Von Ľubomír Urbančok*
Am vergangenen 22. August vollendete der tschechische Philosoph Stanislav Sousedík sein 95. Lebensjahr. Außerhalb der Grenzen der Tschechischen Republik hat dies kaum jemand bemerkt. Und doch verdient sein Lebensweg, sowohl in menschlicher als auch in geistiger Hinsicht, erzählt zu werden. Um dies zu tun, muß man mit einer Szene beginnen, nicht mit einem Lebenslauf.
Prag, 1950. Sousedík ist noch keine zwanzig Jahre alt. Während seiner Gymnasialzeit hat er den Pantheismus und den relativistischen Skeptizismus durchlaufen, bevor er zum katholischen Glauben und zum Thomismus gelangte. Sein Vater nimmt seine Konversion mit Respekt auf, versichert ihm jedoch lächelnd, daß er seine Weltanschauung noch viele Male ändern werde, bevor er erwachsen sei. Diese Vorhersage sollte sich nicht bewahrheiten.
Noch als Student übersetzt Sousedík De ente et essentia des heiligen Thomas von Aquin ins Tschechische und bringt das Manuskript persönlich zum Verlag Vyšehrad. Dort empfängt ihn der Redakteur Rudolf Voříšek freundlich, jedoch mit einer Traurigkeit, die der junge Mann nicht versteht. Wenig später wird Voříšek verhaftet und kehrt nicht mehr aus dem Gefängnis zurück. Die Übersetzung muß fast ein halbes Jahrhundert warten, ehe sie veröffentlicht wird.
Diese Szene nimmt gewissermaßen Sousedíks ganzes Leben vorweg. Zweimal wird ihm wegen unzureichender ideologischer Voraussetzungen die Aufnahme in die Philosophische Fakultät der Karls-Universität verweigert. Einige Jahre lang kann er an der damals nach Leitmeritz verlegten Katholisch-Theologischen Fakultät studieren, ohne sein Studium jedoch abzuschließen. Anschließend schreibt er sich an der Wirtschaftshochschule in Prag ein, von der er wegen seines Laienapostolats ausgeschlossen wird, also wegen seiner religiösen Tätigkeit unter seinen Kommilitonen.
Nach seinem Militärdienst, den er von 1956 bis 1958 in einem technischen Baubataillon ableistet, arbeitet er vier Jahre lang als Bauarbeiter und erlernt dabei auch das Handwerk des Installateurs. Doch selbst unter diesen Bedingungen gibt er die Philosophie nicht auf: Er studiert weiter und organisiert kleine Gruppen, in denen er heimlich Unterricht erteilt.
Erst 1964 gelingt es ihm, sich als externer Student an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität einzuschreiben und dort Philosophie und Deutsch zu studieren. Er schließt sein Studium mit einer Arbeit über den scholastischen Jesuiten Rodrigo de Arriaga ab und erwirbt 1969 ein Diplom der Philosophie. Seit 1965 besucht er außerdem die Vorlesungen von Jan Patočka und tritt später in den Kreis von dessen letzten Schülern ein.
1968 beginnt er eine wissenschaftliche Tätigkeit am Institut für Philosophie der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, wird jedoch drei Jahre später aus politischen Gründen entlassen. Obwohl er eine Dissertation über Stanislaus von Znaim abgeschlossen hatte, wird ihm der Erwerb des wissenschaftlichen Grades eines Kandidaten der Wissenschaften verwehrt. Von 1972 bis 1989 betreut er die kritische Edition der lateinischen Werke des Comenius und widmet die ihm verbleibende freie Zeit dem Studium der Zweiten Scholastik.
Der Sturz des kommunistischen Regimes verändert schließlich den Verlauf seines Lebens. 1990, inzwischen fast sechzig Jahre alt, kann er als Dozent an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität seine Lehrtätigkeit aufnehmen. 1991 erlangt er die Habilitation und wird 1993 zum ordentlichen Professor ernannt.
Sousedík bringt ein klares Vorhaben an die tschechische Universität: Er will die scholastische Tradition durch die Auseinandersetzung mit der Logik und der zeitgenössischen analytischen Philosophie erneuern. Um ihn herum entsteht eine Schule der analytischen Scholastik, die nicht nur Thomas von Aquin untersucht, sondern auch Duns Scotus, Suárez und die großen Vertreter der Zweiten Scholastik. Im Jahre 2004 gründet er gemeinsam mit einigen seiner Schüler die internationale Zeitschrift Studia Neoaristotelica.
Mit fünfundneunzig Jahren schließt Sousedík gewissermaßen den Kreis, den jenes Manuskript aus dem Jahre 1950 eröffnet hatte. Am vergangenen 2. Juni stellte er in Prag sein neuestes Buch vor: Obrana tradičního křesťanství – Verteidigung des traditionellen Christentums.
Bezeichnend ist, daß er dieses Werk in einem Alter verfaßt hat, in dem er sich nach modernen Vorstellungen inzwischen vor allem der Ruhe widmen sollte. Statt dessen zieht er es vor, die Ruhe jener zu stören, die meinten, das traditionelle Christentum habe längst begonnen, sich zur Ruhe zu setzen.
Ausgangspunkt des Buches ist die Feststellung, daß die christliche Apologetik nahezu vollständig verschwunden ist. Nach Sousedík liegt die Ursache dafür nicht allein in der Schwäche der Christen. Entscheidend ist vielmehr ein verändertes Verständnis der Offenbarung selbst. Apologetik setzt voraus, dass es einen bestimmten, von Gott offenbarten Wahrheitsinhalt gibt, der sich in wahren Aussagen ausdrücken läßt und deshalb gegenüber Einwänden verteidigt werden kann. Wird Offenbarung dagegen nicht mehr als Mitteilung einer solchen bleibenden Wahrheit verstanden, sondern als ein in der Geschichte wirkendes göttliches Geschehen, durch das sich Wahrheit erst allmählich erschließt, verändert sich damit auch die Aufgabe der Apologetik. Es gibt dann keine ein für alle Mal empfangene Wahrheit mehr, die es zu bewahren und zu verteidigen gilt. An ihre Stelle tritt die Forderung, sich auf den geschichtlichen Prozeß einzulassen – oder, in der heute verbreitetsten Formulierung, sich der Welt zu öffnen.
Sousedík verteidigt dagegen die Offenbarung als objektive Wahrheit, die sich weder auf subjektive Erfahrung noch auf das geschichtliche Werden reduzieren läßt. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht damit das Verhältnis von Zeit, Geschichte und Wahrheit: eben jenes Problem, mit dem sich in Rom Pater Cornelio Fabro in seiner Kritik am modernen Immanenzprinzip und an der anthropologischen Wende auseinandergesetzt hat.
Auf diese Parallele wird der Verfasser in den kommenden Tagen in Prag im Rahmen der Konferenz eingehen, die anläßlich des 95. Geburtstages des tschechischen Philosophen veranstaltet wird.
Das Regime hatte versucht, Sousedík auf eine Baustelle und zwischen die lateinischen Seiten des Comenius zu verbannen. Es ist ihm nicht gelungen. Nach 95 Lebensjahren ist er eine der rigorosesten Stimmen der europäischen scholastischen Philosophie und verteidigt weiterhin das, was viele inzwischen als endgültig überholt betrachteten: die Fähigkeit der Vernunft, die Wahrheit zu erkennen, und den objektiven Charakter der christlichen Offenbarung.
Ad multos annos.
*Ľubomír Urbančok ist Priester der Erzdiözese Tyrnau. Er studierte Physik an der Karls-Universität in Prag, Philosophie an der Comenius-Universität in Preßburg sowie Theologie an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom. Er wirkte nach der Priesterweihe in der Pfarrei Komorn und anschließend als Sekretär des Erzbischofs von Tyrnau. Derzeit studiert er Dogmatik am Angelicum in Rom. Er ist Kaplan der Vereinigung für den überlieferten Römischen Ritus in der Slowakei und betreibt die Internetseite oteclubomir.sk.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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