Allein den Betern – Folge 3

Urkatholische Glaubensüberzeugungen wurden über Bord geworfen

"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.
"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.

Das Buch des öster­rei­chi­schen Prie­sters Don Micha­el Gurt­ner „Allein den Betern“ wird in Fol­gen ver­öf­fent­licht. Die bereits ver­öf­fent­lich­ten Fol­gen fin­den sie hier:

Von Don Micha­el Gurtner*

1.1 Morphologie der Krise

Daß dies kei­nes­falls selbst­ver­ständ­lich ist, zeigt die Tat­sa­che eines über­bor­den­den Akti­ons­dran­ges, den man mit­un­ter beob­ach­tet. Mes­sen oder kirch­li­che Akti­ons­ta­ge wer­den mit einem irren Auf­wand vor­be­rei­tet und orga­ni­siert, und man rühmt sich anschlie­ßend der Zah­len – nicht aber nach­hal­ti­ger Effek­te in Form eines ver­tief­ten Glau­bens. Dis­ko- und Western­mes­sen, Grill­ver­an­stal­tun­gen in Kir­chen­ge­bäu­den und sze­ni­sche Dar­stel­lun­gen wäh­rend der Lit­ur­gie, Luft­bal­lo­ne mit guten Wün­schen oder Gebe­ten, die wäh­rend der Mes­se stei­gen gelas­sen wer­den, und Lai­en­pre­dig­ten sind alle­samt nicht die eigent­li­chen Kri­sen, son­dern deren letz­ter Aus­druck, der sei­ner­seits jedoch die Kri­se wei­ter vor­an­treibt und ener­gisch för­dert. Wür­de es gelin­gen, die eben exem­pla­risch genann­ten Kri­sen­sym­pto­me abzu­stel­len, so wäre ein erster und abso­lut uner­läß­li­cher Schritt gelun­gen. Doch geheilt wäre die Patho­lo­gie damit allein noch lan­ge nicht, weil die­se selbst viel tie­fer sitzt.

Das Pro­blem des heu­ti­gen Den­kens besteht dar­in, daß man den Schein für das Sein hält und die­sem vor­zieht. Man möch­te immer das Gefühl haben, in der Kir­che etwas gemacht und gelei­stet zu haben, und ist dabei der eben­so festen als auch irri­gen Über­zeu­gung, daß man ganz beson­ders „tief­grün­dig“ ist, wenn man stets im jewei­li­gen Jetzt etwas Neu­es her­vor­bringt. Für das Ewi­ge und Unver­brüch­li­che kann es da frei­lich kei­nen Platz mehr geben, es wird suspekt und als ober­fläch­li­cher Gewohn­heits­ka­tho­li­zis­mus abgetan.

Dabei ist auf­fal­lend, daß man sehr oft das­je­ni­ge, was man klas­si­schen Fröm­mig­keits­for­men und vor­an­ge­gan­ge­nen Gene­ra­tio­nen abwer­tend und zu Unrecht vor­wirft, gera­de selbst, dies­mal aber oft tat­säch­lich kri­ti­sier­bar, tut. Vie­le sagen bei­spiels­wei­se, die Gebets­for­men und die Lit­ur­gie­ge­stalt, wie sie vor dem letz­ten Kon­zil die übli­chen waren, wären nur ein from­mer Schein gewe­sen, und ver­ges­sen dar­über hin­aus, daß das, was nach außen hin in Erschei­nung trat, Teil eines Seins war, von dem man inner­lich zutiefst über­zeugt gewe­sen ist, und des­sen Aus­druck mit dem Wesen, wel­ches es aus­drück­te, zu einer orga­ni­schen Ein­heit ver­schmol­zen war. Gewis­se Din­ge bedür­fen not­wen­di­ger­wei­se bestimm­ter Aus­drucks­for­men. Die­se Ein­heit von Schein und Sein, die vor­han­den war, wird in der Kri­tik, bei­spiels­wei­se an den alten lit­ur­gi­schen For­men, viel­fach über­se­hen, wäh­rend man sich selbst mit einem Schein zufrie­den­gibt, hin­ter dem jedoch kein wirk­lich fun­dier­tes Sein steckt. Vie­le gut­ge­mein­te Aktio­nen sind letzt­lich eine blo­ße Unter­hal­tung ohne wirk­li­chen Glau­bens­grund, aus dem sie ent­wach­sen. Dar­auf wer­den wir noch­mals genau­er zurück­kom­men müs­sen, genau­so wie auf vie­le ande­re Din­ge, die Mor­pho­lo­gien einer tief­sit­zen­den Kri­se sind. Weil wir auf die­se nach und nach noch sto­ßen wer­den und sie ein­ge­hen­der erör­tern, kann es uns an die­ser Stel­le genü­gen, auf ver­schie­de­ne sol­che Aus­drücke streif­licht­ar­tig hin­zu­wei­sen, in wel­chen uns die Kri­se in Erschei­nung tritt und die im wei­te­ren Ver­lauf noch in ihrer dahin­ter­lie­gen­den Pro­ble­ma­tik beleuch­tet werden.

Kar­ne­vals­mes­sen, selbst­for­mu­lier­te Meß­tex­te, pro­fan anmu­ten­de Musik wäh­rend der Lit­ur­gie, frag­wür­di­ge Gestal­tun­gen von Kir­chen­bau­ten und Sakral­ge­rä­ten sowie Para­men­ten, anwach­sen­de Anthro­po­zen­trik und der bereits erwähn­te Hang zum dar­stel­len­den Aktio­nis­mus wei­sen ein­deu­tig auf den Ver­lust der Sen­si­bi­li­tät für das Sakra­le hin. Das Hei­lig­ste der Kir­che wird viel­fach ver­welt­licht und profaniert.

Lai­en­pre­digt, „Gemein­de­lei­tung“ durch Lai­en oder „Teams“, zwang­haf­te Rol­len­ver­tei­lung und ‑ver­meh­rung bei der Hei­li­gen Mes­se, Bestehen auf Prie­ste­rin­nen, nach­dem man die Mini­stran­tin­nen durch­ge­setzt hat, Aver­sio­nen gegen prie­ster­li­che (Amts-)Titel wie „Hoch­wür­den“, „Exzel­lenz“, „Prä­lat“ oder „Mon­si­gno­re“, feind­se­li­ges Ver­hal­ten gegen prie­ster­li­che Klei­dung, prin­zi­pi­el­les Ableh­nen des Ring­kus­ses bei Bischö­fen, Ver­spot­tung päpst­li­cher, bischöf­li­cher oder gene­rell geist­li­cher Insi­gni­en und Klei­dun­gen, Pen­sio­nie­run­gen und Eme­ri­tie­run­gen mitt­ler­wei­le aller geist­li­chen Rän­ge, Lai­sie­run­gen, die bei­na­he wie ein Ver­wal­tungs­akt erschei­nen, las­sen alle­samt gro­ße Sor­gen dar­über auf­kom­men, daß das Ver­ständ­nis der Amts­theo­lo­gie stark ange­schla­gen und der Unter­schied von Amts­prie­ster­tum und all­ge­mei­nem Tauf­prie­ster­tum kaum noch vor­han­den ist. Ja, es scheint, daß die­ser Unter­schied bewußt ein­ge­eb­net wer­den soll.

Die Schief­la­ge des Gewis­sens­be­grif­fes, das Ableh­nen jed­we­den Gedan­kens an die Geschöpf­lich­keit des Men­schen und der Welt, die Igno­ranz des Natur­rech­tes und vie­le wei­te­re Fehl­sich­ten und Häre­si­en sind alle­samt Alarm­zei­chen für eine voll­kom­men irri­ge Selbst­sicht des Men­schen. Der Mensch weiß heu­te viel­fach nicht mehr, wer er ist und wor­in der an ihn gerich­te­te Auf­trag besteht. Er hat sei­nen Platz in der Schöp­fung ver­las­sen und sich einen ande­ren Platz gesucht, der ihm nicht zusteht.

Die Ver­su­che, eine demo­kra­tisch ver­faß­te Kir­che zu bau­en, in der man sich in Wort und Tat nach dem rich­tet, was die Men­schen der jewei­li­gen Tages­mo­de ent­spre­chend gera­de ger­ne hören wol­len, so wie man den Kin­dern am Abend ihr Lieb­lings­mär­chen vor­liest, die Sicht der Sakra­men­te als sozia­li­sie­ren­de Zei­chen und Ritua­le anstatt als gött­lich ein­ge­setz­te Mit­tel zur Hei­li­gung, das Ungleich­ge­wicht von Pri­mat und Kol­le­gia­li­tät, die Sicht der Kir­che nicht als Heils­an­stalt, son­dern als Ver­sor­gungs­be­trieb, der nach Ange­bot und Nach­fra­ge sor­tiert wird, tun die schwe­ren Defi­zi­te in der Ekkle­sio­lo­gie kund: Die Kir­che wird nicht mehr als hier­ar­chisch und sakra­men­tal ver­faß­te Gna­den­an­stalt gese­hen, son­dern als rein zwi­schen­mensch­li­cher Zusam­men­schluß für den Fall reli­giö­sen Bedarfs.

Die Liste lie­ße sich noch wei­ter fort­set­zen, aber wir haben einen Ein­druck des Radi­us gewin­nen kön­nen, in wel­chem sich die Kri­se in der Kir­che fort­frißt. So gut wie alle Berei­che sind betrof­fen, da die ver­schie­de­nen Glau­bens­wahr­hei­ten unter­ein­an­der ver­bun­den sind und nicht ein­fach lose neben­ein­an­der­lie­gen. Anhand die­ser sicht­ba­ren Aus­drücke kön­nen wir recht deut­lich erken­nen, daß sich dahin­ter letzt­lich der Glau­be stark aus­ge­dünnt und auch geän­dert hat. Was wir in den letz­ten Jahr­zehn­ten an Wan­del beob­ach­ten, ist die Mani­fe­sta­ti­on nach außen hin eines ver­än­der­ten Glau­bens, der vie­le der urka­tho­li­schen Glau­bens­über­zeu­gun­gen über Bord gewor­fen und teils durch selbst­kon­stru­ier­te Ersatz­stücke aus­ge­tauscht hat.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Allein den Betern, Selbst­ver­lag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.


Bild: Giu­sep­pe Nar­di (SS. Tri­ni­tà dei Pel­le­g­ri­ni, Rom/​bearbeitet)

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