Allein den Betern – Folge 2

Die große Krise

"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.
"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.

Das Buch des öster­rei­chi­schen Prie­sters Don Micha­el Gurt­ner „Allein den Betern“ wird in Fol­gen ver­öf­fent­licht. Die bereits ver­öf­fent­lich­ten Fol­gen fin­den sie hier:

Von Don Micha­el Gurtner*

1. Die große Krise

Es wird wohl kaum jeman­den geben, der die der­zei­ti­ge Situa­ti­on der Kir­che auf­rich­tig und aus vol­ler Über­zeu­gung als eine ihrer Blü­te­zei­ten beschrei­ben wür­de. Ein Unwohl­sein der Kir­che als Gesam­tes ist all­ge­mein ver­nehm­bar, und dies ist zunächst ein­mal unab­hän­gig von den ver­schie­de­nen theo­lo­gi­schen und kir­chen­po­li­ti­schen Frak­tio­nen gemeint. Die­se Fest­stel­lung ist noch einer jeden theo­lo­gi­schen Sach­fra­ge vor­ge­la­gert: Es ist nicht nur ein Unwohl­sein, das die­je­ni­gen betrifft, die auf die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on der Kir­che berech­tig­te oder unbe­rech­tig­te, brem­sen­de oder die Gren­zen über­schrei­ten wol­len­de Ein­wän­de erhe­ben wol­len. Es ist eine Beob­ach­tung, wel­che sich unab­hän­gig von jeder theo­lo­gi­schen Ansicht, fern­ab jed­we­den kir­chen­po­li­ti­schen Inter­es­ses, ja sogar für jeden Betrach­ter außer­halb der Kir­che tref­fen läßt. Wer die Kir­che in ihren äuße­ren Voll­zü­gen beob­ach­tet, wird schnell mer­ken, daß in ihrem Inne­ren etwas ist, das nicht in Ord­nung ist, das wie ein Fremd­kör­per in ihr steckt, der sie krank macht und an dem ihr Eigent­li­chen hindert.

Die­se Fest­stel­lung für sich genom­men ist noch unab­hän­gig davon, ob jemand den einen oder ande­ren kon­kre­ten Punkt ent­we­der als ursäch­lich für die offen­sicht­li­che Kir­chen­kri­se bewer­tet oder als deren Heil­mit­tel. Was der eine als Krank­heits­er­re­ger qua­li­fi­ziert, das ist für den ande­ren Sym­ptom und für den drit­ten wie­der­um die hei­len­de Medi­zin. Um es exem­pla­risch zu ver­deut­li­chen: Sowohl die­je­ni­gen, wel­che mei­nen (bei­spiels­wei­se), die Lit­ur­gie­re­form habe die gegen­wär­ti­ge Kri­se her­vor­ge­ru­fen, als auch die­je­ni­gen, wel­che der Ansicht sind, die Lit­ur­gie­re­form habe die Kri­se abge­dämpft und ret­te zumin­dest noch das­je­ni­ge an kirch­li­chem Leben, was zu ret­ten ist, ja daß die Kri­se erst dadurch zu über­win­den wäre, wenn wir die Lit­ur­gie noch viel wei­ter öff­nen wür­den, stim­men bei aller Diver­genz doch dar­in über­ein, daß sich die Kir­che gegen­wär­tig in kei­ner Nor­mal­si­tua­ti­on befin­det. Die letz­ten Opti­mi­sten geben mitt­ler­wei­le zu, daß die Kir­che in eine tie­fe Kri­se getre­ten ist.

Wie weit deren Aus­maß jedoch ist, dar­in schei­den sich bereits die Gei­ster. Wer dazu ten­diert, die Kri­se nur an Zah­len und Sta­ti­sti­ken fest­zu­ma­chen, der wird eher dazu nei­gen, die Kri­se zen­triert auf die west­li­che Welt und dar­in wie­der auf Mit­tel- und Süd­eu­ro­pa zu sehen. Deutsch­land, Frank­reich, Öster­reich, die Schweiz, Bel­gi­en, die Nie­der­lan­de, Luxem­burg, aber auch ehe­mals als „erz­ka­tho­li­sche Hoch­bur­gen“ bekann­te Län­der wie Ita­li­en und Spa­ni­en gel­ten heu­te als die Zen­tren des kirch­li­chen Kri­sen­her­des, wäh­rend in Staa­ten wie der Slo­wa­kei, Polen oder Mal­ta die Situa­ti­on noch als etwas bes­ser gilt, weil vie­les an dem Ver­fall, den man hier­zu­lan­de beob­ach­tet, noch weni­ger weit fort­ge­schrit­ten ist.

Wer hin­ge­gen die Kri­se nicht nur an Sta­ti­sti­ken fest­macht, son­dern an theo­lo­gi­schen Grund­fra­gen, die etwa die Glau­bens­über­zeu­gun­gen der jewei­li­gen Bevöl­ke­rung betref­fen, der wird sich mit Zah­len, wie etwa dem durch­schnitt­li­chen Kir­chen­be­such oder der Ent­rich­tung des Kir­chen­bei­tra­ges, nicht zufrie­den­ge­ben, son­dern auf Grund sei­ner inhalt­li­chen Kri­te­ri­en die Kri­se als noch viel tief­sit­zen­der und vor allem als wei­ter aus­ge­dehnt beurteilen.

Völ­lig gehen die Mei­nun­gen dann aus­ein­an­der, was die Heil­mit­tel für die Kri­sen­si­tua­ti­on wären.

Es ist gut, sich am Ein­gang unse­rer Über­le­gun­gen der Band­brei­te der Inter­pre­ta­ti­on der Kri­sen­sym­pto­me bewußt zu wer­den. Doch darf es uns hier nicht allein dar­um gehen, gleich­sam von einem neu­tra­len und unbe­trof­fe­nen Stand­punkt aus eine rei­ne Beschrei­bung der ver­schie­de­nen vor­han­de­nen Mei­nun­gen zu prä­sen­tie­ren. Uns muß es an die­ser Stel­le um die Fra­ge gehen, wie es sich tat­säch­lich ver­hält. Wir wol­len nicht auf­li­sten, wel­che Ansich­ten es gibt, son­dern zu ergrün­den suchen, wor­in die Kri­se tat­säch­lich besteht, und zwar in ihrem inner­sten Kern, woher sie rührt und wie man ihr am besten begeg­net. Es soll uns um eine Ana­ly­se der Situa­ti­on gehen, anhand derer wir anschlie­ßend Lösungs­we­ge zu zei­gen suchen. Es geht um eine auf­rich­ti­ge Stel­lung­nah­me zur Situa­ti­on der Zeit. Von daher gilt es, Posi­ti­on zu bezie­hen und die Din­ge in ihrem Kern zu ergrün­den zu suchen.

Dabei erscheint die erst­ge­nann­te Sicht als viel zu ober­fläch­lich. Die sin­ken­den Zah­len, die allen in Form lee­rer Kir­chen­bän­ke, schwin­den­der Spen­den und frei­er Zim­mer in Prie­ster­se­mi­na­ren und Klö­stern, oder auch im Ver­kauf und der Pro­fa­nie­rung von Kir­chen und ähn­li­chem ins Auge ste­chen, sind nicht die eigent­li­che Kri­se, son­dern der meß­ba­re Aus­druck einer viel schwe­re­ren, tie­fer­sit­zen­den Krise.

Die zweit­ge­nann­te Posi­ti­on hin­ge­gen ist doch die über­zeu­gen­de­re. Dies ergibt sich dar­aus, daß es nicht das eigent­li­che Ziel der Kir­che ist und sein kann, ihre Kult­ge­bäu­de mög­lichst oft und mög­lichst bis auf den letz­ten Platz zu fül­len, wie dies bei Kon­zert­ver­an­stal­tun­gen und Sport­tur­nie­ren der Fall ist. Doch die Kir­che ist etwas voll­kom­men ande­res. Es geht ihr nicht dar­um, Plät­ze zu fül­len und Leu­te anzu­locken, son­dern es geht um das Dahin­ter­lie­gen­de, um das, wes­halb die Gläu­bi­gen dann auch in die Kir­che kom­men, es geht ihr dar­um, wel­che Rich­tung sie ihrem Leben geben und was deren tief­sten Grund­über­zeu­gun­gen sind.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Allein den Betern, Selbst­ver­lag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.


Bild: Giu­sep­pe Nar­di (SS. Tri­ni­tà dei Pel­le­g­ri­ni, Rom/​bearbeitet)

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