An der Wahrheitsfrage kommt niemand vorbei

Allein die Wahrheit selbst vermag die Kirche zu beleben

"Veritas" von Jan van Delen in der Liebfrauenkirche am Sablon in Brüssel (Onze-Lieve-Vrouw ter Zege op de Zavelkerk)
"Veritas" von Jan van Delen in der Liebfrauenkirche am Sablon in Brüssel (Onze-Lieve-Vrouw ter Zege op de Zavelkerk)

Ein Kom­men­tar von Don Micha­el Gurtner*

Wer die Debat­ten, und beson­ders die ver­schie­de­nen Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren in den ver­schie­de­nen Fel­dern wie Poli­tik, Rechts­fin­dung und Kir­che auf­merk­sam ver­folgt und sich dar­in hin­ein­denkt, wird mit Sicher­heit sehr schnell fest­stel­len müs­sen, daß es auf allen Sei­ten, und lei­der auch bei jenen, wel­che an sich die rech­te Sache ver­tre­ten, viel­fach einen schwer­wie­gen­den Man­gel in der Denk­wei­se gibt, wel­che teils zu einer irri­gen Schluß­fol­ge­rung füh­ren, teils aber auch an sich im End­ergeb­nis rich­ti­ge Schluß­fol­ge­run­gen unhin­läng­lich stüt­zen und damit ihres Gewich­tes und ihrer eigent­li­chen Begrün­dung berauben.

Gemeint ist eine auf­fäl­li­ge Abwe­sen­heit des Wahr­heits­ar­gu­men­tes. Die­ses Argu­ment geht davon aus, daß es unver­än­der­li­che Tat­sa­chen gibt, wel­che unver­füg­bar und unver­än­der­lich sind und wel­che außer­halb des Men­schen oder der Mensch­heit als Gesamt gele­gen sind, aber den­noch das Gefü­ge der Din­ge bestim­men, auch das menschliche.

„Wahr­heit“ unter­schei­det sich hin­sicht­lich zwei­er Aspek­te: die logi­sche Wahr­heit (veri­tas logi­ca oder veri­tas intellec­tus) und die onto­lo­gi­sche Wahr­heit (veri­tas onto­lo­gi­ca oder veri­tas rei), wobei die onto­lo­gi­sche Wahr­heit der logi­schen Wahr­heit vor­aus­ge­hend ist und näm­lich erst bestimmt.

Die veri­tas onto­lo­gi­ca ist die Wahr­heit der Sache selbst, die Seins­wahr­heit. Sie besagt, daß alles Sei­en­de des­halb in sich selbst wahr ist, da es von Gott als dem Schöp­fer und Erhal­ter aller Din­ge erschaf­fen, also ins Dasein geho­ben wur­de, und durch sei­nen fort­dau­ern­den Wil­len in die­sem Dasein auch wei­ter­hin erhal­ten wird. Das Wahr­sein einer Sache ergibt sich aus der Teil­ha­be an einer ihr über­ge­ord­ne­ten Wahr­heit, die im Gegen­satz zu den Din­gen selbst nicht mehr Teil­ha­be ist, son­dern rei­ne Wahr­heit aus sich selbst her­aus. Die „rei­ne, abso­lu­te Wahr­heit“ ist Gott selbst: Gott ist nicht wahr, son­dern Gott ist die Wahr­heit selbst – Deus ipse veri­tas est.

Somit ist Gott die quel­len­lo­se Quel­le aller Din­ge, die wahr sind. Er ist nicht wahr, weil es eine außer­halb Got­tes gele­ge­ne abstrak­te Wahr­heit gäbe, an wel­cher er par­ti­zi­piert, son­dern er ist inso­fern selbst die Wahr­heit, als er selbst das Sein ist: Gott hat nicht Sein, er ist Sein. Ipsum esse sub­si­stens.

Sein und Wahr­heit fal­len in Gott zusam­men. Er ist nicht, weil er wahr ist, son­dern Gott ist Wahr­heit, weil er das Sein selbst ist. Er ist somit die pri­ma veri­tas, wel­che alles ande­re Sein bestimmt und allem ande­ren das Sein erst gibt.

Alle Din­ge, d. h. alles außer Gott, sind unein­heit­lich, d. h. in einer gewis­sen Wei­se „zusam­men­ge­setzt“. Bei­spiels­wei­se sind das Sein einer Sache (esse) und das Wesen der­sel­ben Sache (essen­tia) unter­schie­den. So ist etwa ein Mensch prin­zi­pi­ell kon­tin­gent: Er kann exi­stie­ren, könn­te aber auch nicht exi­stie­ren. Weder bestimmt sei­ne Exi­stenz das Wesen des Mensch­seins als sol­ches, noch bestimmt das Wesen sei­ne Exi­stenz. Sein und Wesen hän­gen zwar zusam­men, sind aber von­ein­an­der unterschieden.

Nicht so in Gott: In ihm fal­len Sein, Wesen und Wahr­heit zusam­men, was durch den Grund­satz Deus omni­no sim­plex est aus­ge­drückt wird. Daß Gott „ein­fach“ ist, bedeu­tet nicht, er sei „unkom­pli­ziert“, son­dern daß in ihm alles eins ist, was in den geschaf­fe­nen Din­gen getrennt bzw. zusam­men­ge­setzt vor­liegt. Er ist das sub­si­stie­ren­de Sein selbst, das iden­tisch ist mit der Wahr­heit und sei­nem Wesen. Daß Gott die Wahr­heit selbst ist, ist somit kei­ne from­me Zuschrei­bung an Gott, son­dern eine not­wen­di­ge meta­phy­si­sche Kon­se­quenz aus der phi­lo­so­phi­schen Leh­re vom Sein.

Sein, Wesen und Wahr­heit aller Din­ge bestim­men sich folg­lich aus deren Kor­re­spon­denz und Par­ti­zi­pa­ti­on an Sein, Wesen und Wahr­heit Got­tes – und damit an Gott selbst, da in ihm alles eins ist. Die Din­ge haben Sein, Wesen und Wahr­heit, wäh­rend Gott Sein, Wesen und Wahr­heit ist.

Es gilt daher: veri­tas rei est adaequa­tio eius ad intellec­tum divinum: Die Wahr­heit eines Sei­en­den resul­tiert allein dar­aus, daß es dem gött­li­chen Ver­stand ent­spre­chend ist, wel­cher es aus sei­ner ewi­gen Schöp­fer­idee her­vor­ge­hen läßt und die­se erkennt.

Das eben über die veri­tas onto­lo­gi­ca Dar­ge­leg­te ist nun die Grund­la­ge für den zwei­ten Aspekt der Wahr­heit, näm­lich die veri­tas logi­ca, die Ver­stan­des­wahr­heit. Es ist jene Wahr­heit, wel­che sich im mensch­li­chen Intel­lekt voll­zieht, indem die­ser Urtei­le fällt, wel­che der veri­tas onto­lo­gi­ca, d. h. Seins­wahr­heit, ent­spre­chend sind. Hin­sicht­lich der Wahr­heits­ur­tei­le gilt: veri­tas est adaequa­tio intellec­tus et rei. Die Wahr­heit einer Aus­sa­ge ist genau dann gege­ben, wenn in der Aus­sa­ge der Ver­stand und die Sache über­ein­stim­men, d. h. wenn der Ver­stand die Sache so erkannt hat, wie sie tat­säch­lich gemäß deren Sein, Wahr­heit und Wesen ist. Dies bezieht der Ver­stand aber allei­nig von Gott, wes­halb es ohne Gott kei­ne Wahr­heit geben kann. Des­halb ist das Wah­re das (und nur das), was ist; dies mag zwar zunächst banal klin­gen, hat jedoch weit­tra­gen­de Impli­ka­tio­nen: Der Irr­tum kann zwar eine Rea­li­tät set­zen, aber er selbst hat kein eige­nes Sein. Ein Irr­tum, d. h. eine fal­sche Aus­sa­ge, beschreibt kei­ne Wahr­heit und kann eine sol­che erst recht nicht schaf­fen, son­dern ist der Aus­druck eines Man­gels an Kon­gru­enz von Seins­wahr­heit und Aus­sa­gen­wahr­heit. Außer­dem impli­ziert die­ser Satz, daß, da alle Wahr­heit von Gott kommt, die gesam­te Logik mit­samt all ihren prak­ti­schen wie theo­re­ti­schen Kon­se­quen­zen und Schluß­fol­ge­run­gen nicht auf mensch­li­chen Kon­ven­tio­nen basie­ren kann, son­dern die Struk­tur des gött­li­chen Ver­stan­des abbil­det: Sie ist kei­ne mensch­lich kon­stru­ier­te Metho­de, die erfun­den wur­de und sich bewährt hat, son­dern sie ist das Ent­decken der gött­li­chen Seins- und Schöpfungsordnung.

Wenn also das Wah­re (nur und all) das ist, was ist, Gott selbst aber das höch­ste Sein ist, dann folgt dar­aus, daß Gott die ein­zi­ge Wahr­heit ist, und die­se ein­zi­ge Wahr­heit abso­lut ist. Mit ande­ren Wor­ten: Wahr­heit ist alternativlos.

Aus genau die­sem Grund kann es die Hal­tung reli­giö­ser Neu­tra­li­tät, so wie sie vom Libe­ra­lis­mus, der Auf­klä­rung, der Frei­mau­re­rei sowie dem Lai­zis­mus gefor­dert wird, per se und prin­zi­pi­ell nicht geben bzw. kann näm­lich nicht funk­tio­nie­ren, wo den­noch der Ver­such unter­nom­men wird, sie staat­lich oder gesell­schaft­lich zu imple­men­tie­ren. Denn die­se drit­te Opti­on zu wäh­len oder zu han­deln, die als mög­lich sug­ge­riert wird, näm­lich jene der neu­tra­len Hal­tung, ist in Wirk­lich­keit eine Schein­op­ti­on, da sie ein biva­len­tes Logik­pro­blem für ein tri­va­len­tes ausgibt.

Denn Gott kann nur sein oder nicht sein, es gibt kei­ne Zwi­schen­lö­sung. Die Fra­ge nach der Exi­stenz Got­tes, und damit auch nach dem Wah­ren, kann auch nur posi­tiv oder nega­tiv beant­wor­tet wer­den: Eine Ent­hal­tung ist in Wirk­lich­keit eine klar nega­ti­ve Ant­wort, die sich nur hin­ter dem Schein der Neu­tra­li­tät ver­steckt, denn sie ist kei­ne Ent­schei­dung für Gott bzw. für die Wahrheit.

Ein Bei­spiel macht die Biva­lenz viel­leicht etwas deut­li­cher: Wenn ich einen Unfall beob­ach­te, kann ich mich nur ent­schei­den zu hel­fen oder nicht zu hel­fen. Die drit­te Opti­on, näm­lich mich neu­tral zu ver­hal­ten und mich weder zum Hel­fen noch zum Nicht-Hel­fen zu ent­schei­den, kommt der Ent­schei­dung zum Nicht-Hel­fen gleich: Die Opti­on der Neu­tra­li­tät ist letzt­lich eine Illusion.

Nicht anders bei­spiels­wei­se die Ent­schei­dung, sein Kind im katho­li­schen Glau­ben zu erzie­hen oder nicht: Eine Ent­hal­tung und Ver­ta­gung der Ent­schei­dung, „damit es ein­mal selbst dar­über ent­schei­den kann“, ist gleich­be­deu­tend mit der Ent­schei­dung dage­gen, denn somit erzie­he ich es ja eben gera­de nicht im katho­li­schen Glauben.

Das­sel­be Prin­zip ist auf sämt­li­che pri­va­te, gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Berei­che anzu­wen­den, wo im Namen der reli­giö­sen Neu­tra­li­tät oder der Tole­ranz ohne Gott ope­riert wird: Stets kommt es einer Ent­schei­dung gegen Gott gleich, und damit einem Ver­zicht auf die Wahr­heit. Doch der Platz, der dort frei wird, wo Gott aus dem Den­ken ent­fernt wird, wird unwei­ger­lich mit etwas ande­rem besetzt wer­den, das die­se Lücke füllt. Doch womit? Jeden­falls nicht mit dem Wah­ren, dem Guten und dem Schönen.

Ein Staat, der sich reli­gi­ös neu­tral ver­hält und sich der Fra­ge zu ent­zie­hen sucht, ob es denn einen Gott gäbe und, wenn ja, wer die­ser sei, ent­schei­det sich dadurch bereits dage­gen, Gott und damit die Wahr­heit zur Basis sei­ner Ent­schei­dun­gen zu machen. Der Ver­such, die Got­tes- und damit auch die Wahr­heits­fra­ge aus dem öffent­li­chen Bereich aus­zu­klam­mern und als rei­ne Pri­vat­mei­nung sozu­sa­gen in die Herz­kam­mern zu ver­ban­nen, um statt­des­sen eine rein welt­li­che „Neu­tra­li­tät“ zu eta­blie­ren, war gewiß einer der fol­gen­schwer­sten Irr­tü­mer der Moderne.

Noch bedenk­li­cher ist es, daß genau die­se reli­giö­se Neu­tra­li­tät, wel­che nichts ande­res ist als ein reli­giö­ser Indif­fe­ren­tis­mus, mitt­ler­wei­le längst auch inner­halb der Kir­che selbst eta­bliert ist und sogar gefor­dert wird. Die Diplo­ma­tie des Hei­li­gen Stuh­les selbst hat in meh­re­ren Fäl­len in einst katho­li­schen Staa­ten aktiv inter­ve­niert, daß die katho­li­sche Reli­gi­on als Staats­re­li­gi­on abge­schafft wer­de und sich die Staa­ten zu reli­giö­ser Neu­tra­li­tät verpflichten.

Damit geht in einer Linie ein­her, daß auch das Wahr­heits­ar­gu­ment aus der poli­ti­schen und theo­lo­gi­schen Debat­te voll­kom­men ver­schwun­den ist: Wur­den einst Din­ge gefor­dert, weil sie zu Recht oder zu Unrecht für wahr und Got­tes hei­li­gem Wil­len ent­spre­chend gehal­ten wur­den, so ist die­ses Argu­ment heu­te völ­lig aus dem Blick der gro­ßen Rede­füh­rer geraten.

Dies ist ein deut­li­ches Anzei­chen für eine vor­an­schrei­ten­de Säku­la­ri­sie­rung der Kir­che selbst, der ihr Glau­be abhan­den­ge­kom­men ist: Sogar der Kle­rus besteht mitt­ler­wei­le zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil aus Per­so­nen, die selbst nicht mehr gläu­big sind, und wenn sie an etwas glau­ben, so doch mei­stens nicht mehr den katho­li­schen Glau­ben teilen.

Eine Kir­che aber, die selbst nicht mehr glaubt, was sie pre­digt oder zumin­dest zu pre­di­gen hät­te, wird nicht über­le­ben. Wenn der Kir­che der Glau­be abhan­den­kommt, setzt sie dies in ihre Lit­ur­gie um, und eine glau­bens­ent­leer­te Lit­ur­gie wird nie­man­den mehr zum Glau­ben füh­ren. Doch wenn der Kir­che Glau­be und Kult weg­bre­chen, so bleibt ihr nur noch die Moral, die frei­lich eben­so glau­bens­leer wird, und somit mutiert sie zum Mora­lis­mus als dem letz­ten, was noch übrig­bleibt und was schließ­lich auch noch die letz­ten absto­ßen und hin­aus­trei­ben wird.

Allein die Wahr­heit selbst, d. h. allein der Herr­gott selbst ver­mag es, die Kir­che zu bele­ben und zu besee­len. Und alles, was nicht von ihm belebt ist, wird ver­ster­ben. An der Fra­ge nach dem Wah­ren kommt letzt­lich kei­ner vorbei.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist. Der­zeit ver­öf­fent­licht Katho​li​sches​.info sei­ne Publi­ka­ti­on „Allein den Betern“.

Bild: Wiki­com­mons

5 Kommentare

  1. Dank Ihnen, Don Micha­el Gurt­ner, für Ihre Wor­te. Es tut sehr gut, Wor­te der Wahr­heit zu lesen.

    ‚Allein die Wahr­heit selbst ver­mag die Kir­che zu beleben.‘ :
    Ja, auch ich ver­mu­te, daß es Din­ge gibt, die ER sich selbst vorbehält.
    Um deut­lich zu machen, daß ER es ist, der wirkt.
    Und: ER muß den Geschöp­fen (Men­schen) ihre Gren­zen aufzeigen.
    Ein: … ‚Bis hier­her sollst du gehen, und nicht weiter‘.

    Sie sagen: ‘ … was durch den Grund­satz Deus omni­no sim­plex est aus­ge­drückt wird. Daß Gott „ein­fach“ ist, …‘:
    Zu sim­plex möch­te ich etwas sagen.
    Sim­plex. In der Vul­ga­ta fand ich die Licht­re­den Jesu, …
    Es scheint mir ein sehr wich­ti­ges gei­sti­ges Kern­stück im Christ­li­chen zu sein.
    Ich brin­ge die Stel­le aus der Hei­li­gen Schrift Vulgata/​Deutsch von Allio­li (ca. 1840 herum)

    Lucer­na cor­po­ris tui, est ocu­lus tuus.
    Si ocu­lus tuus fuerit sim­plex, totum cor­pus tuum luci­dum erit:
    si autem nequam fuerit, eti­am cor­pus tuum ten­ebro­sum erit.
    Vide ergo ne lumen, quit in de est, ten­ebrae sint.
    Si ergo cor­pus tuum totum luci­dum fuerit, non habens ali­quam par­tem tenebrarum,
    erit luci­dum totum, et sicut lucer­na ful­go­ris illu­minabit te.

    Das Licht dei­nes Lei­bes ist dein Auge.
    Wenn dein Auge ein­fäl­tig (1) ist, so wird dein gan­zer Leib erleuch­tet sein.
    Wenn es aber schalk­haft (2) ist, wo wird auch dein Leib fin­ster sein.
    Sieh also zu, daß das Licht, das in dir ist, nicht Fin­ster­nis sei.
    Wenn daher dein Leib ganz erleuch­tet ist, und nichts Fin­ste­res an sich hat,
    so wird das Gan­ze erleuch­tet sein und dich erhel­len, wie das Leuch­ten des Blitzes.
    Lukas 11, 34–36, Text bei Allioli

    Fuß­no­ten von Allio­li sagen dazu:
    Von dem Licht, das Chri­stus ist, wird nun auf das Licht über­ge­gan­gen, das jeder in sich emp­fan­gen und näh­ren soll. – Durch das ein­fäl­ti­ge Auge.
    s.a. Mat­th. 6, 22–23, Note 26 :
    wie das ein­fach und klar sehen­de Auge den gan­zen Kör­per immer in der rich­ti­gen Rich­tung erhält, ein dop­pel­sich­ti­ges oder kran­kes sei­ne Wege ver­fin­stert und ihn fal­len macht, so gibt ein rei­nes, nur auf Gott gerich­te­tes Herz allen Gedan­ken, Wün­schen und Hand­lun­gen die rech­te Rich­tung, wäh­rend ein viel­fäl­ti­ges, auf das Aller­lei­gut der Welt gerich­te­tes, für Gott erblin­de­tes Herz alle Gedan­ken, Wün­sche und Hand­lun­gen ver­derbt und sünd­haft macht (Aug. Greg.) Wie groß muß die­se Fin­ster­nis sein !

    Die gei­sti­ge Bedeu­tung ist nach mei­nem Erkennen:
    Wenn du sim­plex bist, d.h. im SEIN stehst, in der Ein­heit in Gott (d.i. gei­stig stän­dig auf Gott blickst, wie die Engel), dann wirst du, dann wird dei­ne See­le, dein Geist, genährt und erleuch­tet von Gott. Dar­in erhältst du – wie die Engel – zugleich den Wil­len Got­tes, im Aus­füh­ren des Wil­lens Got­tes wirst du selig sein, wie auch die Engel. 

    Aber: Wenn du dich, dei­ne See­le und dei­nen Geist aus­rich­test auf die Fin­ster­nis der ver­gäng­li­chen, nutz­lo­sen Din­ge, dann wird die Fin­ster­nis auch in dir selbst sein. (Du emp­fängst den Wil­len Got­tes nicht, son­dern du nährst dich, See­le und Geist mit Din­gen der Fin­ster­nis, was i.A. Lüge, ungut, nutz­los, wert­los ist. Und – über die Zeit auch krank macht. Denn das Licht und das Leben Got­tes ist nicht darin.

    Sieh also zu, daß du dein gei­sti­ges Auge auf das Licht Got­tes (auf Gott, Chri­stus, den rein­sten Hei­li­gen Geist) gerich­tet hältst. Und daß du nichts Fin­ste­res (nutz­lo­se Welt-Din­ge) in dei­ne See­le auf­nimmst. In die­ser Lebens­wei­se kann dein Leib (gei­stig) ganz erleuch­tet sein und dein Geist völ­lig Licht sein.

    Anmer­kung:
    Die Iko­nen und Hei­li­gen­bil­der zei­gen die Glo­rio­le, den Hei­li­gen­schein. Das ist es, was das gei­sti­ge Auge sehen kann an einem Men­schen, der sich so dem Licht Got­tes zuwen­det, über eine gewis­se Zeit. Die­se Men­schen begin­nen tat­säch­lich auch gei­stig zu leuch­ten, ins­be­son­de­re mit zuneh­men­dem Alter.
    Das ist es, was dann wahr­haft als Wür­de bezeich­net wer­den kann, denn Wür­de und die Aus­strah­lung des Gei­stes Got­tes im Men­schen (oder Engel.) kom­men i.A. gemeinsam.

    Die obi­ge Bedeu­tung von sim­plex, der Ein­heit, der Ein­falt, fin­det sich auch z.B. in der ‚Nach­fol­ge Chri­sti‘ von Tho­mas von Kem­pis. (Z.B. im 3. Kapi­tel, ‚Von der Leh­re der Wahr­heit‘; aber auch an ande­ren Stel­len, im gesam­ten Text.)

    Die­se Licht­re­de Jesu ist nach mei­ner Ein­schät­zung eine der gei­stig wich­tig­sten Wei­sun­gen Chri­sti, um in der Wahr­heit Got­tes zu leben. 

    Dabei sind Wahr­hei­ten Got­tes auch bei Ande­ren zu fin­den. Bud­dha z.B. sagte:
    „Das Schiff soll im Was­ser sein, das Was­ser aber nicht im Schiff.
    Die See­le soll in der Welt sein, aber die Welt nicht in der Seele.“

    Die Ein­heits­über­set­zung im Ver­gleich zu Vulgata/​Allioli:
    Es ist bezeich­nend (viel­leicht kein unge­woll­ter Zufall?), daß eben die­se – für das geist­li­che Leben so wich­ti­ge Stel­le – in der Ein­heits­über­set­zung der Hei­li­gen Schrift in eine Ent­stel­lung, ja in eine ent-gei­ste­te und inner­welt­li­che Unkennt­lich­keit gebracht wird:

    Das Licht dei­nes Lei­bes ist dein Auge.
    Wenn dein Auge gesund ist, wird dein gan­zer Leib licht sein.
    Wenn es aber krank ist, wird auch dein Leib fin­ster sein.
    Sieh also zu, daß das Licht in dir nicht etwa Fin­ster­nis ist.
    Wenn nun dein gan­zer Leib ganz licht ist
    und gar kei­nen fin­ste­ren Teil an sich hat,wird er so erleuch­tet sein,
    wie wenn dich das Licht mit sei­ne Glanz erhellt.

    Lukas 11, 34–36, Her­der Ein­heits­über­set­zung 1965, 2006

    Die See­le sträubt sich gegen die Ent­stel­lung der Wahrheit:
    Die­ser Deu­tungs-Ver­satz in der Licht­re­de Jesu, beschäf­tig­te mich seit vie­len Jah­ren. In der Ein­heits­über­set­zung blieb ich immer an der Licht­re­de Jesu ‚hän­gen‘ und spür­te: Da stimmt doch etwas nicht. Es ist kei­ne gei­sti­ge Wahr­heit. Es ist eigent­lich leer, nonsense.

    Erst mit der Vul­ga­ta-Allio­li-Bibel oben bestä­tig­te sich mir, was die­se Stel­le wirk­lich sagt.
    Und auch die Fuß­no­ten Allio­lis bestä­tig­ten mei­ne eige­ne Wahrnehmung.

    Wahr­hei­ten Got­tes KANN man nicht ein­fach umdefinieren.
    Und doch fin­den sich etli­che wei­te­re Ver­satz­stücke die­ser Art in der gesam­ten EU.
    Ein wei­te­rer Stol­per­strick für den Nie­der­gang der Amts­kir­che (bes. in Deutschland).

    Denn:
    Wo die Wahr­heit Got­tes fehlt, da fehlt die Kraft Gottes.
    Allio­li sagt sinn­ge­mäß in der Ein­lei­tung zu Jesus Sirach:
    ‘ Wo das Wort Got­tes nicht tref­fend über­setzt wird, da ver­liert es an Kraft Gottes. ‘

    Das ist eine Wahr­heit. Und das ist das ganz gro­ße Pro­blem der Konzilskirche.
    Die Men­schen haben die vol­le Kraft Got­tes, die Wahr­heit Got­tes nicht mehr.

    Ergän­zung, noch zu Allio­li (Tho­mas von Kem­pis) oben:
    1) ‚Ein­fäl­tig‘ ist der alte deut­sche Begriff in etwa für das engel­glei­che Leben. Engel ste­hen in der Ein­falt, in der Ein­heit in Gott: Es bedeu­tet, in Ein­heit in Gott zu SEIN, EINS SEIN; ein­fach sein. Das ist an sich das Ziel des gesam­ten Christ­li­chen, der gesam­ten Nach­fol­ge Chri­sti. Das Sei­en­de in Gott. Chri­stus-Iko­nen tra­gen oft die Schrift: Ich bin der Sei­en­de. Dar­um geht es an sich. Sei­end, in Chri­sto, zu sein.

    2) u.A. auf Irdi­sches, z.B. Ver­gnü­gun­gen gerich­tet, Ver­gäng­li­ches. Nicht das Ewige.

    • Es han­delt sich beim Auge um einen Haupt­aspekt des Sün­den­fal­les. Der erste Sün­den­fall mag sich vor lan­ger Zeit ereig­net haben. Doch ist der Sün­den­fall ein immer­wäh­ren­der Pro­zess. Jor­dan Peter­son hat es letz­tes Jahr so for­mu­liert: „You are what you repeat.“ Aus der stän­di­gen Wie­der­ho­lung des schalk­haf­ten Blickes ergibt sich ein Gleich­sein mit Luzi­fer. Aus dem stän­di­gen Wie­der­ho­lung, so wie der Herr zu schau­en, ohne Begier­de, ergibt sich die Göttlichkeit.

  2. 1. Mir bleibt unklar, an wen genau sich der Bei­trag wen­det und wer wel­che Kon­se­quen­zen dar­aus zie­hen soll. Kir­che, Papst, Bischö­fe, Prie­ster Lai­en? Agno­sti­ker? Athe­isten? Phi­lo­so­phen? Ich fin­de, das muss dazu gesagt wer­den, sonst ist das etwas verwirrend. 

    2. Ich gebe zu, dass ich den Wahr­heits­be­griff des Autors auch nicht ganz ver­ste­he. Das wird ver­mut­lich nicht weni­gen so gehen. Des Autors Ver­trau­en in das stär­ke­re Argu­ment hat Anklän­ge an Haber­mas. Erfah­rungs­ge­mäß setzt sich aber das stär­ke­re Argu­ment nicht immer durch, und die Wahr­heit hat auch nicht immer das stär­ke­re Argu­ment auf ihrer Sei­te. Wie stark ein Argu­ment wiegt, hängt ja von den Vor­an­nah­men ab. 

    Des Autors Wahr­heits­be­griff ist m. E. logisch nicht zwin­gend. Die Prä­mis­se, Gott=absolutes Sein=absolute Wahr­heit, muss man erst­mal akzep­tie­ren. Ich sehe nicht, war­um das abso­lu­te Sein nicht unper­sön­lich sein kön­nen soll. Dann könn­te man es immer noch Gott nen­nen, aber es wäre nicht der Gott der christ­li­chen Offen­ba­rung. Über­haupt fehlt der Link zur Offen­ba­rung. Aus dem phi­lo­so­phi­schen Got­tes­be­griff folgt nicht zwin­gend, dass Gott sich in Jesus Chri­stus offen­bart hat. Es ist auch logisch – eher im Gegen­teil – nicht zwin­gend, dass Gott einer in drei Per­so­nen ist. War­um soll nicht der Gott Pla­tos oder des Ari­sto­te­les oder des Juden­tums und des Islams dem abso­lu­ten Sein des Autors entsprechen? 

    3. Den Befund des Autors, dass das Wahr­heits­ar­gu­ment in den gegen­wär­ti­gen Dis­kur­sen nicht zäh­le, kann ich so auch nicht tei­len. Coro­na- oder Kli­ma-Schutz­mass­nah­men wer­den mit rabia­tem Wahr­heits­an­spruch durch­ge­setzt. Vor Gericht wer­den Zeu­gen immer noch zur Wahr­heit ermahnt etc..

    4. Die Kon­se­quen­zen, die der Autor aus sei­nem Wahr­heits­be­griff zieht, leuch­ten auch nicht unbe­dingt ein. Die Fra­ge, ob jemand bei einem Unfall Hil­fe lei­sten oder sei­ne Kin­der katho­lisch erzie­hen soll, ist doch die ethi­sche Fra­ge danach, ob eine sol­che Pflicht besteht und wor­aus sie für wen folgt. Ob eine sol­che Pflicht besteht, kann man frei­lich mit wahr/​unwahr beant­wor­ten. Nur: Wie soll eine Pflicht zur katho­li­schen Erzie­hung vor dem Jah­re Null bestan­den haben? 

    4. Weit­schwei­fi­ge Aus­füh­run­gen zum Selbst­ver­ständ­nis des moder­nen Ver­fas­sungs­staats erspa­re ich mir an die­ser Stel­le. Ich glau­be auch nicht an den neu­tra­len Staat oder die libe­ra­le Reli­gi­ons­frei­heit, nur aus ande­ren Grün­den als der Autor. Erste­res zeigt die Erfah­rung. Zwei­tes ist für einen Chri­sten unannehmbar. 

    Den­noch ist damit nicht gesagt, wie ein christ­li­ches Gemein­we­sen aus­ge­stal­tet und wie christ­li­che Poli­tik aus­se­hen soll. 

    5. Wenn es nach Ansicht des Autors kein neu­tra­les Staats­we­sen geben darf, dann kon­se­quen­ter­wei­se auch kein metho­disch athe­isti­sche Natur­wis­sen­schaft. Wel­che Mass­ga­ben dar­aus für die Kunst fol­gen – denn Schön­heit ist der Glanz der Wahr­heit -, bleibt eben­falls unklar. Hier wären Prä­zi­sie­run­gen nötig. Wären ein sol­cher Staat oder eine sol­che Gesellschsft nicht zwangs­läu­fig totalitär?

  3. Dazu fällt mir adhoc ein Lied­text ein: Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur du denkst.….
    Die­ser Text, ins­be­son­de­re die Defi­ni­ti­on von Wahr­heit und ihrem Ursprung ist schwe­re Kost, viel­leicht lese ich mir das Gan­ze noch mal durch, wenn ich wirk­lich wach bin.… 

  4. @ Chri­sti­an: ein Staat kann gar nicht neu­tral sein, er ist ent­we­der einer bestimm­ten Reli­gi­on ver­pflich­tet oder athe­istisch-kul­tur­mar­xi­stisch oder kon­zern­ka­pi­ta­li­stisch-wirt­schafts­li­be­ral oder isla­misch wie der Iran,oder kom­mu­ni­stisch athe­istisch wie in Chi­na, zutritt zu Kir­chen dort ab 18 jah­ren, auch in den skan­di­na­vi­schen Staa­ten ist teil­wei­se der Pro­te­stan­tis­mus staats­re­li­gi­on, die ande­ren Reli­gio­nen wer­den toleriert.
    Es darf tat­säch­lich kein „neuita­les „Staats­we­den geben wie in Fran­reich, wo Abtrei­bung im Ver­fas­sun­grang ist als Grund­recht und Euthan­an­sie seit kur­zem legal, um den Pfle­ge­not­stand zu beseitigen.
    das es auch anders geht, zei­gen Mona­co und Liech­ten­stein, bei­des offi­zi­el­le katho­li­sche und nicht „Neu­tra­le Staa­ten, wo die Für­sten Albert und Alo­is mit Hin­weis auf die Katho­li­sche ver­fas­sung des Lan­des die Ver­su­che der dor­ti­gen Par­la­men­te, Abtrei­bung ein­zu­füh­ren, gekippt haben, trotz­dem behaup­tet nie­mand, die­se Staa­ten sei­en „tota­li­tär“, nicht ein­mal die lin­ke Presse.

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