Pius VI. und der „Notstand“ der konstitutionellen Bischöfe

Charitas quae, ein maßgeblicher Referenztext zu Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat

Papst Pius VI. regierte von 1773 bis 1799. Er wurde durch Frankreich für abgesetzt erklärt, aus Rom verbannt und schließlich nach Frankreich verschleppt, wo er verstarb.
Papst Pius VI. regierte von 1773 bis 1799. Er wurde durch Frankreich für abgesetzt erklärt, aus Rom verbannt und schließlich nach Frankreich verschleppt, wo er verstarb.

Von Rober­to de Mattei*

Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on führ­te nicht nur zum Sturz des Anci­en Régime, son­dern griff auch unmit­tel­bar in die Ver­fas­sung der Kir­che ein. Mit der Auf­he­bung der alten Diö­ze­sen, der Ein­zie­hung des kirch­li­chen Ver­mö­gens und der Ver­staat­li­chung des Kle­rus beab­sich­tig­te die Ver­fas­sung­ge­ben­de Natio­nal­ver­samm­lung, eine dem Staat unter­ge­ord­ne­te Kir­che zu schaf­fen. Am 12. Juli 1790 wur­de die Zivil­ver­fas­sung des Kle­rus ver­ab­schie­det, wel­che die kirch­li­che Orga­ni­sa­ti­on Frank­reichs grund­le­gend umge­stal­te­te: Die Zahl der Diö­ze­sen wur­de von 135 auf 83 redu­ziert und den neu geschaf­fe­nen Dépar­te­ments ange­paßt; Bischö­fe und Pfar­rer soll­ten künf­tig nicht mehr von der kirch­li­chen Auto­ri­tät ernannt, son­dern von den Bür­gern – auch von Nicht­ka­tho­li­ken – gewählt wer­den, wäh­rend die Bezie­hun­gen zum Hei­li­gen Stuhl erheb­lich ein­ge­schränkt wurden.

Am 27. Novem­ber 1790 ver­pflich­te­te die Natio­nal­ver­samm­lung alle Geist­li­chen, einen Treue­eid auf die neue Ver­fas­sung abzu­le­gen. Da nahe­zu alle fran­zö­si­schen Bischö­fe dies ver­wei­ger­ten, beschloß die Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung, sie durch eine neue Hier­ar­chie zu erset­zen. Das Wahl­kol­le­gi­um, das über­wie­gend aus Lai­en – dar­un­ter auch Pro­te­stan­ten – bestand, wähl­te acht­zig Bischö­fe, die jedoch die Bischofs­wei­he emp­fan­gen muß­ten. Daher war es not­wen­dig, wenig­stens einen Bischof zu fin­den, der bereit war, die Gewähl­ten ohne päpst­li­ches Man­dat zu weihen.

Als erster durch­brach Charles-Mau­rice de Tal­ley­rand-Péri­g­ord (1754–1838), Bischof von Autun, die kirch­li­che Dis­zi­plin. Am 24. Febru­ar 1791 weih­te er – assi­stiert von Msgr. Jean-Joseph Gobel, Titu­lar­bi­schof von Lyd­da, und Msgr. Jean-Bap­ti­ste Mirou­dot du Bourg, Titu­lar­bi­schof von Baby­lon – in der Kir­che der Ora­to­ria­ner im Fau­bourg Saint-Hono­ré Lou­is-Alex­and­re Expil­ly de La Poi­pe, den gewähl­ten kon­sti­tu­tio­nel­len Bischof des Fini­stère (Quim­per), sowie Clau­de Marol­les, den gewähl­ten kon­sti­tu­tio­nel­len Bischof des Dépar­te­ments Ais­ne (Sois­sons). Da das tra­di­tio­nel­le Wei­he­ri­tu­al ein­ge­hal­ten wor­den war, gal­ten die­se Wei­hen als gül­tig, wenn auch als schwer­wie­gend uner­laubt. Die ersten geweih­ten Bischö­fe weih­ten wie­der­um wei­te­re Bischö­fe, die ihrer­seits ande­re weih­ten, wodurch eine zur Hier­ar­chie des Hei­li­gen Stuhls par­al­le­le Bischofs­hier­ar­chie ent­stand. Zwi­schen 1791 und dem Kon­kor­dat von 1801 wur­den etwa vier­und­acht­zig kon­sti­tu­tio­nel­le Bischö­fe geweiht, wobei die genaue Zahl je nach Berück­sich­ti­gung der im Ver­lauf des Revo­lu­ti­ons­jahr­zehnts vor­ge­nom­me­nen Nach­be­set­zun­gen leicht variiert.

Einer der neu geweih­ten Bischö­fe, Abbé Hen­ri Gré­go­i­re, kon­sti­tu­tio­nel­ler Bischof von Blois, schrieb am 24. März 1791 an Pius VI.:

„Ich habe die kano­ni­sche Ein­set­zung emp­fan­gen und bin ord­nungs­ge­mäß geweiht wor­den. Dem Geist und dem Her­zen nach beken­ne ich mich zur katho­li­schen, apo­sto­li­schen und römi­schen Reli­gi­on. Ich erklä­re, daß ich mit Got­tes Hil­fe stets mit Euch ver­bun­den und in Gemein­schaft blei­ben wer­de, der Ihr als Nach­fol­ger des hei­li­gen Petrus den Ehren­vor­rang und die Juris­dik­ti­ons­ge­walt in der Kir­che Jesu Chri­sti inne­habt. Ich bit­te Eure Hei­lig­keit demü­tig, mir Ihren Segen zu gewähren.“

(Jean de Vigue­rie, Chri­stia­nis­me et Révo­lu­ti­on, Nou­vel­les Édi­ti­ons Lati­nes, Paris 1986, S. 97.)

Den­noch starb Abbé Gré­go­i­re 1831, ohne sich mit der Kir­che ver­söhnt zu haben. Sie­ben Jah­re spä­ter hin­ge­gen unter­zeich­ne­te Fürst Tal­ley­rand, der eben­so wie Gré­go­i­re exkom­mu­ni­ziert wor­den war, den Wider­ruf sei­ner Irr­tü­mer und starb, nach­dem er die Sakra­men­te emp­fan­gen hat­te (vgl. Rétrac­ta­ti­on, in: Mémoi­res, Cal­mann Lévy, Paris 1892, Bd. V, S. 482–483).

Die Befür­wor­ter der neu­en Hier­ar­chie behaup­te­ten, sie befän­den sich in einem Not­stand. Ihre Argu­men­ta­ti­on läßt sich in vier Punk­ten zusammenfassen:

  • Der Kir­che in Frank­reich dro­he der Ver­lust ihrer Hirten.
  • Den Gläu­bi­gen müs­se die Kon­ti­nui­tät des sakra­men­ta­len Lebens gewähr­lei­stet werden.
  • Der Papst sei auf­grund der poli­ti­schen Umstän­de außer­stan­de zu handeln.
  • Des­halb könn­ten die Bischö­fe in einer so schwe­ren Lage vor­über­ge­hend an die Stel­le des Hei­li­gen Stuhls treten.

Pius VI. griff mit dem Bre­ve Quod ali­quan­tum vom 10. März 1791 ein, in dem er die Zivil­ver­fas­sung des Kle­rus als der gött­li­chen Ver­fas­sung der Kir­che wider­spre­chend und die Rech­te des Apo­sto­li­schen Stuhls ver­let­zend ver­ur­teil­te. Weni­ge Wochen spä­ter ver­öf­fent­lich­te er am 13. April das Bre­ve Cha­ri­tas quae, das sich an die gesam­te Kir­che Frank­reichs rich­te­te. Dar­in erklär­te er die Wahl der neu­en Bischö­fe für nich­tig, die ohne päpst­li­ches Man­dat vor­ge­nom­me­nen Bischofs­wei­hen für sakri­le­gisch und unter­warf sowohl die wei­hen­den als auch die geweih­ten Bischö­fe den kir­chen­recht­li­chen Stra­fen (Ugo Bel­loc­chi, Tut­te le enci­cli­che e i docu­men­ti pon­ti­fi­ci, Libre­ria Editri­ce Vati­ca­na, Bd. II, S. 182–195). Der Papst erklär­te die sakri­le­gi­schen Bischö­fe von der Aus­übung ihres bischöf­li­chen Amtes sus­pen­diert und bestimm­te fer­ner, daß

„eben­so von der Aus­übung des Prie­ster­am­tes und jedes ande­ren Wei­he­gra­des alle sus­pen­diert sei­en, die sol­chen ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen Wei­hen Hil­fe, Mit­wir­kung, Zustim­mung oder Rat gelei­stet haben“.

Pius VI. bestritt kei­nes­wegs den Ernst der revo­lu­tio­nä­ren Lage, wies jedoch die Schluß­fol­ge­rung zurück, die dar­aus gezo­gen wer­den soll­te. Kei­ne Not­la­ge, so dra­ma­tisch sie auch sein moch­te, kön­ne dazu berech­ti­gen, die von Chri­stus ein­ge­setz­te hier­ar­chi­sche Ord­nung der Kir­che zu verletzen.

Im Cha­ri­tas quae tritt ein grund­le­gen­des ekkle­sio­lo­gi­sches Prin­zip her­vor: Die apo­sto­li­sche Suk­zes­si­on besteht nicht allein in der sakra­men­ta­len Gül­tig­keit des Bischofs­am­tes, son­dern schließt auch die hier­ar­chi­sche Gemein­schaft mit dem Papst von Rom ein. Ein Bischof, der zwar gül­tig, jedoch ohne das erfor­der­li­che Man­dat des Hei­li­gen Stuhls geweiht wur­de, emp­fängt zwar den bischöf­li­chen Cha­rak­ter, übt sein Amt jedoch gegen die recht­li­che Ord­nung der Kir­che aus. Aus die­sem Grund erklär­te Pius VI. die neue kon­sti­tu­tio­nel­le Hier­ar­chie für schismatisch.

Die Ent­schlos­sen­heit des Pap­stes zeig­te sich beson­ders im Fall des Kar­di­nals Éti­en­ne-Charles de Lomé­nie de Bri­en­ne (1727–1794). Die­ser hat­te ver­sucht, sei­nen Eid auf die Zivil­ver­fas­sung damit zu recht­fer­ti­gen, daß die­ser kei­ne inne­re Zustim­mung (con­sen­sus ani­mi) beinhal­tet habe. Zugleich ver­trau­te er dem Papst an, er wer­de von Zwei­feln geplagt, ob er die vom Staat gewähl­ten neu­en Bischö­fe wei­hen sol­le oder nicht.

Pius VI. ant­wor­te­te ihm mit einem Schrei­ben vom 23. Febru­ar 1791, auf das spä­ter auch im Cha­ri­tas quae bezug genom­men wur­de. Dar­in for­der­te er den Kar­di­nal auf, sei­nen Eid öffent­lich zu wider­ru­fen, wid­ri­gen­falls ihm die Kar­di­nals­wür­de und wei­te­re kir­chen­recht­li­che Sank­tio­nen ent­zo­gen wür­den. Vor allem aber unter­sag­te er ihm aus­drück­lich, die Pseu­do-Gewähl­ten zu weihen,

„nicht ein­mal aus einem Not­stand her­aus“ (ne qui­dem neces­si­ta­tis cau­sa).

Denn,

„es han­delt sich um ein Recht, das aus­schließ­lich dem Apo­sto­li­schen Stuhl zusteht, ent­spre­chend den Bestim­mun­gen des Kon­zils von Tri­ent, und das sich weder ein Bischof noch ein Metro­po­lit anma­ßen darf. Andern­falls sind Wir kraft unse­res apo­sto­li­schen Amtes ver­pflich­tet, sowohl die­je­ni­gen, die wei­hen, als auch die­je­ni­gen, die geweiht wer­den, als Schis­ma­ti­ker zu betrach­ten und alle Hand­lun­gen, die bei­de künf­tig vor­neh­men wer­den, als ohne jede Rechts­gül­tig­keit anzusehen.“

(Bre­ve Cha­ri­tas quae, a.a.O., S. 187.)

Die­se Pas­sa­ge gehört zu den bedeu­tend­sten Doku­men­ten des päpst­li­chen Lehr­am­tes zum The­ma des Not­stan­des. Pius VI. beschränkt sich nicht dar­auf, die Wei­hen der kon­sti­tu­tio­nel­len Bischö­fe zu ver­ur­tei­len, son­dern schließt aus­drück­lich aus, daß eine Not­la­ge einen Bischof berech­ti­gen kön­ne, gegen den Wil­len des Hei­li­gen Stuhls ande­re Bischö­fe zu wei­hen. Der Not­stand moch­te zwar die Schwe­re der Umstän­de erklä­ren, konn­te jedoch kei­ne Voll­macht begrün­den, die die Kir­che nicht ver­lie­hen hat­te. Das Recht zur Ein­set­zung der Bischö­fe blieb dem Apo­sto­li­schen Stuhl vor­be­hal­ten, und kei­ne Not­la­ge ver­moch­te die­ses Prin­zip außer Kraft zu setzen.

Der Fall der fran­zö­si­schen kon­sti­tu­tio­nel­len Bischö­fe stellt somit einen bedeu­ten­den histo­ri­schen Prä­ze­denz­fall in der Dis­kus­si­on über das Ver­hält­nis zwi­schen einem Not­stand und Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat dar. Der Papst erkann­te die Schwe­re der Kri­se an, bestritt jedoch, daß sie die grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en der hier­ar­chi­schen Ord­nung der Kir­che außer Kraft set­zen kön­ne. Die Gemein­schaft mit dem Nach­fol­ger Petri war für ihn kei­ne dis­zi­pli­na­ri­sche Vor­schrift, von der in außer­ge­wöhn­li­chen Zei­ten abge­wi­chen wer­den könn­te, son­dern ein wesent­li­ches Ele­ment der von Chri­stus gewoll­ten kirch­li­chen Ord­nung. Des­halb bleibt das Cha­ri­tas quae bis heu­te einer der maß­geb­li­chen Refe­renz­tex­te für die histo­ri­sche, theo­lo­gi­sche und kano­ni­sti­sche Unter­su­chung von Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Mandat.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana


Wesentliche Literatur

Zur Ver­tie­fung sei­en neben den Doku­men­ten Pius‘ VI. Quod ali­quan­tum (10. März 1791) und Cha­ri­tas quae (13. April 1791) in Bull­a­rii Roma­ni Con­ti­nua­tio, Bd. VII, ins­be­son­de­re fol­gen­de Wer­ke genannt:

  • Paul Pisa­ni, Réper­toire bio­gra­phi­que de l’épiscopat con­sti­tu­ti­on­nel (1791–1802), A. Picard et Fils, Paris 1907.
  • John McMan­ners, The French Revo­lu­ti­on and the Church, SPCK, Lon­don 1969.
  • Timo­thy Tackett, Reli­gi­on, Revo­lu­ti­on, and Regio­nal Cul­tu­re in Eigh­te­enth-Cen­tu­ry France. The Eccle­sia­sti­cal Oath of 1791, Prin­ce­ton Uni­ver­si­ty Press, Prin­ce­ton 1986.
  • Jean de Vigue­rie, Chri­stia­nis­me et Révo­lu­ti­on. Cinq leçons d’histoire de la Révo­lu­ti­on fran­çai­se, Nou­vel­les Édi­ti­ons Lati­nes, Paris 1986.
  • Nigel Aston, Reli­gi­on and Revo­lu­ti­on in France, 1780–1804, The Catho­lic Uni­ver­si­ty of Ame­ri­ca Press, Washing­ton, D.C. 2000.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*