In Rom wird die Abberufung von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erwartet. Das Kandidatenfeld für seine Nachfolge erweitert sich. Anfangs galt Msgr. Paolo Rudelli, Vatikandiplomat, Titularerzbischof und seit März 2026 Substitut des Staatssekretärs, als wahrscheinlicher Nachfolger von Kardinal Parolin. Francesco Capozza, Vatikanist der römischen Tageszeitung Il Tempo, brachte am vergangenen Samstag weitere Namen ins Spiel. Dabei fällt auf, daß alle Kandidaten Italiener sind. Seit dem Pontifikat von Innozenz X. (1644–1655) waren alle Staatssekretär Kardinäle. Darunter finden sich aber nur zwei Nicht-Italiener: den in London geborenen spanischen Adeligen mit irischen Vorfahren Rafael Kardinal Merry del Val (1903–1914) und den Franzosen Jean-Marie Kardinal Villot (1969–1979). Als aussichtsreichsten Kandidaten nennt Capozzo den derzeitigen Apostolischen Nuntius für Spanien, Msgr. Piero Pioppo. Wir dokumentieren Capozzos Bericht:
Wer wird Parolin ersetzen? Die drei vom Papst bevorzugten Nuntien
Von Francesco Capozza
In den vergangenen Tagen hat diese Zeitung die unbestreitbare Stagnation in der zentralen Leitung der Kirche analysiert – sechzehn Monate nach der Wahl von Robert Francis Prevost auf den päpstlichen Stuhl. Wir haben beschrieben, wie die Römische Kurie nach wie vor ein Apparat ist, der noch immer von Männern (und zum ersten Mal in der Geschichte auch von Frauen) besetzt wird, die fast vollständig von Bergoglio ernannt wurden. Außerdem haben wir die Zusammensetzung des Kardinalskollegiums näher untersucht, das ebenfalls zu 85 Prozent von Franziskus geprägt wurde – in Erwartung des ersten Konsistoriums dieses Papstes, der nun nicht mehr als „neu“ bezeichnet werden kann.
Es gibt jedoch einen bestimmten Bereich, in dem Leo XIV. im Unterschied zu allen anderen Bereichen an der Spitze der Kirche schnell und mit einer gewissen Leichtigkeit eingegriffen hat: die diplomatischen Vertretungen des Heiligen Stuhls in aller Welt.
Bereits in den ersten Wochen seines Pontifikats wollte der Papst aus Chicago die Dossiers aller für die Außenpolitik des Vatikans besonders heiklen und wichtigen Nuntiaturen sorgfältig prüfen. Und schon nach kaum anderthalb Monaten begann er, seine ersten „Botschafter“ zu versetzen und zu ernennen.
Die Gründe für diese ungewöhnliche Eile bei einem Mann, der selbst so besonnen wirkt wie Prevost, sind vielfältig. Es lohnt sich, zumindest zwei Aspekte zu nennen.
Der erste ist zweifellos die internationale geopolitische Lage: zwei Kriege von globaler Tragweite vor den Toren Europas und zugleich ziemlich angespannte persönliche Beziehungen zum derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses.
Daneben gibt es jedoch auch eine Frage, die mit konkreten Personen und ihren früheren Aufgaben unter dem Pontifikat von Franziskus zusammenhängt. Während der Amtszeit Bergoglios waren das Staatssekretariat und der etablierte diplomatische Apparat des Heiligen Stuhls energisch zurückgestutzt worden.
Der argentinische Pontifex hatte die Gewohnheit – in diesem wie in allen anderen Bereichen –, persönlich oder über eine Handvoll ihm absolut treu ergebener Mitarbeiter zu handeln, selbst in Fragen der Außenpolitik und der Beziehungen zwischen dem Vatikan und den verschiedenen Staaten.
In der Praxis mochte Franziskus, um Pius XII. zu paraphrasieren, keine „Mitarbeiter, sondern bloße Ausführer“.
Prevost, der nicht aus der Pampa, sondern aus der führenden Supermacht der Welt stammt, erkannte sofort, daß das dichte Netz apostolischer Nuntien, die in verschiedenen diplomatischen Missionen im Ausland eingesetzt waren, dringend erneuert werden mußte.
Unter den zahlreichen Vertretern des Vatikans, die in den vergangenen Monaten von einer Nuntiatur an eine andere versetzt oder neu ernannt worden sind, erregen insbesondere drei Aufmerksamkeit – und wecken den Neid vieler Angehöriger der alten bergoglianischen Garde.
Alle drei genießen bei Leo hohes Ansehen. Darüber hinaus teilen sie eine weitere besondere Eigenschaft: Sie sind Italiener. Es handelt sich um:
- Msgr. Piero Pioppo, Apostolischer Nuntius, der von Indonesien nach Spanien versetzt wurde, nachdem die Regierung von Pedro Sánchez seine Ernennung zum Nuntius monatelang blockiert bzw. verzögert hatte;
- Msgr. Gabriele Giordano Caccia, den Prevost vom Amt des Ständigen Beobachters bei den Vereinten Nationen auf den weitaus heikleren Posten des Nuntius in Washington versetzte;
- Msgr. Paolo Rudelli, den neuen Substituten für die Allgemeinen Angelegenheiten des Staatssekretariats.
Diese drei sind die drei Säulen der Diplomatie unter Leo XIV.
Hinzu kommt, daß das neue Amt traditionell mit der Kardinalswürde verbunden ist und ihre geographische Herkunft dem Pontifex die Auswahl seines nächsten „Ministerpräsidenten“ erleichtern dürfte.
Zwar gibt es im Vatikan keine fest etablierte Praxis, einen Italiener zum Staatssekretär zu ernennen, wenn der Papst selbst Ausländer ist. Doch in den vergangenen fünfzig Jahren ist dies so gehandhabt worden.
Daher liegt die Annahme nahe, daß Leo XIV., wenn er sich dazu entschließt, Kardinal Parolin zu ersetzen, einen Diplomaten italienischer Herkunft auswählen wird.
Piero Pioppo ragt dabei aus allen anderen hervor. Sein Werdegang verbindet ihn mit einer bestimmten traditionellen kirchlichen Welt, insbesondere mit dem einflußreichen Kardinal Angelo Sodano.1 Für diesen war Pioppo lange Zeit persönlicher Sekretär. Sodano war es auch, der ihn auf den Weg der diplomatischen Laufbahn brachte.
Unter Tarcisio Bertone2, dem erklärten Gegner seines Vorgängers im Staatssekretariat, wurde Pioppo aus der Vatikanstadt entfernt und an die Nuntiatur in Kamerun und Äquatorialguinea geschickt.
Unter Bergoglio und Parolin wurde er jedoch noch weiter entfernt eingesetzt – in Indonesien.
Erst in seinen letzten Monaten änderte Papst Franziskus seine Meinung über diesen Diplomaten aus Savona. Nach seiner anstrengenden Reise durch Asien und Ozeanien im Herbst 2024 beauftragte er Parolin damit, einen näher gelegenen und angemesseneren Posten für diesen Mann zu suchen, der während der vergangenen zwei Jahrzehnte so sehr an den Rand gedrängt worden war.
Dazu hatte Franziskus keine Zeit mehr.
Leo XIV. hingegen behob die Situation, indem er sich gegenüber der Regierung in Madrid durchsetzte. Diese hatte zunächst beabsichtigt, dem vom Papst ausgewählten neuen Nuntius in Spanien das erforderliche Einverständnis zu verweigern.
Piero Pioppos Ansehen in Spanien wächst von Tag zu Tag – ebenso wie das Vertrauen, das Prevost in ihn setzt. Viele Prälaten sind bereit, darauf zu wetten, daß er der künftige Staatssekretär Leos XIV. sein wird.
Einleitung/Übersetzung/Fußnoten: Giuseppe Nardi
Bild: Il Tempo (Screenshot)
- Der Vatikandiplomat Angelo Sodano (1927–2022) war von 1991 bis 2006 Kardinalstaatssekretär und von 2005 bis 2019 Kardinaldekan. Er gilt als einer der maßgeblichen Türöffner für das Pontifikat von Jorge Mario Bergoglio. Siehe dazu auch: Die Korporation, auf die sich Papst Franziskus stützt. ↩︎
- Kardinal Tarcisio Bertone, Kardinalstaatssekretär unter Benedikt XVI. von 2006 bis 2013 – von vielen nicht als Idealbesetzung gesehen –, war vom deutschen Papst bewußt ernannt worden, um den zu großen Einfluß der „Korporation“ der Vatikandiplomaten an der Römischen Kurie, jenem Kreis um die Kardinäle Achille Silvestrini, Agostino Casaroli und Angelo Sodano, zurückzudrängen. ↩︎
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