Nazir-Ali: Ohne das schiitische Märtyrertum kann man den Iran nicht verstehen

Die Analyse von Edward Pentin


Zum besseren Verständnis der Ereignisse im Nahen Osten sprach Edward Pentin mit dem ehemaligen anglikanischen Bischof und heutigen katholischen Priester Michael Nazir-Ali, einem ausgewiesenen Kenner des Islams.
Zum besseren Verständnis der Ereignisse im Nahen Osten sprach Edward Pentin mit dem ehemaligen anglikanischen Bischof und heutigen katholischen Priester Michael Nazir-Ali, einem ausgewiesenen Kenner des Islams.

Der Vati­kan-Exper­te Edward Pen­tin (EWTN, Natio­nal Catho­lic Regi­ster) greift in sei­ner Ana­ly­se eine The­se von Micha­el Nazir-Ali auf, die west­li­che Ein­schät­zun­gen des Iran grund­le­gend in Fra­ge stellt: Wer die Isla­mi­sche Repu­blik Iran allein poli­tisch oder stra­te­gisch liest, erkennt ihre reli­giö­se Tie­fen­struk­tur nicht. Ent­schei­dend sei viel­mehr eine spe­zi­fisch schii­ti­sche Deu­tung von Leid und Mar­ty­ri­um, die das Han­deln der Füh­rung prägt und ihre Wider­stands­kraft erklärt.
Der ver­kürz­ten Wahr­neh­mung im Westen liegt ein Pro­pa­gan­da­nar­ra­tiv zugrun­de, das dar­auf abzielt, inner­halb der eige­nen Gesell­schaf­ten Unter­stüt­zung für geo­po­li­tisch ris­kan­te Mili­tär­ope­ra­tio­nen zu mobi­li­sie­ren. Ob die­se Poli­tik tat­säch­lich den Inter­es­sen der eige­nen Bevöl­ke­rung dient, ist dabei eine ganz ande­re Frage.

Edward Pen­tin legt sei­ne Ana­ly­se vor, um einem west­li­chen Publi­kum zu hel­fen, kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge bes­ser zu ver­ste­hen und ein­zu­ord­nen. Dies erscheint not­wen­dig, da die Bericht­erstat­tung im Main­stream häu­fig stark ver­kürzt ist und sich erkenn­bar an den poli­ti­schen Lini­en der jewei­li­gen Regie­run­gen ori­en­tiert. Im Vor­der­grund steht dabei weni­ger umfas­sen­de Infor­ma­ti­on als viel­mehr die Her­stel­lung gesell­schaft­li­cher Geschlos­sen­heit hin­ter der Regie­rungs­po­li­tik, selbst wenn es sich um mili­tä­ri­sche Aben­teu­er handelt.

Wie lücken­haft die­ses Nar­ra­tiv ist, zeigt sich beson­ders deut­lich an zen­tra­len Aus­las­sun­gen. Wer seit 2022 über den rus­sisch-ukrai­ni­schen Krieg berich­tet – eigent­lich bereits seit 2014 –, ohne die histo­ri­schen Hin­ter­grün­de zu berück­sich­ti­gen, ver­mit­telt kein voll­stän­di­ges Bild. Dazu gehört etwa die Tat­sa­che, daß die Ukrai­ne durch unter­schied­li­che poli­ti­sche, sprach­li­che, kul­tu­rel­le und teils auch reli­giö­se Prä­gun­gen gekenn­zeich­net ist: West­lich ori­en­tier­te Tei­le der Bevöl­ke­rung (Ukrai­ner) ste­hen öst­lich ori­en­tier­ten Grup­pen (Klein­rus­sen) gegen­über, hin­zu kommt eine bedeu­ten­de groß­rus­si­sche Min­der­heit im Osten und Süden. Wer die­se Aspek­te aus­blen­det, infor­miert nicht neu­tral, son­dern bezieht impli­zit Position.

Ähn­li­ches gilt für die Dar­stel­lung des Kon­flikts zwi­schen den USA/​Israel und dem Iran. Wer uner­wähnt läßt, daß es sich beim Iran über­wie­gend um eine schii­tisch gepräg­te, nicht-ara­bi­sche Gesell­schaft han­delt, wäh­rend die ara­bi­sche Welt mehr­heit­lich sun­ni­tisch ist, und daß zwi­schen die­sen Strö­mun­gen ein tie­fer histo­risch gewach­se­ner Gegen­satz besteht, ver­zich­tet auf eine wesent­li­che Erklä­rungs­ebe­ne. Die­ser Gegen­satz reicht bis in die Früh­zeit des Islam zurück und prägt poli­ti­sche Dyna­mi­ken bis heute.

Vor die­sem Hin­ter­grund erschei­nen auch ver­brei­te­te Annah­men hin­ter­fra­gens­wert, etwa die Behaup­tung, der schii­ti­sche Iran unter­stüt­ze in erheb­li­chem Maße die sun­ni­ti­sche Hamas. Eine sol­che Zuwei­sung funk­tio­niert nur, wenn der Islam als ein­heit­li­cher Block gese­hen wird, was er nicht ist. Tat­säch­lich zeigt sich im aktu­el­len Kon­flikt, daß nur schii­ti­sche Akteu­re den Iran unter­stüt­zen, wäh­rend von sun­ni­ti­schen Grup­pen nichts zu ver­neh­men ist. Gera­de aus den palä­sti­nen­si­schen Gebie­ten – sowohl dem Gaza­strei­fen als auch dem West­jor­dan­land – gibt es bis­her kei­ne erkenn­ba­ren Aktivitäten.

Nun aber zur Ana­ly­se, die Edward Pen­tin, ein exzel­len­ter Jour­nist, im Natio­nal Catho­lic Regi­ster vor­leg­te. Er wand­te sich dazu an Micha­el Nazir-Ali, der selbst einer schii­ti­schen Fami­lie Paki­stans ent­stammt. Sein Vater kon­ver­tier­te zur katho­li­schen Kir­che, erzog den Sohn katho­lisch, der aber im Alter von 20 Jah­ren zum Angli­ka­nis­mus kon­ver­tier­te, nach Groß­bri­tan­ni­en ging, dort hei­ra­te­te, Vater von zwei Söh­nen wur­de, Theo­lo­gie stu­dier­te, 1970 in der Church of Eng­land zum Prie­ster und 1984 zum Bischof ordi­niert wur­de. 2021 kehr­te er im Zuge der inner­an­gli­ka­ni­schen Span­nun­gen in die Ein­heit mit Rom zurück. Sei­ne Bischofs­wür­de ver­lor er dadurch. Einen Monat nach sei­ner offi­zi­el­len Auf­nah­me in die katho­li­sche Kir­che wur­de er zum Dia­kon und zwei Tage spä­ter zum Prie­ster geweiht. Seit­her wirkt er im Per­so­nal­or­di­na­ri­at Unse­rer Lie­ben Frau von Wal­sing­ham in Eng­land, Schott­land und Wales. Vor allem gilt als exzel­len­ter Ken­ner der Geschich­te des Islam. 

Martyrium als religiöse Triebkraft

Micha­el Nazir-Ali argu­men­tiert laut Pen­tin, daß die ira­ni­sche Füh­rung nicht ein­fach tak­tisch agie­re, son­dern aus einem theo­lo­gi­schen Welt­bild her­aus, in dem das Ster­ben für den Glau­ben als Aus­zeich­nung gilt. Die­ses Den­ken erhe­be Leid zu einem Mit­tel gött­li­cher Vor­se­hung. Wört­lich sagt er es: „Ster­ben für den Glau­ben [gilt] als ein Pri­vi­leg, das Got­tes Plä­ne vor­an­bringt und das Kom­men einer gerech­ten Ord­nung beschleunigt.“

Damit erklärt sich aus sei­ner Sicht auch die oft unter­schätz­te Stand­haf­tig­keit des Regimes gegen­über äuße­rem Druck. West­li­che Regie­run­gen lau­fen Gefahr, den Iran falsch ein­zu­schät­zen, wenn sie erwar­ten, mili­tä­ri­scher Druck kön­ne schnell zur Kapi­tu­la­ti­on führen.

Historische Wurzeln: Kerbela und die Imame

Den Ursprung die­ser Hal­tung sieht Nazir-Ali in der schii­ti­schen Erin­ne­rungs­kul­tur, ins­be­son­de­re im Geden­ken an den Tod Hus­s­eins, des Enkels Moham­meds, in derSchlacht von Ker­be­la im Jahr 680. In der Schlacht, was für das Gesamt­ver­ständ­nis des Islams von gro­ßer Bedeu­tung ist, stan­den sich Sun­ni­ten und Schii­ten gegen­über, wobei die Schii­ten unter­la­gen. Der Tod Hus­s­eins und die Nie­der­la­ge der Schii­ten wer­den bis heu­te in ritua­li­sier­ten For­men des Trau­erns und der Selbst­ka­stei­ung ver­ge­gen­wär­tigt. Hin­zu tre­ten die Mär­ty­rer­to­de von Hassan und Ali, die eben­falls zen­tra­le Figu­ren schii­ti­scher Fröm­mig­keit sind. Ali war der Schwie­ger­sohn Moham­meds und gilt den Schii­ten als erster Imam. Hassan, der Sohn Alis und Enkel Moham­meds, war zwei­ter Imam. Bei­de wur­den von Mus­li­men ande­rer Rich­tung getö­tet. Hus­sein, ein wei­te­rer Sohn Alis, soll­te als drit­ter Imam durch­ge­setzt wer­den, was jedoch mit der Nie­der­la­ge in Ker­be­la zunich­te wurde.

Nur im Iran stel­len die Schii­ten die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit und kon­trol­lie­ren zugleich die Staats­füh­rung.
In Aser­bai­dschan machen Schii­ten zwar etwa 70 % der Bevöl­ke­rung aus, der post­so­wje­ti­sche Staat ist jedoch säku­lar, sodaß die poli­ti­sche Macht nicht reli­gi­ös domi­niert wird.
Auch in Bah­rain besteht die Bevöl­ke­rung über­wie­gend aus Schii­ten, doch der poli­ti­sche Ein­fluß ist mini­mal, da das Herr­scher­haus sun­ni­tisch ist.
Im Irak mit einer gro­ßen schii­ti­schen Bevöl­ke­rung haben Schii­ten heu­te regio­na­len Ein­fluß auf die Poli­tik. In Syri­en (Ala­wi­ten) hin­ge­gen wur­den sie weit­ge­hend ver­drängt, nach­dem die USA und Isra­el – unter Mit­wir­kung der sun­ni­ti­schen Ter­ror­mi­liz Isla­mi­scher Staat (IS) – das Assad-Regime gestürzt hat­ten.
Schii­ti­sche Min­der­hei­ten exi­stie­ren dar­über hin­aus in der gesam­ten isla­mi­schen Welt, meist ohne oder nur mit regio­na­lem poli­ti­schen Ein­fluß. Eine Aus­nah­me bil­det der Liba­non, wo die Schii­ten neben Chri­sten, Sun­ni­ten und Dru­sen zwar nur Min­der­heit sind, aber mit der His­bol­lah über einen bewaff­ne­ten Arm ver­fü­gen, der unzwei­fel­haft vom Iran unter­stützt wird, und die auch jetzt mit Angrif­fen auf Isra­el dem Iran zur Sei­te steht.

Über Jahr­hun­der­te der Ver­fol­gung, die die Schii­ten unter den sun­ni­ti­schen Herr­schern erleb­ten, habe sich so ein Ethos her­aus­ge­bil­det, in dem Lei­den nicht nur akzep­tiert, son­dern als geist­lich frucht­bar ange­se­hen wird. Nazir-Ali spricht von einem „ver­an­ker­ten Ver­ständ­nis der Tugend des Lei­dens für den Glau­ben“, das sich deut­lich von tri­um­pha­li­sti­schen Strö­mun­gen im Islam, wie sie die Sun­ni­ten zei­gen, unterscheide.

Politische Instrumentalisierung im Iran

Nach Pen­tins Dar­stel­lung zeigt Nazir-Ali, wie die Füh­rung im Tehe­ran die­se Tra­di­ti­on poli­tisch nutzt. Bereits wäh­rend des Iran-Irak-Krie­ges1 sei­en jun­ge Män­ner mit sym­bo­li­schen „Schlüs­seln zum Para­dies“ in den Kampf geschickt wor­den. Gefal­le­ne sei­en nicht nur betrau­ert, son­dern öffent­lich gefei­ert wor­den – ein Mecha­nis­mus, der indi­vi­du­el­les Leid in kol­lek­ti­ve reli­giö­se Sinn­stif­tung überführt.

Auch die Revo­lu­ti­on von 1979 und ihre Nach­wir­kun­gen wür­den kon­se­quent im Licht die­ser Mär­ty­rer­tra­di­ti­on gedeu­tet, so Nazir-Ali: „Jeder Akt der Repres­si­on, jeder Rück­schlag und jede Schwie­rig­keit“ wer­de in Bezie­hung zu den frü­hen schii­ti­schen Ima­men gesetzt.

Endzeiterwartung und politische Strategie

Ein wei­te­rer zen­tra­ler Punkt ist die im schii­ti­schen Zwöl­fer­glau­ben ver­an­ker­te Erwar­tung der Wie­der­kehr des ver­bor­ge­nen Imams, des Mah­di. Der Name Zwöl­fer­glau­ben kommt daher, daß die Schii­ten an zwölf recht­mä­ßi­ge Ima­me glau­ben, die nach dem Pro­phe­ten Moham­med die reli­giö­se Füh­rung inne­ha­ben. Dem­nach sei nach dem Pro­phe­ten Muham­mad die Füh­rung nicht poli­tisch gewählt, son­dern von Allah bestimmt wor­den. Die Füh­rung lie­ge bei einer Linie von zwölf Ima­men, begin­nend mit dem genann­ten Moham­med-Schwie­ger­sohn Ali ibn Abi Talib. Sei­ne zwei Nach­fol­ger wur­den bereits genannt, auf die wei­te­re Fami­li­en­mit­glie­der folg­ten. Die Beson­der­heit liegt dar­in, daß nach dem Glau­ben der Zwöl­fer­schii­ten der 12. Imam Muham­mad al-Mah­di nicht gestor­ben sei, son­dern seit dem Jahr 941 in der „Gro­ßen Ver­bor­gen­heit“ lebe. Er wer­de am Ende der Zei­ten zurück­keh­ren. Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler sehen dar­in eine sehr deut­li­che, wenn auch ver­zerr­te Anleh­nung an den christ­li­chen Glau­ben von der Wie­der­kunft Chri­sti. Die Ima­me gel­ten den Schii­ten als unfehl­ba­re reli­giö­se Auto­ri­tä­ten. Sie sind zen­tra­le Vor­bil­der für Glau­ben, Moral und Aus­le­gung des Islam.

Die­se Hoff­nung auf die Wie­der­kehr des Mah­di hat, laut Nazir-Ali, kon­kre­te poli­ti­sche Impli­ka­tio­nen. Ein ira­ni­scher Mini­ster habe ihm erklärt, die Außen­po­li­tik des Lan­des sei vom Kampf für die Unter­drück­ten geprägt, „weil ein sol­cher Kampf die Rück­kehr des Mah­di und sei­ne Herr­schaft der Gerech­tig­keit beschleunigt“.

Selbst mas­sen­haf­ter Tod wer­de in die­sem Kon­text reli­gi­ös auf­ge­la­den, denn auch er kön­ne das Kom­men des Mah­di eher beschleu­ni­gen als verhindern.

Innenpolitische Widersprüche

Pen­tin ver­schweigt nicht, daß Nazir-Ali zugleich auf die Dis­kre­panz zwi­schen die­sem Gerech­tig­keits­an­spruch und der Rea­li­tät im Iran hin­weist. Die reli­giö­se Rhe­to­rik ste­he „in einem Span­nungs­ver­hält­nis“ zur Unter­drückung der eige­nen Bevöl­ke­rung durch das Mul­lah-Regime, ins­be­son­de­re reli­giö­ser Min­der­hei­ten wie Chri­sten. Die christ­li­chen Kon­fes­sio­nen, die histo­risch im Land vor­han­den waren, sind offi­zi­ell aner­kannt und kön­nen ihren Kul­tus frei prak­ti­zie­ren, aller­dings nicht in der Öffent­lich­keit. Vor allem ist jede Form der Mis­si­on unter­sagt. Die nicht-histo­ri­schen Kon­fes­sio­nen, vor allem der Pro­te­stan­tis­mus und die evan­ge­li­ka­len Frei­kir­chen US-ame­ri­ka­ni­scher Prä­gung, wer­den nicht aner­kannt und bekämpft. Der Iran warf den USA mehr­fach vor, Agen­ten getarnt als pro­te­stan­ti­sche Pre­di­ger ins Land zu schleu­sen. Para­mi­li­tä­ri­sche Grup­pen wie die Basij hät­ten die Mär­ty­rer­idee über­nom­men und nutz­ten sie auch nach innen zur Legi­ti­ma­ti­on von Gewalt, so Nazir-Ali.

Warnung an den Westen

Die zen­tra­le Schluß­fol­ge­rung ist eine stra­te­gi­sche War­nung des ehe­ma­li­gen angli­ka­ni­schen Bischofs und heu­ti­gen katho­li­schen Prie­sters: Der Westen dür­fe Irans Dro­hun­gen nicht als blo­ßen Bluff oder „typisch mor­gen­län­di­sche“ Redens­art inter­pre­tie­ren, son­dern müs­se sie als „tief in der schii­ti­schen Psy­cho­lo­gie ver­wur­zelt“ verstehen.

Ein mög­li­cher Sturz des Regimes wür­de nach die­ser Logik nicht auto­ma­tisch Sta­bi­li­tät brin­gen. Viel­mehr sei mit lang­an­hal­ten­dem Wider­stand zu rech­nen: Rück­zug, Exil und Gue­ril­la­kampf könn­ten als Fort­set­zung des lei­dens­be­rei­ten Glau­bens gedeu­tet werden.

Zugleich skiz­ziert Nazir-Ali zwei Sze­na­ri­en: Über­lebt das Regime, wer­de dies als gött­li­che Bestä­ti­gung inter­pre­tiert – mit der Fol­ge noch stär­ke­rer Geschlos­sen­heit, Sta­bi­li­tät und auch Repres­si­on gegen Kri­ti­ker. Kommt es zum Umbruch, müß­ten früh­zei­tig zivi­le Struk­tu­ren auf­ge­baut wer­den, um ein Macht­va­ku­um wie im Irak oder Liby­en zu vermeiden.

Ausblick

Trotz sei­ner kri­ti­schen Ana­ly­se sieht Nazir-Ali laut Pen­tin auch Chan­cen für einen Wan­del. Vie­le Ira­ner könn­ten an einem neu­en poli­ti­schen System mit­wir­ken. Die­ses müs­se jedoch „in der alten Zivi­li­sa­ti­on des Irans ver­wur­zelt sein“, um trag­fä­hig zu sein. Wäh­rend die mei­sten ara­bi­schen (sun­ni­ti­schen) Staa­ten von den Angel­sach­sen mit weit­ge­hend will­kür­li­chen Gren­zen auf die Land­kar­te gezeich­net wur­den, han­delt es sich beim Iran, dem alten Per­si­en, um ein altes Staats­ge­bil­de, das auf eine über drei­tau­send­jäh­ri­ge Geschich­te und Kul­tur zurück­blicken könne.

Die Stär­ke von Pen­tins Dar­stel­lung liegt dar­in, die­se reli­giö­se Dimen­si­on nicht als Rand­aspekt, son­dern als Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis ira­ni­scher Poli­tik her­aus­zu­ar­bei­ten – und damit eine Per­spek­ti­ve zu bie­ten, die in west­li­chen Debat­ten oft unter­schätzt wird. Auch dif­fe­ren­ziert er, was vie­le Main­stream-Dar­stel­lun­gen nicht tun, die nicht ein­mal die tie­fen Unter­schie­de im Islam zwi­schen Sun­ni­ten und Schii­ten erwähnen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: NCR (Screen­shot)


  1. Der Iran-Irak-Krieg dau­er­te von 1980 bis 1988 und war ein Stell­ver­tre­ter­krieg der USA. Nach­dem durch die Isla­mi­sche Revo­lu­ti­on 1979 die USA und Isra­el aus dem Iran ver­drängt wor­den waren, rüste­ten sie Sad­dam Hus­sein (einen Sun­ni­ten) im Irak auf und manö­vrier­ten ihn in einen Krieg gegen den Iran, der aber dem Angriff stand­hielt. Sad­dam Hus­sein soll­te spä­ter selbst zu einem Pro­blem für die USA und Isra­el wer­den, aber das ist ein ande­res Kapi­tel, ver­gleich­bar dem der israe­li­schen För­de­rung der Hamas in ihrer Früh­pha­se, um einen Gegen­part zur PLO zu haben und das palä­sti­nen­si­che Lager zu spal­ten. Ein wei­te­res schmut­zi­ges Kapi­tel sui gene­ris in die­sem geo­po­li­ti­schen Macht­spiel, in dem von den USA/​Israel Stell­ver­tre­ter auf­ge­baut und in den Kampf geschickt wer­den, ist Al Qai­da, spä­ter bekannt als Isla­mi­scher Staat (IS). ↩︎

7 Kommentare

  1. Das Pro­blem im sog. Westen ist, daß man die Reli­gi­on völ­lig bei­sei­te schiebt im Hin­blick der Ana­ly­se und Bewer­tung eines Landes/​Volkes. So auch im Fal­le Irans. Der heu­ti­ge Iran war schon min­de­stens ein gutes Stück weit vor der isla­mi­schen Erobe­rung christ­lich gewe­sen- das war nach­weis­lich der Fall. Und im eigent­li­chen Chri­sten­tum, was nichts mit well­ness zu tun hat, ist der Opfer­ge­dan­ke sehr wesent­lich. Von daher läßt sich die­se Mär­ty­rer­ver­eh­rung bei den Ira­nern aus katho­li­scher Sicht gut erklä­ren. Das ist mit Sicher­heit ein vor­is­la­misch christ­li­ches Erbe. Und die 12 Ima­me erin­nern ganz augen­fäl­lig an die 12 Apo­stel. Auch das vor­christ­li­che Erbe der Per­ser, die Reli­gi­on des Zara­thu­stra dür­fe nach wie vor eine gewis­se Rol­le im Den­ken und Leben der Ira­ner spie­len. Auch heu­te gibt es die­se Reli­gi­on dort noch, die von einem Kampf zwi­schen Gut und Böse aus­geht an deren Ende ein Ret­ter, der Sao­schyant, auf­tre­ten werde. 

    Was das Ver­hält­nis zu den Juden anbe­langt, gab es etwa 1000 Jah­re lang eine gute Freund­schaft- min­de­stens seit dem Dekret des per­si­schen Königs Kyrus, daß die exi­lier­ten Juden wie­der heim­keh­ren und den Tem­pel auf­bau­en konn­ten nach der baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft. Aber die­se Freund­schaft ist wohl nach der Isla­mi­sie­rung Per­si­ens zer­bro­chen und, gera­de weil bei­de Völ­ker mal so eng ver­bun­den waren, zu einer Tod­feind­schaft geworden.
    Von den alten Grie­chen wur­den die Per­ser als Bedro­hung gese­hen. Alex­an­der der Gro­ße erober­te dann bekannt­lich das gesam­te groß­per­si­sche Reich. Kai­ser Karl der Gro­ße pfleg­te gute Bezie­hun­gen zum per­si­schen Königs­hof. Für Euro­pa ist eine poli­ti­sche Abwä­gung zwi­schen Israe­lis und Ira­nern ziem­lich schwie­rig. Es war von Isra­el und den USA (Prä­si­dent Trump) ein Feh­ler, gera­de an einem Sab­bat den Iran anzu­grei­fen, nach­dem man im Som­mer 2025 ver­kün­de­te, das ira­ni­sche Atom­pro­gramm sei gestoppt wor­den. Jetzt ist die Not groß.

  2. Ich kom­me immer wie­der ger­ne auf Niko­laus von Kusa zurück, der nach jah­re­lan­ger Nach­for­schung sein Werk über den Alchoran ver­faßt hat. Cus­a­nus kam zu dem Schluß, Mahom­med sei als nesto­ria­ni­scher Christ gestor­ben. Man kann des­halb davon aus­ge­hen, daß es sich bei den 12 Ima­nen um die zwölf Apo­stel han­delt und bei dem ver­bor­ge­nen Iman um den im alten Testa­ment erwar­te­ten Mes­si­as. Nun war Mahom­med zuerst von einem nesto­ria­ni­schen Mönch zum wah­ren Glau­ben bekehrt und getauft wor­den. In einer Höh­len­vi­si­on trat dann ein Engel zu ihm, und sag­te fol­gen­de Wor­te: „Trag vor im Namen dei­nes Herrn, der erschaf­fen hat!“ Spä­ter hat man dann alle Visio­nen auf den Erz­engel Gabri­el (Gibril) bezo­gen. Die Wor­te des Engels in der ersten Visi­on ent­spre­chen der Art, wie Gabri­el sich mit­teilt, der ja in der Gegen­wart immer noch wirkt. Als Christ hat nach der Legen­de Mahom­med die Abgöt­ter in Mek­ka zer­stört. Nun schreibt Cus­a­nus von meh­re­ren schlech­ten Juden, die an Mahom­med her­an­ge­tre­ten sind und sein Den­ken ver­dreht haben. Eine Tra­gö­die, daß der Pro­phet nicht selbst lesen konn­te. Die schrift­li­che Nie­der­le­gung der Leh­ren erfolg­te erst Jahr­zehn­te nach dem Tod des Pro­phe­ten. Ein gewis­ser Anteil der Schrift ist dem­nach redak­tio­nell bedingt. Cus­a­nus fand im 15. Jahr­hun­dert eben­falls her­aus, daß der ori­gi­na­le Alchoran the­ma­tisch geord­net war und in einer spä­te­ren Bear­bei­tung die Rei­hen­fol­ge der Suren ver­än­dert wor­den ist, so daß der ursprüng­li­che Zusam­men­hang nicht mehr gege­ben ist. Cus­a­nus hat ver­sucht, die ech­te Leh­re aus dem Alchoran her­zu­lei­ten und fand dar­in einen Aus­druck der wah­ren Leh­re des Evan­ge­li­ums. Auch fand er erheb­li­che Wider­sprü­che in der Argu­men­ta­ti­on. Mei­ne Fri­seu­rin, gebür­ti­ge Mus­li­min, glaubt mit ihrer gesam­ten Fami­lie an Jesus Chri­stus und bezieht ihren Glau­bens­ur­sprung auf den Koran. 

    Wenn nun die spä­te­re Ent­wick­lung um Ali und Hus­sein betrach­tet wird, ergibt sich eine ziem­li­che Unei­nig­keit. Was wir heu­te sehen, ist eine Art Rück­schritt in Zei­ten des spä­ten 7. Jahr­hun­derts, als die­ser Kon­flikt statt­fand. Dawi­schen stand eine lan­ge kul­tu­rel­le Hoch­zeit des Islam. Es waren die Per­ser, die uns vie­le Schrif­ten der grie­chi­schen Phi­lo­so­phen geret­tet und über­lie­fert haben. Undenk­bar, daß aus einer grie­chisch gepräg­ten Kul­tur eine Mär­ty­rer­ideo­lo­gie ent­springt. Das sind Ansich­ten, die sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen. Nun lau­te­te die erste Offen­ba­rung: „Trag vor im Namen dei­nes Herrn, der erschaf­fen hat!“ Heu­te wird aber gesagt, Gott sei groß. Das kann nicht sein, weil die christ­lich-jüdi­sche Prä­gung Mahom­meds den ewi­gen unbe­grenz­ten Gott annimmt. Per­si­en hat­te im 7. Jahr­hun­dert zwei wich­ti­ge reli­giö­se Aus­rich­tun­gen. Ein­mal die alte Leh­re des Zara­thu­stra und dann die des Mani, der dem Zara­thu­stra nicht wider­spricht. Zara­thu­stra will das Leid in Fröh­lich­keit umwan­deln. Mani spricht bei Leid von einem Zustand der Fin­ster­nis. Nietz­sche hat sich aus­ge­hend von Zara­thu­stra schließ­lich ver­irrt. Er sah das Leid als ein Vehi­kel zur Macht. Daß Nietz­sche in völ­li­ger gei­sti­ger Umnach­tung starb, kann als Zei­chen gese­hen wer­den. Ich den­ke, es ist genü­gend erkenn­bar, daß der Gedan­ke des Lei­des als Teil der alten per­si­schen Kul­tur nicht dem ent­spricht, was gegen­wär­tig pro­pa­giert wird. Viel­mehr zeigt sich eine Ideo­lo­gie des Feind­bil­des. Hier gibt es zwei Sicht­wei­sen. Die einen mei­nen, ihnen gehö­re das hei­li­ge Land. Die ande­ren wol­len Tod für Israel. 

    Was nie­mand im Westen beach­tet, ist, daß es sich bei den Juden um Got­tes aus­er­wähl­tes Volk han­delt und Isra­el das Land der Ver­hei­ßung ist. Sowas wird dann als zio­ni­sti­sche Ideo­lo­gie abge­tan, obwohl es dem Wort Got­tes in der Bibel ent­spricht. Gestern hat die Regie­rung von Ugan­da bekannt­ge­ge­ben, falls Isra­el in Bedrän­gins gera­te, wür­de Ugan­da an Sei­ten Isra­els in den Krieg zie­hen. Es scheint, wenig­stens dort hat man es verstanden.

  3. Die Erklä­rung von „Groß­rus­sen und Klein­rus­sen“ in dem Arti­kel ist falsch. Damit wer­den aus Rus­si­scher-/Mos­kau­er Sicht nicht die „öst­lich ori­en­tier­ten Grup­pen“ der Rus­sen bezeich­net, son­dern die eth­ni­schen Ukrai­ner als sol­che, egal wo. An die­ser Begriff­lich­keit sieht man, wer sich als „Her­ren­volk“ betrach­tet (GROSS-Rus­sen) und wer als Knecht ein­ge­ord­net wird (KLEIN-Rus­sen).

    • Dem liegt ein Miß­ver­ständ­nis zugrun­de: Die Unter­schei­dung zwi­schen Klein-Rus (Mikrá Rhōs­sía, ent­spre­chend den Klein­rus­sen als Bewoh­ner) und Groß-Rus (Megá­lē Rhōs­sía, ent­spre­chend den Groß­rus­sen) geht bereits auf das Mit­tel­al­ter zurück und wur­de zuerst im Byzan­ti­ni­schen Reich, durch Gelehr­te und vor allem im kirch­li­chen Kon­text durch das Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel, ver­wen­det. Dabei lag kei­ner­lei Wer­tung von „höher-“ oder „min­der­wer­tig“ zugrunde.

      „Klein“ bedeu­te­te nicht weni­ger wich­tig, son­dern Kerngebiet;
      „Groß“ bedeu­te­te nicht wich­ti­ger, son­dern aus­ge­dehnt bzw. peripher.

      Dies bezog sich auf Kiew als das ursprüng­li­che Zen­trum der Rus (Kie­wer Rus) und auf die umlie­gen­den, sich spä­ter ent­wickeln­den Gebie­te. Ein pas­sen­der histo­ri­scher Ver­gleich ist Sizi­li­en, das einst „Groß­grie­chen­land“ (Magna Grae­cia) genannt wur­de – nicht weil es grö­ßer oder bedeu­ten­der als Grie­chen­land war, son­dern aus der Per­spek­ti­ve von Kern­land und Peri­phe­rie, bzw. älte­rem und jün­ge­rem Gebiet.

      Kiew war das ursprüng­li­che Zen­trum der Rus, bis die Mon­go­len das Reich zer­stör­ten. In der Fol­ge ent­wickel­ten sich aus den ver­blie­be­nen Resten das, was wir heu­te als Rus­sen und Ukrai­ner ken­nen, im Zuge der Befrei­ung vom mon­go­li­schen Joch aus­ein­an­der, weil der west­li­che Teil der Rus unter litau­isch-pol­ni­sche Kon­trol­le geriet. Die spä­te­re Eigen­staat­lich­keit „Ukrai­ne“ (das Wort bedeu­tet Grenz­ge­biet, kon­kret Grenz­ge­biet Ruß­lands, und bezog sich histo­risch im Plu­ral auf öst­lich des Dnjepr gele­ge­ne Gebie­te, dort, wo frü­her die Gren­ze zwi­schen dem rus­si­schen und dem pol­nisch-litau­isch kon­trol­lier­ten Teil der Rus lag) wur­de im Ersten Welt­krieg mit eigen­nüt­zi­ger Unter­stüt­zung der Mit­tel­mäch­te ermög­licht – und mani­fe­stiert sich heu­te zwi­schen Mos­kau und Kiew lei­der in offe­ner Feindschaft.

      Dies ändert jedoch nichts dar­an, daß auf dem heu­ti­gen Staats­ge­biet der Ukrai­ne – deren Gren­zen vor rund hun­dert Jah­ren sehr will­kür­lich gezo­gen wur­den – wei­ter­hin vie­le (Groß-)Russen leben. Für das Ver­ständ­nis der heu­ti­gen Situa­ti­on ist jedoch beson­ders wich­tig: Das eigent­li­che Staats­volk der Ukrai­ne läßt sich men­ta­li­täts­mä­ßig und im Selbst­ver­ständ­nis in zwei Groß­grup­pen unterteilen:

      Eine west­lich ori­en­tier­te Bevöl­ke­rung, die auf Eigen­stän­dig­keit pocht – ver­nünf­ti­ger­wei­se als Ukrai­ner bezeichnet.
      Eine öst­lich ori­en­tier­te Bevöl­ke­rung, die die histo­ri­sche Ver­bun­den­heit aller Rus betont – zur bes­se­ren Unter­schei­dung kann hier der histo­ri­sche Begriff Klein­rus­sen ver­wen­det wer­den, der deut­lich älter ist als die moder­ne Bezeich­nung „Ukrai­ner“.

      Histo­ri­sche Par­al­le­len fin­den sich auch in ande­ren Regio­nen Europas:

      Ober­schle­si­en vor 1918: Was­ser­po­len, Slon­zaken und Polen
      Kärn­ten: Win­di­sche und Slowenen
      Ita­lie­ni­sches Tirol: Welsch­ti­ro­ler und Trentiner

      Was die gene­rel­le Aus­ein­an­der­be­we­gung anbe­langt, eig­net sich der Ver­gleich zwi­schen Deut­schen und Nie­der­län­dern. Letz­te­re sind auch Deut­sche (Nie­der­deut­sche, Dutch; sie sel­ber nann­ten sich Diets oder Duuts, eben Deut­sche). Durch die refor­ma­ti­ons­be­ding­te Eigen­staat­lich­keit am Beginn der Neu­zeit bau­ten sie, da Recht­schrei­bung und Gram­ma­tik ins­ge­samt noch nicht fixiert waren, ihre nie­der­deut­sche Mund­art (haupt­säch­lich Nie­der­rhein­frän­kisch) zur eige­nen Hoch­spra­che aus. Genau die­sen Pro­zeß erlebt das Ukrai­ni­sche gegen­über dem Russischen.

      Beson­ders wich­tig: Die Idee einer ukrai­ni­schen Eigen­staat­lich­keit ent­stand erst sehr spät. Erst­mals wur­de sie im August 1914 von dem in Tri­est gebo­re­nen öster­rei­chi­schen Kon­sul Ema­nu­el Urbas vor­ge­schla­gen, um die Macht Ruß­lands (das Zaren­reich war Kriegs­geg­ner im kurz zuvor begon­ne­nen Ersten Welt­krieg) zu bre­chen, indem man eine freie Ukrai­ne bis zum Don schaf­fen soll­te, die poli­tisch lose an Österreich‑Ungarn ange­schlos­sen wäre. Mit Ost­ga­li­zi­en gehör­te der katho­lisch gepräg­te Teil der west­li­chen Rus zu Öster­reich. Die­ses Gebiet (Ein­fluß­zo­ne) soll­te nach Osten erwei­tert werden.

      Spä­te­stens durch den Krieg ist die spä­te Nati­ons­wer­dung der Ukrai­ne defi­ni­tiv voll­zo­gen. Da gibt es kei­nen Weg zurück mehr. Aller­dings ist das Bild irrig, die Gren­zen der heu­ti­gen Ukrai­ne, wür­den das Gebiet der Ukrai­ner (also den men­ta­li­täts­mä­ßig von Ruß­land abge­kop­pel­ten Teil mei­nen). Da sind noch die Groß­rus­sen und die Klein­rus­sen, die eben mit­re­den wol­len und die ver­hin­dern wol­len, daß ihre Gebie­te Teil die­ses nicht nur west­lich ori­en­tier­ten, son­dern anti­rus­sisch aus­ge­rich­te­ten Staa­tes Ukrai­ne wer­den. Die katho­li­schen Süd­pro­vin­zen der Nie­der­lan­de woll­ten auch nie zu den refor­mier­ten Generalstaaten.

  4. Eine Klei­nig­keit dazu, die ukrai­ni­schen Schrift­stel­ler haben auf rus­sisch geschrieben.

  5. Vie­len Dank für Ihren aus­führ­li­chen Kom­men­tar zu mei­nem Kom­men­tar! Aller­dings muss ich mei­ner­seits dar­auf noch­mals antworten.
    Es ist immer pro­ble­ma­tisch Begrif­fe zu ver­wen­den, die im Lauf der Geschich­te ihre Bedeu­tung ver­än­dert haben, bzw. ganz unter­schied­lich ver­wen­det wur­den. Im Fal­le der „Klein­rus­sen“ ist das so. Die­ser Begriff stammt zwar ursprüng­lich aus dem kirch­li­chen-byzan­ti­ni­schen Kon­text, bezeich­ne­te dort aber nicht Kern­ge­biet im Gegen­satz zur Peri­phe­rie, son­dern „Klein­russ­land“ (Μικρὰ Ῥωσία) war das Gebiet der ortho­do­xen Epar­chien auf dem Gebiet der Für­sten­tü­mer Gali­zi­en-Wol­hy­ni­en und Tur­ow-Pin­sk. Alle ande­ren Epar­chien, ein­schließ­lich Kiew, Tscher­ni­gow, Smo­lensk, Now­go­rod und Wla­di­mir-Sus­dal zähl­ten zur gro­ßen Rus‘ (Mεγάλη Ῥωσία). Mit dem Ende des Byzan­ti­ni­schen Rei­ches geriet die­se Begriff­lich­keit in Ver­ges­sen­heit. Wobei dar­auf zu ach­ten ist, dass Rosía im Grie­chi­schen jeweils nur mit einem s geschrie­ben wird! Und das muss auch so sein, wenn man sich auf die Rus‘ bezieht. Sie müß­ten also – wenn über­haupt – damals von Klein-rus’land spre­chen! Nach der Uni­on von Brest war „Klein­russ­land“ mit zwei „s“ ein poli­ti­scher Begriff gewor­den und bezeich­ne­te alle von Ruthe­nen bewohn­ten Gebie­te Polen-Litau­ens, also im Westen, Groß­russ­land war das Zaren­reich. Die Par­al­le­li­sie­rung mit Groß­grie­chen­land kann ich nicht erken­nen, es sei denn, sie schrie­ben Groß-rus‘-land. Nach dem Auf­stand von Boh­dan Chmel­nyt­ski war Klein­russ­land das Gebiet sei­nes Hetm­ana­ts in der linksuf­ri­gen Ukrai­ne (öst­lich des Dnjepr), also ganz woan­ders! In der rechtsuf­ri­gen Ukrai­ne wur­de der Begriff unüb­lich. Spä­ter ent­wickel­te sich die Kon­zep­ti­on des drei­ei­ni­gen „rus­si­schen“ Vol­kes, bestehend aus Groß‑, Klein- und Bel­o­rus­sen als offi­zi­el­le und staats­bil­den­de Ideo­lo­gie im Rus­si­schen Kai­ser­reich und wirk­te auch in der Sowjet­uni­on nach. Damit wur­de prak­tisch die heu­ti­ge Ukrai­ne weit­ge­hend als Klein­russ­land bezeich­net. Die pro­rus­si­schen Sepa­ra­ti­sten haben schließ­lich zugu­ter­letzt 2017 in der Ost­ukrai­ne einen neu­en Staat aus­ge­ru­fen. Die Regio­nen Donezk und Luhansk sol­len künf­tig zusam­men einen Staat namens Mal­oros­si­ja (Klein­russ­land) bil­den. Damit ist die Ver­wir­rung vollständig.
    Seit dem 19. Jahr­hun­dert schwingt im Wort „Klein­russ­land“ für die Ukrai­ner etwas her­ab­set­zen­des mit, obwohl ursprüng­lich tat­säch­lich kei­ne pejo­ra­ti­ve Absicht da war. Genau in die­ser her­ab­set­zen­den Ver­wen­dung gebrauch­te auch ein­mal ein Mönch der russ.-orth. Aus­lands­kir­che mir gegen­über die Bezeich­nung Klein­russ­land, und des­halb habe ich das so geschrie­ben. Er mein­te auch die ukrai­ni­sche Spra­che sei bloß ein rus­si­scher Dia­lekt und bezeich­ne­te sie als „Klein­rus­sisch“.
    Noch etwas zum Begriff „Ukrai­ne“. Er bedeu­tet „Grenz­land“, wor­über Einig­keit besteht, bezeich­net aber ursprüng­lich nicht wie Sie schrei­ben das Grenz­ge­biet Ruß­lands zu Polen-Litau­en hin! Das ist eben die spä­te­re mosko­vi­ti­sche Sicht/​Blickrichtung, die all­ge­mein in der west­li­chen Geschichts­schrei­bung eta­bliert wur­de und sicht­lich wei­ter­wirkt. Der Begriff, erst­mals für 1187 bezeugt, bezeich­ne­te ursprüng­lich die Gren­ze zwi­schen seß­haf­ter Besie­de­lung und der von Nomaden/​Reiterhorden bevöl­ker­ten Step­pe nörd­lich des Schwa­zen Mee­res, zwi­schen sla­wisch-christ­li­cher und tur­ko-tata­ri­scher isla­mi­scher Welt. Dabei ging die Blick­rich­tung durch­aus von West nach Ost bzw. Süd­ost. Es war so etwas wie eine Grenz-Mark, so wie das Für­sten­tum Krain (glei­che Ety­mo­lo­gie). Mos­kau war damals ein unbe­deu­ten­der Markt­flecken mit höl­zer­ner Wehranlage.
    Ihr Bezug auf die Sprach­ent­wick­lung läßt außer Acht, dass sich die Ent­wick­lung des Ukrai­ni­schen ja nicht frei voll­zie­hen konn­te. Es gab meh­re­re Wel­len einer bewuß­ten und stren­gen Rus­si­fi­zie­rungs­po­li­tik in zari­sti­scher und sowje­ti­scher Zeit. Über­lebt hat die Spra­che nur durch die österr. Mon­ar­chie, wo sie in Gali­zi­en geschützt war.
    In West­eu­ro­pa ist die Vor­stel­lung von der Ukrai­ne immer noch stark in Form der von den Rus­sen bestimm­ten Geschichts­schrei­bung prä­sent. Neue­re histo­ri­sche Grund­la­gen­for­schung, etwa zum Nie­der­gang des Kie­wer Rei­ches und der angeb­li­chen „Ver­la­ge­rung“ der Rus‘ nach Mos­kau gibt es erst seit 1989, war vor­her dort unmög­lich, und ist es auch wie­der zuletzt in Russ­land. Die von Ihnen als „will­kür­lich“ bezeich­ne­te Grenz­zie­hung der Ukr. SSR hat auf der ande­ren Sei­te tat­säch­lich die vor­her auf die Polen, Öster­reich, Rumä­ni­en und das Russ. Reich ver­teil­ten Ukrai­ner in ein gemein­sa­mes Gebil­de gebracht.
    Nicht außer Acht las­sen darf man auch die Tat­sa­che, dass die Stalin’sche Hun­gers­not Mil­lio­nen von frei­en ukrai­ni­schen Bau­ern über­wie­gend im Zen­trum und im Osten der Ukrai­ne getö­tet hat. In die­se Gebie­te wur­den danach eth­ni­sche Rus­sen ange­sie­delt. Die­se waren und sind zunächst natür­lich nach Mos­kau ori­en­tiert, fühl­ten sich nicht als Ukrai­ner, aber nicht auf­grund alter histo­ri­scher Ent­wick­lun­gen. Die­se „öst­lich“ ori­en­tier­te, von Ihnen als „Groß-Rus­sen“ bezeich­ne­te Bevöl­ke­rung betont nicht die Nähe zur „Rus‘ „ son­dern zu Mos­kau und den Mosko­vi­tern. Sonst müß­te man sie auch rich­ti­ger­wei­se „Groß-rus‘en“ oder „Groß-Rusyn­en“ nennen.
    Und die Mosko­vi­ter betrach­ten seit der Zaren­zeit und noch­mals ver­stärkt in der Sowjet­zeit die Ukrai­ne als immer schon zu Russ­land gehö­ri­ge Kolo­nie ohne jedes Recht auf eige­ne Iden­ti­tät, weder sprach­lich, noch kul­tu­rell oder poli­tisch. Die­se Hal­tung prägt auch das gegen­wär­ti­ge Regime in Mos­kau zutiefst. Nicht über­se­hen wer­den darf auch das neu­er­dings eta­blier­te groß­rus­si­sche Den­ken Dug­ins, das in ganz ande­re Rich­tun­gen geht. Siehe:
    https://​katho​li​sches​.info/​2​0​2​4​/​0​5​/​2​8​/​a​l​e​x​a​n​d​e​r​-​d​u​g​i​n​s​-​n​a​t​i​o​n​a​l​b​o​l​s​c​h​e​w​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​d​e​r​-​p​f​a​d​-​d​e​r​-​l​i​n​k​e​n​-​h​a​nd/
    Die Bestre­bun­gen nach Unab­hän­gig­keit gab es immer in der Ukrai­ne, sie wur­den aber vor allem von den Rus­sen und den Polen ver­hin­dert. Man darf auch nicht ver­ges­sen, dass die frei­en Bau­ern (Kula­ken) im Osten die Haupt­trä­ger der Wei­ßen Armee waren im Kampf gegen die Ent­eig­nung durch die Bol­sche­wi­ken und die Sowje­ti­sie­rung von Mos­kau her. Hät­te sie der Westen bes­ser unter­stützt, wären die Bol­sche­wi­ken womög­lich besiegt wor­den und kei­ne Sowjet­uni­on entstanden.
    Ich mei­ne, man muss die Begrif­fe in ihrer heu­ti­gen Bedeu­tungs­ver­wen­dung sehen. Wei­ters sind die histo­ri­schen Ver­än­de­run­gen der letz­ten hun­dert Jah­re aktu­ell zu berück­sich­ti­gen. Wer heu­te von Groß­rus­sen und Klein­rus­sen spricht, hat – viel­leicht mit Aus­nah­me von Ihnen – nicht das byzan­ti­ni­sche Ver­ständ­nis im Sinn.
    Die Bestre­bun­gen nach eige­ner Iden­ti­tät gab es lan­ge vor 1914. Sie ver­nach­läs­si­gen völ­lig, dass die ukrai­ni­schen Bräu­che, die Haar­tracht, die Spra­che von Katha­ri­na II. ver­bo­ten wur­de, unter­drückt wur­de. Und nicht zufäl­lig muß­te die „Freund­schaft“ zwi­schen ukrai­ni­schem und rus­si­schem Volk durch ein monu­men­ta­les Denk­mal in Gestalt eines rie­si­gen Bogens in Kiew ideo­lo­gisch beschwo­ren werden.
    Wen Sie mit Groß- und Klein­rus­sen aktu­ell dort wirk­lich mei­nen, ist mir schlei­er­haft und es wür­de sich ver­mut­lich dort nie­mand fin­den, der sich so bezeich­nen wür­de. Es wird mir auch nicht durch die (mei­ner Mei­nung nach unzu­tref­fen­den) Ver­glei­che mit Kärn­ten, Ober­schle­si­en und Welsch­ti­rol klarer.
    Die Bevöl­ke­rung ori­en­tiert sich viel­fach dort­hin, wo sie eine bes­se­re Zukunft erwar­tet. So wur­de man in Polen durch den Über­tritt zur katho­li­schen Kon­fes­si­on vom Ukrai­ner zum Polen und hat­te alle Auf­stiegs­chan­cen. Im Zaren­reich ging es nicht ohne Rus­sisch um auf­zu­stei­gen. Die Ukrai­ner im Westen und im Osten des Lan­des den­ken teil­wei­se unter­schied­lich, füh­len sich aber alle als Ukrai­ner, egal, ob sie Rus­sisch oder Ukrai­nisch spre­chen. Vor dem Krieg haben die Ukrai­ner im Osten stär­ker nach Mos­kau ten­diert, weil sie sich von dort mehr erhoff­ten und es ihnen auch sprach­lich näher war. Das hat sich inzwi­schen radi­kal geän­dert. Auch im „groß­rus­si­schen“ Osten der Ukrai­ne wird sich zei­gen, ob die Mehr­heit nach Mos­kau ori­en­tiert blei­ben will. Ich ken­ne inzwi­schen sogar eth­ni­sche Rus­sen, die sich inner­lich voll­kom­men umori­en­tie­ren, seit­dem ihnen die Mosko­vi­ter ihre Stadt und Exi­stenz­grund­la­ge zer­bombt haben. Lei­der sieht es so aus, dass die gegen­wär­ti­gen Mosko­vi­ter real nicht die Tau­fe der Rus‘ son­dern das Den­ken von Alex­an­der Dugin bestimmt, das „ gno­stisch und eso­te­risch ist und des­sen Theo­rien eine ideo­lo­gi­sche, wahn­wit­zi­ge und teuf­li­sche Recht­fer­ti­gung für Krieg, Ter­ro­ris­mus und die tota­le und apo­ka­lyp­ti­sche Ver­wü­stung dar­stel­len.“ (P. Pao­lo M. Sia­no, a.a.O.)

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