Der Vatikan-Experte Edward Pentin (EWTN, National Catholic Register) greift in seiner Analyse eine These von Michael Nazir-Ali auf, die westliche Einschätzungen des Iran grundlegend in Frage stellt: Wer die Islamische Republik Iran allein politisch oder strategisch liest, erkennt ihre religiöse Tiefenstruktur nicht. Entscheidend sei vielmehr eine spezifisch schiitische Deutung von Leid und Martyrium, die das Handeln der Führung prägt und ihre Widerstandskraft erklärt.
Der verkürzten Wahrnehmung im Westen liegt ein Propagandanarrativ zugrunde, das darauf abzielt, innerhalb der eigenen Gesellschaften Unterstützung für geopolitisch riskante Militäroperationen zu mobilisieren. Ob diese Politik tatsächlich den Interessen der eigenen Bevölkerung dient, ist dabei eine ganz andere Frage.
Edward Pentin legt seine Analyse vor, um einem westlichen Publikum zu helfen, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und einzuordnen. Dies erscheint notwendig, da die Berichterstattung im Mainstream häufig stark verkürzt ist und sich erkennbar an den politischen Linien der jeweiligen Regierungen orientiert. Im Vordergrund steht dabei weniger umfassende Information als vielmehr die Herstellung gesellschaftlicher Geschlossenheit hinter der Regierungspolitik, selbst wenn es sich um militärische Abenteuer handelt.
Wie lückenhaft dieses Narrativ ist, zeigt sich besonders deutlich an zentralen Auslassungen. Wer seit 2022 über den russisch-ukrainischen Krieg berichtet – eigentlich bereits seit 2014 –, ohne die historischen Hintergründe zu berücksichtigen, vermittelt kein vollständiges Bild. Dazu gehört etwa die Tatsache, daß die Ukraine durch unterschiedliche politische, sprachliche, kulturelle und teils auch religiöse Prägungen gekennzeichnet ist: Westlich orientierte Teile der Bevölkerung (Ukrainer) stehen östlich orientierten Gruppen (Kleinrussen) gegenüber, hinzu kommt eine bedeutende großrussische Minderheit im Osten und Süden. Wer diese Aspekte ausblendet, informiert nicht neutral, sondern bezieht implizit Position.
Ähnliches gilt für die Darstellung des Konflikts zwischen den USA/Israel und dem Iran. Wer unerwähnt läßt, daß es sich beim Iran überwiegend um eine schiitisch geprägte, nicht-arabische Gesellschaft handelt, während die arabische Welt mehrheitlich sunnitisch ist, und daß zwischen diesen Strömungen ein tiefer historisch gewachsener Gegensatz besteht, verzichtet auf eine wesentliche Erklärungsebene. Dieser Gegensatz reicht bis in die Frühzeit des Islam zurück und prägt politische Dynamiken bis heute.
Vor diesem Hintergrund erscheinen auch verbreitete Annahmen hinterfragenswert, etwa die Behauptung, der schiitische Iran unterstütze in erheblichem Maße die sunnitische Hamas. Eine solche Zuweisung funktioniert nur, wenn der Islam als einheitlicher Block gesehen wird, was er nicht ist. Tatsächlich zeigt sich im aktuellen Konflikt, daß nur schiitische Akteure den Iran unterstützen, während von sunnitischen Gruppen nichts zu vernehmen ist. Gerade aus den palästinensischen Gebieten – sowohl dem Gazastreifen als auch dem Westjordanland – gibt es bisher keine erkennbaren Aktivitäten.
Nun aber zur Analyse, die Edward Pentin, ein exzellenter Journist, im National Catholic Register vorlegte. Er wandte sich dazu an Michael Nazir-Ali, der selbst einer schiitischen Familie Pakistans entstammt. Sein Vater konvertierte zur katholischen Kirche, erzog den Sohn katholisch, der aber im Alter von 20 Jahren zum Anglikanismus konvertierte, nach Großbritannien ging, dort heiratete, Vater von zwei Söhnen wurde, Theologie studierte, 1970 in der Church of England zum Priester und 1984 zum Bischof ordiniert wurde. 2021 kehrte er im Zuge der inneranglikanischen Spannungen in die Einheit mit Rom zurück. Seine Bischofswürde verlor er dadurch. Einen Monat nach seiner offiziellen Aufnahme in die katholische Kirche wurde er zum Diakon und zwei Tage später zum Priester geweiht. Seither wirkt er im Personalordinariat Unserer Lieben Frau von Walsingham in England, Schottland und Wales. Vor allem gilt als exzellenter Kenner der Geschichte des Islam.
Martyrium als religiöse Triebkraft
Michael Nazir-Ali argumentiert laut Pentin, daß die iranische Führung nicht einfach taktisch agiere, sondern aus einem theologischen Weltbild heraus, in dem das Sterben für den Glauben als Auszeichnung gilt. Dieses Denken erhebe Leid zu einem Mittel göttlicher Vorsehung. Wörtlich sagt er es: „Sterben für den Glauben [gilt] als ein Privileg, das Gottes Pläne voranbringt und das Kommen einer gerechten Ordnung beschleunigt.“
Damit erklärt sich aus seiner Sicht auch die oft unterschätzte Standhaftigkeit des Regimes gegenüber äußerem Druck. Westliche Regierungen laufen Gefahr, den Iran falsch einzuschätzen, wenn sie erwarten, militärischer Druck könne schnell zur Kapitulation führen.
Historische Wurzeln: Kerbela und die Imame
Den Ursprung dieser Haltung sieht Nazir-Ali in der schiitischen Erinnerungskultur, insbesondere im Gedenken an den Tod Husseins, des Enkels Mohammeds, in derSchlacht von Kerbela im Jahr 680. In der Schlacht, was für das Gesamtverständnis des Islams von großer Bedeutung ist, standen sich Sunniten und Schiiten gegenüber, wobei die Schiiten unterlagen. Der Tod Husseins und die Niederlage der Schiiten werden bis heute in ritualisierten Formen des Trauerns und der Selbstkasteiung vergegenwärtigt. Hinzu treten die Märtyrertode von Hassan und Ali, die ebenfalls zentrale Figuren schiitischer Frömmigkeit sind. Ali war der Schwiegersohn Mohammeds und gilt den Schiiten als erster Imam. Hassan, der Sohn Alis und Enkel Mohammeds, war zweiter Imam. Beide wurden von Muslimen anderer Richtung getötet. Hussein, ein weiterer Sohn Alis, sollte als dritter Imam durchgesetzt werden, was jedoch mit der Niederlage in Kerbela zunichte wurde.
Nur im Iran stellen die Schiiten die Bevölkerungsmehrheit und kontrollieren zugleich die Staatsführung.
In Aserbaidschan machen Schiiten zwar etwa 70 % der Bevölkerung aus, der postsowjetische Staat ist jedoch säkular, sodaß die politische Macht nicht religiös dominiert wird.
Auch in Bahrain besteht die Bevölkerung überwiegend aus Schiiten, doch der politische Einfluß ist minimal, da das Herrscherhaus sunnitisch ist.
Im Irak mit einer großen schiitischen Bevölkerung haben Schiiten heute regionalen Einfluß auf die Politik. In Syrien (Alawiten) hingegen wurden sie weitgehend verdrängt, nachdem die USA und Israel – unter Mitwirkung der sunnitischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) – das Assad-Regime gestürzt hatten.
Schiitische Minderheiten existieren darüber hinaus in der gesamten islamischen Welt, meist ohne oder nur mit regionalem politischen Einfluß. Eine Ausnahme bildet der Libanon, wo die Schiiten neben Christen, Sunniten und Drusen zwar nur Minderheit sind, aber mit der Hisbollah über einen bewaffneten Arm verfügen, der unzweifelhaft vom Iran unterstützt wird, und die auch jetzt mit Angriffen auf Israel dem Iran zur Seite steht.
Über Jahrhunderte der Verfolgung, die die Schiiten unter den sunnitischen Herrschern erlebten, habe sich so ein Ethos herausgebildet, in dem Leiden nicht nur akzeptiert, sondern als geistlich fruchtbar angesehen wird. Nazir-Ali spricht von einem „verankerten Verständnis der Tugend des Leidens für den Glauben“, das sich deutlich von triumphalistischen Strömungen im Islam, wie sie die Sunniten zeigen, unterscheide.
Politische Instrumentalisierung im Iran
Nach Pentins Darstellung zeigt Nazir-Ali, wie die Führung im Teheran diese Tradition politisch nutzt. Bereits während des Iran-Irak-Krieges1 seien junge Männer mit symbolischen „Schlüsseln zum Paradies“ in den Kampf geschickt worden. Gefallene seien nicht nur betrauert, sondern öffentlich gefeiert worden – ein Mechanismus, der individuelles Leid in kollektive religiöse Sinnstiftung überführt.
Auch die Revolution von 1979 und ihre Nachwirkungen würden konsequent im Licht dieser Märtyrertradition gedeutet, so Nazir-Ali: „Jeder Akt der Repression, jeder Rückschlag und jede Schwierigkeit“ werde in Beziehung zu den frühen schiitischen Imamen gesetzt.
Endzeiterwartung und politische Strategie
Ein weiterer zentraler Punkt ist die im schiitischen Zwölferglauben verankerte Erwartung der Wiederkehr des verborgenen Imams, des Mahdi. Der Name Zwölferglauben kommt daher, daß die Schiiten an zwölf rechtmäßige Imame glauben, die nach dem Propheten Mohammed die religiöse Führung innehaben. Demnach sei nach dem Propheten Muhammad die Führung nicht politisch gewählt, sondern von Allah bestimmt worden. Die Führung liege bei einer Linie von zwölf Imamen, beginnend mit dem genannten Mohammed-Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib. Seine zwei Nachfolger wurden bereits genannt, auf die weitere Familienmitglieder folgten. Die Besonderheit liegt darin, daß nach dem Glauben der Zwölferschiiten der 12. Imam Muhammad al-Mahdi nicht gestorben sei, sondern seit dem Jahr 941 in der „Großen Verborgenheit“ lebe. Er werde am Ende der Zeiten zurückkehren. Religionswissenschaftler sehen darin eine sehr deutliche, wenn auch verzerrte Anlehnung an den christlichen Glauben von der Wiederkunft Christi. Die Imame gelten den Schiiten als unfehlbare religiöse Autoritäten. Sie sind zentrale Vorbilder für Glauben, Moral und Auslegung des Islam.
Diese Hoffnung auf die Wiederkehr des Mahdi hat, laut Nazir-Ali, konkrete politische Implikationen. Ein iranischer Minister habe ihm erklärt, die Außenpolitik des Landes sei vom Kampf für die Unterdrückten geprägt, „weil ein solcher Kampf die Rückkehr des Mahdi und seine Herrschaft der Gerechtigkeit beschleunigt“.
Selbst massenhafter Tod werde in diesem Kontext religiös aufgeladen, denn auch er könne das Kommen des Mahdi eher beschleunigen als verhindern.
Innenpolitische Widersprüche
Pentin verschweigt nicht, daß Nazir-Ali zugleich auf die Diskrepanz zwischen diesem Gerechtigkeitsanspruch und der Realität im Iran hinweist. Die religiöse Rhetorik stehe „in einem Spannungsverhältnis“ zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch das Mullah-Regime, insbesondere religiöser Minderheiten wie Christen. Die christlichen Konfessionen, die historisch im Land vorhanden waren, sind offiziell anerkannt und können ihren Kultus frei praktizieren, allerdings nicht in der Öffentlichkeit. Vor allem ist jede Form der Mission untersagt. Die nicht-historischen Konfessionen, vor allem der Protestantismus und die evangelikalen Freikirchen US-amerikanischer Prägung, werden nicht anerkannt und bekämpft. Der Iran warf den USA mehrfach vor, Agenten getarnt als protestantische Prediger ins Land zu schleusen. Paramilitärische Gruppen wie die Basij hätten die Märtyreridee übernommen und nutzten sie auch nach innen zur Legitimation von Gewalt, so Nazir-Ali.
Warnung an den Westen
Die zentrale Schlußfolgerung ist eine strategische Warnung des ehemaligen anglikanischen Bischofs und heutigen katholischen Priesters: Der Westen dürfe Irans Drohungen nicht als bloßen Bluff oder „typisch morgenländische“ Redensart interpretieren, sondern müsse sie als „tief in der schiitischen Psychologie verwurzelt“ verstehen.
Ein möglicher Sturz des Regimes würde nach dieser Logik nicht automatisch Stabilität bringen. Vielmehr sei mit langanhaltendem Widerstand zu rechnen: Rückzug, Exil und Guerillakampf könnten als Fortsetzung des leidensbereiten Glaubens gedeutet werden.
Zugleich skizziert Nazir-Ali zwei Szenarien: Überlebt das Regime, werde dies als göttliche Bestätigung interpretiert – mit der Folge noch stärkerer Geschlossenheit, Stabilität und auch Repression gegen Kritiker. Kommt es zum Umbruch, müßten frühzeitig zivile Strukturen aufgebaut werden, um ein Machtvakuum wie im Irak oder Libyen zu vermeiden.
Ausblick
Trotz seiner kritischen Analyse sieht Nazir-Ali laut Pentin auch Chancen für einen Wandel. Viele Iraner könnten an einem neuen politischen System mitwirken. Dieses müsse jedoch „in der alten Zivilisation des Irans verwurzelt sein“, um tragfähig zu sein. Während die meisten arabischen (sunnitischen) Staaten von den Angelsachsen mit weitgehend willkürlichen Grenzen auf die Landkarte gezeichnet wurden, handelt es sich beim Iran, dem alten Persien, um ein altes Staatsgebilde, das auf eine über dreitausendjährige Geschichte und Kultur zurückblicken könne.
Die Stärke von Pentins Darstellung liegt darin, diese religiöse Dimension nicht als Randaspekt, sondern als Schlüssel zum Verständnis iranischer Politik herauszuarbeiten – und damit eine Perspektive zu bieten, die in westlichen Debatten oft unterschätzt wird. Auch differenziert er, was viele Mainstream-Darstellungen nicht tun, die nicht einmal die tiefen Unterschiede im Islam zwischen Sunniten und Schiiten erwähnen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: NCR (Screenshot)
- Der Iran-Irak-Krieg dauerte von 1980 bis 1988 und war ein Stellvertreterkrieg der USA. Nachdem durch die Islamische Revolution 1979 die USA und Israel aus dem Iran verdrängt worden waren, rüsteten sie Saddam Hussein (einen Sunniten) im Irak auf und manövrierten ihn in einen Krieg gegen den Iran, der aber dem Angriff standhielt. Saddam Hussein sollte später selbst zu einem Problem für die USA und Israel werden, aber das ist ein anderes Kapitel, vergleichbar dem der israelischen Förderung der Hamas in ihrer Frühphase, um einen Gegenpart zur PLO zu haben und das palästinensiche Lager zu spalten. Ein weiteres schmutziges Kapitel sui generis in diesem geopolitischen Machtspiel, in dem von den USA/Israel Stellvertreter aufgebaut und in den Kampf geschickt werden, ist Al Qaida, später bekannt als Islamischer Staat (IS). ↩︎
Das Problem im sog. Westen ist, daß man die Religion völlig beiseite schiebt im Hinblick der Analyse und Bewertung eines Landes/Volkes. So auch im Falle Irans. Der heutige Iran war schon mindestens ein gutes Stück weit vor der islamischen Eroberung christlich gewesen- das war nachweislich der Fall. Und im eigentlichen Christentum, was nichts mit wellness zu tun hat, ist der Opfergedanke sehr wesentlich. Von daher läßt sich diese Märtyrerverehrung bei den Iranern aus katholischer Sicht gut erklären. Das ist mit Sicherheit ein vorislamisch christliches Erbe. Und die 12 Imame erinnern ganz augenfällig an die 12 Apostel. Auch das vorchristliche Erbe der Perser, die Religion des Zarathustra dürfe nach wie vor eine gewisse Rolle im Denken und Leben der Iraner spielen. Auch heute gibt es diese Religion dort noch, die von einem Kampf zwischen Gut und Böse ausgeht an deren Ende ein Retter, der Saoschyant, auftreten werde.
Was das Verhältnis zu den Juden anbelangt, gab es etwa 1000 Jahre lang eine gute Freundschaft- mindestens seit dem Dekret des persischen Königs Kyrus, daß die exilierten Juden wieder heimkehren und den Tempel aufbauen konnten nach der babylonischen Gefangenschaft. Aber diese Freundschaft ist wohl nach der Islamisierung Persiens zerbrochen und, gerade weil beide Völker mal so eng verbunden waren, zu einer Todfeindschaft geworden.
Von den alten Griechen wurden die Perser als Bedrohung gesehen. Alexander der Große eroberte dann bekanntlich das gesamte großpersische Reich. Kaiser Karl der Große pflegte gute Beziehungen zum persischen Königshof. Für Europa ist eine politische Abwägung zwischen Israelis und Iranern ziemlich schwierig. Es war von Israel und den USA (Präsident Trump) ein Fehler, gerade an einem Sabbat den Iran anzugreifen, nachdem man im Sommer 2025 verkündete, das iranische Atomprogramm sei gestoppt worden. Jetzt ist die Not groß.
Der Islam? Selten so einen Unfug gelesen.
Ich komme immer wieder gerne auf Nikolaus von Kusa zurück, der nach jahrelanger Nachforschung sein Werk über den Alchoran verfaßt hat. Cusanus kam zu dem Schluß, Mahommed sei als nestorianischer Christ gestorben. Man kann deshalb davon ausgehen, daß es sich bei den 12 Imanen um die zwölf Apostel handelt und bei dem verborgenen Iman um den im alten Testament erwarteten Messias. Nun war Mahommed zuerst von einem nestorianischen Mönch zum wahren Glauben bekehrt und getauft worden. In einer Höhlenvision trat dann ein Engel zu ihm, und sagte folgende Worte: „Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat!“ Später hat man dann alle Visionen auf den Erzengel Gabriel (Gibril) bezogen. Die Worte des Engels in der ersten Vision entsprechen der Art, wie Gabriel sich mitteilt, der ja in der Gegenwart immer noch wirkt. Als Christ hat nach der Legende Mahommed die Abgötter in Mekka zerstört. Nun schreibt Cusanus von mehreren schlechten Juden, die an Mahommed herangetreten sind und sein Denken verdreht haben. Eine Tragödie, daß der Prophet nicht selbst lesen konnte. Die schriftliche Niederlegung der Lehren erfolgte erst Jahrzehnte nach dem Tod des Propheten. Ein gewisser Anteil der Schrift ist demnach redaktionell bedingt. Cusanus fand im 15. Jahrhundert ebenfalls heraus, daß der originale Alchoran thematisch geordnet war und in einer späteren Bearbeitung die Reihenfolge der Suren verändert worden ist, so daß der ursprüngliche Zusammenhang nicht mehr gegeben ist. Cusanus hat versucht, die echte Lehre aus dem Alchoran herzuleiten und fand darin einen Ausdruck der wahren Lehre des Evangeliums. Auch fand er erhebliche Widersprüche in der Argumentation. Meine Friseurin, gebürtige Muslimin, glaubt mit ihrer gesamten Familie an Jesus Christus und bezieht ihren Glaubensursprung auf den Koran.
Wenn nun die spätere Entwicklung um Ali und Hussein betrachtet wird, ergibt sich eine ziemliche Uneinigkeit. Was wir heute sehen, ist eine Art Rückschritt in Zeiten des späten 7. Jahrhunderts, als dieser Konflikt stattfand. Dawischen stand eine lange kulturelle Hochzeit des Islam. Es waren die Perser, die uns viele Schriften der griechischen Philosophen gerettet und überliefert haben. Undenkbar, daß aus einer griechisch geprägten Kultur eine Märtyrerideologie entspringt. Das sind Ansichten, die sich gegenseitig ausschließen. Nun lautete die erste Offenbarung: „Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat!“ Heute wird aber gesagt, Gott sei groß. Das kann nicht sein, weil die christlich-jüdische Prägung Mahommeds den ewigen unbegrenzten Gott annimmt. Persien hatte im 7. Jahrhundert zwei wichtige religiöse Ausrichtungen. Einmal die alte Lehre des Zarathustra und dann die des Mani, der dem Zarathustra nicht widerspricht. Zarathustra will das Leid in Fröhlichkeit umwandeln. Mani spricht bei Leid von einem Zustand der Finsternis. Nietzsche hat sich ausgehend von Zarathustra schließlich verirrt. Er sah das Leid als ein Vehikel zur Macht. Daß Nietzsche in völliger geistiger Umnachtung starb, kann als Zeichen gesehen werden. Ich denke, es ist genügend erkennbar, daß der Gedanke des Leides als Teil der alten persischen Kultur nicht dem entspricht, was gegenwärtig propagiert wird. Vielmehr zeigt sich eine Ideologie des Feindbildes. Hier gibt es zwei Sichtweisen. Die einen meinen, ihnen gehöre das heilige Land. Die anderen wollen Tod für Israel.
Was niemand im Westen beachtet, ist, daß es sich bei den Juden um Gottes auserwähltes Volk handelt und Israel das Land der Verheißung ist. Sowas wird dann als zionistische Ideologie abgetan, obwohl es dem Wort Gottes in der Bibel entspricht. Gestern hat die Regierung von Uganda bekanntgegeben, falls Israel in Bedrängins gerate, würde Uganda an Seiten Israels in den Krieg ziehen. Es scheint, wenigstens dort hat man es verstanden.
Die Erklärung von „Großrussen und Kleinrussen“ in dem Artikel ist falsch. Damit werden aus Russischer-/Moskauer Sicht nicht die „östlich orientierten Gruppen“ der Russen bezeichnet, sondern die ethnischen Ukrainer als solche, egal wo. An dieser Begrifflichkeit sieht man, wer sich als „Herrenvolk“ betrachtet (GROSS-Russen) und wer als Knecht eingeordnet wird (KLEIN-Russen).
Dem liegt ein Mißverständnis zugrunde: Die Unterscheidung zwischen Klein-Rus (Mikrá Rhōssía, entsprechend den Kleinrussen als Bewohner) und Groß-Rus (Megálē Rhōssía, entsprechend den Großrussen) geht bereits auf das Mittelalter zurück und wurde zuerst im Byzantinischen Reich, durch Gelehrte und vor allem im kirchlichen Kontext durch das Patriarchat von Konstantinopel, verwendet. Dabei lag keinerlei Wertung von „höher-“ oder „minderwertig“ zugrunde.
„Klein“ bedeutete nicht weniger wichtig, sondern Kerngebiet;
„Groß“ bedeutete nicht wichtiger, sondern ausgedehnt bzw. peripher.
Dies bezog sich auf Kiew als das ursprüngliche Zentrum der Rus (Kiewer Rus) und auf die umliegenden, sich später entwickelnden Gebiete. Ein passender historischer Vergleich ist Sizilien, das einst „Großgriechenland“ (Magna Graecia) genannt wurde – nicht weil es größer oder bedeutender als Griechenland war, sondern aus der Perspektive von Kernland und Peripherie, bzw. älterem und jüngerem Gebiet.
Kiew war das ursprüngliche Zentrum der Rus, bis die Mongolen das Reich zerstörten. In der Folge entwickelten sich aus den verbliebenen Resten das, was wir heute als Russen und Ukrainer kennen, im Zuge der Befreiung vom mongolischen Joch auseinander, weil der westliche Teil der Rus unter litauisch-polnische Kontrolle geriet. Die spätere Eigenstaatlichkeit „Ukraine“ (das Wort bedeutet Grenzgebiet, konkret Grenzgebiet Rußlands, und bezog sich historisch im Plural auf östlich des Dnjepr gelegene Gebiete, dort, wo früher die Grenze zwischen dem russischen und dem polnisch-litauisch kontrollierten Teil der Rus lag) wurde im Ersten Weltkrieg mit eigennütziger Unterstützung der Mittelmächte ermöglicht – und manifestiert sich heute zwischen Moskau und Kiew leider in offener Feindschaft.
Dies ändert jedoch nichts daran, daß auf dem heutigen Staatsgebiet der Ukraine – deren Grenzen vor rund hundert Jahren sehr willkürlich gezogen wurden – weiterhin viele (Groß-)Russen leben. Für das Verständnis der heutigen Situation ist jedoch besonders wichtig: Das eigentliche Staatsvolk der Ukraine läßt sich mentalitätsmäßig und im Selbstverständnis in zwei Großgruppen unterteilen:
Eine westlich orientierte Bevölkerung, die auf Eigenständigkeit pocht – vernünftigerweise als Ukrainer bezeichnet.
Eine östlich orientierte Bevölkerung, die die historische Verbundenheit aller Rus betont – zur besseren Unterscheidung kann hier der historische Begriff Kleinrussen verwendet werden, der deutlich älter ist als die moderne Bezeichnung „Ukrainer“.
Historische Parallelen finden sich auch in anderen Regionen Europas:
Oberschlesien vor 1918: Wasserpolen, Slonzaken und Polen
Kärnten: Windische und Slowenen
Italienisches Tirol: Welschtiroler und Trentiner
Was die generelle Auseinanderbewegung anbelangt, eignet sich der Vergleich zwischen Deutschen und Niederländern. Letztere sind auch Deutsche (Niederdeutsche, Dutch; sie selber nannten sich Diets oder Duuts, eben Deutsche). Durch die reformationsbedingte Eigenstaatlichkeit am Beginn der Neuzeit bauten sie, da Rechtschreibung und Grammatik insgesamt noch nicht fixiert waren, ihre niederdeutsche Mundart (hauptsächlich Niederrheinfränkisch) zur eigenen Hochsprache aus. Genau diesen Prozeß erlebt das Ukrainische gegenüber dem Russischen.
Besonders wichtig: Die Idee einer ukrainischen Eigenstaatlichkeit entstand erst sehr spät. Erstmals wurde sie im August 1914 von dem in Triest geborenen österreichischen Konsul Emanuel Urbas vorgeschlagen, um die Macht Rußlands (das Zarenreich war Kriegsgegner im kurz zuvor begonnenen Ersten Weltkrieg) zu brechen, indem man eine freie Ukraine bis zum Don schaffen sollte, die politisch lose an Österreich‑Ungarn angeschlossen wäre. Mit Ostgalizien gehörte der katholisch geprägte Teil der westlichen Rus zu Österreich. Dieses Gebiet (Einflußzone) sollte nach Osten erweitert werden.
Spätestens durch den Krieg ist die späte Nationswerdung der Ukraine definitiv vollzogen. Da gibt es keinen Weg zurück mehr. Allerdings ist das Bild irrig, die Grenzen der heutigen Ukraine, würden das Gebiet der Ukrainer (also den mentalitätsmäßig von Rußland abgekoppelten Teil meinen). Da sind noch die Großrussen und die Kleinrussen, die eben mitreden wollen und die verhindern wollen, daß ihre Gebiete Teil dieses nicht nur westlich orientierten, sondern antirussisch ausgerichteten Staates Ukraine werden. Die katholischen Südprovinzen der Niederlande wollten auch nie zu den reformierten Generalstaaten.
Eine Kleinigkeit dazu, die ukrainischen Schriftsteller haben auf russisch geschrieben.
Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar zu meinem Kommentar! Allerdings muss ich meinerseits darauf nochmals antworten.
Es ist immer problematisch Begriffe zu verwenden, die im Lauf der Geschichte ihre Bedeutung verändert haben, bzw. ganz unterschiedlich verwendet wurden. Im Falle der „Kleinrussen“ ist das so. Dieser Begriff stammt zwar ursprünglich aus dem kirchlichen-byzantinischen Kontext, bezeichnete dort aber nicht Kerngebiet im Gegensatz zur Peripherie, sondern „Kleinrussland“ (Μικρὰ Ῥωσία) war das Gebiet der orthodoxen Eparchien auf dem Gebiet der Fürstentümer Galizien-Wolhynien und Turow-Pinsk. Alle anderen Eparchien, einschließlich Kiew, Tschernigow, Smolensk, Nowgorod und Wladimir-Susdal zählten zur großen Rus‘ (Mεγάλη Ῥωσία). Mit dem Ende des Byzantinischen Reiches geriet diese Begrifflichkeit in Vergessenheit. Wobei darauf zu achten ist, dass Rosía im Griechischen jeweils nur mit einem s geschrieben wird! Und das muss auch so sein, wenn man sich auf die Rus‘ bezieht. Sie müßten also – wenn überhaupt – damals von Klein-rus’land sprechen! Nach der Union von Brest war „Kleinrussland“ mit zwei „s“ ein politischer Begriff geworden und bezeichnete alle von Ruthenen bewohnten Gebiete Polen-Litauens, also im Westen, Großrussland war das Zarenreich. Die Parallelisierung mit Großgriechenland kann ich nicht erkennen, es sei denn, sie schrieben Groß-rus‘-land. Nach dem Aufstand von Bohdan Chmelnytski war Kleinrussland das Gebiet seines Hetmanats in der linksufrigen Ukraine (östlich des Dnjepr), also ganz woanders! In der rechtsufrigen Ukraine wurde der Begriff unüblich. Später entwickelte sich die Konzeption des dreieinigen „russischen“ Volkes, bestehend aus Groß‑, Klein- und Belorussen als offizielle und staatsbildende Ideologie im Russischen Kaiserreich und wirkte auch in der Sowjetunion nach. Damit wurde praktisch die heutige Ukraine weitgehend als Kleinrussland bezeichnet. Die prorussischen Separatisten haben schließlich zuguterletzt 2017 in der Ostukraine einen neuen Staat ausgerufen. Die Regionen Donezk und Luhansk sollen künftig zusammen einen Staat namens Malorossija (Kleinrussland) bilden. Damit ist die Verwirrung vollständig.
Seit dem 19. Jahrhundert schwingt im Wort „Kleinrussland“ für die Ukrainer etwas herabsetzendes mit, obwohl ursprünglich tatsächlich keine pejorative Absicht da war. Genau in dieser herabsetzenden Verwendung gebrauchte auch einmal ein Mönch der russ.-orth. Auslandskirche mir gegenüber die Bezeichnung Kleinrussland, und deshalb habe ich das so geschrieben. Er meinte auch die ukrainische Sprache sei bloß ein russischer Dialekt und bezeichnete sie als „Kleinrussisch“.
Noch etwas zum Begriff „Ukraine“. Er bedeutet „Grenzland“, worüber Einigkeit besteht, bezeichnet aber ursprünglich nicht wie Sie schreiben das Grenzgebiet Rußlands zu Polen-Litauen hin! Das ist eben die spätere moskovitische Sicht/Blickrichtung, die allgemein in der westlichen Geschichtsschreibung etabliert wurde und sichtlich weiterwirkt. Der Begriff, erstmals für 1187 bezeugt, bezeichnete ursprünglich die Grenze zwischen seßhafter Besiedelung und der von Nomaden/Reiterhorden bevölkerten Steppe nördlich des Schwazen Meeres, zwischen slawisch-christlicher und turko-tatarischer islamischer Welt. Dabei ging die Blickrichtung durchaus von West nach Ost bzw. Südost. Es war so etwas wie eine Grenz-Mark, so wie das Fürstentum Krain (gleiche Etymologie). Moskau war damals ein unbedeutender Marktflecken mit hölzerner Wehranlage.
Ihr Bezug auf die Sprachentwicklung läßt außer Acht, dass sich die Entwicklung des Ukrainischen ja nicht frei vollziehen konnte. Es gab mehrere Wellen einer bewußten und strengen Russifizierungspolitik in zaristischer und sowjetischer Zeit. Überlebt hat die Sprache nur durch die österr. Monarchie, wo sie in Galizien geschützt war.
In Westeuropa ist die Vorstellung von der Ukraine immer noch stark in Form der von den Russen bestimmten Geschichtsschreibung präsent. Neuere historische Grundlagenforschung, etwa zum Niedergang des Kiewer Reiches und der angeblichen „Verlagerung“ der Rus‘ nach Moskau gibt es erst seit 1989, war vorher dort unmöglich, und ist es auch wieder zuletzt in Russland. Die von Ihnen als „willkürlich“ bezeichnete Grenzziehung der Ukr. SSR hat auf der anderen Seite tatsächlich die vorher auf die Polen, Österreich, Rumänien und das Russ. Reich verteilten Ukrainer in ein gemeinsames Gebilde gebracht.
Nicht außer Acht lassen darf man auch die Tatsache, dass die Stalin’sche Hungersnot Millionen von freien ukrainischen Bauern überwiegend im Zentrum und im Osten der Ukraine getötet hat. In diese Gebiete wurden danach ethnische Russen angesiedelt. Diese waren und sind zunächst natürlich nach Moskau orientiert, fühlten sich nicht als Ukrainer, aber nicht aufgrund alter historischer Entwicklungen. Diese „östlich“ orientierte, von Ihnen als „Groß-Russen“ bezeichnete Bevölkerung betont nicht die Nähe zur „Rus‘ „ sondern zu Moskau und den Moskovitern. Sonst müßte man sie auch richtigerweise „Groß-rus‘en“ oder „Groß-Rusynen“ nennen.
Und die Moskoviter betrachten seit der Zarenzeit und nochmals verstärkt in der Sowjetzeit die Ukraine als immer schon zu Russland gehörige Kolonie ohne jedes Recht auf eigene Identität, weder sprachlich, noch kulturell oder politisch. Diese Haltung prägt auch das gegenwärtige Regime in Moskau zutiefst. Nicht übersehen werden darf auch das neuerdings etablierte großrussische Denken Dugins, das in ganz andere Richtungen geht. Siehe:
https://katholisches.info/2024/05/28/alexander-dugins-nationalbolschewismus-und-der-pfad-der-linken-hand/
Die Bestrebungen nach Unabhängigkeit gab es immer in der Ukraine, sie wurden aber vor allem von den Russen und den Polen verhindert. Man darf auch nicht vergessen, dass die freien Bauern (Kulaken) im Osten die Hauptträger der Weißen Armee waren im Kampf gegen die Enteignung durch die Bolschewiken und die Sowjetisierung von Moskau her. Hätte sie der Westen besser unterstützt, wären die Bolschewiken womöglich besiegt worden und keine Sowjetunion entstanden.
Ich meine, man muss die Begriffe in ihrer heutigen Bedeutungsverwendung sehen. Weiters sind die historischen Veränderungen der letzten hundert Jahre aktuell zu berücksichtigen. Wer heute von Großrussen und Kleinrussen spricht, hat – vielleicht mit Ausnahme von Ihnen – nicht das byzantinische Verständnis im Sinn.
Die Bestrebungen nach eigener Identität gab es lange vor 1914. Sie vernachlässigen völlig, dass die ukrainischen Bräuche, die Haartracht, die Sprache von Katharina II. verboten wurde, unterdrückt wurde. Und nicht zufällig mußte die „Freundschaft“ zwischen ukrainischem und russischem Volk durch ein monumentales Denkmal in Gestalt eines riesigen Bogens in Kiew ideologisch beschworen werden.
Wen Sie mit Groß- und Kleinrussen aktuell dort wirklich meinen, ist mir schleierhaft und es würde sich vermutlich dort niemand finden, der sich so bezeichnen würde. Es wird mir auch nicht durch die (meiner Meinung nach unzutreffenden) Vergleiche mit Kärnten, Oberschlesien und Welschtirol klarer.
Die Bevölkerung orientiert sich vielfach dorthin, wo sie eine bessere Zukunft erwartet. So wurde man in Polen durch den Übertritt zur katholischen Konfession vom Ukrainer zum Polen und hatte alle Aufstiegschancen. Im Zarenreich ging es nicht ohne Russisch um aufzusteigen. Die Ukrainer im Westen und im Osten des Landes denken teilweise unterschiedlich, fühlen sich aber alle als Ukrainer, egal, ob sie Russisch oder Ukrainisch sprechen. Vor dem Krieg haben die Ukrainer im Osten stärker nach Moskau tendiert, weil sie sich von dort mehr erhofften und es ihnen auch sprachlich näher war. Das hat sich inzwischen radikal geändert. Auch im „großrussischen“ Osten der Ukraine wird sich zeigen, ob die Mehrheit nach Moskau orientiert bleiben will. Ich kenne inzwischen sogar ethnische Russen, die sich innerlich vollkommen umorientieren, seitdem ihnen die Moskoviter ihre Stadt und Existenzgrundlage zerbombt haben. Leider sieht es so aus, dass die gegenwärtigen Moskoviter real nicht die Taufe der Rus‘ sondern das Denken von Alexander Dugin bestimmt, das „ gnostisch und esoterisch ist und dessen Theorien eine ideologische, wahnwitzige und teuflische Rechtfertigung für Krieg, Terrorismus und die totale und apokalyptische Verwüstung darstellen.“ (P. Paolo M. Siano, a.a.O.)