Die Gottesmutter im Leben des heiligen John Henry Newman

An erster Stelle stand ihre unbefleckte Empfängnis

Der heilige John Henry Kardinal Newman
Der heilige John Henry Kardinal Newman

Von Crsitina Sic­car­di*

Der Okto­ber ist für die Hei­li­ge Römi­sche Kir­che der Monat des Rosen­kran­zes. Zugleich fällt in die­sen Monat das lit­ur­gi­sche Fest des hei­li­gen Kir­chen­leh­rers John Hen­ry New­man (1801–1890), des gro­ßen eng­li­schen Kon­ver­ti­ten, der nach jahr­zehn­te­lan­ger gei­sti­ger und geist­li­cher Suche die Häre­si­en hin­ter sich ließ und die Wahr­heit, die er durch die Kir­chen­vä­ter gefun­den hat­te, in der Katho­li­schen Kir­che annahm. Auf sein eige­nes Grab­mal ließ er die Wor­te set­zen: „Ex umbris et ima­gi­ni­bus in veritatem“ – „Aus Schat­ten und Bil­dern zur Wahrheit“.

Die Gegen­wart der Got­tes­mut­ter in New­mans Leben mach­te sich bereits in sei­ner Kind­heit bemerk­bar, obwohl er die Wahr­heit über sie erst in unmit­tel­ba­rer Nähe zu sei­ner Kon­ver­si­on erkann­te. Die­se voll­zog sich, als er 44 Jah­re alt war: Er leg­te die Beich­te ab und bekann­te sei­nen Glau­ben vor dem Pas­sio­ni­sten Domi­ni­kus von der Mut­ter Got­tes. Maria, die aller­se­lig­ste Jung­frau, war also auch in jenem Augen­blick bei ihm, als er vom Angli­ka­nis­mus zum Katho­li­zis­mus kon­ver­tier­te. Die­ser Ordens­mann, mit bür­ger­li­chem Namen Dome­ni­co Bar­be­ri (1792–1849), wur­de am 27. Okto­ber 1963 seliggesprochen.

In sei­ner Auto­bio­gra­phie Apo­lo­gia pro vita sua berich­tet der Newman:

„Als ich mich in Litt­lem­ore befand [dort leb­te New­man, bereits katho­lisch gewor­den, eini­ge Jah­re in Zurück­ge­zo­gen­heit; an der Stel­le, an der er wohn­te, befin­det sich heu­te ein Muse­um; Anm. d. Übers.], blät­ter­te ich eines Tages in alten Schul­hef­ten aus mei­ner Jugend­zeit. Unter ande­rem fand ich mein erstes Heft mit latei­ni­schen Ver­sen, und auf der ersten Sei­te befand sich ein Emblem, das mich vor Über­ra­schung bei­na­he den Atem ver­lie­ren ließ. Ich habe das Heft in die­sem Augen­blick vor mir lie­gen und habe es soeben ande­ren gezeigt. Auf die erste Sei­te hat­te ich in mei­ner kind­li­chen Schul­hand­schrift geschrie­ben: ‚John H. New­man, 11. Febru­ar 1811, Buch mit Ver­sen‘. Zwi­schen den Wör­tern ‚Buch‘ und ‚Ver­sen‘ hat­te ich das Bild eines kräf­ti­gen, ker­zen­ge­ra­den Kreu­zes gezeich­net; dane­ben befand sich eine Gestalt, die viel­leicht eine Hals­ket­te dar­stel­len soll­te, in der ich heu­te jedoch nichts ande­res mehr erken­nen kann als einen frei schwe­ben­den Rosen­kranz, an dem ein klei­nes Kreuz hängt. Damals war ich noch kei­ne zehn Jah­re alt.“

Das Kreuz und der Rosen­kranz waren also schon in sei­nem Leben gegen­wär­tig. Und doch hät­ten die­se Bil­der eigent­lich gar nicht aus New­mans Blei­stift her­vor­ge­hen dür­fen, wenn man bedenkt, wel­che Abnei­gung die Pro­te­stan­ten gegen­über der Ver­wen­dung von Kreu­zen und der Ver­eh­rung der aller­se­lig­sten Jung­frau Maria hegen. Daher erscheint es in der Tat bemer­kens­wert, wie der Ver­fas­ser der Apo­lo­gia selbst fest­stellt, „daß unter den tau­send Gegen­stän­den, die den Augen eines Kin­des begeg­ne­ten, gera­de die­se sich mei­nem Gedächt­nis so tief ein­präg­ten, daß sie zu mei­nem eige­nen Besitz wur­den“. Mit Bestimmt­heit fügt er hin­zu: „Ich bin sicher, daß es in den Kir­chen, die ich besuch­te, und in den Büchern, die ich las, nichts gab, was mir die­se Bil­der hät­te ein­ge­ben kön­nen“ (ebd.).

Sei­ne gründ­li­chen und tief­schür­fen­den bibli­schen und patri­sti­schen For­schun­gen über die Geschich­te der ver­schie­de­nen Häre­si­en, die Chri­stus betra­fen, berei­te­ten ihn dar­auf vor, die Stel­lung der Got­tes­mut­ter im Den­ken der ersten Chri­sten zu unter­su­chen. So gelang­te er zu der Erkennt­nis, daß Maria, ent­ge­gen sei­nen Annah­men aus den Jah­ren sei­nes pro­te­stan­ti­schen Glau­bens, von jeher eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung ein­ge­nom­men hat­te und daß die Häre­si­en des vier­ten und fünf­ten Jahr­hun­derts in Wirk­lich­keit zu ihrer Ver­herr­li­chung bei­getra­gen hatten.

In sei­nem Essay über die Ent­wick­lung der christ­li­chen Leh­re ver­tritt New­man die Auf­fas­sung, daß die Anschau­un­gen der Gläu­bi­gen über Maria ein Beweis für das histo­ri­sche Argu­ment zugun­sten einer tat­säch­li­chen Ent­wick­lung sei­en. Die in der frü­hen Kir­che bestehen­de Leh­re über die Got­tes­mut­ter und die ihr erwie­se­ne Ver­eh­rung näh­men das vor­weg, was heu­te geglaubt und prak­ti­ziert wer­de. Der Mari­en­kult habe kei­nes­wegs in die Gott allein gebüh­ren­de Anbe­tung ein­ge­grif­fen; viel­mehr habe er als Schutz des grund­le­gen­den Dog­mas des Chri­sten­tums gedient: der Mensch­wer­dung des Wor­tes Gottes.

New­man hat­te im Janu­ar 1845 mit der Nie­der­schrift die­ses Essays begon­nen und bis in den Okto­ber dar­an gear­bei­tet. Voll­endet hat er ihn jedoch nicht. Inzwi­schen heg­te er nicht mehr den gering­sten Zwei­fel, son­dern war zur Gewiß­heit gelangt. „Er brauch­te nicht län­ger zu suchen, denn er hat­te die Wahr­heit gefun­den. Und er wur­de katho­lisch“, schreibt Gio­van­ni Veloc­ci in der Ein­lei­tung zu dem Band New­man: Ope­re – Maria. Let­te­re, Ser­mo­ni, Medi­ta­zio­ni (Jaca Book, Mai­land, 1993, S. 26).

Gera­de in die­sem Band fin­det sich die Zusam­men­fas­sung von New­mans mario­lo­gi­schem Den­ken. Dar­in erstrahlt die Mut­ter Got­tes im Heils­plan Got­tes und in der Heils­ge­schich­te, im Rat­schluß Got­tes, im Leben, im Tode und in der Auf­er­ste­hung Jesu sowie in der Geschich­te der Kir­che, in der sie durch ihre müt­ter­li­che und mit­wir­kend erlö­sen­de Sen­dung zugun­sten der Mensch­heit wirkt.

Kar­di­nal New­man pfleg­te zu wie­der­ho­len, daß sein gan­zes Leben von der Jung­frau Maria beglei­tet wor­den sei. Eine sei­ner über­aus gelieb­ten Schwe­stern trug den Namen Mary; schon als Kind hat­te er einen Rosen­kranz gezeich­net; die angli­ka­ni­sche Kir­che, in der er als Propst wirk­te, war der hei­li­gen Jung­frau Maria geweiht. Auch der erste Sitz des von New­man in Eng­land gegrün­de­ten Ora­to­ri­ums des hei­li­gen Phil­ipp Neri, das die erste Nie­der­las­sung der Ora­to­ria­ner in die­sem Land dar­stell­te, wur­de in Mary­va­le ein­ge­rich­tet – das heißt im „Mari­en­tal“.

Dies geschah nach sei­ner Prie­ster­wei­he am 2. Febru­ar 1848, zu der ihn Papst Pius IX. durch sein Bre­ve Magna Nobis sem­per vom 26. Novem­ber 1847 ermu­tigt hatte.

Doch damit nicht genug: Als New­man von einer Rei­se nach Ita­li­en nach Eng­land zurück­kehr­te, woll­te er auf sei­ner Heim­rei­se eine Wall­fahrt nach Lore­to unter­neh­men, um die Got­tes­mut­ter um ihren Segen für sein Werk des Ora­to­ri­ums zu bit­ten. Das Ora­to­ri­um wur­de am 2. Febru­ar in Bir­ming­ham fei­er­lich eröff­net, am Fest der Rei­ni­gung der aller­se­lig­sten Jung­frau Maria. Zugleich war dies der Grün­dungs­tag des Ori­el Col­lege in Oxford, an dem New­man einst stu­diert hatte.

Der Hei­li­ge wähl­te die­ses Datum, um das neue katho­li­sche Werk unter den Schutz Mari­ens als der sich Rei­ni­gen­den – Maria Puri­fi­cans – zu stel­len. Spä­ter erklär­te er: „Denkt dar­an, daß unser Haus in Bir­ming­ham unter den Schutz der Unbe­fleck­ten Mut­ter Got­tes gestellt wor­den ist, wie es sich für ein Ora­to­ri­um des hei­li­gen Phil­ipp geziemt, und daß es ihr geweiht ist“ (W. Ward, Life of John Hen­ry Car­di­nal New­man, Bd. I, S. 205).

Der Kir­chen­leh­rer hat­te erkannt, daß Rom den Glau­ben über die Jahr­hun­der­te hin­weg bewah­ren konn­te, weil es die Jung­frau Maria stets geehrt hat­te. Sie, so erklär­te er, „muß ein Vor­bild der Lie­be und der Hei­lig­keit sein, denn sie ist uns vor Augen gestellt, damit sie uns auf unse­rem reli­giö­sen Wege füh­re“ (Paro­chi­al and Plain Ser­mons, Bd. II, S. 399).

Im Jah­re 1851 wur­de der eng­li­sche Ora­to­ria­ner auf Ein­la­dung des Erz­bi­schofs von Dub­lin, Paul Cul­len, zum Rek­tor der neu­ge­grün­de­ten Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Dub­lin beru­fen. Die­se Uni­ver­si­tät war unter dem beson­de­ren Schutz der aller­se­lig­sten Jung­frau Maria ent­stan­den. Ihr schrieb New­man sei­ne Fähig­keit zu, die Vor­trä­ge über The Idea of a Uni­ver­si­ty – Die Idee einer Uni­ver­si­tät – auszuarbeiten.

New­man ver­stand die Uni­ver­si­tät nicht als blo­ße Aus­bil­dungs­stät­te für bestimm­te Beru­fe oder als einen Ort rein tech­ni­scher Unter­wei­sung. Viel­mehr sah er in ihr eine Gemein­schaft der Bil­dung, die sich der Ent­fal­tung des mensch­li­chen Ver­stan­des und der Suche nach der von Jesus Chri­stus ver­kün­de­ten Wahr­heit widmet.

Wie­der­holt pre­dig­te New­man wäh­rend des Mari­en­mo­nats Mai in der Kir­che des Ora­to­ri­ums von Bir­ming­ham. Auch im Lau­fe des Kir­chen­jah­res hielt er häu­fig Betrach­tun­gen über die Geheim­nis­se Mari­ens. Hin­zu kamen sei­ne zahl­rei­chen maria­ni­schen Anspra­chen, die er zunächst an Angli­ka­ner und spä­ter an Katho­li­ken richtete.

Unzäh­li­ge Betrach­tun­gen über die Mario­lo­gie und Wahr­hei­ten über die Mut­ter Got­tes hat New­man schrift­lich nie­der­ge­legt. Dazu gehö­ren auch sei­ne bewun­derns­wer­ten theo­lo­gi­schen und zugleich poe­ti­schen Beschrei­bun­gen der ver­schie­de­nen Titel, unter denen Maria in der Lau­re­ta­ni­schen Lita­nei ange­ru­fen wird. Einer die­ser Titel lau­tet Regi­na in cae­lum assump­ta – „Köni­gin, in den Him­mel aufgenommen“.

New­man schreibt hierzu:

„Wenn es nun einen Leib gab, der in beson­de­rer Wei­se ver­ehrt und geliebt wer­den muß­te, so war es der Leib der aller­se­lig­sten Jung­frau. War­um wis­sen wir dann nichts über ihn und sei­ne Reli­qui­en? Weil sie wahr­haf­tig die ver­bor­ge­ne Rose ist. Ist es über­haupt vor­stell­bar, daß jene, die den Lei­bern der Hei­li­gen und Mär­ty­rer so viel Sorg­falt und Ehr­furcht ent­ge­gen­brach­ten, den Leib jener ver­ges­sen hät­ten, die die Köni­gin der Mär­ty­rer und Hei­li­gen und die Mut­ter des Herrn ist? Das ist unmög­lich. War­um also ist Maria die ver­bor­ge­ne Rose? Aus­schließ­lich und gewiß des­halb, weil ihr hei­li­ger Leib nicht mehr auf Erden, son­dern im Him­mel ist“ (New­man: Ope­re – Maria, a. a. O., S. 212).

Wenn New­man gera­de nicht las, schrieb oder die Sakra­men­te spen­de­te, waren sei­ne Fin­ger stets damit beschäf­tigt, über die Per­len des Rosen­kran­zes zu glei­ten. Gegen Ende sei­nes Lebens war er nicht mehr in der Lage, das Bre­vier zu beten, das ihm so lieb gewe­sen war. Trost und einen ent­spre­chen­den Ersatz fand er in der Betrach­tung und im Gebet des Rosen­kran­zes, den er andäch­tig jener anver­trau­te, die mit tau­send gött­li­chen Gna­den und Vor­rech­ten aus­ge­zeich­net wor­den war. An erster Stel­le stand dabei ihre unbe­fleck­te Emp­fäng­nis, durch die sie wür­dig gewor­den war, die Mut­ter des Erlö­sers zu werden.

Nie­mand, so New­man, „kann sich dem Aller­höch­sten so nahen wie sei­ne Mut­ter; nie­mand besitzt so gro­ße Ver­dien­ste wie sie. Ihr Sohn wird ihr nie­mals etwas ver­wei­gern, wor­um sie ihn bit­ten mag: Dar­in liegt ihre Macht. Wenn sie die Kir­che ver­tei­digt, kön­nen weder Höhe noch Tie­fe, weder böse Men­schen noch die Gei­ster des Bösen, weder mäch­ti­ge Mon­ar­chen noch mensch­li­che List oder die Gewalt eines Vol­kes ihr Scha­den zufü­gen. Wahr­haf­tig, Maria ist die Vir­go potens – die macht­vol­le Jung­frau“ (ebd., S. 212).

*Cri­sti­na Sic­car­di, Histo­ri­ke­rin und Publi­zi­stin, zu ihren jüng­sten Buch­pu­bli­ka­tio­nen gehö­ren „L’inverno del­la Chie­sa dopo il Con­ci­lio Vati­ca­no II“ (Der Win­ter der Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Ver­än­de­run­gen und Ursa­chen, 2013); „San Pio X“ („Der hei­li­ge Pius X. Das Leben des Pap­stes, der die Kir­che geord­net und erneu­ert hat“, 2014), „San Fran­ces­co“ („Hei­li­ger Fran­zis­kus. Eine der am mei­sten ver­zerr­ten Gestal­ten der Geschich­te“, 2019), „Quella mes­sa così mar­to­ria­ta e per­se­gui­ta­ta, eppur così viva!“ „Die­se so geschla­ge­ne und ver­folg­te und den­noch so leben­di­ge Mes­se“ zusam­men mit P. Davi­de Pagli­a­ra­ni, 2021), „San­ta Chia­ra sen­za fil­tri“ („Die hei­li­ge Kla­ra unge­fil­tert. Ihre Wor­te, ihre Hand­lun­gen, ihr Blick“, 2024), 

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana 

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