Die Debatte um Kardinal Timothy Radcliffe und eine Segnung eines Homo-Paares in London ist mehr als ein Einzelfall. Sie berührt eine zentrale Frage der gegenwärtigen Kirchenkrise: Wie lange kann eine kirchliche Praxis in eine andere Richtung weisen als die unverändert bleibende kirchliche Lehre?
Bei einer Eucharistiefeier in London, bei der das 50jährige Bestehen einer Homo-Beziehung gefeiert wurde, hielt Kardinal Radcliffe die Predigt. Im Anschluß kam es zu einer öffentlichen Segnung der beiden Männer durch anwesende Geistliche. Wenig später erklärte der Kardinal, er habe weder eine solche Segnung beabsichtigt noch gewußt, daß sie stattfinden würde.
Die Erklärung mag seine persönliche Absicht betreffen. Sie beantwortet jedoch nicht die entscheidende Frage: Welche Botschaft ging von diesem Vorgang aus? Eine Frage, die sich seit der berühmt-berüchtigten Antwort von Papst Franziskus auf dem Rückflug aus Rio de Janeiro stellt. Wie lange kann eine Haltung durchgehalten werden, in der einerseits behauptet wird, die Lehre zur Homosexualität sei unverändert, zugleich aber diese Lehre nicht verkündet wird und stattdessen von Kirchenvertretern Gesten gesetzt werden, die das Gegenteil der Lehre suggerieren?
In der Kirche sprechen nicht nur Dokumente und Erklärungen, sondern auch Zeichen. Eine öffentliche Segnung im kirchlichen Raum besitzt eine Symbolkraft, die sich nicht allein durch nachträgliche Klarstellungen neutralisieren läßt. Erst recht nicht, wenn die überlieferte kirchliche Lehre verschämt verschwiegen wird.
Radcliffe: Eine prägende Stimme der neuen pastoralen Richtung
Der Vorfall in London trifft auf eine Vorgeschichte. Kardinal Timothy Radcliffe, der frühere Generalobere des Dominikanerordens, gehört seit Jahren zu den bekanntesten Vertretern einer pastoralen Linie, die als Homo-Pastoral benannt werden kann. Offiziell ist die Rede von „mehr Inklusion, Begleitung und Integration“. Kritiker aber sprechen von einer schleichenden Umsturz der überlieferten Lehre und ihre Ersetzung durch den homophilen Zeitgeist.
Von konservativ-katholischer Seite wird Radcliffe deshalb seit langem vorgeworfen, in Fragen der Sexualmoral eine besonders nachgiebige Position einzunehmen. Kritiker sehen in seinen Äußerungen eine Tendenz, die traditionelle kirchliche Lehre zwar nicht ausdrücklich aufzugeben, sie aber durch eine veränderte pastorale Sprache und Praxis faktisch zu relativieren.
Die Kardinalserhebung Radcliffes durch Papst Franziskus im Jahr 2024, trotz seiner bekannten homophilen Positionen, wird als weitere Bestätigung des neuen Kurses gesehen.
Auch bei der römischen Synodalitätssynode trat Radcliffe als eine der prägenden Stimmen zugunsten der Neuerungen hervor. In seinen Beiträgen betonte er wiederholt die Notwendigkeit, Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung stärker anzunehmen und die Kirche als einen „Raum des Zuhörens“ zu verstehen. Während Befürworter darin einen notwendigen pastoralen Wandel sehen, warnen Kritiker davor, daß dadurch grundlegende moraltheologische Unterscheidungen verwischt werden. Die erste Aufgabe der Kirche sei nicht das „Zuhören“, sondern die Verkündigung der von Gott geoffenbarten Wahrheit.
Zwischen Barmherzigkeit und Wahrheit
Die katholische Kirche lehrt die Menschheit, jedem Menschen mit Achtung und Nächstenliebe zu begegnen. Daraus folgt jedoch gerade nicht, daß jede Lebensform kirchlich bestätigt werden kann, sondern das Naturgesetz zu achten ist, wie der Schöpfergott es geordnet hat.
Gerade bei Segnungen ist die Unterscheidung entscheidend: Eine Segnung einer Person ist etwas anderes als eine Segnung einer Verbindung. Wird diese Grenze in der öffentlichen Wahrnehmung aufgehoben, entsteht zwangsläufig Verwirrung über die tatsächliche Haltung der Kirche.
Das Dikasterium für die Glaubenslehre war nach lautstarker Kritik aus aller Welt zurückgerudert und hatte ausdrücklich festgehalten, daß Segnungen nicht den Eindruck erwecken dürfen, eine Verbindung außerhalb der sakramentalen Ehe werde der Ehe gleichgestellt. Zur Frage einer indirekten Anerkennung des homosexuellen Lebenswandels schwieg man sich lieber aus. Die Kontroverse um London zeigt, wie schwer es einem bestimmten homophilen Milieu in der Kirche fällt, diese Unterscheidung in der Praxis sichtbar aufrechtzuerhalten. Anders ausgedrückt: Ein Teil der Kirche scheint nicht mehr willens, die kirchliche Morallehre, das Naturrecht und die kirchlichen Normen in dieser Frage zu respektieren.
In den vergangenen Jahrzehnten, seit der Sexuellen Revolution, geschah dies teils nur mehr zum Schein, wobei diese Kleriker zugleich nichts dafür taten, die kirchliche Lehre zur Homosexualität zu verkünden.
Die Macht der vollendeten Tatsachen
Der eigentliche Konflikt liegt daher tiefer als in der Frage, ob Kardinal Radcliffe persönlich von der Homo-Segnung wußte oder nicht. Es geht um eine Entwicklung, die viele Beobachter seit Jahren feststellen: Eine neue pastorale Praxis entsteht zunächst im Raum des Handelns, während die lehrmäßige Klärung ausbleibt oder man auf eine spätere Änderung (durch Anpassung an die Praxis) erwartet.
Gerade darin sehen Kritiker der gegenwärtigen Synodalitätsbewegung eine schwerwiegende Gefahr: Nicht eine offene Änderung der Lehre, sondern eine schrittweise Veränderung der kirchlichen Praxis könnte am Ende die tatsächliche Norm bestimmen. In diese Richtung versucht man die Kirche zu drängen, wobei Papst Franziskus dies aktiv unterstützte. Er war sogar der Dammbrecher in der Weltkirche.
Kardinal Radclife wurde zudem nicht zufällig als Prediger zur Zelebration hinzugezogen. Dies geschah aufgrund seiner homophilen Positionen. Auch wußte er, daß eine Homo-Beziehung gefeiert wurde. Es ist keine Aussage von ihm bekannt, weder vor, während noch nach der Zelebration, welche die überlieferte katholische Lehre zur Homosexualität zum Thema hatte, geschweige denn eine Verkündigung derselben oder gar Einschärfung gegenüber offenkundigen Sündern, die eine zum Himmel schreiende Sünde feierten. Und sie taten dies in einer Kirche. Das erfüllt den Tatbestand eines sakrilegischen Aktes. Und alles geschieht durch die aktive Mitwirkung eines bestimmten Klerus.
Der Londoner Vorgang ist deshalb ein weiterer Prüfstein für die Glaubwürdigkeit kirchlicher Verkündigung. Eine Kirche, die unterschiedliche Botschaften durch ihre Worte und ihre Zeichen aussendet, riskiert nicht mehr Klarheit, sondern mehr Verwirrung.
Die entscheidende Frage bleibt: Wird die kirchliche Praxis weiterhin von der Lehre geleitet – oder beginnt die Praxis, die Lehre neu zu formen?
Der Londoner Vorfall ist auch ein Prüfstein für Papst Leo XIV., der soeben die Piusbruderschaft mit harter Hand schlug. Um so aufmerksamer wird nun beobachtet werden, ob er auch gegenüber jenen kirchlichen Kreisen Konsequenzen zieht, die seit Jahren durch eigenmächtige pastorale Experimente und fortgesetzte Grenzüberschreitungen auffallen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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