Das Buch des österreichischen Priesters Don Michael Gurtner „Allein den Betern“ wird in Folgen veröffentlicht. Die bereits veröffentlichten Folgen finden sie hier:
Von Don Michael Gurtner*
1. Die große Krise
Es wird wohl kaum jemanden geben, der die derzeitige Situation der Kirche aufrichtig und aus voller Überzeugung als eine ihrer Blütezeiten beschreiben würde. Ein Unwohlsein der Kirche als Gesamtes ist allgemein vernehmbar, und dies ist zunächst einmal unabhängig von den verschiedenen theologischen und kirchenpolitischen Fraktionen gemeint. Diese Feststellung ist noch einer jeden theologischen Sachfrage vorgelagert: Es ist nicht nur ein Unwohlsein, das diejenigen betrifft, die auf die gegenwärtige Situation der Kirche berechtigte oder unberechtigte, bremsende oder die Grenzen überschreiten wollende Einwände erheben wollen. Es ist eine Beobachtung, welche sich unabhängig von jeder theologischen Ansicht, fernab jedweden kirchenpolitischen Interesses, ja sogar für jeden Betrachter außerhalb der Kirche treffen läßt. Wer die Kirche in ihren äußeren Vollzügen beobachtet, wird schnell merken, daß in ihrem Inneren etwas ist, das nicht in Ordnung ist, das wie ein Fremdkörper in ihr steckt, der sie krank macht und an dem ihr Eigentlichen hindert.
Diese Feststellung für sich genommen ist noch unabhängig davon, ob jemand den einen oder anderen konkreten Punkt entweder als ursächlich für die offensichtliche Kirchenkrise bewertet oder als deren Heilmittel. Was der eine als Krankheitserreger qualifiziert, das ist für den anderen Symptom und für den dritten wiederum die heilende Medizin. Um es exemplarisch zu verdeutlichen: Sowohl diejenigen, welche meinen (beispielsweise), die Liturgiereform habe die gegenwärtige Krise hervorgerufen, als auch diejenigen, welche der Ansicht sind, die Liturgiereform habe die Krise abgedämpft und rette zumindest noch dasjenige an kirchlichem Leben, was zu retten ist, ja daß die Krise erst dadurch zu überwinden wäre, wenn wir die Liturgie noch viel weiter öffnen würden, stimmen bei aller Divergenz doch darin überein, daß sich die Kirche gegenwärtig in keiner Normalsituation befindet. Die letzten Optimisten geben mittlerweile zu, daß die Kirche in eine tiefe Krise getreten ist.
Wie weit deren Ausmaß jedoch ist, darin scheiden sich bereits die Geister. Wer dazu tendiert, die Krise nur an Zahlen und Statistiken festzumachen, der wird eher dazu neigen, die Krise zentriert auf die westliche Welt und darin wieder auf Mittel- und Südeuropa zu sehen. Deutschland, Frankreich, Österreich, die Schweiz, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, aber auch ehemals als „erzkatholische Hochburgen“ bekannte Länder wie Italien und Spanien gelten heute als die Zentren des kirchlichen Krisenherdes, während in Staaten wie der Slowakei, Polen oder Malta die Situation noch als etwas besser gilt, weil vieles an dem Verfall, den man hierzulande beobachtet, noch weniger weit fortgeschritten ist.
Wer hingegen die Krise nicht nur an Statistiken festmacht, sondern an theologischen Grundfragen, die etwa die Glaubensüberzeugungen der jeweiligen Bevölkerung betreffen, der wird sich mit Zahlen, wie etwa dem durchschnittlichen Kirchenbesuch oder der Entrichtung des Kirchenbeitrages, nicht zufriedengeben, sondern auf Grund seiner inhaltlichen Kriterien die Krise als noch viel tiefsitzender und vor allem als weiter ausgedehnt beurteilen.
Völlig gehen die Meinungen dann auseinander, was die Heilmittel für die Krisensituation wären.
Es ist gut, sich am Eingang unserer Überlegungen der Bandbreite der Interpretation der Krisensymptome bewußt zu werden. Doch darf es uns hier nicht allein darum gehen, gleichsam von einem neutralen und unbetroffenen Standpunkt aus eine reine Beschreibung der verschiedenen vorhandenen Meinungen zu präsentieren. Uns muß es an dieser Stelle um die Frage gehen, wie es sich tatsächlich verhält. Wir wollen nicht auflisten, welche Ansichten es gibt, sondern zu ergründen suchen, worin die Krise tatsächlich besteht, und zwar in ihrem innersten Kern, woher sie rührt und wie man ihr am besten begegnet. Es soll uns um eine Analyse der Situation gehen, anhand derer wir anschließend Lösungswege zu zeigen suchen. Es geht um eine aufrichtige Stellungnahme zur Situation der Zeit. Von daher gilt es, Position zu beziehen und die Dinge in ihrem Kern zu ergründen zu suchen.
Dabei erscheint die erstgenannte Sicht als viel zu oberflächlich. Die sinkenden Zahlen, die allen in Form leerer Kirchenbänke, schwindender Spenden und freier Zimmer in Priesterseminaren und Klöstern, oder auch im Verkauf und der Profanierung von Kirchen und ähnlichem ins Auge stechen, sind nicht die eigentliche Krise, sondern der meßbare Ausdruck einer viel schwereren, tiefersitzenden Krise.
Die zweitgenannte Position hingegen ist doch die überzeugendere. Dies ergibt sich daraus, daß es nicht das eigentliche Ziel der Kirche ist und sein kann, ihre Kultgebäude möglichst oft und möglichst bis auf den letzten Platz zu füllen, wie dies bei Konzertveranstaltungen und Sportturnieren der Fall ist. Doch die Kirche ist etwas vollkommen anderes. Es geht ihr nicht darum, Plätze zu füllen und Leute anzulocken, sondern es geht um das Dahinterliegende, um das, weshalb die Gläubigen dann auch in die Kirche kommen, es geht ihr darum, welche Richtung sie ihrem Leben geben und was deren tiefsten Grundüberzeugungen sind.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen Meßverbots in der Corona-Zeit diesem widerstanden und sich dadurch große Verdienste um das Seelenheil erworben hat. Er ist Autor mehrerer theologischer Bücher. Auf Katholisches.info veröffentlichte er 2023/24 die Reihe „Zur Lage der Kirche“, die auch in Buchform erschienen ist.
Das Buch zur Reihe: Don Michael Gurtner: Allein den Betern, Selbstverlag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.
Bild: Giuseppe Nardi (SS. Trinità dei Pellegrini, Rom/bearbeitet)
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