexu­ell miß­braucht zu haben. Die Taten hat­ten nach sei­nen eige­nen Anga­ben sowohl vor als auch nach sei­ner Ernen­nung zum Bischof stattgefunden.

Die Ent­hül­lun­gen lösten in Bel­gi­en eine Lawi­ne aus. Die Justiz lei­te­te Ermitt­lun­gen ein, die unter dem Namen „Ope­ra­ti­on Kelch“ bekannt wur­den. Dabei wur­den kirch­li­che Archi­ve, Bis­tums­ein­rich­tun­gen und wei­te­re Orte durch­sucht. Auf Vang­he­lu­wes Com­pu­ter fan­den Ermitt­ler por­no­gra­phi­sches Material.

Nach sei­nem Rück­tritt ver­ließ Vang­he­lu­we Bel­gi­en auf Anord­nung des Vati­kans und leb­te fort­an in Frank­reich. Erst 2024 erfolg­te sei­ne Ent­las­sung aus dem Kle­ri­ker­stand – eine Ent­schei­dung, die nach Ansicht vie­ler Betrof­fe­ner und Kri­ti­ker viel zu spät kam.

Ein Bistum und die Frage nach der Verantwortung

Der Fall Vang­he­lu­we stand nicht allein. Katho​li​sches​.info schil­der­te in meh­re­ren Bei­trä­gen ein kirch­li­ches Umfeld, in dem über Jahr­zehn­te schwe­re Pro­ble­me im Umgang mit Miß­brauchs­vor­wür­fen bestan­den. Im Mit­tel­punkt stand dabei die Fra­ge, wie kirch­li­che Auto­ri­tä­ten mit Vor­wür­fen gegen hoch­ran­gi­ge Geist­li­che umgin­gen und ob ein System des Schwei­gens oder der gegen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me ent­stan­den war.

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit erhielt die Rol­le des dama­li­gen bel­gi­schen Pri­mas, Kar­di­nal God­fried Dan­neels. Die Vor­gän­ge um Vang­he­lu­we wer­fen bis heu­te Fra­gen nach der Ver­ant­wor­tung, vor allem von Dan­neels, aber nicht nur, und dem Umgang kirch­li­cher Füh­rungs­per­so­nen mit bekann­ten oder ver­mu­te­ten Miß­brauchs­fäl­len auf.

Die Debat­te über Dan­neels’ Amts­füh­rung und sei­nen Umgang mit Kri­sen gehört zu den umstrit­ten­sten Kapi­teln der bel­gi­schen Kir­chen­ge­schich­te der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te. Zur Erin­ne­rung: Dan­neels gehör­te der Mafia von Sankt Gal­len an, jenem infor­mel­len Zusam­men­schluß pro­gres­si­ver Kar­di­nä­le und Bischö­fe, die die Pon­ti­fi­ka­te von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. sabo­tier­ten und die Wahl von Jor­ge Mario Berg­o­glio zum Papst betrie­ben. Dan­neels selbst ent­hüll­te, daß man den infor­mel­len Zir­kel intern als „Mafia“ bezeich­ne­te. Sie­he zu Dan­neels auch Der Ring von Kar­di­nal Dan­neels (nicht des Poly­kra­tes).

Die Vorgeschichte der Krise

Katho​li​sches​.info stell­te den Fall Vang­he­lu­we in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang mit Ent­wick­lun­gen inner­halb des flä­mi­schen Epi­sko­pats nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Dabei wur­den ins­be­son­de­re Ver­än­de­run­gen im kirch­li­chen Den­ken, in der Prie­ster­aus­bil­dung und im Umgang mit mora­li­schen Fra­gen kri­tisch bewertet.

Die­se Ana­ly­sen sind Teil einer kir­chen­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung, die bis heu­te unter­schied­lich beur­teilt wird. Unbe­strit­ten bleibt jedoch, daß der Miß­brauchs­skan­dal in Bel­gi­en eine tie­fe Ver­trau­ens­kri­se aus­ge­löst hat.

Auch wei­te­re Vor­fäl­le im Umfeld des Bis­tums Brüg­ge ver­stärk­ten den Ein­druck einer schwer­wie­gen­den Kri­se. Katho​li​sches​.info berich­te­te etwa über den Fall eines Dia­kons aus dem Bis­tum Brüg­ge, der wegen eines Mord­fal­les für Auf­se­hen sorgte.

Neue Vorwürfe kurz vor seinem Tod

Kurz vor Vang­he­lu­wes Tod wur­den in Bel­gi­en wei­te­re Vor­wür­fe bekannt. Medi­en berich­te­ten über eine bereits älte­re Aus­sa­ge, in der Miß­brauch an zwei Zwil­lings­schwe­stern geschil­dert wurde.

Die Bel­gi­sche Bischofs­kon­fe­renz erklär­te nach sei­nem Tod, sie sei sich bewußt, daß die­se Nach­richt bei den Opfern erneut Schmerz und Erin­ne­run­gen an das erlit­te­ne Leid aus­lö­sen kön­ne. Sie bekann­te sich zur wei­te­ren Auf­ar­bei­tung und zur Unter­stüt­zung der Betroffenen.

Für vie­le Opfer bleibt jedoch die zen­tra­le Fra­ge bestehen: Nicht nur, wer die Täter waren, son­dern auch, wer sie schütz­te, wer schwieg und war­um not­wen­di­ge Kon­se­quen­zen so lan­ge aus­blie­ben. Die­se Fra­gen wer­den auch vom Main­stream gestellt, in einer gegen die Kir­che gerich­te­ten Funk­ti­on. Nicht gefragt wird vom Main­stream nach Homo-Seil­schaf­ten in der Kir­che, die sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen und decken.

Das Vermächtnis eines dunklen Kapitels

Roger Vang­he­lu­we starb nicht als ver­ur­teil­ter Straf­tä­ter, son­dern als ehe­ma­li­ger Bischof, des­sen Fall die bel­gi­sche Kir­che nach­hal­tig erschüt­ter­te. Sein Name steht sowohl für den per­sön­li­chen Miß­brauch durch einen Amts­trä­ger als auch für die schwer­wie­gen­de Fra­ge nach Ver­ant­wor­tung inner­halb kirch­li­cher Hierarchien.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
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