Von Vigilius*
Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige gehört neben seinen Kollegen Bätzing und Marx zu jenen Gestalten, in denen der Geist der deutschen Kirche besonders rein hervortritt. Genauer gesagt: Der Geist jenes kirchlichen Establishments, das seit Jahrzehnten an den Schalthebeln der Macht sitzt und sämtliche kirchliche oder kirchenrelevante Institutionen wie Ordinariate, Priesterseminarien, Fakultäten, Bildungswerke und Publikationsorgane fest in seiner Hand hat. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich mit dem ideologischen Horizont auch die psychologische Charakteristik sowie das Aktivitäts- und Sprachlichkeitsprofil der einschlägigen Funktionäre, egal ob Haupt- oder Ehrenämtler, ähneln. Um einen Eindruck von dessen Grundüberzeugungen bekommen, reicht es, in irgendeines der diversen religiösen Magazine wie beispielsweise „Christ in der Gegenwart“, „Herder-Korrespondenz“, „Stimmen der Zeit“, „Publik-Forum“ oder „katholisch.de“ einen Blick zu werfen; kennt man nur eine Ausgabe eines dieser Magazine, kennt man den gesamten geistigen Kosmos dieses wohlsaturierten, hermetisch in sich zirkulierenden Milieus.
Das, was dieses Menschentum wesenhaft ausmacht, ist jener Nihilismus, den Nietzsche als „die Entwertung der bisherigen obersten Werte“ bestimmt, welche „obersten Werte“ von Nietzsche selber faktisch mit der christlichen Religion assoziiert werden. Nach Nietzsche besteht das „größte neuere Ereignis“ darin, dass wir Gott „getötet“ haben, was nach Nietzsche besagt, dass „der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist“. Man könnte dies so verstehen, als ob Nietzsche mit seiner Gott-ist-tot-Rede keine objektive Aussage über das Sein oder Nicht-Sein Gottes, sondern nur über unsere Glaubensverhältnisse treffen will. Tatsächlich ist der Zusammenhang aber komplexer. Ihn muß man verstehen, um zu begreifen, was das Wesen des Nihilismus ist, der die europäische, ja die gesamte westliche Zivilisation und mit ihr auch die römische Kirche ergriffen hat.
Nietzsche wirft selber zu Beginn des Textes über den „Tollen Menschen“ die Frage auf, wie wir zu Gottes Mördern werden und „die Erde von ihrer Sonne losketten“ konnten: „Wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?“ Um zur Antwort auf diese Frage zu gelangen, ist es bedeutsam, die Nihilismusformel Nietzsches sorgfältig zu betrachten. Der fragliche Zusammenhang ist vorzüglich von Martin Heidegger herausgearbeitet worden. Denn wie selbstverständlich bezeichnet Nietzsche die „übersinnliche Welt“ als die Sphäre der „obersten Werte“. Damit reiht sich Nietzsche selber in den Kontext der von ihm ansonsten gründlich verachteten Moderne ein. Die Beschreibung sämtlicher Dinge und Verhältnisse in der Kategorie des Wertes kann nämlich als eines der entscheidenden Wesensmerkmale des modernen Bewußtseins gelten. Seit dem 19. Jahrhundert hat dieser Diskurs auch gesamtkulturell immer mehr um sich gegriffen und ist heute allgegenwärtig.
Der Antike und auch dem Hochmittelalter wäre es niemals in den Sinn gekommen, das Sein des Seienden im Koordinatensystem des Wert-Denkens zu formulieren. Denn „Wert“ ist eine funktionale Taxierungskategorie, die eine Sache nach Zwecken bemißt, die der Sache selber nicht inhärent sind, sondern vom wertenden Subjekt gesetzt und an das Objekt herangetragen werden. Schon Francis Bacon interpretierte das Erkennen einer Sache als die Erkenntnis, „was ich mit einem Ding anfangen kann, wenn ich es habe“. Dieses Denken in Werten ist radikal. Der Theologe Eberhard Jüngel nennt es „ontologisch aggressiv“. Es beschreibt nicht einfach nur den selbstverständlichen Sachverhalt, dass eine Sache auch mehr oder weniger wertvoll sein kann für andere Zwecksetzungen, sondern sagt, dass der Wert das Sein des Dinges selber sei, so dass es durch die vom Subjekt ausgehende und auf das Subjekt selber hingeordnete Auf- und Abwertung sein Sein erhält – oder verliert. Das Ent-wertete ist dann nicht mehr, es gilt nicht mehr als seiend.
Sofern die Seiendheit des Seienden in der Identität von Sein und Wert bestimmt ist, wird verständlich, warum für Nietzsche der „Tod Gottes“ und das Unglaubwürdiggewordensein des christlichen Glaubens ineins fallen. Wenn Gott ohnehin nur ein – immer schon von der menschlichen Subjektivität gesetzter – Wert ist, dann bedeutet die Entwertung dieses bisher obersten Wertes in der Sache selber dessen Annihilierung. Wie wir, die großen Ingenieure aller Dinge, bereits Gottes Erfinder waren, so sind wir nach Nietzsche nun auch zu seinen Dekonstrukteuren, zu seinen Mördern geworden.
Freilich gilt die Nihilismusdiagnose dann prinzipiell schon für die Phase der Konstruktion. Und genau so sieht Nietzsche das auch. Das Fehlen eines die Welt umgreifenden letzten Worumwillen, von dem her die Welt einen objektiven Sinn ihrer Existenz und ihrer Geschichte findet, produziert gerade die Notwendigkeit, zum Selbsterhalt und zur Selbststeigerung Sinngefüge und Moralen zu erfinden. Wertsetzungen sind stets Setzungen des „Willens zur Macht“, und die Wertigkeit der Werte bemißt sich an ihrer Tauglichkeit für die Zwecksetzungen des Willens zur Macht, welche Zwecksetzungen immerfort die Selbstrealisierung der Macht als solcher intendieren. Es gibt für Nietzsche nichts mehr außerhalb der Macht, es gibt nur ein einziges strategisches Ziel, und das ist das „Machten der Macht“ (Heidegger) selber. Insofern die Macht keinen Zweck mehr außerhalb ihrer selbst besitzt, ist die Welt im ganzen sinnlos, die Macht dient zu nichts. Deswegen wäre im Übrigen ein Gott, der auf die Machtdimension reduziert würde, identisch mit der bloßen Faktizität; er wäre ein bedeutungsloses Wort. Erst ein allmächtiger Gott, der zugleich Liebe ist, besitzt ein unendlich bedeutungsvolles Sein.
Aber nach Nietzsche ist dieses Sein nur das erfundene Produkt einer nihilistischen Operation des menschlichen Bewußtseins, nämlich eine selbstbezügliche Setzung des Willens zur Macht, und zwar eine ziemlich raffinierte. Aber schließlich hat sich diese Machttaktik in Ansehung des strategischen Zieles als kontraproduktiv erwiesen, sie hat zwar viel Großes – subtile geistige Entwürfe und geniale Kunstwerke – hervorgebracht, aber zugleich die Kräfte des Lebens bedroht. Diese Lebensfeindlichkeit ist komplexerweise eine weitere Bedeutung, die das Wort „Nihilismus“ bei Nietzsche besitzt. Und so entwertet der Wille zur Macht um seiner selbst willen die „übersinnliche Welt“ und die ihr zugeordneten Moralen wieder, um an ihre Stelle die rein säkulare Mystik des Übermenschen zu setzen, der die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, die nichts anderes ist als die absolute Persistenz des Willens zur Macht, von innen zu bejahen. Der Übermensch ist für Nietzsche der Nihilist in seiner edelsten Gestalt als die bewußte und unverstellte Affirmation der Sinnlosigkeit der Welt, das heißt: die bewußte und unverstellte Selbstaffirmation des Willens zur Macht. Darum beschreibt sich Nietzsche als „Antichrist“. Denn durch die Tötung Gottes und die Überwindung der lebensfeindlichen christlichen Moral soll eine „Moral für höchste Ansprüche“ entstehen können, die ohne Dekadenz und feige Fluchten, also ohne Jenseitshoffnungen und Erlösungsvorstellungen, gewissermaßen demütig das Leben als Wille zur Macht feiert und in seiner ganzen grausamen Ästhetik affirmiert. „Amor fati“ nennt sich dieses nihilistisch-antinihilistische Programm.
Ich komme zu Herrn Feige aus Magdeburg und mit ihm zum ganzen Elend der Kirche unserer Tage zurück. Prima facie sieht es so aus, als ob der Genannte und das von ihm repräsentierte kirchliche Sozialmilieu keineswegs die „Entwertung der bisherigen obersten Werte“ betreiben würden. Noch immer wird hier von Gott und von Christus geredet. So handelt Feige in einem Gespräch mit der „Herder-Korrespondenz“ davon, dass „der einzige und wirkliche Hirte Christus selbst“ und „der Glaube ein lebendiges Verhältnis zu Gott“ sei.1 Gleichwohl macht dieses Gespräch emblematisch eine nihilismusinduzierte tektonische Verschiebung des gesamten geistigen Gefüges sichtbar. Sie artikuliert sich in Sätzen wie diesen: „Natürlich wäre es schön, mehr Mitglieder zu haben, aber das ist nicht unser erstes Anliegen. Die Aufgabe der Kirche ist es, selbstlos für die Gesellschaft da zu sein.“
Das ist eine grundstürzende Behauptung. Beginnen wir mit dem ersten Satz. Denn „mehr Mitglieder zu haben“ heißt ja nichts anderes als Menschen, die bislang nicht an Jesus als den Christus und die sakramentale Gemeinschaft mit ihm im mystischen Leibe Christi, der die Kirche ist, glauben, zu eben diesem Glauben und damit zur Aufnahme in die übernatürliche Verbindung mit Christus zu bekehren. Hier im Sinne der Nachrangigkeit bloß von „schön“ zu sprechen, ist der Sache völlig wesenswidrig. Denn für das Evangelium handelt es sich gerade bei dieser Frage um einen Vorgang prioritärer Relevanz. Das Evangelium formuliert einen den Jüngern Christi nicht mehr zur Disposition stehenden Bekehrungs- und Missionsimperativ, weil an dieser Stelle das Gelingen oder Scheitern der menschlichen Existenz im ganzen auf dem Spiel steht. Es ist die vorzügliche heilige Pflicht der Kirche, alle Menschen zu Jüngern Christi machen zu wollen.
Der Missionsbefehl kann sich in seiner Unbedingtheit nur wahrheitstheoretisch begründen. Und nur ein Glaube, der universale Wahrheitsansprüche erhebt, setzt überhaupt Heilseffekte frei. Tatsächlich wird die Mission im Neuen Testament auch so begründet:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14, 6).
Von daher muß man schlußfolgern: Die Mißachtung des Missionsbefehls ist eine innere Konsequenz der Mißachtung des diesem Imperativ zugrundeliegenden Wahrheitsanspruches, dessen Mißachtung durch die Mißachtung des Missionsbefehles zugleich untrüglich indiziert wird. Ausdrücklich bekundet Feige, es gehe „nicht darum, Menschen das Evangelium überzustülpen“. Das ist eine ähnliche Rhetorik wie Jorge Bergoglios konstante Proselytismusschelte. Leicht erkennbar ist das durch die alberne Konstruktion eines Scheingegners, die kaschieren soll, dass man den Missionsgedanken und den ihn begründenden Wahrheitsanspruch überhaupt aufgegeben hat. Wie wollten Christen denn im radikal säkularisierten Deutschland irgendwelchen ungläubigen Menschen das Evangelium „überstülpen“? Indem sie ihnen mit dem Einmarsch der Schweizer Garde drohen?
Es ist die menschliche Natur selber, die gegen den sich so humanitär inszenierenden Feige Klage führt. Denn der Mensch vermag sich nicht in sich selbst zu vollenden. Er ist abhängiger als jedes sonstige Lebewesen, und gerade diese Abhängigkeit macht zugleich seine spezifische Größe aus. Der Mensch ist nämlich zur Selbstvollendung wesenhaft auf ein Ziel außerhalb seiner selbst hingeordnet. Dieses Ziel nennen wir Gott. Bereits Augustinus spricht von der „Unruhe des Herzens“, die sich nur in Gott beruhigen kann. In scholastischer Terminologie heißt diese Unruhe „desiderium naturale in visionem beatificam“. Zur spezifischen Abhängigkeit des Menschen gehört es nun ebenfalls, dass der Mensch dieses ihn erst zu sich selbst bringende Ziel außerhalb seiner selbst nur dann erreicht, wenn es sich selber gibt, und zwar frei und ungeschuldet gibt. Das nennen wir „Gnade“. Da der Mensch nicht der Schöpfer seiner selbst ist und sich nicht selber gehört, besitzt er kein Anrecht auf die Gnade und damit die reale Erreichung seiner Wesenserfüllung.
Der Mensch benötigt also um seiner selbst willen Gott, und er benötigt Christus, der die freie Selbstgabe Gottes ist. Aber, und hier liegt im Kontext der Erwägungen dieses Essays die Pointe, der Mensch benötigt Gott als den, der seinerseits nicht durch seine – unbezweifelbare – Funktion, durch seinen Wert für den Menschen definiert ist. Gott ist insofern „wertlos“, er genügt sich selbst, ist um seiner selbst will da. Deswegen besteht der eigentliche theologische Zweck der Erlösung der Welt in der Selbstverherrlichung Gottes, an welcher Selbstverherrlichung der Mensch im Glauben und in der Gemeinschaft mit Christus teilnimmt, um gerade so, sich über Gottes Anbetung selig vergessend, seine Wesensvollendung zu finden. Selbstlosigkeit und Selbstsein sind, wie in Gott selber, identisch. Die Mission der Kirche bezweckt also die Vermittlung Christi, damit dadurch Gott, dem Vater, von der Kreatur zu deren Heil um Gottes selbst willen die Ehre gegeben wird. Umgekehrt heißt dies, dass die Vernachlässigung der Mission nichts anderes als die bittere Tatsache bedeutet, den Menschen die köstlichste aller Gaben zu verweigern. Denn nur die Wahrheit, die Christus selber als Person ist, schenkt uns die Freiheit der Kinder Gottes und befreit uns damit von der Herrschaft der Welt, mithin von der „Tyrannei der Werte“ (Nicolai Hartmann).
Es ist genau dieser Zusammenhang, von dem bei Feige nichts mehr vorhanden ist. Das wird vollends dadurch deutlich, dass Feige im Folgesatz „unser erstes Anliegen“ dadurch bestimmt, „selbstlos für die Gesellschaft da zu sein“. Damit wird die Kirche ihres übernatürlichen Heils- und Heilsvermittlungscharakters, der in der selbstzwecklichen Verherrlichung Gottes besteht, entkleidet und in eine weltimmanente soziologische Funktion transformiert. Die Entwertung des vormaligen Glaubens und damit die Neubestimmung des Wesens der Kirche geschieht um dieser sozialfunktionalen Wertsetzung willen. Es ist nicht übertrieben, diese neue Wertsetzung als die ideologische Grundachse des eingangs genannten kirchlichen Establishments zu bezeichnen, das sich selber als aufgeklärt und modern versteht und mittlerweile Figuren wie Feige, Bätzing, Marx oder Koch als Bischöfe hervorbringt, die die Gläubigen wieder an die „vergehende Gestalt dieser Welt“ (1 Kor 7, 31) versklaven.
Was es bedeutet, selbstlos für die Gesellschaft da zu sein, macht Feige selber anschaulich. Zum einen heißt das für ihn, „diakonisch Kirche zu sein“. Nicht zuletzt erhalten damit die institutionellen Betriebe der Caritas und der Diakonie das ekklesiologische Gewicht eines „ersten Anliegens“. Feige denkt aber in großen Bögen. Denn zum diakonisch-caritativen Bereich gehört nach ihm auch die „kulturelle Diakonie“: Die Kirche „ist dann gefragt, wenn Menschen Formen brauchen – bei großen Katastrophen genau wie im alltäglichen Leben und überall dort, wo sie auf der Suche sind. Das Angebot zur Lebenswende nehmen im Bistum Magdeburg in manchen Jahren an die 1000 Jugendliche an.“
Zum anderen bedeutet in Feiges Vorstellung selbstloses Dasein für die Gesellschaft politisches Engagement, und zwar gegen Rechts. Dem Kampf gegen die AfD hat sich Feige mit Inbrunst verschrieben, und diese Inbrunst teilen etliche seiner Kollegen. Wie sehr der politische Anti-AfD-Kampf zum religiösen Selbstverständnis dieser Leute geworden ist, erkennt man etwa daran, dass der Berliner Bischof Koch, der weiland schon Greta Thunberg unmittelbar mit Jesus Christus selbst assoziierte, bekannte, den Verlust von kirchlich aktiven AfD-Katholiken, die sich wegen des AfD-Bashings von der offiziellen Kirche verabschieden, in Kauf nehmen zu wollen.2 Hier sieht man klar, dass sich die fraglichen Bischöfe prioritär in diesem politischen Aktivismus als Bischöfe zu realisieren meinen. Die Massendemokratie als lediglich eines der möglichen gesellschaftlichen Selbstorganisationsmodelle und damit der Rettungsaktivismus dieses spezifischen Modells ist für das liberale Kirchenestablishment zum articulus stantis et cadentis ecclesiae geworden.
Warum allerdings Leute, die von diesem Modell derart religiös begeistert sind, zwar viele Worte über das angebliche Demokratiebedrohungspotential der AfD, aber kein einziges Wort über die immer unverfroreneren Feldzüge der alten Parteien gegen die Grundlagen der liberalen Demokratie und des Rechtsstaates wie Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung verlieren, ist ein eigenes Thema. Jetzt gilt es nur zu konstatieren, dass das Feige-Milieu die Agenda der Kirche als Betrieb zur Befriedigung von Bedürfnissen wie denen nach rituellen Formen oder humanitären Engagements begreift, die von außen, sei es durch die Politik, die säkulare Kultur oder von Individuen, an sie herangetragen werden. Die funktionale Außenperspektive wird hier nahtlos zur Binnenperspektive.
Wenn man an den Gott Jesu Christi glaubt, ist es logisch unmöglich, sich zugleich im leitenden Selbstbegriff sozialfunktional zu definieren. Was heißt es dann, wenn das Establishment noch immer von „Gott“ und „Christus“ redet? Diese Rede bedeutet nicht, dass lediglich neben einer ansonsten intakten Theologie schizophrenerweise die sozialfunktionalistische Perspektive auch noch eröffnet würde. Vielmehr manifestiert sich der umfassend zur Herrschaft gelangte Nihilismus darin, dass grundlegend die Gottesrede selber bereits in anthropozentrische Wertbegriffe transformiert worden ist – ohne dass diese Operation als Unglaube identifiziert worden wäre. Im Gegenteil: Diese Operation ist immer damit ausgewiesen worden, den Menschen den Glauben näherzubringen. Aber wenn Gott, wie das in allen liberalen theologischen Vorstellungen auf irgendeine Weise der Fall ist, in seiner Gottheit durch die Bedürfnisse des Menschen definiert und als derjenige bestimmt wird, dessen Wesen darin besteht, für den Menschen da zu sein, dann ist er seines Eigenseins und seiner Selbstzwecklichkeit beraubt. Gott ist hier in der Kategorie eines „Wertes“ begriffen, und genau darin besteht der Kern des Nihilismus. Und von dieser Grundlage aus erscheint die radikal sozialfunktionale Selbstdefinition der Kirche nur als ein konsequenter Schritt. In diese Definition läßt sich der längst brauchbar gemachte Gott hervorragend einpassen, und zwar dadurch, dass sich mit ihm alle ohnehin beabsichtigten Wertsetzungen – wie beispielsweise die leidenschaftliche Unterstützung der Merkel’schen Migrationspolitik – spirituell überhöhen und scheinbar genuin religiös legitimieren lassen. Es zählt zu den abstoßendsten Merkmalen der Feige-Kirche, dass sie den Namen Gottes für die Beförderung der „Tyrannei der Werte“ benutzt, die zum Signum unseres irrationalen Zeitalters geworden ist.
Indes: Ist es dahin gekommen, „sind die Götter und der Gott entflohen“ (so Martin Heidegger mit Bezug auf Friedrich Hölderlin). Denn sie weigern sich, sich durch das Nadelöhr der Wertsetzungen der menschlichen Subjektivität fädeln zu lassen. Sie bestehen auf ihrer ontologischen Autonomie. Zugleich wendet sich der Mensch selber, sofern er seiner Natur nach auf die selbstzweckliche Anbetung der Gottheit angelegt ist, angeödet von der Feige-Kirche ab. Beides wird vorzüglich im liturgischen Diskurs sichtbar. Seit Jahrzehnten werden sowohl die Bugnini’sche Liturgiekonstruktion als auch die nochmaligen liturgischen Ad-hoc-Änderungen mit ökumenisch-interreligiösen und „pastoralen Erwägungen“ ausgewiesen. Dieser Funktionalismus hat aus der Messe eine beständig wechselnde Inszenierung gemacht, die stets anderen Wertgesichtspunkten gehorchen muß als der Verherrlichung Gottes durch die kirchliche Vergegenwärtigung des Selbstopfers Christi, das der göttliche Sohn dem Vater zu dessen Ehre dargebracht hat. Es ist kaum übertrieben zu behaupten, dass die alles entscheidende Überzeugung vom latreutischen Wesen des Opfers Christi aus dem nachkonziliaren kirchlichen Bewußtsein nahezu komplett verschwunden ist. Mit diesem Verschwinden hängt nun die Trivialisierung des liturgischen Bewußtseins unmittelbar zusammen, in dem sich alles um den neuzeitlichen Menschen dreht, der sich selber zum Maß aller Dinge ermächtigt hat und so auch die Liturgie nach seinen Zwecksetzungen auf sich selbst hin konzipiert. Die Liturgie hat den Charakter der Epiphanie des Heiligen verloren. Aber sofern in diesen das Göttliche instrumentalisierenden Inszenierungen die Gottheit nicht mehr von sich selbst her als sie selbst erscheinen kann, wird sie dem Menschen unweigerlich langweilig.
Der ekklesiale Selbstbegriff in sozialfunktionalen Wertkategorien bedeutet, sich prinzipiell als durch Äquivalente – etwa durch alternative Ritenanbieter oder humanitäre Institutionen – ersetzbar zu verstehen. Deswegen ist die Soziologie in der Feige-Kirche zur Leitwissenschaft geworden. Denn diese Kirche muß fortwährend unter der Anleitung soziologischer Expertisen je neu aufkeimende Bedürfnislagen aufspüren, um daraufhin von Pastoralkonzept zu Pastoralkonzept zu hetzen und neue, spannende „Angebote“ zu kreieren. Im sozialfunktionalen Koordinatensystem kann sie lediglich kurzfristige Erlebnisangebote konstruieren, da diese Angebote für die wankelmütigen Konsumenten schnell wieder ihre Werthaftigkeit verlieren. Ohnehin halten die Konsumenten bereits bei kleinen Irritationen sofort nach tauglicheren Alternativen Ausschau. Vor diesem Hintergrund wird verstehbar, dass die Feige-Kirche extrem nervös und – im eklatanten Widerspruch zu ihrer Selbstlosigkeitsrhetorik – keineswegs eine dienende Kirche geworden ist. Im Unterschied zur authentischen Kirche Christi, die in sich selbst ruht, kommt sie nämlich aufgrund der Verschmelzung von Außen- und Binnenperspektive gar nicht umhin, sich beständig mit sich selbst, mit der Vermittlung ihres in ihrem Selbstbegriff prekär gewordenen Daseinsrechtes zu befassen. Sie hängt in ihrem Sein davon ab, wertgeschätzt zu werden, und so muß sie sich unentwegt wertvoll machen.
Nietzsche nennt den Nihilismus den „unheimlichsten aller Gäste“. Das ist er deswegen, weil er wie der Nebel lautlos und unbemerkt durch winzige Öffnungen langsam eindringt, um schließlich den gesamten Raum auszufüllen. Und auch die längst eingetretene ubiquitäre Herrschaft des Nihilismus kann, so bekennt Nietzsche ebenfalls im Blick auf sich selbst, lange unbemerkt bleiben. „Dass ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden …“ Nietzsche Größe besteht genau in diesem Eingeständnis und der Bereitschaft, in den Abgrund des Nihilismus zu blicken. Der „Tolle Mensch“, also Nietzsche, fragt sich angesichts des toten Gottes: „Wohin bewegen wir uns? Stürzen wir nicht fortwährend? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ Und er verzweifelt an jenen, die die Nachricht vom Tode Gottes und der Tatsache, dass sie ihn selber getötet haben, gleichgültig läßt, weil sie nicht ermessen, was dieses „größte neuere Ereignis“ in Wahrheit bedeutet und welche fürchterlichen Folgen es entfesseln wird. Der „letzte Mensch“, von dem Zarathustra handelt, ist vielleicht die schlimmste Konsequenz des Gottestodes, und sie läßt sich mittlerweile auch in der katholischen Kirche überall besichtigen. Deshalb ist es wahr, was einer der neugeweihten Bischöfe der FSSPX sagte: Alles, was die modernistische Kirche anfasst, wird zur Wüste. Oder, um wieder mit Nietzsche zu sprechen: Die Kirche der Nihilisten ist nichts anderes als eine Grabstätte des verwesenden Gottes.
Ich denke, es gehört zur Wahrhaftigkeit hinzu, anzumerken, dass das sogenannte „konservative“ oder „traditionalistische“ Milieu vom „unheimlichsten aller Gäste“ ebenfalls Besuch bekommen hat. Ich finde es jedenfalls befremdlich, dass beispielsweise die von der Petrusbruderschaft und den „Ecclesia-Dei-Gemeinschaften“ organisierte jährliche Pfingstwallfahrt nach Chartres mit immer größerer Genugtuung die wachsende Teilnahme junger Leute – Zehntausende! – der Öffentlichkeit zur Kenntnis gibt. Man fragt sich unweigerlich, ob es den Veranstaltern bei der Wallfahrt um eine politische Agenda geht, die in Kategorien des Erfolges operiert und die Wallfahrt aus funktionalistischem Kalkül um deren Attraktivität willen als erlebnishaftes Superevent konstruiert, oder um einen selbstlosen Akt der Verherrlichung Gottes, für welchen Akt die Anzahl und das Alter der Teilnehmer keinerlei Rolle spielen. Der heilige Philipp Neri hat für seine Projekte trotz des notorischen Geldbedarfs stets solche Spenden zurückgewiesen, die nicht „um Christi willen“ gegeben wurden. Der Nihilismus des Wertdenkens kann sich ganz unbemerkt einschleichen und jedes scheinbar gottwohlgefällige Projekt hinterrücks desavouieren. Es ist hilfreich, sich des berühmten Satzes Martin Bubers zu erinnern: „Der Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“
Respekt könnten die vielen Feiges, die es im gegenwärtigen Klerus gibt, erst dann wieder erwarten, wenn sie ebenfalls ihren eigenen Nihilismus und ihre pseudoreligiösen Konstruktionen als verschleierten Unglauben identifizieren würden, um sich daraufhin zu bekehren oder den Priesterrock an den Nagel zu hängen. Auch Letztgenanntes ist respektabel, wenn es die Bereitschaft bedeutet, die Kälte jenes „leeren Raums“ auszuhalten, aus dem der Christus entflohen ist. Dann ließen die Nihilisten auch die Kirche wieder die Kirche Christi sein. Das ist freilich nicht zu erwarten. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung. Der verwesende Gott ist nämlich der anthropozentrische Gott der modernistischen Kirche. Er war von Anfang an eine Totgeburt. Mit ihm, das sehen wir bereits, zerfällt auch seine Grabstätte. Das mag bereits ein Vorschein der Gnade sein. Denn erst dann, wenn diese Grabstätte zerfallen ist, wird sich das Heilige wieder gewähren können. Möglicherweise wird es über der Ruine der Feige-Kirche den Raum seiner Epiphanie wieder aufspannen.
*Vigilius ist ein deutscher Philosoph und Blogger auf www.einsprueche.substack.com, wo diese Analyse auch erstveröffentlicht wurde.
Bild: Einsprüche
1 https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2026/9–2026/jede-zeit-kann-bewaehrungszeit-und-heilszeit-sein-ein-gespraech-mit-magdeburgs-dioezesanbischof-gerhard-feige/
2 https://de.catholicnewsagency.com/news/25679/erzbischof-koch-zu-verlust-von-afd-wahlern-in-gemeinden-wir-mussen-dieses-risiko-eingehen
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