Von Guillaume Gattermann*
Mehr als fünfzehn Jahrhunderte lang wurde Frankreich als die älteste Tochter der Kirche bezeichnet. Als Wiege von Heiligen, Kathedralen, Universitäten und einer außergewöhnlichen christlichen Kulturblüte hat das Land die Geschichte der westlichen Zivilisation entscheidend geprägt.
Und doch häufen sich gerade in diesem Land seit einigen Jahren Vorfälle, die viele Beobachter beunruhigen: die Schändung von Kirchen, die Entfernung von Kreuzen aus dem öffentlichen Raum, die Anfechtung von Marienstatuen vor Gericht, Stellungnahmen gegen die Lehre der Kirche und Gesetzesvorhaben, die in die Religionsfreiheit eingreifen.
Handelt es sich dabei lediglich um voneinander unabhängige Einzelfälle – oder stehen wir vor den ersten Anzeichen eines tiefergehenden Phänomens?
Aus dieser Frage heraus entstand das neue Buch des Journalisten und Forschers der französischen Vereinigung Défense de la Tradition, de la Famille et de la Propriété (TFP), Attilio Faoro: La persécution antichrétienne a commencé (Die antichristliche Verfolgung hat begonnen), das kürzlich in Frankreich erschienen ist. Der Autor legt weder eine polemische Streitschrift noch eine bloße Sammlung von Nachrichtenmeldungen vor. Vielmehr präsentiert er die Ergebnisse einer langjährigen Untersuchung, die sich auf offizielle Dokumente, Statistiken des französischen Innenministeriums, Gerichtsurteile, Parlamentsberichte sowie Studien von Historikern, Juristen und Kirchenvertretern stützt. Ziel ist es, mit der gebotenen Sachlichkeit eine Frage zu untersuchen, die sich viele Katholiken stellen, oft jedoch nicht die richtigen Worte finden, um sie auszudrücken: Erleben wir die Entstehung einer neuen Form der antichristlichen Verfolgung?
Eine andere Form der Verfolgung als in der Vergangenheit
Der Titel des Buches mag überraschen. Wenn von Verfolgung die Rede ist, denkt man unwillkürlich an die Märtyrer der ersten Jahrhunderte, an die Christen, die unter den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts getötet wurden, oder an Gläubige, die auch heute noch in Ländern wie Nigeria, Pakistan oder Nordkorea ihre Treue zu Christus mit Gefängnis oder dem Leben bezahlen.
Auch der Autor selbst räumt ein, daß er lange gezögert habe, bevor er einen derart starken Titel wählte. Doch er stellt eine Frage, die Aufmerksamkeit verdient: Beginnt Verfolgung tatsächlich erst dann, wenn Blut fließt? Oder kann sie, bevor sie dieses äußerste Maß an Gewalt erreicht, subtilere und weniger auffällige Formen annehmen, die deshalb nicht weniger real sind?
Genau diese These zieht sich durch das gesamte Buch. Faoro zufolge lehrt die Geschichte, daß keine Verfolgung plötzlich entsteht. Bevor die Körper getroffen werden, verändern sich die Denkweisen. Noch vor den Gewalttaten wandelt sich das kollektive Urteil über die Religion.
Was über Jahrhunderte als gemeinsames Erbe betrachtet wurde, wird allmählich zu einem Hindernis für den Fortschritt, zu einer störenden Präsenz, zu etwas, das ausschließlich in die Privatsphäre verwiesen werden soll.
Eine neue Form der Verfolgung?
Einer der originellsten Aspekte des Buches von Attilio Faoro ist die Methode, mit der er sich dieser Frage nähert. Die heutige Berichterstattung neigt nämlich dazu, jeden einzelnen Vorfall als isoliertes Ereignis darzustellen: eine Schändung, ein Gerichtsurteil, eine Kontroverse oder ein neues Gesetz. Nach wenigen Tagen richtet sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf etwas anderes, und alles gerät rasch in Vergessenheit.
Der Autor schlägt dagegen eine Gesamtschau vor. Betrachtet man Dutzende solcher Vorgänge in ihrer Gesamtheit, erscheinen sie nicht länger zufällig, sondern zeichnen eine klare Entwicklung nach: die fortschreitende Marginalisierung des Christentums aus dem öffentlichen Leben. Faoro zufolge handelt es sich dabei nicht um das Ergebnis einer „Verschwörungstheorie“, sondern um die zusammenwirkende Wirkung von Entscheidungen verschiedener Akteure, die letztlich dasselbe Ergebnis hervorbringen.
Um dieses Phänomen zu verstehen, beschränkt sich die Untersuchung nicht auf die jüngste Vergangenheit. Vielmehr rekonstruiert sie die historischen Wurzeln des Wandels, der Frankreich erfaßt hat. Keine Zivilisation gelangt innerhalb weniger Jahre von dem Status, als älteste Tochter der Kirche bekannt zu sein, zu einer Situation, in der ihre religiösen Symbole vor Gericht angefochten werden. Ein Wandel von solcher Tragweite ist zwangsläufig das Ergebnis eines langen historischen Prozesses.
Aus diesem Grund zeichnet das erste Kapitel einige der wichtigsten Brüche nach, die das Verhältnis zwischen Frankreich und der Kirche geprägt haben: die protestantische Reformation, die Aufklärung, die Französische Revolution, die Schreckensherrschaft, den Antiklerikalismus der Dritten Republik und die großen Gesetze, durch die die Religion zunehmend in die Privatsphäre verdrängt wurde. Es geht dabei nicht darum, die Geschichte Frankreichs nachzuerzählen, sondern zu zeigen, wie sich die Stellung des Christentums in der Gesellschaft allmählich verändert hat.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Laizität (laïcité), einem Grundprinzip der Französischen Republik. Faoro stellt klar, daß er die legitime Unterscheidung zwischen staatlicher und religiöser Autorität nicht infrage stellt – eine Unterscheidung, die selbst in der christlichen Tradition verwurzelt ist. Seine Analyse richtet sich vielmehr gegen eine bestimmte Auslegung der Laizität, die sich von einem Prinzip staatlicher Neutralität zu einer regelrechten kämpferischen Ideologie entwickelt habe.
Nach dieser Interpretation wird jede öffentliche Manifestation des Christentums tendenziell als Anomalie betrachtet, die beseitigt werden müsse. Das Buch untersucht daher Fälle, die in Frankreich eine breite Debatte ausgelöst haben: Kreuze, die aus dem öffentlichen Raum entfernt wurden, Marienstatuen, deren Präsenz vor Gericht angefochten wurde, verbotene Krippen, Kommunalverwaltungen, die auf christliche Traditionen verzichten, sowie Verwaltungsentscheidungen, die scheinbar allesamt in dieselbe Richtung weisen.
Für sich genommen könnten diese Vorfälle marginal erscheinen; betrachtet man sie jedoch in ihrer Gesamtheit, gewinnen sie eine weitaus größere Bedeutung.
Die Untersuchung beschränkt sich allerdings nicht auf religiöse Symbole. Nach Ansicht des Autors kann eine christlich geprägte Zivilisation auch dadurch schrittweise geschwächt werden, daß die moralischen Grundsätze verändert werden, auf denen sie errichtet wurde. Deshalb widmet das Buch der Entwicklung der Gesetzgebung in den Bereichen Ehe, Familie, Weitergabe des Lebens, elterliche Autorität, Würde der menschlichen Person und Gewissensfreiheit breiten Raum.
Auch hier bleibt die Methode strikt dokumentarisch: Es geht nicht darum, ideologische Werturteile zu formulieren, sondern die wichtigsten gesetzgeberischen Veränderungen nachzuzeichnen, die im Laufe der Jahre den kulturellen Rahmen der französischen Gesellschaft tiefgreifend verändert haben.
Im zweiten Teil des Werkes werden einige der heute sichtbarsten Entwicklungen untersucht: der zunehmende Einsatz der Blasphemie als kulturelles Instrument, die wachsende Zahl von Schändungen von Kirchen und Friedhöfen, Angriffe auf Gotteshäuser, das Erstarken des radikalen Islamismus und die zunehmende Sichtbarkeit eines Satanismus, der nach Ansicht des Autors bisweilen von einer unerwarteten institutionellen Toleranz profitiert.
Auch diese Phänomene werden nicht als voneinander unabhängige Ereignisse interpretiert, sondern als Erscheinungsformen ein und derselben kulturellen Entwicklung.
Eine Verfolgung ohne Gefängnisse, aber nicht ohne Opfer
Im Mittelpunkt der Überlegungen steht jedoch die eigentliche Bedeutung des Wortes „Verfolgung“. Faoro weist darauf hin, daß die Situation in Westeuropa nicht mit jener in Ländern vergleichbar ist, in denen Christen wegen ihres Glaubens eingesperrt oder getötet werden.
Gleichzeitig erinnert er daran, daß Verfolgungen in der Geschichte der Kirche fast nie mit körperlicher Gewalt beginnen. Noch bevor die Gläubigen selbst getroffen werden, verändert sich das gesellschaftliche Urteil über die Religion. Der Glaube gilt nicht länger als gemeinsames Erbe, sondern wird zunehmend als Hindernis für den Fortschritt oder als eine Wirklichkeit wahrgenommen, die zum Verschwinden bestimmt ist.
Diese langsame Veränderung der Mentalitäten ist es, die nach Ansicht des Buches heute den Westen kennzeichnet. Der Druck wird vor allem durch Gesetzesreformen, Verwaltungsentscheidungen, Gerichtsurteile, kulturelle Kampagnen und gesellschaftlichen Druck ausgeübt, die den konkreten Raum der Religionsfreiheit schrittweise einengen, ohne sie formell abzuschaffen.
Zur Untermauerung dieser Interpretation verweist Faoro auf eine bemerkenswerte Äußerung von Kardinal Robert Sarah, der in einem im Oktober 2025 der Tribune Chrétienne gegebenen Interview erklärte:
„Die körperliche Verfolgung, der manche Völker Afrikas oder Asiens ausgesetzt sind, ist weniger schwerwiegend als die ideologische Verfolgung, die ihr im Westen erleidet. […] Eure christlichen Werte werden betäubt.“
Ohne das Opfer der Märtyrer zu schmälern, die noch heute in vielen Teilen der Welt leiden, lädt das Buch somit dazu ein, über eine andere Form des geistlichen Kampfes nachzudenken – weniger spektakulär, aber nicht weniger entscheidend.
Obwohl das Werk von der Situation in Frankreich ausgeht, wirft es schließlich eine Frage auf, die ganz Europa betrifft: Was geschieht mit einer Zivilisation, wenn sie aufhört, ihre christlichen Wurzeln anzuerkennen? Es ist eine Frage, die über die Debatte …
*Guillaume Gattermann ist ein französischer Publizist und katholischer Aktivist. Als Délégué général von Avenir de la Culture, wo er diesen Beitrag veröffentlichte, beschäftigt er sich insbesondere mit der Verteidigung christlicher Werte, Religionsfreiheit und Familie sowie mit der politischen und kulturellen Entwicklung Frankreichs. Seine Beiträge befassen sich unter anderem mit antichristlichen Tendenzen, Islamismus und gesellschaftspolitischen Fragen.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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