Ein Kommentar von Don Michael Gurtner*
Wer die Debatten, und besonders die verschiedenen Argumentationsfiguren in den verschiedenen Feldern wie Politik, Rechtsfindung und Kirche aufmerksam verfolgt und sich darin hineindenkt, wird mit Sicherheit sehr schnell feststellen müssen, daß es auf allen Seiten, und leider auch bei jenen, welche an sich die rechte Sache vertreten, vielfach einen schwerwiegenden Mangel in der Denkweise gibt, welche teils zu einer irrigen Schlußfolgerung führen, teils aber auch an sich im Endergebnis richtige Schlußfolgerungen unhinlänglich stützen und damit ihres Gewichtes und ihrer eigentlichen Begründung berauben.
Gemeint ist eine auffällige Abwesenheit des Wahrheitsargumentes. Dieses Argument geht davon aus, daß es unveränderliche Tatsachen gibt, welche unverfügbar und unveränderlich sind und welche außerhalb des Menschen oder der Menschheit als Gesamt gelegen sind, aber dennoch das Gefüge der Dinge bestimmen, auch das menschliche.
„Wahrheit“ unterscheidet sich hinsichtlich zweier Aspekte: die logische Wahrheit (veritas logica oder veritas intellectus) und die ontologische Wahrheit (veritas ontologica oder veritas rei), wobei die ontologische Wahrheit der logischen Wahrheit vorausgehend ist und nämlich erst bestimmt.
Die veritas ontologica ist die Wahrheit der Sache selbst, die Seinswahrheit. Sie besagt, daß alles Seiende deshalb in sich selbst wahr ist, da es von Gott als dem Schöpfer und Erhalter aller Dinge erschaffen, also ins Dasein gehoben wurde, und durch seinen fortdauernden Willen in diesem Dasein auch weiterhin erhalten wird. Das Wahrsein einer Sache ergibt sich aus der Teilhabe an einer ihr übergeordneten Wahrheit, die im Gegensatz zu den Dingen selbst nicht mehr Teilhabe ist, sondern reine Wahrheit aus sich selbst heraus. Die „reine, absolute Wahrheit“ ist Gott selbst: Gott ist nicht wahr, sondern Gott ist die Wahrheit selbst – Deus ipse veritas est.
Somit ist Gott die quellenlose Quelle aller Dinge, die wahr sind. Er ist nicht wahr, weil es eine außerhalb Gottes gelegene abstrakte Wahrheit gäbe, an welcher er partizipiert, sondern er ist insofern selbst die Wahrheit, als er selbst das Sein ist: Gott hat nicht Sein, er ist Sein. Ipsum esse subsistens.
Sein und Wahrheit fallen in Gott zusammen. Er ist nicht, weil er wahr ist, sondern Gott ist Wahrheit, weil er das Sein selbst ist. Er ist somit die prima veritas, welche alles andere Sein bestimmt und allem anderen das Sein erst gibt.
Alle Dinge, d. h. alles außer Gott, sind uneinheitlich, d. h. in einer gewissen Weise „zusammengesetzt“. Beispielsweise sind das Sein einer Sache (esse) und das Wesen derselben Sache (essentia) unterschieden. So ist etwa ein Mensch prinzipiell kontingent: Er kann existieren, könnte aber auch nicht existieren. Weder bestimmt seine Existenz das Wesen des Menschseins als solches, noch bestimmt das Wesen seine Existenz. Sein und Wesen hängen zwar zusammen, sind aber voneinander unterschieden.
Nicht so in Gott: In ihm fallen Sein, Wesen und Wahrheit zusammen, was durch den Grundsatz Deus omnino simplex est ausgedrückt wird. Daß Gott „einfach“ ist, bedeutet nicht, er sei „unkompliziert“, sondern daß in ihm alles eins ist, was in den geschaffenen Dingen getrennt bzw. zusammengesetzt vorliegt. Er ist das subsistierende Sein selbst, das identisch ist mit der Wahrheit und seinem Wesen. Daß Gott die Wahrheit selbst ist, ist somit keine fromme Zuschreibung an Gott, sondern eine notwendige metaphysische Konsequenz aus der philosophischen Lehre vom Sein.
Sein, Wesen und Wahrheit aller Dinge bestimmen sich folglich aus deren Korrespondenz und Partizipation an Sein, Wesen und Wahrheit Gottes – und damit an Gott selbst, da in ihm alles eins ist. Die Dinge haben Sein, Wesen und Wahrheit, während Gott Sein, Wesen und Wahrheit ist.
Es gilt daher: veritas rei est adaequatio eius ad intellectum divinum: Die Wahrheit eines Seienden resultiert allein daraus, daß es dem göttlichen Verstand entsprechend ist, welcher es aus seiner ewigen Schöpferidee hervorgehen läßt und diese erkennt.
Das eben über die veritas ontologica Dargelegte ist nun die Grundlage für den zweiten Aspekt der Wahrheit, nämlich die veritas logica, die Verstandeswahrheit. Es ist jene Wahrheit, welche sich im menschlichen Intellekt vollzieht, indem dieser Urteile fällt, welche der veritas ontologica, d. h. Seinswahrheit, entsprechend sind. Hinsichtlich der Wahrheitsurteile gilt: veritas est adaequatio intellectus et rei. Die Wahrheit einer Aussage ist genau dann gegeben, wenn in der Aussage der Verstand und die Sache übereinstimmen, d. h. wenn der Verstand die Sache so erkannt hat, wie sie tatsächlich gemäß deren Sein, Wahrheit und Wesen ist. Dies bezieht der Verstand aber alleinig von Gott, weshalb es ohne Gott keine Wahrheit geben kann. Deshalb ist das Wahre das (und nur das), was ist; dies mag zwar zunächst banal klingen, hat jedoch weittragende Implikationen: Der Irrtum kann zwar eine Realität setzen, aber er selbst hat kein eigenes Sein. Ein Irrtum, d. h. eine falsche Aussage, beschreibt keine Wahrheit und kann eine solche erst recht nicht schaffen, sondern ist der Ausdruck eines Mangels an Kongruenz von Seinswahrheit und Aussagenwahrheit. Außerdem impliziert dieser Satz, daß, da alle Wahrheit von Gott kommt, die gesamte Logik mitsamt all ihren praktischen wie theoretischen Konsequenzen und Schlußfolgerungen nicht auf menschlichen Konventionen basieren kann, sondern die Struktur des göttlichen Verstandes abbildet: Sie ist keine menschlich konstruierte Methode, die erfunden wurde und sich bewährt hat, sondern sie ist das Entdecken der göttlichen Sein- und Schöpfungsordnung.
Wenn also das Wahre (nur und all) das ist, was ist, Gott selbst aber das höchste Sein ist, dann folgt daraus, daß Gott die einzige Wahrheit ist, und diese einzige Wahrheit absolut ist. Mit anderen Worten: Wahrheit ist alternativlos.
Aus genau diesem Grund kann es die Haltung religiöser Neutralität, so wie sie vom Liberalismus, der Aufklärung, der Freimaurerei sowie dem Laizismus gefordert wird, per se und prinzipiell nicht geben bzw. kann nämlich nicht funktionieren, wo dennoch der Versuch unternommen wird, sie staatlich oder gesellschaftlich zu implementieren. Denn diese dritte Option zu wählen oder zu handeln, die als möglich suggeriert wird, nämlich jene der neutralen Haltung, ist in Wirklichkeit eine Scheinoption, da sie ein bivalentes Logikproblem für ein trivalentes ausgibt.
Denn Gott kann nur sein oder nicht sein, es gibt keine Zwischenlösung. Die Frage nach der Existenz Gottes, und damit auch nach dem Wahren, kann auch nur positiv oder negativ beantwortet werden: Eine Enthaltung ist in Wirklichkeit eine klar negative Antwort, die sich nur hinter dem Schein der Neutralität versteckt, denn sie ist keine Entscheidung für Gott bzw. für die Wahrheit.
Ein Beispiel macht die Bivalenz vielleicht etwas deutlicher: Wenn ich einen Unfall beobachte, kann ich mich nur entscheiden zu helfen oder nicht zu helfen. Die dritte Option, nämlich mich neutral zu verhalten und mich weder zum Helfen noch zum Nicht-Helfen zu entscheiden, kommt der Entscheidung zum Nicht-Helfen gleich: Die Option der Neutralität ist letztlich eine Illusion.
Nicht anders beispielsweise die Entscheidung, sein Kind im katholischen Glauben zu erziehen oder nicht: Eine Enthaltung und Vertagung der Entscheidung, „damit es einmal selbst darüber entscheiden kann“, ist gleichbedeutend mit der Entscheidung dagegen, denn somit erziehe ich es ja eben gerade nicht im katholischen Glauben.
Dasselbe Prinzip ist auf sämtliche private, gesellschaftliche und politische Bereiche anzuwenden, wo im Namen der religiösen Neutralität oder der Toleranz ohne Gott operiert wird: Stets kommt es einer Entscheidung gegen Gott gleich, und damit einem Verzicht auf die Wahrheit. Doch der Platz, der dort frei wird, wo Gott aus dem Denken entfernt wird, wird unweigerlich mit etwas anderem besetzt werden, das diese Lücke füllt. Doch womit? Jedenfalls nicht mit dem Wahren, dem Guten und dem Schönen.
Ein Staat, der sich religiös neutral verhält und sich der Frage zu entziehen sucht, ob es denn einen Gott gäbe und, wenn ja, wer dieser sei, entscheidet sich dadurch bereits dagegen, Gott und damit die Wahrheit zur Basis seiner Entscheidungen zu machen. Der Versuch, die Gottes- und damit auch die Wahrheitsfrage aus dem öffentlichen Bereich auszuklammern und als reine Privatmeinung sozusagen in die Herzkammern zu verbannen, um stattdessen eine rein weltliche „Neutralität“ zu etablieren, war gewiß einer der folgenschwersten Irrtümer der Moderne.
Noch bedenklicher ist es, daß genau diese religiöse Neutralität, welche nichts anderes ist als ein religiöser Indifferentismus, mittlerweile längst auch innerhalb der Kirche selbst etabliert ist und sogar gefordert wird. Die Diplomatie des Heiligen Stuhles selbst hat in mehreren Fällen in einst katholischen Staaten aktiv interveniert, daß die katholische Religion als Staatsreligion abgeschafft werde, und sich die Staaten zu religiöser Neutralität verpflichten.
Damit geht in einer Linie einher, daß auch das Wahrheitsargument aus der politischen und theologischen Debatte vollkommen verschwunden ist: Wurden einst Dinge gefordert, weil sie zu Recht oder zu Unrecht für wahr und Gottes heiligem Willen entsprechend gehalten wurden, so ist dieses Argument heute völlig aus dem Blick der großen Redeführer geraten.
Dies ist ein deutliches Anzeichen für eine voranschreitende Säkularisierung der Kirche selbst, der ihr Glaube abhandengekommen ist: Sogar der Klerus besteht mittlerweile zu einem nicht unerheblichen Teil aus Personen, die selbst nicht mehr gläubig sind, und wenn sie an etwas glauben, so doch meistens nicht mehr den katholischen Glauben teilen.
Eine Kirche aber, die selbst nicht mehr glaubt, was sie predigt, oder zumindest zu predigen hätte, wird nicht überleben. Wenn der Kirche der Glaube abhandenkommt, setzt sie dies in ihre Liturgie um, und eine glaubensentleerte Liturgie wird niemanden mehr zum Glauben führen. Doch wenn der Kirche Glaube und Kult wegbrechen, so bleibt ihr nur noch die Moral, die freilich ebenso glaubensleer wird, und somit mutiert sie zum Moralismus als dem letzten, was noch übrigbleibt, und was schließlich auch noch die letzten abstoßen und hinaustreiben wird.
Allein die Wahrheit selbst, d. h. allein der Herrgott selbst vermag es, die Kirche zu beleben und zu beseelen. Und alles, was nicht von ihm belebt ist, wird versterben. An der Frage nach dem Wahren kommt letztlich keiner vorbei.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen Meßverbots in der Corona-Zeit diesem widerstanden und sich dadurch große Verdienste um das Seelenheil erworben hat. Er ist Autor mehrerer theologischer Bücher. Auf Katholisches.info veröffentlichte er 2023/24 die Reihe „Zur Lage der Kirche“, die auch in Buchform erschienen ist. Derzeit veröffentlicht Katholisches.info seine Publikation „Allein den Betern“.
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