Pater Bashar Fawadleh, Pfarrer von Taibeh, des letzten christlichen Dorfes im Westjordanland, äußerte sich am 29. September gegenüber der Nachrichtenagentur SIR zur Lage der Christen:
„Die Christen im Heiligen Land zu schützen bedeutet nicht nur, Kirchen, Klöster und Steine zu schützen. Der Schutz der christlichen Präsenz bedeutet auch, die Christen und ihr Recht zu schützen, in ihrer eigenen Heimat zu bleiben.“
Fawadleh nimmt Bezug auf die Begegnung von Papst Leo XIV. im Rahmen seines Frankreichbesuches mit einer von einem Angriff in Jerusalem betroffenen französischen Ordensfrau am 25. September. Diese Begegnung sei „nicht einfach eine Geste des Trostes gegenüber einem verletzten Menschen“ gewesen, sondern werfe eine grundsätzliche Frage für die Zukunft des Heiligen Landes auf: Wie schützt man den Menschen, seine Würde und sein Recht, in Sicherheit zu leben? Und wie kann man die christliche Präsenz bewahren, wenn schon das bloße Verbleiben an diesem Ort zu einem Grund zur Sorge wird?“
Zugleich sagte der Pfarrer: „Die Aggression gegen eine Ordensfrau in Jerusalem kann nicht auf einen Konflikt zwischen Christen und Juden reduziert werden.“ Verantwortlich sei der Angreifer; jede Form von Gewalt müsse eindeutig verurteilt werden.
Der Vorfall verweise jedoch auf ein umfassenderes „Klima der Spannung, Gewalt und Angst“, unter dem viele Menschen litten, insbesondere auch die Palästinenser im Westjordanland.
Fawadleh verweist dabei auf die Lage in Taibeh: Die Christen sind Angriffen auf Grundstücke und Eigentum, Brandstiftungen und Vandalismus ausgesetzt; bewaffnete Siedler bewegen sich in der Nähe von Wohnhäusern und Feldern. Hinzu kommen immer strengere Einschränkungen der Bewegungs- und Arbeitsfreiheit. Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, beschrieb die Situation als ein „gesetzloses Land“.
Was in Taibeh geschehe, dürfe allerdings „nicht einfach als ein Angriff auf Christen als solche verstanden werden“. Die Bewohner teilten die Schwierigkeiten mit vielen anderen palästinensischen, muslimischen Gemeinden im Westjordanland. Zugleich bestehe eine Besonderheit: „Das Fortbestehen von Angst, Druck und Auswanderung bedroht eine christliche Präsenz, die seit Jahrtausenden in diesem Land verwurzelt ist.“
„Hier liegt der eigentliche Kern der Frage“, schreibt Fawadleh. Und er fragt:
„Welchen Wert hat es, eine historische Kirche zu bewahren, wenn die Familien, die sie besuchen, gezwungen sind, fortzugehen? Welchen Sinn hat es, über die Bedeutung der christlichen Präsenz zu sprechen, wenn junge Menschen keine Arbeit finden, Bauern Angst haben, ihre Felder zu bestellen, und Familien erwägen auszuwandern, um Sicherheit zu suchen?“
Taibeh, so Fawadleh, fordere „weder Privilegien noch Schutz auf Kosten anderer“, sondern „Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, den Schutz des Landes und der Menschen sowie die Möglichkeit, eine Zukunft für die eigenen Kinder aufzubauen“.
Taibeh – eine bedrohte christliche Gemeinde
Taibeh ist das einzige vollständig christliche Dorf im Westjordanland. Dort leben Katholiken, griechisch-orthodoxe und melkitische Christen. Das Dorf, da inzwischen von allen Seiten von israelisch-jüdischen Siedlungen und Militärstützpunkten umgeben ist, hat eine uralte christliche Geschichte; zu seinen bedeutenden Stätten gehört die aus dem 5. Jahrhundert stammende, dem heiligen Georg geweihte Kirche.
Wie Katholisches.info berichtete, hat sich der Druck auf die Einwohner in den vergangenen Jahren verstärkt. Genannt werden unter anderem Angriffe auf Grundstücke, Beschädigungen landwirtschaftlicher Flächen, Brandstiftungen, Vandalismus und das Auftreten bewaffneter Siedler in der Umgebung des Dorfes. Hinzu kommen Einschränkungen beim Zugang zu Feldern und bei der Bewegungsfreiheit.
Besonders bedrückend ist für die Gemeinde die Gefahr der Abwanderung. Denn mit jeder Familie, die Taibeh verläßt, wird nicht nur die Einwohnerzahl kleiner; zugleich verliert das Dorf einen Teil seiner über Jahrhunderte gewachsenen christlichen Gemeinschaft.
Darum richtet sich Fawadlehs Appell ausdrücklich nicht nur auf den Schutz der Kirchen und historischen Stätten. Entscheidend sei vielmehr, daß die Menschen, die diese Kirchen bilden und erhalten, weiterhin in Taibeh leben, arbeiten, ihre Felder bewirtschaften und ihre Kinder dort großziehen können.
Auch der Besuch des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pizzaballa, in Taibeh im August 2026 stand im Zeichen der bedrängten christlichen Gemeinde. Der Besuch erfolgte im Zusammenhang mit den zunehmenden Spannungen und jüdischen Angriffen auf den Ort.
Fawadlehs Grundgedanke: Eine christliche Präsenz besteht nicht nur aus Kirchen und historischen Steinen, sondern vor allem aus Menschen. Werden die Familien durch Unsicherheit, Gewalt, wirtschaftlichen Druck oder Einschränkungen zum Fortgehen gezwungen, kann zwar das Kirchengebäude bestehen bleiben – die lebendige christliche Gemeinde aber verschwindet.
Aufgrund eines oft blinden Philosemitismus in den Medienredaktionen und Staatskanzleien können sich die Christen des Heiligen Landes selbst unter Christen im Westen nur wenig Gehör verschaffen, auf der Ebene der Staatsführungen schon gar nicht.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanNews (Screenshot)
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