An der Wahrheitsfrage kommt niemand vorbei

Allein die Wahrheit selbst vermag die Kirche zu belegen

"Veritas" von Jan van Delen in der Liebfrauenkirche am Sablon in Brüssel (Onze-Lieve-Vrouw ter Zege op de Zavelkerk)
"Veritas" von Jan van Delen in der Liebfrauenkirche am Sablon in Brüssel (Onze-Lieve-Vrouw ter Zege op de Zavelkerk)

Ein Kom­men­tar von Don Micha­el Gurtner*

Wer die Debat­ten, und beson­ders die ver­schie­de­nen Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren in den ver­schie­de­nen Fel­dern wie Poli­tik, Rechts­fin­dung und Kir­che auf­merk­sam ver­folgt und sich dar­in hin­ein­denkt, wird mit Sicher­heit sehr schnell fest­stel­len müs­sen, daß es auf allen Sei­ten, und lei­der auch bei jenen, wel­che an sich die rech­te Sache ver­tre­ten, viel­fach einen schwer­wie­gen­den Man­gel in der Denk­wei­se gibt, wel­che teils zu einer irri­gen Schluß­fol­ge­rung füh­ren, teils aber auch an sich im End­ergeb­nis rich­ti­ge Schluß­fol­ge­run­gen unhin­läng­lich stüt­zen und damit ihres Gewich­tes und ihrer eigent­li­chen Begrün­dung berauben.

Gemeint ist eine auf­fäl­li­ge Abwe­sen­heit des Wahr­heits­ar­gu­men­tes. Die­ses Argu­ment geht davon aus, daß es unver­än­der­li­che Tat­sa­chen gibt, wel­che unver­füg­bar und unver­än­der­lich sind und wel­che außer­halb des Men­schen oder der Mensch­heit als Gesamt gele­gen sind, aber den­noch das Gefü­ge der Din­ge bestim­men, auch das menschliche.

„Wahr­heit“ unter­schei­det sich hin­sicht­lich zwei­er Aspek­te: die logi­sche Wahr­heit (veri­tas logi­ca oder veri­tas intellec­tus) und die onto­lo­gi­sche Wahr­heit (veri­tas onto­lo­gi­ca oder veri­tas rei), wobei die onto­lo­gi­sche Wahr­heit der logi­schen Wahr­heit vor­aus­ge­hend ist und näm­lich erst bestimmt.

Die veri­tas onto­lo­gi­ca ist die Wahr­heit der Sache selbst, die Seins­wahr­heit. Sie besagt, daß alles Sei­en­de des­halb in sich selbst wahr ist, da es von Gott als dem Schöp­fer und Erhal­ter aller Din­ge erschaf­fen, also ins Dasein geho­ben wur­de, und durch sei­nen fort­dau­ern­den Wil­len in die­sem Dasein auch wei­ter­hin erhal­ten wird. Das Wahr­sein einer Sache ergibt sich aus der Teil­ha­be an einer ihr über­ge­ord­ne­ten Wahr­heit, die im Gegen­satz zu den Din­gen selbst nicht mehr Teil­ha­be ist, son­dern rei­ne Wahr­heit aus sich selbst her­aus. Die „rei­ne, abso­lu­te Wahr­heit“ ist Gott selbst: Gott ist nicht wahr, son­dern Gott ist die Wahr­heit selbst – Deus ipse veri­tas est.

Somit ist Gott die quel­len­lo­se Quel­le aller Din­ge, die wahr sind. Er ist nicht wahr, weil es eine außer­halb Got­tes gele­ge­ne abstrak­te Wahr­heit gäbe, an wel­cher er par­ti­zi­piert, son­dern er ist inso­fern selbst die Wahr­heit, als er selbst das Sein ist: Gott hat nicht Sein, er ist Sein. Ipsum esse sub­si­stens.

Sein und Wahr­heit fal­len in Gott zusam­men. Er ist nicht, weil er wahr ist, son­dern Gott ist Wahr­heit, weil er das Sein selbst ist. Er ist somit die pri­ma veri­tas, wel­che alles ande­re Sein bestimmt und allem ande­ren das Sein erst gibt.

Alle Din­ge, d. h. alles außer Gott, sind unein­heit­lich, d. h. in einer gewis­sen Wei­se „zusam­men­ge­setzt“. Bei­spiels­wei­se sind das Sein einer Sache (esse) und das Wesen der­sel­ben Sache (essen­tia) unter­schie­den. So ist etwa ein Mensch prin­zi­pi­ell kon­tin­gent: Er kann exi­stie­ren, könn­te aber auch nicht exi­stie­ren. Weder bestimmt sei­ne Exi­stenz das Wesen des Mensch­seins als sol­ches, noch bestimmt das Wesen sei­ne Exi­stenz. Sein und Wesen hän­gen zwar zusam­men, sind aber von­ein­an­der unterschieden.

Nicht so in Gott: In ihm fal­len Sein, Wesen und Wahr­heit zusam­men, was durch den Grund­satz Deus omni­no sim­plex est aus­ge­drückt wird. Daß Gott „ein­fach“ ist, bedeu­tet nicht, er sei „unkom­pli­ziert“, son­dern daß in ihm alles eins ist, was in den geschaf­fe­nen Din­gen getrennt bzw. zusam­men­ge­setzt vor­liegt. Er ist das sub­si­stie­ren­de Sein selbst, das iden­tisch ist mit der Wahr­heit und sei­nem Wesen. Daß Gott die Wahr­heit selbst ist, ist somit kei­ne from­me Zuschrei­bung an Gott, son­dern eine not­wen­di­ge meta­phy­si­sche Kon­se­quenz aus der phi­lo­so­phi­schen Leh­re vom Sein.

Sein, Wesen und Wahr­heit aller Din­ge bestim­men sich folg­lich aus deren Kor­re­spon­denz und Par­ti­zi­pa­ti­on an Sein, Wesen und Wahr­heit Got­tes – und damit an Gott selbst, da in ihm alles eins ist. Die Din­ge haben Sein, Wesen und Wahr­heit, wäh­rend Gott Sein, Wesen und Wahr­heit ist.

Es gilt daher: veri­tas rei est adaequa­tio eius ad intellec­tum divinum: Die Wahr­heit eines Sei­en­den resul­tiert allein dar­aus, daß es dem gött­li­chen Ver­stand ent­spre­chend ist, wel­cher es aus sei­ner ewi­gen Schöp­fer­idee her­vor­ge­hen läßt und die­se erkennt.

Das eben über die veri­tas onto­lo­gi­ca Dar­ge­leg­te ist nun die Grund­la­ge für den zwei­ten Aspekt der Wahr­heit, näm­lich die veri­tas logi­ca, die Ver­stan­des­wahr­heit. Es ist jene Wahr­heit, wel­che sich im mensch­li­chen Intel­lekt voll­zieht, indem die­ser Urtei­le fällt, wel­che der veri­tas onto­lo­gi­ca, d. h. Seins­wahr­heit, ent­spre­chend sind. Hin­sicht­lich der Wahr­heits­ur­tei­le gilt: veri­tas est adaequa­tio intellec­tus et rei. Die Wahr­heit einer Aus­sa­ge ist genau dann gege­ben, wenn in der Aus­sa­ge der Ver­stand und die Sache über­ein­stim­men, d. h. wenn der Ver­stand die Sache so erkannt hat, wie sie tat­säch­lich gemäß deren Sein, Wahr­heit und Wesen ist. Dies bezieht der Ver­stand aber allei­nig von Gott, wes­halb es ohne Gott kei­ne Wahr­heit geben kann. Des­halb ist das Wah­re das (und nur das), was ist; dies mag zwar zunächst banal klin­gen, hat jedoch weit­tra­gen­de Impli­ka­tio­nen: Der Irr­tum kann zwar eine Rea­li­tät set­zen, aber er selbst hat kein eige­nes Sein. Ein Irr­tum, d. h. eine fal­sche Aus­sa­ge, beschreibt kei­ne Wahr­heit und kann eine sol­che erst recht nicht schaf­fen, son­dern ist der Aus­druck eines Man­gels an Kon­gru­enz von Seins­wahr­heit und Aus­sa­gen­wahr­heit. Außer­dem impli­ziert die­ser Satz, daß, da alle Wahr­heit von Gott kommt, die gesam­te Logik mit­samt all ihren prak­ti­schen wie theo­re­ti­schen Kon­se­quen­zen und Schluß­fol­ge­run­gen nicht auf mensch­li­chen Kon­ven­tio­nen basie­ren kann, son­dern die Struk­tur des gött­li­chen Ver­stan­des abbil­det: Sie ist kei­ne mensch­lich kon­stru­ier­te Metho­de, die erfun­den wur­de und sich bewährt hat, son­dern sie ist das Ent­decken der gött­li­chen Sein- und Schöpfungsordnung.

Wenn also das Wah­re (nur und all) das ist, was ist, Gott selbst aber das höch­ste Sein ist, dann folgt dar­aus, daß Gott die ein­zi­ge Wahr­heit ist, und die­se ein­zi­ge Wahr­heit abso­lut ist. Mit ande­ren Wor­ten: Wahr­heit ist alternativlos.

Aus genau die­sem Grund kann es die Hal­tung reli­giö­ser Neu­tra­li­tät, so wie sie vom Libe­ra­lis­mus, der Auf­klä­rung, der Frei­mau­re­rei sowie dem Lai­zis­mus gefor­dert wird, per se und prin­zi­pi­ell nicht geben bzw. kann näm­lich nicht funk­tio­nie­ren, wo den­noch der Ver­such unter­nom­men wird, sie staat­lich oder gesell­schaft­lich zu imple­men­tie­ren. Denn die­se drit­te Opti­on zu wäh­len oder zu han­deln, die als mög­lich sug­ge­riert wird, näm­lich jene der neu­tra­len Hal­tung, ist in Wirk­lich­keit eine Schein­op­ti­on, da sie ein biva­len­tes Logik­pro­blem für ein tri­va­len­tes ausgibt.

Denn Gott kann nur sein oder nicht sein, es gibt kei­ne Zwi­schen­lö­sung. Die Fra­ge nach der Exi­stenz Got­tes, und damit auch nach dem Wah­ren, kann auch nur posi­tiv oder nega­tiv beant­wor­tet wer­den: Eine Ent­hal­tung ist in Wirk­lich­keit eine klar nega­ti­ve Ant­wort, die sich nur hin­ter dem Schein der Neu­tra­li­tät ver­steckt, denn sie ist kei­ne Ent­schei­dung für Gott bzw. für die Wahrheit.

Ein Bei­spiel macht die Biva­lenz viel­leicht etwas deut­li­cher: Wenn ich einen Unfall beob­ach­te, kann ich mich nur ent­schei­den zu hel­fen oder nicht zu hel­fen. Die drit­te Opti­on, näm­lich mich neu­tral zu ver­hal­ten und mich weder zum Hel­fen noch zum Nicht-Hel­fen zu ent­schei­den, kommt der Ent­schei­dung zum Nicht-Hel­fen gleich: Die Opti­on der Neu­tra­li­tät ist letzt­lich eine Illusion.

Nicht anders bei­spiels­wei­se die Ent­schei­dung, sein Kind im katho­li­schen Glau­ben zu erzie­hen oder nicht: Eine Ent­hal­tung und Ver­ta­gung der Ent­schei­dung, „damit es ein­mal selbst dar­über ent­schei­den kann“, ist gleich­be­deu­tend mit der Ent­schei­dung dage­gen, denn somit erzie­he ich es ja eben gera­de nicht im katho­li­schen Glauben.

Das­sel­be Prin­zip ist auf sämt­li­che pri­va­te, gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Berei­che anzu­wen­den, wo im Namen der reli­giö­sen Neu­tra­li­tät oder der Tole­ranz ohne Gott ope­riert wird: Stets kommt es einer Ent­schei­dung gegen Gott gleich, und damit einem Ver­zicht auf die Wahr­heit. Doch der Platz, der dort frei wird, wo Gott aus dem Den­ken ent­fernt wird, wird unwei­ger­lich mit etwas ande­rem besetzt wer­den, das die­se Lücke füllt. Doch womit? Jeden­falls nicht mit dem Wah­ren, dem Guten und dem Schönen.

Ein Staat, der sich reli­gi­ös neu­tral ver­hält und sich der Fra­ge zu ent­zie­hen sucht, ob es denn einen Gott gäbe und, wenn ja, wer die­ser sei, ent­schei­det sich dadurch bereits dage­gen, Gott und damit die Wahr­heit zur Basis sei­ner Ent­schei­dun­gen zu machen. Der Ver­such, die Got­tes- und damit auch die Wahr­heits­fra­ge aus dem öffent­li­chen Bereich aus­zu­klam­mern und als rei­ne Pri­vat­mei­nung sozu­sa­gen in die Herz­kam­mern zu ver­ban­nen, um statt­des­sen eine rein welt­li­che „Neu­tra­li­tät“ zu eta­blie­ren, war gewiß einer der fol­gen­schwer­sten Irr­tü­mer der Moderne.

Noch bedenk­li­cher ist es, daß genau die­se reli­giö­se Neu­tra­li­tät, wel­che nichts ande­res ist als ein reli­giö­ser Indif­fe­ren­tis­mus, mitt­ler­wei­le längst auch inner­halb der Kir­che selbst eta­bliert ist und sogar gefor­dert wird. Die Diplo­ma­tie des Hei­li­gen Stuh­les selbst hat in meh­re­ren Fäl­len in einst katho­li­schen Staa­ten aktiv inter­ve­niert, daß die katho­li­sche Reli­gi­on als Staats­re­li­gi­on abge­schafft wer­de, und sich die Staa­ten zu reli­giö­ser Neu­tra­li­tät verpflichten.

Damit geht in einer Linie ein­her, daß auch das Wahr­heits­ar­gu­ment aus der poli­ti­schen und theo­lo­gi­schen Debat­te voll­kom­men ver­schwun­den ist: Wur­den einst Din­ge gefor­dert, weil sie zu Recht oder zu Unrecht für wahr und Got­tes hei­li­gem Wil­len ent­spre­chend gehal­ten wur­den, so ist die­ses Argu­ment heu­te völ­lig aus dem Blick der gro­ßen Rede­füh­rer geraten.

Dies ist ein deut­li­ches Anzei­chen für eine vor­an­schrei­ten­de Säku­la­ri­sie­rung der Kir­che selbst, der ihr Glau­be abhan­den­ge­kom­men ist: Sogar der Kle­rus besteht mitt­ler­wei­le zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil aus Per­so­nen, die selbst nicht mehr gläu­big sind, und wenn sie an etwas glau­ben, so doch mei­stens nicht mehr den katho­li­schen Glau­ben teilen.

Eine Kir­che aber, die selbst nicht mehr glaubt, was sie pre­digt, oder zumin­dest zu pre­di­gen hät­te, wird nicht über­le­ben. Wenn der Kir­che der Glau­be abhan­den­kommt, setzt sie dies in ihre Lit­ur­gie um, und eine glau­bens­ent­leer­te Lit­ur­gie wird nie­man­den mehr zum Glau­ben füh­ren. Doch wenn der Kir­che Glau­be und Kult weg­bre­chen, so bleibt ihr nur noch die Moral, die frei­lich eben­so glau­bens­leer wird, und somit mutiert sie zum Mora­lis­mus als dem letz­ten, was noch übrig­bleibt, und was schließ­lich auch noch die letz­ten absto­ßen und hin­aus­trei­ben wird.

Allein die Wahr­heit selbst, d. h. allein der Herr­gott selbst ver­mag es, die Kir­che zu bele­ben und zu besee­len. Und alles, was nicht von ihm belebt ist, wird ver­ster­ben. An der Fra­ge nach dem Wah­ren kommt letzt­lich kei­ner vorbei.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist. Der­zeit ver­öf­fent­licht Katho​li​sches​.info sei­ne Publi­ka­ti­on „Allein den Betern“.

Bild:

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*