Von Roberto de Mattei*
Der Monat Oktober vereinte im Kalender der Kirche zwei große heilige Karmelitinnen: Teresa von Jesus und Theresia vom Kinde Jesus und vom heiligen Antlitz. Die erste, die Heilige von Ávila, ist die große Theresia; die zweite, die Heilige von Lisieux, wird liebevoll kleine Theresia genannt. Der Adler und die Taube können als Sinnbilder für beide dienen: die Höhe des Blickes und die Einfachheit des Herzens, den Aufschwung der Kontemplation und das vertrauensvolle Sich-Überlassen.
Der Adler und die Taube ist zugleich der Titel eines Buches der englischen Schriftstellerin Vita Sackville-West, das 1943 erschien und den beiden heiligen Karmelitinnen gewidmet ist. Auf der einen Seite steht die spanische Reformerin, die mit ihren Taten die Geschichte der Kirche nachhaltig geprägt hat; auf der anderen die junge französische Ordensfrau, die nach neun Jahren in der Klausur von Lisieux nahezu unbekannt starb.
Vita Sackville-West war eine Schriftstellerin von unbestreitbarem literarischem und psychologischem Talent, führte jedoch ein ausschweifendes Leben und war leider nicht imstande, das übernatürliche Geheimnis dieser beiden Seelen zu durchdringen. Dies gilt insbesondere für die heilige Thérèse, deren geistliche Fruchtbarkeit sie nicht zu erfassen vermochte. Zwei Seelen, die durch die Zeit, in der sie lebten, ihre unterschiedliche Nationalität, ihren Charakter und ihre geistliche Erfahrung weit voneinander entfernt waren, sich jedoch näherstanden, als man vermuten könnte.
Teresa Sánchez de Cepeda y Ahumada wurde 1515 in Ávila in Spanien geboren. Nachdem sie in das Kloster der Menschwerdung eingetreten war, durchlebte sie einen langen inneren Kampf. Sie erkannte die Größe ihrer Berufung, mußte jedoch erfahren, wie schwer es ist, jene Anhänglichkeiten zu überwinden, die das Herz entzweien. Im Jahre 1554 wurde die Betrachtung eines Bildes des verwundeten Christus zum entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens. Angesichts der Leiden des Erlösers wurde ihr die Undankbarkeit ihrer eigenen Antwort bewußt, und sie übergab sich Ihm mit erneuerter Entschlossenheit.
Im Jahre 1562 gründete sie in Ávila das Kloster des heiligen Joseph und legte damit den Grundstein zur Erneuerung des Karmeliterordens. Es folgten Reisen, Klostergründungen, Widerstände und Mühen, die sie trotz ihrer schwachen Gesundheit, aber mit unbeugsamer Seele auf sich nahm. An ihrer Seite trug der heilige Johannes vom Kreuz dazu bei, die Reform auch auf den männlichen Ordenszweig auszudehnen.
Teresa verstand es, sich den materiellen Erfordernissen zu stellen, Menschen zu beurteilen und konkrete Probleme zu lösen, während ihre Seele unablässig in der Gegenwart Gottes lebte. In einem ihrer Werke, Die Seelenburg, führt Teresa die Seele durch die verschiedenen Wohnungen des geistlichen Lebens bis hin zur vollständigen Vereinigung mit Gott. Der Eintritt in diese Burg verlangt jedoch Sammlung, Demut und Gebet. Der Mensch muß in sich selbst einkehren, um dort die Gegenwart seines Herrn zu erkennen. Je weiter er auf diesem Weg voranschreitet, desto deutlicher begreift er, daß jeder Fortschritt der Gnade entspringt und eine treue Antwort des Menschen verlangt. Die höchsten mystischen Erfahrungen steigern auf diese Weise das Verlangen, Gott zu dienen.
Marie-Françoise-Thérèse Martin wurde 1873 in Alençon in Frankreich geboren und trat im Alter von fünfzehn Jahren in den Karmel von Lisieux ein. Ihr Ordensleben vollzog sich in einem äußerlich eng begrenzten Lebenskreis: alltägliche Verrichtungen, kleine Mißverständnisse und verborgene Leiden. Schließlich führte die Tuberkulose am 30. September 1897, im Alter von vierundzwanzig Jahren, ihren Tod herbei. Doch von diesem kurzen Leben sollte ein Licht ausstrahlen, das dazu bestimmt war, die ganze Welt zu erreichen. Der von der heiligen kleinen Theresia gelehrte „kleine Weg“ ist eine Schule des alltäglichen Heroismus. Er besteht darin, die eigene Schwäche anzuerkennen, sich der göttlichen Barmherzigkeit anzuvertrauen und Gott jede einzelne Handlung des täglichen Lebens in Liebe darzubringen.
Auch die kleine Theresia kannte Zeiten innerer Dunkelheit. In ihren letzten Lebensmonaten gesellte sich zum körperlichen Leiden eine schmerzliche Glaubensprüfung. Der Himmel schien sich ihrem Blick zu entziehen, doch sie hörte nicht auf zu glauben und zu lieben. Hier erreicht das Sich-Überlassen seine volle Reife: sich Gott anheimgeben, wenn jeder fühlbare Trost schwindet, und dennoch seinem Wort treu bleiben.
In beiden brennt ein apostolischer Eifer, der die ganze Welt umfaßt. Die große Theresia gründet Klöster, damit der Kirche heilige Seelen dienen; die kleine Theresia bringt sich selbst als Opfer dar, um die Priester zu unterstützen und die Bekehrung der Sünder zu erlangen. Die Geschichte empfängt entscheidende Impulse nicht allein durch große Taten, sondern ebenso durch das Gebet und das verborgene Opfer. Der Adler und die Taube fliegen demselben Himmel entgegen.
Zwei Aussprüche, die diese beiden großen Gestalten am Ende ihres Lebens getan haben, lassen ihre tiefe innere Einheit erkennen. Am 30. September 1897, dem Tag ihres Todes, erklärte Theresia vom Kinde Jesus und vom heiligen Antlitz: „Ja, mir scheint, daß ich niemals etwas anderes gesucht habe als die Wahrheit.“
Hier offenbart ihr kleiner Weg seinen ganzen Ernst. An der Schwelle eines Jahrhunderts, das den Relativismus der Gedanken und Meinungen verbreiten wird, verkündet die heilige kleine Theresia das Dasein einer absoluten Wahrheit, der Wünsche, Empfindungen und Urteile untergeordnet werden müssen. Für den Christen ist diese Wahrheit mit einer Person identisch: Jesus Christus, der von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).
Die Wahrheit aufrichtig zu suchen, nimmt daher das ganze Leben in Anspruch: Sie verlangt, Gedanken, Empfindungen und Handlungen in tiefer Demut an ihr auszurichten. Diese Wahrheit, die Jesus Christus ist, lebt in der Katholischen Kirche, dem Mystischen Leib ihres göttlichen Stifters.
In Alba de Tormes, wo sie am 4. Oktober 1582 stirbt, bringt Teresa von Ávila ihrerseits diese Gewißheit zum Ausdruck: „Ich danke Dir, Herr, daß ich als Tochter der Kirche sterbe.“
Paul VI. führt diese Worte in seinem Apostolischen Schreiben Multiformis Sapientia Dei an, mit dem er Teresa am 27. September 1970 zur Kirchenlehrerin erhebt. Die große Reformerin erkennt darin, daß sie bis zuletzt Tochter der Kirche geblieben ist, das höchste Geschenk ihres Lebens. Von der Kirche hat sie den Glauben, die Sakramente und jene Unterscheidungsgabe empfangen, die notwendig ist, um selbst die höchsten mystischen Erfahrungen richtig einzuordnen.
In einem Jahrhundert, das von Häresie und Schisma zerrissen war, wußte Teresa, daß der Mensch nur innerhalb der Kirche seine höchste übernatürliche Bestimmung erreicht. Sie dankt Gott dafür, daß Er sie im Bekenntnis des katholischen Glaubens und in der Gemeinschaft mit der Römischen Kirche bewahrt hat. Ihre Reform entsteht aus dieser Zugehörigkeit heraus und hat zum Ziel, sie noch eifriger und inniger zu gestalten.
Für einen Katholiken gibt es kein irdisches Gut, das höher stünde als die Zugehörigkeit zur sichtbaren Kirche, denn sie vereint uns mit Jesus Christus, der höchsten Wahrheit, und vermittelt uns die Mittel zum ewigen Heil. Die Suche nach der Wahrheit und die Treue zur Kirche sind deshalb untrennbar miteinander verbunden.
Christus hat der Kirche die Offenbarung anvertraut, damit sie diese bewahre und unverändert durch die Jahrhunderte hindurch weitergebe. Tochter oder Sohn der Kirche zu sein bedeutet, dieses Erbe mit Dankbarkeit entgegenzunehmen, es mit Festigkeit zu bekennen und es in allen Widerwärtigkeiten in Liebe zu leben.
Auf den Lippen der beiden Sterbenden werden Wahrheit und Zugehörigkeit zu Dankbarkeit und Vertrauen. Die große Theresia und die kleine Theresia, der Adler und die Taube, lehren uns, daß leben heißt, sich auf das Sterben vorzubereiten, und daß sich auf das Sterben vorzubereiten bedeutet, in der Wahrheit Christi zu leben: als treue Kinder seiner Kirche, die nicht stirbt.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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