„Ich schweige nicht“ – Ein Interview mit P. Joachim Heimerl von Heimthal


Der Priester Joachim Heimerl von Heimthal, eine profilierte katholische Stimme aus dem deutschen Sprachraum, soll mit einem Schreibverbot belegt werden. Was ist los in der Kirche?
Der Priester Joachim Heimerl von Heimthal, eine profilierte katholische Stimme aus dem deutschen Sprachraum, soll mit einem Schreibverbot belegt werden. Was ist los in der Kirche?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal ist Prie­ster der Erz­diö­ze­se Wien, pro­mo­vier­ter Ger­ma­nist sowie Theo­lo­ge. Er war Lehr­be­auf­trag­ter an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen und ver­öf­fent­licht regel­mä­ßig in ver­schie­de­nen Spra­chen Bei­trä­ge zu theo­lo­gi­schen, lit­ur­gi­schen und kir­chen­po­li­ti­schen The­men. Heu­te gehört er zu den pro­fi­lier­te­sten katho­li­schen Stim­men. Wegen sei­ner cou­ra­gier­ten Art, auch unbe­que­men Din­ge anzu­spre­chen und beim Namen zu nen­nen, sieht er sich nun mit kir­chen­recht­li­chen Sank­tio­nen kon­fron­tiert. Giu­sep­pe Nar­di führ­te dazu fol­gen­des Inter­view mit ihm:

Persönlicher Hintergrund

Giu­sep­pe Nar­di: Hoch­wür­den, bevor wir über die aktu­el­len Ereig­nis­se spre­chen: Könn­ten Sie unse­ren Lesern einen Ein­blick in Ihren per­sön­li­chen Wer­de­gang geben? Wer sind Sie, woher kom­men Sie und was hat Sie zum Prie­ster­tum geführt?
Sie stam­men aus einer adli­gen Fami­lie, sind pro­mo­viert und haben an einer
Uni­ver­si­tät gelehrt. Wie haben die­se ver­schie­de­nen Prä­gun­gen Ihr prie­ster­li­ches Selbst­ver­ständ­nis beeinflusst?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Ich stam­me aus einer – ich möch­te fast sagen – „typi­schen“ öster­rei­chi­schen Fami­lie, deren Wur­zeln in Wien und Böh­men lie­gen. Als ein­zi­ges Mit­glied mei­ner Fami­lie bin ich aller­dings in Bay­ern gebo­ren, wo ich heu­te wie­der lebe.

Die Fami­lie ist weit ver­zweigt und gehört dem nie­de­ren Adel an; den Adels­ti­tel erhielt sie im 18. Jahr­hun­dert. Einst ver­füg­ten die Heim­erls über beträcht­li­chen Reich­tum, dar­un­ter Sil­ber­mi­nen sowie aus­ge­dehn­te Güter in Ungarn und Böh­men, die im Lau­fe der Geschich­te frei­lich ver­lo­ren gin­gen. Erhal­ten geblie­ben ist das ehe­ma­li­ge Som­mer­pa­lais der Fami­lie in der Nähe von Wien, das einer mei­ner Vor­fah­ren barocki­sie­ren ließ. Es hat natür­lich längst den Besit­zer gewech­selt und gehört heu­te dem Staat.

Was uns geblie­ben ist, sind der katho­li­sche Glau­be und kla­re Prin­zi­pi­en; dazu gehört auch ein gewis­ser Kampf­geist. Ich den­ke, den habe ich von mei­nen Vor­vä­tern geerbt. Unter ihnen fin­den sich Offi­zie­re eben­so wie ein Mini­ster des Kai­sers – der Nach­fol­ger des berühm­ten Gra­fen András­sy. Soweit ich weiß, ist die Hay­me­r­le­gas­se in Wien nach die­sem ent­fern­ten Cou­sin benannt.1

Die Fami­lie teilt sich in eine Frei­her­ren- und eine Rit­ter­li­nie. Im Gegen­satz zu mei­nen bun­des­deut­schen Cou­sins hat mei­ne Linie jedoch – streng genom­men – infol­ge der öster­rei­chi­schen Adels­ge­set­ze ihren Titel ver­lo­ren. Mein Urgroß­va­ter pfleg­te mit einem Augen­zwin­kern zu sagen: „Wenn der Kai­ser das erträgt, ertra­gen wir das auch.“ Heu­te ist das frei­lich kein The­ma mehr.

Inter­es­sant ist, dass mein sechs­fa­cher Urgroß­va­ter für sei­ne Ver­dien­ste um die kai­ser­li­che Hof­oper in den Adels­stand erho­ben wur­de. Die gro­ße Lie­be der Heim­erl von Heim­thal zur Oper habe ich offen­bar eben­falls geerbt.

Bei mir führ­te die­se fami­liä­re Nei­gung zur Kunst schließ­lich zu einem Stu­di­um der Ger­ma­ni­stik und Geschich­te, das ich mit einer Pro­mo­ti­on über Goe­the abschloss. Auf die­sem Gebiet habe ich rela­tiv viel publi­ziert – tem­pi pas­sa­ti.

Dass ich Prie­ster wer­den soll­te, war mir von Jugend auf klar, und über vie­le Umwe­ge hat sich die­se Beru­fung schließ­lich in Wien, der Stadt mei­ner Väter, erfüllt.

Mei­ne aka­de­mi­sche Lauf­bahn liegt dage­gen weit hin­ter mir; heu­te erscheint sie mir bei­na­he wie ein ande­res Leben.

Alles in allem kann ich sagen: Gott hat mich mein Leben lang geführt, und ich bin gewiss, dass er mich auch wei­ter­hin füh­ren wird. Ich ver­traue mich ihm und der Für­spra­che sei­ner hei­lig­sten Mut­ter an.

Erst vor Kur­zem bin ich wäh­rend einer schwe­ren gesund­heit­li­chen Kri­se gemein­sam mit einem Freund nach Alt­öt­ting gepil­gert. Die Hei­li­ge Jung­frau hat mein Gebet auf über­ra­schen­de Wei­se erhört. Sol­che Erleb­nis­se hat­te ich immer wie­der, und ich bin der gött­li­chen Vor­se­hung zutiefst dank­bar dafür.

Das Schreiben als priesterlicher Auftrag

Giu­sep­pe Nar­di: Sie errei­chen mit Ihren Ver­öf­fent­li­chun­gen inzwi­schen eine gro­ße Leser­schaft weit über den
deut­schen Sprach­raum hin­aus. Ihre Tex­te wer­den eben­so in Ita­li­en publi­ziert wie in den USA. Wie sind Sie zum Schrei­ben gekom­men?
Ver­ste­hen Sie Ihre publi­zi­sti­sche Tätig­keit als per­sön­li­che Lei­den­schaft oder als Teil Ihres
prie­ster­li­chen Auftrags?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Ich habe als Ger­ma­nist natür­lich, wie gesagt, schon immer publi­ziert, und auch dies mit eini­gem Erfolg. Als ich schließ­lich Prie­ster wur­de, hat­te ich aber nicht die Absicht, jemals wie­der zu schrei­ben, und dies am wenig­sten über kirch­li­che Themen.

Ich erin­ne­re mich an ein Gespräch mit Kar­di­nal Schön­born, in dem ich ihm genau das gesagt habe und den Kar­di­nal dar­um bat, in der Kran­ken­seel­sor­ge in Wien ein­ge­setzt zu wer­den. Das war mein gro­ßer Wunsch, und ich dach­te, dass das mei­ne Beru­fung sei: Ich woll­te als kran­ker Prie­ster ande­ren Kran­ken dienen.

Aber dann kam es, wie so oft im Leben, völ­lig anders. Mein Gesund­heits­zu­stand ver­schlech­ter­te sich schnel­ler, als ich erwar­tet hat­te, und im Grun­de war ich nach mei­ner Wei­he nicht ein­mal ein Jahr in der Seel­sor­ge tätig, son­dern zog mich aus gesund­heit­li­chen Grün­den immer mehr zurück. Seit­dem bin ich als Prie­ster auf Gebet und die Hei­li­ge Mes­se beschränkt. Ich zele­brie­re aus­schließ­lich „pri­vat“ hier in der Kapel­le mei­nes Hau­ses; anders ist es nicht mehr mög­lich, und ich kann es mir gar nicht mehr anders vor­stel­len. Dabei habe ich mei­ne Pri­miz im Ste­phans­dom gefei­ert und war am Dom wie zuhau­se. Aber ich ver­mis­se nichts. Gott sei Dank dafür. Das macht es sehr viel leichter.

Durch einen Zufall begann ich in die­ser iso­lier­ten Situa­ti­on erst für „kath​.net“ und spä­ter für ande­re Medi­en zu schrei­ben, und beson­ders gern habe ich für das Feuil­le­ton der „Tages­post“ Essays über Oper und Lite­ra­tur ver­fasst. Mei­ne Hom­mage an die gro­ße Maria Cal­las war ver­mut­lich das Beste, was ich je geschrie­ben habe.

Am stärk­sten nach­ge­fragt blie­ben aber frei­lich kirch­li­che The­men, erst recht in der Kri­sen­zeit, die wir in der Kir­che durchleben.

Ohne mein Zutun hat­te ich plötz­lich eine Men­ge Leser in vie­len Spra­chen, und vie­len von ihnen spra­chen mei­ne Tex­te aus der See­le. Zumin­dest waren das die über­wie­gen­den Rück­mel­dun­gen, die ich erhal­ten habe. Schrei­ben ist, wenn Sie so wol­len, mei­ne Form der Seel­sor­ge und der Ver­kün­di­gung gewor­den, aber es ist immer eine ein­sa­me Sache; das weiß jeder, der am Schreib­tisch sitzt. Ich kann nicht sagen, dass mein Herz dar­an hängt, aber ich mache es eben, weil ich glau­be, dass es im Moment (noch) das ist, was Gott von mir erwartet.

Der Konflikt mit dem Ordinarius

Giu­sep­pe Nar­di: Ihre Ver­öf­fent­li­chun­gen haben schließ­lich zu einem Kon­flikt mit Ihrem Erz­bi­schof geführt. Wie hat er zunächst auf Ihre Tex­te reagiert? Ihr Erz­bi­schof ist erst kurz im Amt. Wie war es vor­her?
Nach unse­ren Infor­ma­tio­nen wur­de Ihnen ein aus­drück­li­ches Schreib­ver­bot erteilt. Was genau wur­de Ihnen unter­sagt? Mit wel­cher Begrün­dung?
Wel­che Kon­se­quen­zen wur­den Ihnen für den Fall ange­droht, dass Sie wei­ter ver­öf­fent­li­chen?
Wie muss man sich im kirch­li­chen Bereich ein sol­ches Gespräch vor­stel­len? Wur­den Ihre Argu­men­te ernst­haft ange­hört? Hat man mit Ihnen – um einen heu­te ger­ne gebrauch­ten Begriff zu ver­wen­den – tat­säch­lich „syn­odal“ gesprochen?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Von Kar­di­nal Schön­born, der mich zum Prie­ster geweiht hat, kann ich nur das Beste sagen, und ich ver­dan­ke ihm sehr viel. Er hat, soweit ich weiß, alle mei­ne Tex­te gele­sen, und auch wenn er nicht immer in allem mei­ner Mei­nung war, war es doch immer ein freund­li­cher, fai­rer und zutiefst mensch­li­cher Aus­tausch, der nie ein auto­ri­tä­res Gefäl­le hat­te. Im Gegen­teil: Der Kar­di­nal hat die sel­te­ne Eigen­schaft, Kri­tik so lie­bens­wür­dig zu ver­packen, dass man sie ger­ne annimmt und dabei auch noch etwas lernt. Ich bewun­de­re ihn gren­zen­los, durf­te lan­ge Zeit in sei­ner unmit­tel­ba­ren Nähe sein und schät­ze ihn sehr. Er hat das, was man den „Adel der See­le“ nennt; eine rare Gabe, weit mehr als sein Gra­fen­stand. Ich ver­dan­ke sei­ner Groß­zü­gig­keit die größ­te Gna­de mei­nes Lebens, das Prie­ster­tum. Erz­bi­schof Grün­widl ken­ne ich dage­gen nicht per­sön­lich; er hat mir ein paar Brie­fe geschrie­ben, die nicht sehr freund­lich waren, dafür aber in einer etwas über­leb­ten Wei­se sehr autoritär.

Vor kur­zer Zeit habe ich einen wei­te­ren ziem­lich schrof­fen Brief von ihm erhal­ten, in dem er mir aus hei­te­rem Him­mel ein „Publi­ka­ti­ons­ver­bot“ auf­er­legt hat. Kurio­ser­wei­se schwank­te die Anre­de dabei zwi­schen „Du“ und „Sie“, so sicher scheint er sich sei­ner Sache also gar nicht zu sein, und die Spra­che bil­det das sehr genau ab. Er schrieb, wenn ich mich nicht an das „Publi­ka­ti­ons­ver­bot“ hal­te, wür­de das „Stra­fen“ zur Fol­ge haben, die bis zur „Sus­pen­die­rung“ rei­chen könnten.

Bit­te: In mei­nem Fall ist das nahe­zu lächer­lich: Ich bin Pen­sio­nist und habe kei­ne äuße­ren Auf­ga­ben mehr. Von der Kir­che habe ich übri­gens nie ein Gehalt oder der­glei­chen bezo­gen, son­dern war nur ehren­amt­li­che Seel­sorgs­aus­hil­fe am Ste­phans­dom, was ich eben­falls längst auf­ge­ge­ben habe. Aber schein­bar will man sich an mir abar­bei­ten und auf­grund mei­ner media­len Prä­senz ein Exem­pel sta­tu­ie­ren. Dar­an kann ich nie­mand hin­dern. Es ist aber nichts, was ich wirk­lich ernst neh­me oder was mich ernst­haft beschäf­tigt. Es sagt nichts über mich, aber viel über die heu­ti­ge Kir­che und über Erz­bi­schof Grün­widl aus, der sich damit selbst blamiert.

Ich habe ihm geschrie­ben, dass es heu­te durch­aus üblich ist, jene mit „Ver­bo­ten“ zu bele­gen, die den Glau­ben der Kir­che beken­nen, wäh­rend Zöli­bats­kri­ti­ker und Häre­ti­ker unbe­hel­ligt blei­ben und sich äußern kön­nen, wie auch immer sie wol­len. Das ist der Trend in unse­rer Zeit, und die Bischö­fe machen dabei mun­ter mit. Ein Trauerspiel.

Ein Gespräch zwi­schen Grün­widl und mir hat es nie gege­ben, auch kei­ne inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung. Ich weiß nicht, wel­che mei­ner Tex­te kri­ti­siert wur­den, und der Erz­bi­schof wie­der­um kann nicht ein­mal bele­gen, ob es sich um Tex­te han­delt, die von mir auto­ri­siert oder aber gefälscht sind.

Kurz­um: Die Sank­ti­on des Erz­bi­schofs hat über­haupt kei­ne soli­den Grund­la­gen und wäre juri­stisch schon des­halb eine Luft­num­mer. Den­noch ver­hängt er ein „Publi­ka­ti­ons­ver­bot“ nach Gut­dün­ken, als ob er die abso­lu­te Macht dazu hät­te. Das ist ent­we­der eine Form von Selbst­über­schät­zung oder – noch schlim­mer – der typi­sche Umgang eines Bischofs mit einem sei­ner Prie­ster, wie er allent­hal­ben zu beob­ach­ten ist, weit ent­fernt von jeder behaup­te­ten „Syn­oda­li­tät“ und allen guten Umgangs­for­men. In Mün­chen ist der­lei schon immer Gang und Gäbe; das berich­ten mir leid­ge­prüf­te Mit­brü­der beständig.

Grün­widls Beneh­men mir gegen­über möch­te ich inner­halb die­ses typi­schen Phä­no­mens als „up to down“ beschrei­ben; es wirkt auf mich bei­na­he wie eine Kari­ka­tur aus fer­nen Zei­ten: ein „Fürst­bi­schof“, der Dekre­te erlässt und nach Gut­dün­ken über sei­ne Unter­ge­be­nen ent­schei­det. Die media­le Fas­sa­de, die sei­ner­seits auf­recht­erhal­ten wird, ist frei­lich eine ande­re: „syn­odal“ und irgend­wie „fran­zis­ka­nisch“, aber das ist viel zu osten­ta­tiv und zu durchschaubar.

Unter Kar­di­nal Schön­born wäre der­lei völ­lig unvor­stell­bar gewe­sen. Schön­born hat in sei­ner Authen­ti­zi­tät von selbst über­zeugt und ist ein zutiefst beschei­de­ner und nobler Mann, ein Gen­tle­man der alten Schule.

Was Grün­widls „Publi­ka­ti­ons­ver­bot“ betrifft, hat das Gan­ze eine höchst pro­ble­ma­ti­sche Sei­te, weil es ein kla­rer und ekla­tan­ter Ver­stoß gegen die Grund­rech­te ist.

Die Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit steht nie­man­dem zu, auch kei­nem Erz­bi­schof. Jeder, der der­glei­chen ver­sucht, muss sich den Ver­gleich mit auto­ri­tä­ren Syste­men gefal­len las­sen, und zwar vom Faschis­mus und Kom­mu­nis­mus bis hin zu den Zustän­den im heu­ti­gen Russ­land oder in China.

Wenn sich Grün­widl wie vie­le Bischö­fe gern medi­en­wirk­sam für „unse­re Demo­kra­tie“ ein­setzt (als ob das die Haupt­auf­ga­be eines Bischofs wäre!), über­zeugt dies vor die­sem Hin­ter­grund nicht: Wer gegen die Mei­nungs­frei­heit han­delt, weil er die Kir­che wohl für einen rechts­frei­en Raum hält, in dem ein Bischof tun kann, was er möch­te, hat von Demo­kra­tie rein gar nichts verstanden.

Dazu passt es dann auch, wenn „Publi­ka­ti­ons­ver­bo­te“ als Will­kür­ak­te „vom Him­mel“ fal­len und eben nicht Teil eines geord­ne­ten Ver­fah­rens nach rechts­staat­li­chem Vor­bild sind. Von demo­kra­ti­schen oder wie auch immer gear­te­ten „syn­oda­len“ Prin­zi­pi­en fehlt hier jede Spur!

Kurz: Wer Grund­rech­te ein­schränkt, hat sich grund­sätz­lich immer und über­all dis­qua­li­fi­ziert, und das gilt auch für Erz­bi­schof Grün­widl. Sein Vor­ge­hen gegen mich ver­ur­teilt ihn selbst und beleuch­tet zugleich das Milieu, in dem man sich am Ste­phans­platz befin­det. Dazu könn­te ich frei­lich vie­les sagen, was heu­te aber nicht zu unse­rem The­ma passt.

Gehorsam und Gewissen

Giu­sep­pe Nar­di: Jeder Prie­ster ver­spricht bei sei­ner Wei­he sei­nem Bischof Ehr­furcht und Gehor­sam. Wie gehen Sie mit die­sem Ver­spre­chen in einer Situa­ti­on um, in der Sie offen­bar über­zeugt sind, aus Gewis­sens­grün­den nicht schwei­gen zu kön­nen?
Befin­den Sie sich hier in einem Gewis­sens­kon­flikt zwi­schen dem Gehor­sam gegen­über Ihrem
Bischof und Ihrer Ver­ant­wor­tung gegen­über der Wahr­heit, wie Sie sie erken­nen?
Wer­den Sie trotz des Ver­bots wei­ter­hin schreiben?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Ich habe schon lan­ge die Absicht, mei­nen Lesern Adieu zu sagen. Mei­ne Gesund­heit wird nicht bes­ser, und ich wer­de das Schrei­ben sicher schon aus die­sem Grund über kurz oder lang auf­ge­ben müs­sen. Genau das habe ich übri­gens auch dem Erz­bi­schof gesagt.

Wer mei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­folgt, hat sicher bemerkt, dass sie mitt­ler­wei­le rarer gewor­den sind. Aller­dings habe ich doch noch etli­che The­men, mit denen ich mich ger­ne befas­sen möch­te, aber die hat jeder, der schreibt. Schon lan­ge möch­te ich bei­spiels­wei­se eine eher mysti­sche Betrach­tung der Hei­li­gen Mes­se schrei­ben oder auch etwas zum The­ma „Mitt­le­rin aller Gna­den“. Ich lebe aber nicht in der Wahn­vor­stel­lung, alles publi­zie­ren zu müs­sen, was ich publi­zie­ren könn­te. Ich hof­fe immer, dass ande­re das Wort ergrei­fen, ins­be­son­de­re auch Prie­ster, und sehe mich sel­ber als abso­lut ver­zicht­bar an. Goe­the sag­te ein­mal: „Ich weiß nicht, war­um ich Narr so viel schrei­be“, und unterm Strich geht es mir eben­so; ich möch­te mich aber nicht mit dem Geheim­rat ver­glei­chen, der ja einer mei­ner guten „Bekann­ten“ ist.

Der Gehor­sam, den jeder Prie­ster bei der Wei­he ver­spricht, gilt ein­zig Chri­stus und der Kirche.

Ich habe mich an die­sen Gehor­sam immer gehal­ten und Chri­stus und der Kir­che mit mei­nen Tex­ten gedient, so gut ich es vermochte.

Nie­mals habe ich etwas geschrie­ben, was gegen den Glau­ben der Kir­che ver­stößt; im Gegen­teil: Ich habe mit mei­nen Tex­ten das Evan­ge­li­um ver­kün­det und den über­lie­fer­ten Glau­ben bewahrt, und auch das habe ich bei der Wei­he versprochen.

Das Ver­spre­chen des Gehor­sams steht ja gera­de nicht über den ande­ren Wei­he­ver­spre­chen und schränkt die­se schon gar nicht ein. Aller­dings ist es lei­der üblich gewor­den, dass vie­le den Gehor­sam als „Kada­ver­ge­hor­sam“ miss­ver­ste­hen, gera­de in eher tra­di­tio­nel­len Krei­sen. Das ist jedoch eine Per­ver­tie­rung des­sen, was der wirk­li­che Gehor­sam meint.

Dar­über hin­aus ist der Gehor­sam nie­mals eine Art „Gegen­stück“ zu den Grund­rech­ten; das wäre ja noch schö­ner. Ein Bischof, der einem heu­te die freie Mei­nungs­äu­ße­rung ver­bie­tet, schränkt mor­gen wei­te­re Grund­rech­te ein. Wo bit­te kämen wir da hin, wenn das mög­lich wäre?! Über­all dort, wo der Gehor­sam in die ver­fas­sungs­mä­ßig geschütz­ten Rech­te des Ein­zel­nen ein­zu­grei­fen ver­sucht, wird er ent­we­der sek­tie­re­risch und/​oder zu einer Form des­sen, was man gemein­hin als „geist­li­chen Miss­brauch“ beschreibt.

Ein wei­te­res Bei­spiel illu­striert das: Erz­bi­schof Grün­widl hat mich schon vor über einem Jahr „im Gehor­sam“ auf­ge­for­dert, in Deutsch­land (!) Kir­chen­steu­ern zu zah­len, was schon sehr spe­zi­ell ist, wenn Sie mich fra­gen. Er hat dann zwar nicht wei­ter dar­auf bestan­den (was sich ver­mut­lich nun ändern wird), aber auch das ist höchst pre­kär: Die Ver­mi­schung von Geld­for­de­rung und Gehor­sam ist ein abso­lu­tes „No-Go“, zeigt aber, wie die Kir­che hier­zu­lan­de tickt: „Tue, was man Dir befiehlt!“ „Zah­le und gehor­che!“ Und schließ­lich: „Gib Dei­ne Grund­rech­te gehor­sam auf.“

Es tut mir leid, aber sicher nicht mit mir, und ich hof­fe, mit nie­man­dem, der eini­ger­ma­ßen bei kla­rem Ver­stand ist. Sol­che Mon­stro­si­tä­ten pas­sen nicht mehr in unse­re Zeit und sind – gott­lob – heu­te auch nie­man­dem mehr vermittelbar.

Persönliche Folgen

Giu­sep­pe Nar­di: Dro­hen Ihnen im Ernst­fall kir­chen­recht­li­che Maß­nah­men bis hin zur Sus­pen­die­rung? Berei­tet Ihnen die­se Aus­sicht Sor­ge?
Wie erle­ben Sie die­se Situa­ti­on per­sön­lich – als Prie­ster, aber auch als Mensch?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Ich bin nicht der Typ, der Angst hät­te oder der klein bei­gibt, und schon immer habe ich den seli­gen Pater Rupert May­er bewun­dert, der zu sagen pfleg­te: „Ich schwei­ge nicht!“ – Kein Prie­ster darf schwei­gen, und am wenig­sten über die Miss­stän­de in der heu­ti­gen Kir­che, deren authen­ti­sches Lehr­amt sich inzwi­schen teil­wei­se selbst sus­pen­diert hat. – Nein, ich weiß mich frei von Angst um mich sel­ber; mir kann nie­mand etwas tun. Ich lebe schon immer frei von äuße­ren Abhän­gig­kei­ten, und das pro­vo­ziert natür­lich nur umso mehr; ich habe mich im Lau­fe mei­nes Lebens dar­an gewöhnt.

Schon in mei­ner Jugend hat mich übri­gens die Gestalt der Marie de l’Incarnation in Le Forts Novel­le „Die Letz­te am Scha­fott“ begei­stert, die vor dem Revo­lu­ti­ons­tri­bu­nal sagt: „Wovor soll­ten wir erschrecken außer vor dem Gedan­ken, Chri­stus zu miss­fal­len, den fei­er­lich beken­nen zu dür­fen Sie uns hier die Ehre erwei­sen!“ Das ist schon lan­ge mein per­sön­li­ches Vor­bild, und genau die­se Tap­fer­keit brau­chen wir auch heu­te in einer Kir­che, die sich – eben­falls in einer Revo­lu­ti­on – immer mehr von dem ent­fernt, was sie selbst immer gelehrt und geglaubt hat.

Mar­co Poli­ti hat das tref­fend einen „Bür­ger­krieg“ in der Kir­che genannt, und in die­sem Bür­ger­krieg müs­sen wir uns in der Wei­se beken­nen wie Marie de l’Incarnation.

Genau das wer­de ich tun, und die­se Hal­tung wer­de ich nie­mals auf­ge­ben; ich wür­de mich sonst sel­ber ver­ach­ten. Ein Mann, der nicht zu sei­nen Über­zeu­gun­gen steht, ist eine lächer­li­che Figur, und davon haben wir in der Kir­che genug.

Die „Stra­fen“, die man mitt­ler­wei­le gegen recht­gläu­bi­ge Prie­ster ver­hängt, sind will­kür­lich und tref­fen über kurz oder lang sicher jeden von uns, der beim „alten“ Glau­ben bleibt: „Sus­pen­die­rung“, „Lai­sie­rung“, „Exkom­mu­ni­ka­ti­on“ – nach­ein­an­der oder alles zusam­men; man weiß es nicht.

Was sich hin­ter die­sen wohl­fei­len „Stra­fen“ ver­birgt, ist jedoch nichts weni­ger als eine Infra­ge­stel­lung des Wei­he­sa­kra­ments: Prie­ster ist man aber auf immer und ewig, und nicht ein­mal ein Papst könn­te das ändern, ganz gleich, wel­che „Stra­fe“ man über einen Prie­ster ver­hängt. Chri­stus sel­ber bleibt jedem Prie­ster treu, und jedes Sakra­ment, das er in sei­nem Namen spen­det, spen­det er des­halb aus­nahms­los gül­tig. Das ist ein gro­ßer Trost und eine uner­mess­li­che Gnade.

Die Straf­ak­tio­nen gegen recht­gläu­bi­ge Prie­ster sind vor die­sem Hin­ter­grund eine Far­ce gewor­den, und ich neh­me sie nicht mehr ernst. Letzt­lich sind sie ein Rit­ter­schlag für die, die noch treu zur Kir­che ste­hen. – Mei­ne Fami­lie hat den Rit­ter­schlag aller­dings bereits aus der Hand Kai­ser Karls VI. erhal­ten, und ich geden­ke nicht, dem kei­ne Ehre zu machen und ein­fach zu schwei­gen. Chri­stus ist mein Rich­ter, nie­mand sonst.

Die gegenwärtige Entwicklung der Kirche

Giu­sep­pe Nar­di: Sie gehö­ren zu den pro­fi­lier­te­sten Kri­ti­kern der gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lung in der Kir­che. Was berei­tet Ihnen der­zeit die größ­ten Sor­gen?
Was ver­ste­hen Sie unter der soge­nann­ten „syn­oda­len Kir­che“? Ist die­ser Weg aus Ihrer Sicht eine Erneue­rung oder eher eine Gefähr­dung der katho­li­schen Identität?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Kein Mensch weiß, was „Syn­oda­li­tät“ kon­kret über­haupt sein soll. Es han­delt sich dabei um eine frag­wür­di­ge Phan­ta­sie von Papst Fran­zis­kus, die lei­der nicht mit ihm ins Grab gesun­ken ist.

Tat­säch­lich kennt die Kir­che die­sen Begriff jedoch nicht. Dar­über hin­aus ist sie ihrem Wesen nach eben nicht „syn­odal“, son­dern katho­lisch und apo­sto­lisch. Wer ande­res behaup­tet, ist nicht katho­lisch, sei er auch Bischof oder Papst.

Hin­ter der Chif­fre „syn­odal“ ver­birgt sich in Wahr­heit nichts ande­res als der leicht durch­schau­ba­re Ver­such, in die Kir­che pro­te­stan­ti­sche Häre­si­en ein­zu­füh­ren und die­se als „katho­lisch“ auszugeben.

Wie bei allen Revo­lu­tio­nen ist es dabei üblich gewor­den, dass man vehe­ment und mit aller Här­te auf halt­lo­se Ideo­lo­gien ein­ge­schwo­ren wer­den soll, und wehe dem, der dem Druck stand­hält und sich wei­gert, sich zur Ideo­lo­gie der „syn­oda­len Kir­che“ zu bekennen.

Letzt­lich haben sich Fran­zis­kus und sei­ne Leu­te die­se Metho­de wohl bei den Dik­ta­to­ren des 20. Jahr­hun­derts abge­schaut, aber sicher nicht bei Jesus Christus.

Dazu passt die Lüge von einer angeb­lich „hören­den“ Kir­che, die für alle offen sein soll und in der sich jeder äußern kann, wie er möch­te. Dass das nicht stimmt, sieht man sehr deut­lich an mei­nem Fall: Wer – wie ich – am über­lie­fer­ten katho­li­schen Glau­ben fest­hält, wird nie­der­ge­knüp­pelt und mund­tot gemacht. DAS ist „Syn­oda­li­tät“, wie man sie in der Kir­che von heu­te ver­steht! – Na, bravo!

Zusam­men­fas­send ist die „syn­oda­le Kir­che“ das Erbe eines desa­strö­sen Pon­ti­fi­kats, und wie es aus­sieht, wird Leo XIV. die­ses Desa­ster voll­enden, das all­zu offen­sicht­lich die Hand­schrift des Fein­des trägt.

Ich bin mir aber sicher: Man hat die Rech­nung hier ohne den Wirt gemacht. Der Herr der Kir­che ist schließ­lich nicht der Papst. Die mei­sten Katho­li­ken schei­nen das jedoch inzwi­schen zu ver­ges­sen und fal­len einem fana­ti­schen Hyper­pa­pa­lis­mus anheim, vor dem ich nur war­nen kann und der nie katho­lisch war.

Tradition und Liturgie

Giu­sep­pe Nar­di: Wel­che Bedeu­tung hat für Sie die über­lie­fer­te Mes­se? Was macht ihren beson­de­ren geist­li­chen Wert aus?
Ist die Aus­ein­an­der­set­zung um die Lit­ur­gie in Wahr­heit Aus­druck eines viel tie­fer­lie­gen­den Kon­flikts über das Selbst­ver­ständ­nis der Kirche?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Ich habe die über­lie­fer­te Mes­se erst im Wider­stand gegen das Doku­ment „Tra­di­tio­nes cus­to­des“ von Papst Fran­zis­kus ent­deckt und habe ihren Reich­tum sofort begriffen.

Natür­lich ist die soge­nann­te „neue Mes­se“ eben­falls gül­tig, aber sie hat, wie man spä­te­stens seit der „Otta­via­ni Inter­ven­ti­on“2 weiß, nicht uner­heb­li­che Defizite.

Die über­lie­fer­te Mes­se bil­det den katho­li­schen Glau­ben dage­gen voll­um­fäng­lich ab; sie spie­gelt das Wesen der Kir­che in rein­ster und erha­ben­ster Gestalt.

Fata­ler­wei­se ist die­ses Kir­chen­ver­ständ­nis aber eben nicht mehr das­je­ni­ge, das heu­te in Rom erwünscht ist. Die über­lie­fer­te Mes­se ist des­halb zum Prüf­stein der Recht­gläu­big­keit gewor­den und zum Zei­chen für den Riss, der längst durch die Kir­che geht.

Es ist wahr: Bei­de Riten ste­hen für ein völ­lig unter­schied­li­ches Kir­chen­bild und sind in ihrer Gegen­sätz­lich­keit nicht mit­ein­an­der ver­ein­bar. Das ist das grund­le­gen­de Pro­blem, vor dem die Kir­che steht und das sie fort­wäh­rend zu igno­rie­ren versucht.

Die über­lie­fer­te Mes­se ins Abseits zu stel­len oder zum „außer­or­dent­li­chen Ritus“ zu erklä­ren, hilft dem nicht ab; sie ist die Mes­se der katho­li­schen Kir­che, und die Mes­se Pauls VI. kann das auf­grund ihrer Defi­zi­te nie­mals sein.

Die Priesterbruderschaft St. Pius X.

Giu­sep­pe Nar­di: Wie beur­tei­len Sie die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. heu­te?
Wie bewer­ten Sie die Bischofs­wei­hen, die jüngst inner­halb der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X.vorgenommen wur­den?
War­um, glau­ben Sie, geht der Hei­li­ge Stuhl Ihrer Ansicht nach seit Jahr­zehn­ten so ent­schie­den gegen die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. vor?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Ich ken­ne nur einen Prie­ster der Prie­ster­bru­der­schaft pri­vat, habe sonst aber kei­nen per­sön­li­chen Kon­takt. Weil ich die Hei­li­ge Mes­se natür­lich sel­ber zele­brie­re, habe ich nur sel­ten eine Mes­se der FSSPX besu­chen können.

Was die Bischofs­wei­hen betrifft: Ich habe mich schlicht gefreut, die neu­ge­weih­ten Bischö­fe zu sehen. Das muss ich wirk­lich sagen. End­lich rela­tiv jun­ge Män­ner, die voll und ganz zum Glau­ben der Kir­che ste­hen und die nicht schon vor ihrer Wei­he mit Äuße­run­gen auf­fie­len, die den katho­li­schen Glau­ben infra­ge stellen.

Bei den Bischö­fen, die Fran­zis­kus oder Leo ernen­nen, gehört hin­ge­gen eine gewis­se „Grund­hä­re­sie“ mitt­ler­wei­le zum „guten Ton“, auch eine ableh­nen­de Hal­tung zum Zöli­bat etc. pp. Das ist wirk­lich schwer erträglich.

Die Kri­se der Kir­che wird inzwi­schen auch dar­an mani­fest, wer heut­zu­ta­ge zum Bischof ernannt wird, und da waren die­se vier Bischö­fe doch end­lich eine erfri­schen­de Abwechslung.

Die Pre­digt, die etwa Msgr. Schrei­ber am Tag nach sei­ner Wei­he gehal­ten hat, war Aus­druck tief­ster Fröm­mig­keit. Das hat mich wirk­lich beeindruckt.

Beein­druckt hat mich aber auch die Hal­tung, mit der die Bru­der­schaft all die feind­se­li­gen und zutiefst unchrist­li­chen Anwür­fe – auch die aus Rom – beant­wor­tet hat: mit einem Geist tie­fer Erge­ben­heit und festen Ver­trau­ens in Gott. Eine der­art vor­bild­li­che Hal­tung habe ich in der Kir­che bis­her noch nir­gend­wo gese­hen, und ich muss geste­hen: Ich sel­ber habe sie lei­der auch nicht.

Die römi­sche Maschi­ne­rie der „Exkom­mu­ni­ka­ti­on“ gehört dage­gen ins fin­ster­ste Mit­tel­al­ter und nicht in unse­re Zeit; sie ist heu­te nie­man­dem mehr ver­mit­tel­bar, und bei allem Moder­nis­mus und aller Anbie­de­rung an die Welt hät­te man wenig­stens dies nicht über­se­hen sol­len. Die Kir­che ist an der fal­schen Stel­le aus der Zeit gefal­len und wun­dert sich dabei auch noch, dass sie kaum noch jemand versteht.

Ohne Zwei­fel hät­te Rom sich gegen­über der FSSPX hoch­her­zi­ger und groß­zü­gi­ger zei­gen kön­nen. Das wäre eine noble und ange­mes­se­ne Geste gewe­sen, die dem Papst gut ange­stan­den hätte.

Aber dafür sind dort zu vie­le medio­kre Leu­te wie Kar­di­nal Fer­nan­dez oder Kar­di­nal Roche am Werk, aus­ge­wie­se­ne Fein­de der katho­li­schen Tra­di­ti­on und sehr simp­le Gei­ster. Die wol­len kei­nen Aus­gleich mit der FSSPX und mit nie­man­dem, der den über­lie­fer­ten Glau­ben teilt. Statt­des­sen woll­te man bewusst das pro­vo­zie­ren, was man nun behaup­tet, näm­lich ein angeb­li­ches „Schis­ma“. Über kurz oder lang wäre das so oder so pas­siert, aber nicht, weil die FSSPX das möch­te, son­dern ein­zig und allein durch die römi­sche Autorität.

Ich per­sön­lich leh­ne es ab, von einem „Schis­ma“ zu spre­chen, denn dafür rei­chen uner­laub­te Bischofs­wei­hen nicht aus. Die Kir­che hat das bis in die Zeit Papst Pius’ XII. übri­gens immer so gese­hen; Msgr. Atha­na­si­us Schnei­der hat dar­über jüngst einen glän­zen­den Auf­satz geschrieben.

Umge­kehrt über­sieht man heu­te geflis­sent­lich all die evi­den­ten Schis­men um uns her, etwa das Schis­ma der Bischö­fe in Deutsch­land. Frei­lich kommt von dort viel Geld nach Rom, und sicher ist das einer der Haupt­grün­de, war­um man dort gern die Augen zudrückt.

Hin­zu kommt, dass man im Vati­kan mit der Apo­sta­sie und Häre­sie der Deut­schen schwei­gend über­ein­stimmt; mit ande­ren Wor­ten: „Schis­ma“ ist eben nicht gleich „Schis­ma“, und das ist nur einer von vie­len Wider­sprü­chen, der die Kir­che inzwi­schen völ­lig unglaub­wür­dig macht.

Der Kampf Roms gegen die FSSPX ist letzt­lich natür­lich nur ein „Stell­ver­tre­ter­krieg“.

Was man in der Kir­che par­tout nicht mehr dul­det, ist der tra­di­tio­nel­le katho­li­sche Glau­be, den man besten­falls in ein Reser­vat ver­ban­nen möch­te. Statt­des­sen soll ein neu­er Glau­be und eine neue Kir­che eta­bliert wer­den, die mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil beginnt. Alles, was vor­her katho­lisch war, zählt heu­te nicht mehr.

Wenn man sich bei­spiels­wei­se ansieht, was Rom von denen ver­langt, die der FSSPX den Rücken keh­ren wol­len (ich ver­mu­te, das wer­den nicht vie­le sein), dann wird dies sehr deut­lich: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ist zu einer Art „Super­dog­ma“ auf­ge­bla­sen wor­den, auf das alle ver­ei­digt wer­den sol­len, und wer das ver­wei­gert, ist schlicht­weg raus.

Alle ande­ren Kon­zi­le zäh­len dage­gen nicht mehr, und das, was immer katho­lisch war, wird ein­fach „theo­lo­gisch“ weg­er­klärt: Man sagt den Leu­ten, es gäbe kei­nen Bruch nach DEM Kon­zil, son­dern eine vor­geb­li­che „Kon­ti­nui­tät“, aber jeder, der eini­ger­ma­ßen eins und eins zusam­men­zäh­len kann, kapiert, dass das eine Lüge ist: Man kann nicht heu­te das Gegen­teil von dem erklä­ren, was man gestern für eine geof­fen­bar­te Wahr­heit aus­ge­ge­ben hat, und dabei behaup­ten, das habe sich nun anders „ent­wickelt“. Wer ist bit­te so töricht und glaubt das? Und wer kann damit noch Men­schen gewinnen?

Fakt ist: Die Kir­che hat sich von ihrer Tra­di­ti­on und damit von sich selbst gelöst. Wenn das so wei­ter­geht, wird sie – nach mensch­li­chem Ermes­sen – über kurz oder lang dar­an zugrun­de gehen. Die FSSPX bewahrt dage­gen den katho­li­schen Glau­ben, und das ist gut so.

Eine persönliche Frage

Giu­sep­pe Nar­di: Wür­den Sie selbst bei einem Prie­ster der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. beich­ten? Warum?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Grund­sätz­lich möch­te ich jedem Katho­li­ken die häu­fi­ge Beich­te emp­feh­len und hal­te das sel­ber so. Opti­mal ist eine wöchent­li­che Beicht­pra­xis. Ich selbst bin immer dank­bar, wenn ich die Mög­lich­keit zur Beich­te habe, und nut­ze sie, so oft ich kann.

Die Beich­te ist jedoch eine viel zu hei­li­ge Sache, als dass man damit Kir­chen­po­li­tik machen dürf­te, was der­zeit jedoch lei­der geschieht.

Natür­lich steht es jedem frei, sei­nen Beicht­va­ter aus­zu­wäh­len – und das gilt selbst­ver­ständ­lich auch für die Beicht­vä­ter der Pius­bru­der­schaft. Wer dort beich­ten will, wird das tun. Da lässt sich nie­mand bevor­mun­den. Ich selbst habe bei der Pius­bru­der­schaft bis­her noch nie gebeich­tet, aber ledig­lich des­halb, weil es sich nie erge­ben hat.

Dass die Beich­ten bei der Pius­bru­der­schaft nun nicht mehr gül­tig sein sol­len, ist jedoch abso­lu­ter Non­sens. Zwar ist es rich­tig, dass ein Prie­ster die Erlaub­nis sei­nes Bischofs braucht, um Beich­te zu hören. Das ist aber nur ein kir­chen­recht­li­cher Aspekt, der weder die sakra­men­ta­le Voll­macht des Prie­sters noch die Gül­tig­keit der Beich­te umfasst.

Die Voll­macht zur gül­ti­gen Sün­den­ver­ge­bung erhält näm­lich jeder Prie­ster aus­schließ­lich durch sei­ne gül­ti­ge Wei­he. Wäre das nicht so, könn­te ein Bischof ja auch Lai­en die Erlaub­nis zur Beich­te ertei­len – und nur in die­sem Fall wären die Beich­ten dann wirk­lich ungültig.

Eine gül­ti­ge Beich­te bei der Pius­bru­der­schaft ist dage­gen immer und unter allen Umstän­den mög­lich. Wer dies bestrei­tet, bestrei­tet letzt­lich die Sakra­men­ta­li­tät der Prie­ster­wei­he (s. o.) wie auch die der Beichte.

Natür­lich weiß ich, dass der Vati­kan das Gegen­teil behaup­tet, aber: Die Gül­tig­keit der Sakra­men­te kann auch der Papst nicht mit einem Feder­strich erle­di­gen! Die­se Voll­macht hat Gott allein, und dar­auf dür­fen wir gegen­über dem Papst durch­aus bestehen.

Blick nach vorne

Giu­sep­pe Nar­di: Arbei­ten Sie trotz der aktu­el­len Situa­ti­on bereits an wei­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen oder Pro­jek­ten?
Wie stel­len Sie sich Ihre prie­ster­li­che Zukunft vor?
Abschlie­ßend: Was möch­ten Sie Katho­li­ken mit auf den Weg geben, die sich ange­sichts der
gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lun­gen in der Kir­che ver­un­si­chert fühlen?

Joa­chim Heim­erl von Heim­thal: Ich habe kei­ne Wün­sche und kei­ne Vor­stel­lung von dem, was mei­ne Zukunft brin­gen wird. Kran­ke Men­schen sehen die Din­ge manch­mal auch ent­spann­ter oder von einer höhe­ren War­te aus, was mir manch­mal ganz gut gelingt.

Was auch kommt: Ich wer­de wei­ter­hin die Hei­li­ge Mes­se allein und nur in der Gegen­wart des himm­li­schen Hofes hier in der Haus­ka­pel­le fei­ern und denen als Prie­ster die­nen, die dies in Anspruch neh­men. Das sind natür­lich nur noch sehr, sehr weni­ge, aber dar­auf kommt es nicht an. Ich habe Gott mein „Adsum“ gege­ben, und er hat mir das unaus­lösch­li­che Sie­gel des Prie­ster­tums geschenkt. Dabei bleibt es. Ich bin nicht der Herr über mei­nen prie­ster­li­chen Weg. Das ist Gott allein, und was er mit mir vor­hat, das wird immer das Beste sein.

Dass ich wei­ter­hin schrei­ben wer­de, ist für mich prin­zi­pi­ell kei­ne Fra­ge. Das bin ich Gott und der Kir­che schul­dig. – Um noch ein­mal Pater May­er zu zitie­ren: „Ich schwei­ge nicht“, und nie­mand wird mich zum Schwei­gen brin­gen. Es ist aber mehr als mög­lich, dass mich mei­ne gesund­heit­li­che Situa­ti­on nun dazu zwingt, nichts mehr zu ver­öf­fent­li­chen, und so soll es dann eben sein.

Dan­ken möch­te ich allen, die mich und mei­ne Tex­te schätzen.

Blei­ben Sie bit­te stand­haft im Glau­ben und ste­hen Sie treu zur Kir­che, auch wenn es heu­te nicht immer leicht ist. Maria, die Mitt­le­rin aller Gna­den, wird Ihnen hel­fen, wenn Sie sich ihr anver­trau­en. Das erfah­re ich sel­ber immer wieder.

Allen Kran­ken möch­te ich als einer von ihnen sagen: Tra­gen wir das, was uns auf­er­legt ist, so gut wir kön­nen, mit Chri­stus am Kreuz. Er wird uns nie ver­las­sen, und die Mut­ter­got­tes wird immer bei uns sein.

Gott seg­ne Sie +

Bild: Wikicommons/​Privat


1 Unter­schied­li­che Schreib­wei­sen von Eigen­na­men waren bis weit in das 19. Jahr­hun­dert hin­ein in allen gesell­schaft­li­chen Schich­ten ver­brei­tet; eine ein­heit­li­che Fest­le­gung von Fami­li­en­na­men und Ortho­gra­phien setz­te sich erst all­mäh­lich durch.

2 Die Kar­di­nä­le Alfre­do Otta­via­ni und Anto­nio Bac­ci ver­öf­fent­lich­ten 1969, unter­stützt von einer Grup­pe von Theo­lo­gen, ein kri­ti­sches Schrei­ben gegen die damals von Papst Paul VI. neu ein­ge­führ­te Lit­ur­gie. Der Voll­stän­di­ge Titel lau­tet: „Bre­ve esa­me cri­ti­co del Novus Ordo Mis­sae“ („Kur­ze kri­ti­scher Unter­su­chung des Novus Ordo Mis­sae“). Dar­in argu­men­tie­ren sie, dass der neue Mess­ordo eine Rei­he von theo­lo­gi­schen Pro­ble­men auf­wei­se, ins­be­son­de­re hin­sicht der Dar­stel­lung des Mess­op­fers, der Rol­le des Prie­sters, des Opfer­cha­rak­ters der Eucha­ri­stie, der Beto­nung der Mahl­ge­mein­schaft gegen­über der Opfer­di­men­si­on und die Kon­ti­nui­tät mit der über­lie­fer­ten römi­schen Liturgie:

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