Fünfundneunzig Jahre gegen den Strom: Stanislav Sousedík

Ein entschiedener Verteidiger der Vernunft, ihrer Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis und des objektiven Charakters der christlichen Offenbarung

Der tschechische Philosoph und Thomist Prof. Stanislav Sousedik wurde vor kurzem 95 Jahre alt
Der tschechische Philosoph und Thomist Prof. Stanislav Sousedik wurde vor kurzem 95 Jahre alt

Von Ľubomír Urbančok*

Am ver­gan­ge­nen 22. August voll­ende­te der tsche­chi­sche Phi­lo­soph Sta­nis­lav Sou­se­dík sein 95. Lebens­jahr. Außer­halb der Gren­zen der Tsche­chi­schen Repu­blik hat dies kaum jemand bemerkt. Und doch ver­dient sein Lebens­weg, sowohl in mensch­li­cher als auch in gei­sti­ger Hin­sicht, erzählt zu wer­den. Um dies zu tun, muß man mit einer Sze­ne begin­nen, nicht mit einem Lebenslauf.

Prag, 1950. Sou­se­dík ist noch kei­ne zwan­zig Jah­re alt. Wäh­rend sei­ner Gym­na­si­al­zeit hat er den Pan­the­is­mus und den rela­ti­vi­sti­schen Skep­ti­zis­mus durch­lau­fen, bevor er zum katho­li­schen Glau­ben und zum Tho­mis­mus gelang­te. Sein Vater nimmt sei­ne Kon­ver­si­on mit Respekt auf, ver­si­chert ihm jedoch lächelnd, daß er sei­ne Welt­an­schau­ung noch vie­le Male ändern wer­de, bevor er erwach­sen sei. Die­se Vor­her­sa­ge soll­te sich nicht bewahrheiten.

Noch als Stu­dent über­setzt Sou­se­dík De ente et essen­tia des hei­li­gen Tho­mas von Aquin ins Tsche­chi­sche und bringt das Manu­skript per­sön­lich zum Ver­lag Vyšeh­rad. Dort emp­fängt ihn der Redak­teur Rudolf Voří­šek freund­lich, jedoch mit einer Trau­rig­keit, die der jun­ge Mann nicht ver­steht. Wenig spä­ter wird Voří­šek ver­haf­tet und kehrt nicht mehr aus dem Gefäng­nis zurück. Die Über­set­zung muß fast ein hal­bes Jahr­hun­dert war­ten, ehe sie ver­öf­fent­licht wird.

Die­se Sze­ne nimmt gewis­ser­ma­ßen Sou­se­díks gan­zes Leben vor­weg. Zwei­mal wird ihm wegen unzu­rei­chen­der ideo­lo­gi­scher Vor­aus­set­zun­gen die Auf­nah­me in die Phi­lo­so­phi­sche Fakul­tät der Karls-Uni­ver­si­tät ver­wei­gert. Eini­ge Jah­re lang kann er an der damals nach Leit­me­ritz ver­leg­ten Katho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fakul­tät stu­die­ren, ohne sein Stu­di­um jedoch abzu­schlie­ßen. Anschlie­ßend schreibt er sich an der Wirt­schafts­hoch­schu­le in Prag ein, von der er wegen sei­nes Lai­en­apo­sto­lats aus­ge­schlos­sen wird, also wegen sei­ner reli­giö­sen Tätig­keit unter sei­nen Kommilitonen.

Nach sei­nem Mili­tär­dienst, den er von 1956 bis 1958 in einem tech­ni­schen Bau­ba­tail­lon ablei­stet, arbei­tet er vier Jah­re lang als Bau­ar­bei­ter und erlernt dabei auch das Hand­werk des Instal­la­teurs. Doch selbst unter die­sen Bedin­gun­gen gibt er die Phi­lo­so­phie nicht auf: Er stu­diert wei­ter und orga­ni­siert klei­ne Grup­pen, in denen er heim­lich Unter­richt erteilt.

Erst 1964 gelingt es ihm, sich als exter­ner Stu­dent an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Karls-Uni­ver­si­tät ein­zu­schrei­ben und dort Phi­lo­so­phie und Deutsch zu stu­die­ren. Er schließt sein Stu­di­um mit einer Arbeit über den scho­la­sti­schen Jesui­ten Rodri­go de Arria­ga ab und erwirbt 1969 ein Diplom der Phi­lo­so­phie. Seit 1965 besucht er außer­dem die Vor­le­sun­gen von Jan Patoč­ka und tritt spä­ter in den Kreis von des­sen letz­ten Schü­lern ein.

1968 beginnt er eine wis­sen­schaft­li­che Tätig­keit am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Tsche­cho­slo­wa­ki­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, wird jedoch drei Jah­re spä­ter aus poli­ti­schen Grün­den ent­las­sen. Obwohl er eine Dis­ser­ta­ti­on über Sta­nis­laus von Zna­im abge­schlos­sen hat­te, wird ihm der Erwerb des wis­sen­schaft­li­chen Gra­des eines Kan­di­da­ten der Wis­sen­schaf­ten ver­wehrt. Von 1972 bis 1989 betreut er die kri­ti­sche Edi­ti­on der latei­ni­schen Wer­ke des Come­ni­us und wid­met die ihm ver­blei­ben­de freie Zeit dem Stu­di­um der Zwei­ten Scholastik.

Der Sturz des kom­mu­ni­sti­schen Regimes ver­än­dert schließ­lich den Ver­lauf sei­nes Lebens. 1990, inzwi­schen fast sech­zig Jah­re alt, kann er als Dozent an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Karls-Uni­ver­si­tät sei­ne Lehr­tä­tig­keit auf­neh­men. 1991 erlangt er die Habi­li­ta­ti­on und wird 1993 zum ordent­li­chen Pro­fes­sor ernannt.

Sou­se­dík bringt ein kla­res Vor­ha­ben an die tsche­chi­sche Uni­ver­si­tät: Er will die scho­la­sti­sche Tra­di­ti­on durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Logik und der zeit­ge­nös­si­schen ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie erneu­ern. Um ihn her­um ent­steht eine Schu­le der ana­ly­ti­schen Scho­la­stik, die nicht nur Tho­mas von Aquin unter­sucht, son­dern auch Duns Sco­tus, Suá­rez und die gro­ßen Ver­tre­ter der Zwei­ten Scho­la­stik. Im Jah­re 2004 grün­det er gemein­sam mit eini­gen sei­ner Schü­ler die inter­na­tio­na­le Zeit­schrift Stu­dia Neo­ari­sto­te­li­ca.

Mit fünf­und­neun­zig Jah­ren schließt Sou­se­dík gewis­ser­ma­ßen den Kreis, den jenes Manu­skript aus dem Jah­re 1950 eröff­net hat­te. Am ver­gan­ge­nen 2. Juni stell­te er in Prag sein neue­stes Buch vor: Obra­na tra­diční­ho kře­sťanst­ví – Ver­tei­di­gung des tra­di­tio­nel­len Chri­sten­tums.

Bezeich­nend ist, daß er die­ses Werk in einem Alter ver­faßt hat, in dem er sich nach moder­nen Vor­stel­lun­gen inzwi­schen vor allem der Ruhe wid­men soll­te. Statt des­sen zieht er es vor, die Ruhe jener zu stö­ren, die mein­ten, das tra­di­tio­nel­le Chri­sten­tum habe längst begon­nen, sich zur Ruhe zu setzen.

Aus­gangs­punkt des Buches ist die Fest­stel­lung, daß die christ­li­che Apo­loge­tik nahe­zu voll­stän­dig ver­schwun­den ist. Nach Sou­se­dík liegt die Ursa­che dafür nicht allein in der Schwä­che der Chri­sten. Ent­schei­dend ist viel­mehr ein ver­än­der­tes Ver­ständ­nis der Offen­ba­rung selbst. Apo­loge­tik setzt vor­aus, dass es einen bestimm­ten, von Gott offen­bar­ten Wahr­heits­in­halt gibt, der sich in wah­ren Aus­sa­gen aus­drücken läßt und des­halb gegen­über Ein­wän­den ver­tei­digt wer­den kann. Wird Offen­ba­rung dage­gen nicht mehr als Mit­tei­lung einer sol­chen blei­ben­den Wahr­heit ver­stan­den, son­dern als ein in der Geschich­te wir­ken­des gött­li­ches Gesche­hen, durch das sich Wahr­heit erst all­mäh­lich erschließt, ver­än­dert sich damit auch die Auf­ga­be der Apo­loge­tik. Es gibt dann kei­ne ein für alle Mal emp­fan­ge­ne Wahr­heit mehr, die es zu bewah­ren und zu ver­tei­di­gen gilt. An ihre Stel­le tritt die For­de­rung, sich auf den geschicht­li­chen Pro­zeß ein­zu­las­sen – oder, in der heu­te ver­brei­tet­sten For­mu­lie­rung, sich der Welt zu öffnen.

Sou­se­dík ver­tei­digt dage­gen die Offen­ba­rung als objek­ti­ve Wahr­heit, die sich weder auf sub­jek­ti­ve Erfah­rung noch auf das geschicht­li­che Wer­den redu­zie­ren läßt. Im Mit­tel­punkt sei­ner Über­le­gun­gen steht damit das Ver­hält­nis von Zeit, Geschich­te und Wahr­heit: eben jenes Pro­blem, mit dem sich in Rom Pater Cor­ne­lio Fab­ro in sei­ner Kri­tik am moder­nen Imma­nenz­prin­zip und an der anthro­po­lo­gi­schen Wen­de aus­ein­an­der­ge­setzt hat.

Auf die­se Par­al­le­le wird der Ver­fas­ser in den kom­men­den Tagen in Prag im Rah­men der Kon­fe­renz ein­ge­hen, die anläß­lich des 95. Geburts­ta­ges des tsche­chi­schen Phi­lo­so­phen ver­an­stal­tet wird.

Das Regime hat­te ver­sucht, Sou­se­dík auf eine Bau­stel­le und zwi­schen die latei­ni­schen Sei­ten des Come­ni­us zu ver­ban­nen. Es ist ihm nicht gelun­gen. Nach 95 Lebens­jah­ren ist er eine der rigo­ro­se­sten Stim­men der euro­päi­schen scho­la­sti­schen Phi­lo­so­phie und ver­tei­digt wei­ter­hin das, was vie­le inzwi­schen als end­gül­tig über­holt betrach­te­ten: die Fähig­keit der Ver­nunft, die Wahr­heit zu erken­nen, und den objek­ti­ven Cha­rak­ter der christ­li­chen Offenbarung.

Ad mul­tos annos.

*Ľubomír Urbančok ist Prie­ster der Erz­diö­ze­se Tyr­n­au. Er stu­dier­te Phy­sik an der Karls-Uni­ver­si­tät in Prag, Phi­lo­so­phie an der Come­ni­us-Uni­ver­si­tät in Preß­burg sowie Theo­lo­gie an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät vom Hei­li­gen Kreuz in Rom. Er wirk­te nach der Prie­ster­wei­he in der Pfar­rei Komorn und anschlie­ßend als Sekre­tär des Erz­bi­schofs von Tyr­n­au. Der­zeit stu­diert er Dog­ma­tik am Ange­li­cum in Rom. Er ist Kaplan der Ver­ei­ni­gung für den über­lie­fer­ten Römi­schen Ritus in der Slo­wa­kei und betreibt die Inter­net­sei­te ote​club​o​mir​.sk.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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