Pius VI. und der „Notstand“ der konstitutionellen Bischöfe

Charitas quae, ein maßgeblicher Referenztext zu Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat

Papst Pius VI. regierte von 1773 bis 1799. Er wurde durch Frankreich für abgesetzt erklärt, aus Rom verbannt und schließlich nach Frankreich verschleppt, wo er verstarb.
Papst Pius VI. regierte von 1773 bis 1799. Er wurde durch Frankreich für abgesetzt erklärt, aus Rom verbannt und schließlich nach Frankreich verschleppt, wo er verstarb.

Von Rober­to de Mattei*

Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on führ­te nicht nur zum Sturz des Anci­en Régime, son­dern griff auch unmit­tel­bar in die Ver­fas­sung der Kir­che ein. Mit der Auf­he­bung der alten Diö­ze­sen, der Ein­zie­hung des kirch­li­chen Ver­mö­gens und der Ver­staat­li­chung des Kle­rus beab­sich­tig­te die Ver­fas­sung­ge­ben­de Natio­nal­ver­samm­lung, eine dem Staat unter­ge­ord­ne­te Kir­che zu schaf­fen. Am 12. Juli 1790 wur­de die Zivil­ver­fas­sung des Kle­rus ver­ab­schie­det, wel­che die kirch­li­che Orga­ni­sa­ti­on Frank­reichs grund­le­gend umge­stal­te­te: Die Zahl der Diö­ze­sen wur­de von 135 auf 83 redu­ziert und den neu geschaf­fe­nen Dépar­te­ments ange­paßt; Bischö­fe und Pfar­rer soll­ten künf­tig nicht mehr von der kirch­li­chen Auto­ri­tät ernannt, son­dern von den Bür­gern – auch von Nicht­ka­tho­li­ken – gewählt wer­den, wäh­rend die Bezie­hun­gen zum Hei­li­gen Stuhl erheb­lich ein­ge­schränkt wurden.

Am 27. Novem­ber 1790 ver­pflich­te­te die Natio­nal­ver­samm­lung alle Geist­li­chen, einen Treue­eid auf die neue Ver­fas­sung abzu­le­gen. Da nahe­zu alle fran­zö­si­schen Bischö­fe dies ver­wei­ger­ten, beschloß die Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung, sie durch eine neue Hier­ar­chie zu erset­zen. Das Wahl­kol­le­gi­um, das über­wie­gend aus Lai­en – dar­un­ter auch Pro­te­stan­ten – bestand, wähl­te acht­zig Bischö­fe, die jedoch die Bischofs­wei­he emp­fan­gen muß­ten. Daher war es not­wen­dig, wenig­stens einen Bischof zu fin­den, der bereit war, die Gewähl­ten ohne päpst­li­ches Man­dat zu weihen.

Als erster durch­brach Charles-Mau­rice de Tal­ley­rand-Péri­g­ord (1754–1838), Bischof von Autun, die kirch­li­che Dis­zi­plin. Am 24. Febru­ar 1791 weih­te er – assi­stiert von Msgr. Jean-Joseph Gobel, Titu­lar­bi­schof von Lyd­da, und Msgr. Jean-Bap­ti­ste Mirou­dot du Bourg, Titu­lar­bi­schof von Baby­lon – in der Kir­che der Ora­to­ria­ner im Fau­bourg Saint-Hono­ré Lou­is-Alex­and­re Expil­ly de La Poi­pe, den gewähl­ten kon­sti­tu­tio­nel­len Bischof des Fini­stère (Quim­per), sowie Clau­de Marol­les, den gewähl­ten kon­sti­tu­tio­nel­len Bischof des Dépar­te­ments Ais­ne (Sois­sons). Da das tra­di­tio­nel­le Wei­he­ri­tu­al ein­ge­hal­ten wor­den war, gal­ten die­se Wei­hen als gül­tig, wenn auch als schwer­wie­gend uner­laubt. Die ersten geweih­ten Bischö­fe weih­ten wie­der­um wei­te­re Bischö­fe, die ihrer­seits ande­re weih­ten, wodurch eine zur Hier­ar­chie des Hei­li­gen Stuhls par­al­le­le Bischofs­hier­ar­chie ent­stand. Zwi­schen 1791 und dem Kon­kor­dat von 1801 wur­den etwa vier­und­acht­zig kon­sti­tu­tio­nel­le Bischö­fe geweiht, wobei die genaue Zahl je nach Berück­sich­ti­gung der im Ver­lauf des Revo­lu­ti­ons­jahr­zehnts vor­ge­nom­me­nen Nach­be­set­zun­gen leicht variiert.

Einer der neu geweih­ten Bischö­fe, Abbé Hen­ri Gré­go­i­re, kon­sti­tu­tio­nel­ler Bischof von Blois, schrieb am 24. März 1791 an Pius VI.:

„Ich habe die kano­ni­sche Ein­set­zung emp­fan­gen und bin ord­nungs­ge­mäß geweiht wor­den. Dem Geist und dem Her­zen nach beken­ne ich mich zur katho­li­schen, apo­sto­li­schen und römi­schen Reli­gi­on. Ich erklä­re, daß ich mit Got­tes Hil­fe stets mit Euch ver­bun­den und in Gemein­schaft blei­ben wer­de, der Ihr als Nach­fol­ger des hei­li­gen Petrus den Ehren­vor­rang und die Juris­dik­ti­ons­ge­walt in der Kir­che Jesu Chri­sti inne­habt. Ich bit­te Eure Hei­lig­keit demü­tig, mir Ihren Segen zu gewähren.“

(Jean de Vigue­rie, Chri­stia­nis­me et Révo­lu­ti­on, Nou­vel­les Édi­ti­ons Lati­nes, Paris 1986, S. 97.)

Den­noch starb Abbé Gré­go­i­re 1831, ohne sich mit der Kir­che ver­söhnt zu haben. Sie­ben Jah­re spä­ter hin­ge­gen unter­zeich­ne­te Fürst Tal­ley­rand, der eben­so wie Gré­go­i­re exkom­mu­ni­ziert wor­den war, den Wider­ruf sei­ner Irr­tü­mer und starb, nach­dem er die Sakra­men­te emp­fan­gen hat­te (vgl. Rétrac­ta­ti­on, in: Mémoi­res, Cal­mann Lévy, Paris 1892, Bd. V, S. 482–483).

Die Befür­wor­ter der neu­en Hier­ar­chie behaup­te­ten, sie befän­den sich in einem Not­stand. Ihre Argu­men­ta­ti­on läßt sich in vier Punk­ten zusammenfassen:

  • Der Kir­che in Frank­reich dro­he der Ver­lust ihrer Hirten.
  • Den Gläu­bi­gen müs­se die Kon­ti­nui­tät des sakra­men­ta­len Lebens gewähr­lei­stet werden.
  • Der Papst sei auf­grund der poli­ti­schen Umstän­de außer­stan­de zu handeln.
  • Des­halb könn­ten die Bischö­fe in einer so schwe­ren Lage vor­über­ge­hend an die Stel­le des Hei­li­gen Stuhls treten.

Pius VI. griff mit dem Bre­ve Quod ali­quan­tum vom 10. März 1791 ein, in dem er die Zivil­ver­fas­sung des Kle­rus als der gött­li­chen Ver­fas­sung der Kir­che wider­spre­chend und die Rech­te des Apo­sto­li­schen Stuhls ver­let­zend ver­ur­teil­te. Weni­ge Wochen spä­ter ver­öf­fent­lich­te er am 13. April das Bre­ve Cha­ri­tas quae, das sich an die gesam­te Kir­che Frank­reichs rich­te­te. Dar­in erklär­te er die Wahl der neu­en Bischö­fe für nich­tig, die ohne päpst­li­ches Man­dat vor­ge­nom­me­nen Bischofs­wei­hen für sakri­le­gisch und unter­warf sowohl die wei­hen­den als auch die geweih­ten Bischö­fe den kir­chen­recht­li­chen Stra­fen (Ugo Bel­loc­chi, Tut­te le enci­cli­che e i docu­men­ti pon­ti­fi­ci, Libre­ria Editri­ce Vati­ca­na, Bd. II, S. 182–195). Der Papst erklär­te die sakri­le­gi­schen Bischö­fe von der Aus­übung ihres bischöf­li­chen Amtes sus­pen­diert und bestimm­te fer­ner, daß

„eben­so von der Aus­übung des Prie­ster­am­tes und jedes ande­ren Wei­he­gra­des alle sus­pen­diert sei­en, die sol­chen ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen Wei­hen Hil­fe, Mit­wir­kung, Zustim­mung oder Rat gelei­stet haben“.

Pius VI. bestritt kei­nes­wegs den Ernst der revo­lu­tio­nä­ren Lage, wies jedoch die Schluß­fol­ge­rung zurück, die dar­aus gezo­gen wer­den soll­te. Kei­ne Not­la­ge, so dra­ma­tisch sie auch sein moch­te, kön­ne dazu berech­ti­gen, die von Chri­stus ein­ge­setz­te hier­ar­chi­sche Ord­nung der Kir­che zu verletzen.

Im Cha­ri­tas quae tritt ein grund­le­gen­des ekkle­sio­lo­gi­sches Prin­zip her­vor: Die apo­sto­li­sche Suk­zes­si­on besteht nicht allein in der sakra­men­ta­len Gül­tig­keit des Bischofs­am­tes, son­dern schließt auch die hier­ar­chi­sche Gemein­schaft mit dem Papst von Rom ein. Ein Bischof, der zwar gül­tig, jedoch ohne das erfor­der­li­che Man­dat des Hei­li­gen Stuhls geweiht wur­de, emp­fängt zwar den bischöf­li­chen Cha­rak­ter, übt sein Amt jedoch gegen die recht­li­che Ord­nung der Kir­che aus. Aus die­sem Grund erklär­te Pius VI. die neue kon­sti­tu­tio­nel­le Hier­ar­chie für schismatisch.

Die Ent­schlos­sen­heit des Pap­stes zeig­te sich beson­ders im Fall des Kar­di­nals Éti­en­ne-Charles de Lomé­nie de Bri­en­ne (1727–1794). Die­ser hat­te ver­sucht, sei­nen Eid auf die Zivil­ver­fas­sung damit zu recht­fer­ti­gen, daß die­ser kei­ne inne­re Zustim­mung (con­sen­sus ani­mi) beinhal­tet habe. Zugleich ver­trau­te er dem Papst an, er wer­de von Zwei­feln geplagt, ob er die vom Staat gewähl­ten neu­en Bischö­fe wei­hen sol­le oder nicht.

Pius VI. ant­wor­te­te ihm mit einem Schrei­ben vom 23. Febru­ar 1791, auf das spä­ter auch im Cha­ri­tas quae Bezug genom­men wur­de. Dar­in for­der­te er den Kar­di­nal auf, sei­nen Eid öffent­lich zu wider­ru­fen, wid­ri­gen­falls ihm die Kar­di­nals­wür­de ent­zo­gen und wei­te­re kir­chen­recht­li­che Sank­tio­nen fol­gen wür­den. Vor allem aber unter­sag­te er ihm aus­drück­lich, die Pseu­do-Gewähl­ten zu weihen,

„nicht ein­mal aus einem Not­stand her­aus“ (ne qui­dem neces­si­ta­tis cau­sa).

Denn,

„es han­delt sich um ein Recht, das aus­schließ­lich dem Apo­sto­li­schen Stuhl zusteht, ent­spre­chend den Bestim­mun­gen des Kon­zils von Tri­ent, und das sich weder ein Bischof noch ein Metro­po­lit anma­ßen darf. Andern­falls sind Wir kraft unse­res apo­sto­li­schen Amtes ver­pflich­tet, sowohl die­je­ni­gen, die wei­hen, als auch die­je­ni­gen, die geweiht wer­den, als Schis­ma­ti­ker zu betrach­ten und alle Hand­lun­gen, die bei­de künf­tig vor­neh­men wer­den, als ohne jede Rechts­gül­tig­keit anzusehen.“

(Bre­ve Cha­ri­tas quae, a. a. O., S. 187.)

Die­se Pas­sa­ge gehört zu den bedeu­tend­sten Doku­men­ten des päpst­li­chen Lehr­am­tes zum The­ma des Not­stan­des. Pius VI. beschränkt sich nicht dar­auf, die Wei­hen der kon­sti­tu­tio­nel­len Bischö­fe zu ver­ur­tei­len, son­dern schließt aus­drück­lich aus, daß eine Not­la­ge einen Bischof berech­ti­gen kön­ne, gegen den Wil­len des Hei­li­gen Stuhls ande­re Bischö­fe zu wei­hen. Der Not­stand moch­te zwar die Schwe­re der Umstän­de erklä­ren, konn­te jedoch kei­ne Voll­macht begrün­den, die die Kir­che nicht ver­lie­hen hat­te. Das Recht zur Ein­set­zung der Bischö­fe blieb dem Apo­sto­li­schen Stuhl vor­be­hal­ten, und kei­ne Not­la­ge ver­moch­te die­ses Prin­zip außer Kraft zu setzen.

Der Fall der fran­zö­si­schen kon­sti­tu­tio­nel­len Bischö­fe stellt somit einen bedeu­ten­den histo­ri­schen Prä­ze­denz­fall in der Dis­kus­si­on über das Ver­hält­nis zwi­schen einem Not­stand und Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat dar. Der Papst erkann­te die Schwe­re der Kri­se an, bestritt jedoch, daß sie die grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en der hier­ar­chi­schen Ord­nung der Kir­che außer Kraft set­zen kön­ne. Die Gemein­schaft mit dem Nach­fol­ger Petri war für ihn kei­ne dis­zi­pli­na­ri­sche Vor­schrift, von der in außer­ge­wöhn­li­chen Zei­ten abge­wi­chen wer­den könn­te, son­dern ein wesent­li­ches Ele­ment der von Chri­stus gewoll­ten kirch­li­chen Ord­nung. Des­halb bleibt das Cha­ri­tas quae bis heu­te einer der maß­geb­li­chen Refe­renz­tex­te für die histo­ri­sche, theo­lo­gi­sche und kano­ni­sti­sche Unter­su­chung von Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Mandat.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana


Wesentliche Literatur

Zur Ver­tie­fung sei­en neben den Doku­men­ten Pius‘ VI. Quod ali­quan­tum (10. März 1791) und Cha­ri­tas quae (13. April 1791) in Bull­a­rii Roma­ni Con­ti­nua­tio, Bd. VII, ins­be­son­de­re fol­gen­de Wer­ke genannt:

  • Paul Pisa­ni, Réper­toire bio­gra­phi­que de l’épiscopat con­sti­tu­ti­on­nel (1791–1802), A. Picard et Fils, Paris 1907.
  • John McMan­ners, The French Revo­lu­ti­on and the Church, SPCK, Lon­don 1969.
  • Timo­thy Tackett, Reli­gi­on, Revo­lu­ti­on, and Regio­nal Cul­tu­re in Eigh­te­enth-Cen­tu­ry France. The Eccle­sia­sti­cal Oath of 1791, Prin­ce­ton Uni­ver­si­ty Press, Prin­ce­ton 1986.
  • Jean de Vigue­rie, Chri­stia­nis­me et Révo­lu­ti­on. Cinq leçons d’histoire de la Révo­lu­ti­on fran­çai­se, Nou­vel­les Édi­ti­ons Lati­nes, Paris 1986.
  • Nigel Aston, Reli­gi­on and Revo­lu­ti­on in France, 1780–1804, The Catho­lic Uni­ver­si­ty of Ame­ri­ca Press, Washing­ton, D.C. 2000.

9 Kommentare

  1. Und was ist der Unter­schied zwi­schen Pius VI. und den Kon­zil­s­päp­sten? Der zwi­schen Recht­gläu­big­keit und Häresie…also The­ma verfehlt.

  2. Dann kön­nen also die Revo­luz­zer ihre mar­xi­sti­schen Inhal­te durch­set­zen, weil sie die katho­li­sche Form geka­pert haben?
    Der Bei­trag ist inter­es­sant, eine typisch kon­ser­va­ti­ve Ver­su­chung, doch er hilft kei­nes­wegs so ein­fach wei­ter. Und wenn Tri­ent wirk­lich der Maß­stab ist, dann gibt es auch kei­ne neue Mes­se. Nein, wir kom­men nicht her­um, uns es, um die heu­ti­ge Lage ins­ge­samt ange­mes­sen zu beur­tei­len, noch so man­che Ein­ge­bung zu erar­bei­ten, zu erbe­ten und zu erfle­hen. Das ist nicht ein­fach. Gera­de, weil auch sol­che Bei­trä­ge mit zu berück­sich­ti­gen sind. Nur bit­te im Gan­zen. Wir lan­den sonst im Sedis­va­kan­tis­mus oder in der Annah­me des Moder­nis­mus. Noch ein­mal: So ein­fach ist es nicht.

  3. Damals waren es die Mäch­ti­gen im fran­zö­si­schen Staat, die die Axt an die Wur­zeln der Kir­che und ihrer Ver­faßt­heit gelegt hatten.
    Vor weni­gen Jah­ren hat der Papst oder Papst Berg­o­glio sel­ber die Axt an die­se Wur­zeln gelegt, indem er vor den Kom­mu­ni­sten Chi­nas kapi­tu­lier­te oder anders gesagt, ihnen ger­ne die Ernen­nung von Bischö­fen zuge­stand, was bis heu­te von sei­nem Nach­fol­ger nicht abge­än­dert wor­den ist.
    Auch die Ver­ant­wort­li­chen der Pius­bru­der­schaft haben uner­laubt Bischö­fe geweiht und haben sich ent­spre­chend die Stra­fe des Schis­mas zuge­zo­gen. Aber: hat das chi­ne­si­sche Bei­spiel die Pius­bru­der­schaft nicht auch ani­miert ohne päpst­li­che Zustim­mung Bischö­fe zu weihen?
    Und: haben sich die bei­den Päp­ste nicht sel­ber im Hin­blick auf Chi­na die Stra­fe des Schis­mas zuge­zo­gen? ‑Die­se Fra­ge kann man mit Ja beant­wor­ten. Papst Leo ist gut bera­ten, vor der eige­nen Haus­tü­re zu keh­ren, aber daß er es nicht tut, wird die Kir­che wei­ter ver­un­si­chern und spalten.

  4. Ergo müss­ten heu­te die chi­ne­si­schen „kon­sti­tu­tio­nel­len“ Bischö­fe und jene, die sie weih­ten, exkom­mu­ni­ziert werden.
    Oder in die histo­ri­sche Rich­tung gedacht: Heu­te wür­den der Vati­kan, der Papst die von den Revo­lu­tio­nä­ren ernann­ten Bischö­fe ohne gro­ße Umschwei­fe anerkennen.

  5. Cha­ri­tas quae ist ein wich­ti­ger, aber kein unmit­tel­bar ent­schei­den­der Prä­ze­denz­fall für die Wei­hen der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. Pius VI. ver­ur­teil­te 1791 nicht ledig­lich die iso­lier­te sakra­men­ta­le Wei­he eini­ger Hilfs­bi­schö­fe ohne päpst­li­ches Man­dat. Er ver­ur­teil­te die Errich­tung einer vom revo­lu­tio­nä­ren Staat orga­ni­sier­ten Natio­nal­kir­che: Recht­mä­ssi­ge, teil­wei­se noch leben­de Diö­ze­san­bi­schö­fe wur­den ver­trie­ben; staat­li­che Wahl­kör­per, an denen auch Nicht­ka­tho­li­ken betei­ligt waren, bestimm­ten ihre Nach­fol­ger; neue Diö­ze­sen wur­den geschaf­fen; die Gewähl­ten bean­spruch­ten kon­kre­te Bischofs­sit­ze, Juris­dik­ti­on und kirch­li­che Lei­tungs­ge­walt. Die Wei­hen waren der sakra­men­ta­le Voll­zug die­ser bereits schis­ma­ti­schen Verfassungsrevolution.

    In genau die­sem Zusam­men­hang unter­sag­te Pius VI. Kar­di­nal Bri­en­ne, die revo­lu­tio­nä­ren Pseu­do-Elek­ten „nicht ein­mal aus einem Not­stand her­aus“ zu wei­hen. Der Satz bedeu­tet, dass eine angeb­li­che Not­wen­dig­keit weder staat­lich gewähl­ten Gegen­bi­schö­fen eine kano­ni­sche Mis­si­on ver­lei­hen noch die Ver­drän­gung legi­ti­mer Hir­ten und die Usur­pa­ti­on päpst­lich vor­be­hal­te­ner Juris­dik­ti­on recht­fer­ti­gen konn­te. Er ist kei­ne abstrak­te Defi­ni­ti­on, nach der jede Wei­he ohne Man­dat unter allen histo­ri­schen und kirch­li­chen Umstän­den not­wen­dig das­sel­be mora­li­sche und kano­ni­sche Wesen besitzt.

    Die FSSPX behaup­tet gera­de nicht, ihre Hilfs­bi­schö­fe hät­ten durch den Not­stand ordent­li­che Juris­dik­ti­on, eine Diö­ze­se oder eine vom Papst unab­hän­gi­ge kirch­li­che Mis­si­on emp­fan­gen. Ihre The­se lau­tet viel­mehr, dass eine ausser­or­dent­li­che Not­la­ge die Wei­ter­ga­be der sakra­men­ta­len Wei­he­ge­walt ohne Über­tra­gung von Juris­dik­ti­on erfor­der­lich gemacht und die Ver­let­zung der posi­ti­ven Man­dats­vor­schrift ent­schul­digt habe. Ob die­se Behaup­tung objek­tiv zutrifft, muss geprüft wer­den; sie wird aber durch den fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­fall nicht bereits widerlegt.

    Auch das gel­ten­de Kir­chen­recht ver­bie­tet die pau­scha­le For­mel, ein Not­stand sei grund­sätz­lich bedeu­tungs­los. Die Cano­nes 1323 und 1324 behan­deln objek­ti­ve und ver­meint­li­che Not­wen­dig­keit aus­drück­lich als mög­li­che Grün­de für Straf­frei­heit oder Straf­min­de­rung; unter den in Canon 1324 genann­ten Umstän­den tritt eine auto­ma­ti­sche Stra­fe nicht ein. Das ver­leiht weder Juris­dik­ti­on noch macht es jede Hand­lung erlaubt. Es zeigt aber, dass objek­ti­ve Rechts­wid­rig­keit, sub­jek­ti­ve Zure­chen­bar­keit und tat­säch­li­cher Ein­tritt einer latae-sen­ten­tiae-Stra­fe von­ein­an­der unter­schie­den wer­den müssen.

    Schliess­lich sind uner­laub­te Bischofs­wei­he und Schis­ma nicht begriff­lich iden­tisch. Canon 1387 bestraft die Wei­he ohne päpst­li­ches Man­dat; Canon 751 defi­niert Schis­ma als Ver­wei­ge­rung der Unter­ord­nung unter den Papst oder der Gemein­schaft mit den ihm unter­ste­hen­den Glie­dern. Eine uner­laub­te Wei­he kann Aus­druck eines Schis­mas sein, wenn sie eine wirk­li­che Ableh­nung des päpst­li­chen Pri­mats beinhal­tet. Genau dies muss jedoch bewie­sen und kann nicht allein aus dem feh­len­den Man­dat abge­lei­tet wer­den. Dass das Glau­bens­dik­aste­ri­um 2026 sowohl Canon 1387 als auch Canon 1364 anführ­te, bestä­tigt die begriff­li­che Unter­schei­dung, auch wenn die Behör­de bei­de Tat­be­stän­de im kon­kre­ten Fall als erfüllt betrachtete.

    De Matt­eis Arti­kel beweist daher die schwe­re objek­ti­ve Bedeu­tung einer Bischofs­wei­he gegen den päpst­li­chen Wil­len. Er beweist aber weder, dass jeder denk­ba­re Not­stand recht­lich uner­heb­lich sei, noch dass die fran­zö­si­sche staat­li­che Gegen­hier­ar­chie und ohne Juris­dik­ti­ons­an­spruch geweih­te Hilfs­bi­schö­fe mate­ri­ell der­sel­be Fall sei­en. Als War­nung ist der Ver­gleich berech­tigt; als abschlie­ssen­de Wider­le­gung ist er unzureichend.

  6. Sehr geehr­ter Pro­fes­sor Mattei,

    die Aus­füh­run­gen sind aus der histo­ri­schen Sicht voll­kom­men rich­tig und rich­tungs­wei­send. Nur tref­fen sie auf den aktu­el­len Fall nur teil­wei­se zu. Man kann wohl sagen, dass Papst Pius VI sich ganz im Rah­men der Tra­di­ti­on bewegt hat und sein Lehr­amt in völ­li­ger Über­ein­stim­mung mit sei­nen Vor­gän­gern, den Vor­vor­gän­gern, den Kon­zi­li­en aller Zei­ten gestan­den hat. Ich habe eini­ge sei­ner Doku­men­te gele­sen und fand nichts neu­es dar­in. So ist es auch bei den besag­ten Doku­ment „Cha­ri­tas quae“. Und hier beginnt das Problem:
    1) Das aktu­el­le Lehr­amt der Kir­che steht in nicht weni­gen Fäl­len im Wider­spruch zum über­lie­fer­ten Lehr­amt. Die Doku­men­te des II. Vati­can­ums, eini­ge Enzy­kli­ken der Päp­ste von Papst Paul VI bis Papst Leo XIV ste­hen im Wider­spruch zum über­lie­fer­ten Lehr­amt der Kir­che von 1900 Jah­ren, teil­wei­se sogar in Wider­spruch zur Hei­li­gen Schrift („Fidu­cia sup­pli­cans“). Es ist die Not­la­ge, die durch die kirch­lich aner­kann­te Erschei­nung der Aller­se­lig­sten Jung­frau Maria zu La Salet­te pro­phe­zeit wur­de („Rom wird den Glau­ben ver­lie­ren..“). Wenn der papst zumin­dest mate­ri­ell in Häre­sie ist, aus der Kurie Doku­men­te her­aus­ge­ge­ben wer­den, die for­mel­le Häre­si­en sind („Mater popu­li fide­lis“), kei­ne Sank­ti­on erfolgt, der Papst kraft sei­nes Amtes nicht das Doku­ment ver­wirft („Pastor Aeter­nus“ Vati­ca­num I 3,5!), die Lit­ur­gie im Wider­spruch zur Bul­le „Quo pri­mum“ von Papst Pius V steht, regel­rech­te nack­on­zi­lia­re Natio­nal­kir­chen ent­ste­hen, wie in Frank­reich und Deutsch­land, die Beru­fun­gen um 90 % abneh­men, selbst die ordent­li­che Lit­ur­gie nicht mehr für alle Gläu­bi­ge trotz Rechts­an­spruch (c. 229 CIC/​1983) zur Ver­fü­gung steht, die Sakra­men­ten- und Sakra­men­ta­li­en­pra­xis nicht mehr im Ein­klang mit der Pra­xis von 1850 Jah­ren steht, dann ist eine Not­la­ge gege­ben, die sehr dicht an den Not­stand her­an­reicht, aus dem heru­as Papst Paul IV die Bul­le „Cum ex apo­sto­la­tus offi­cio“ ver­fasst hat.
    Hier greift dann die kirch­li­che Pra­xis der Anti­ke wie­der. Die Bischofs­wei­he ohne päpst­li­ches Man­dat war für Cyrill und Atha­na­si­us der ein­zi­ge Aus­weg, den Glau­ben gegen die mate­ri­ell häre­ti­schen Päp­ste, die sich dem Aria­nis­mus zuneig­ten auch auf­grund kai­ser­li­cher Ent­schei­dun­gen, zu ver­tei­di­gen. Die sel­ben häre­ti­schen Poli­ti­ker, die alle­samt in Apo­sta­sie leben und han­deln, sind heu­te tätig und die Kir­che unter­liegt nach­kon­zi­li­ar dem­sel­ben Regime wie zur Zeit der Römi­schen Kaiser.
    Somit haben der Erz­bi­schof Lefe­brve und Pater Schmid­ber­ger 1988 sowie Bischof de Galar­re­ta und pater Pagli­a­ra­ni 2026 rich­tig gehan­delt und in voll­kom­me­ner Über­ein­stim­mung mit der Tradition.

    Chri­stoph Rhein

    • Bei allem Respekt: Hier wird nicht „die Tra­di­ti­on“ ver­tei­digt, son­dern eine bestimm­te tra­di­tio­na­li­sti­sche Inter­pre­ta­ti­on zur Tra­di­ti­on erklärt – und die histo­ri­schen Fak­ten wer­den anschlie­ßend pas­send dazu sortiert.
      Das beginnt schon bei La Salet­te. Der berühm­te Satz „Rom wird den Glau­ben ver­lie­ren und zum Sitz des Anti­chri­sten wer­den“ steht gera­de nicht in dem Geheim­nis, das Méla­nie Cal­vat 1851 für Pius IX. nie­der­schrieb, son­dern taucht erst in ihrer wesent­lich spä­te­ren und erwei­ter­ten Fas­sung auf. Die Erschei­nung von La Salet­te ist kirch­lich aner­kannt; dar­aus eine kirch­li­che Aner­ken­nung die­ser spä­te­ren Fas­sung zu machen, ist schlicht falsch. Das Hei­li­ge Offi­zi­um ging viel­mehr gegen die Ver­brei­tung des soge­nann­ten „Geheim­nis­ses“ vor, und 1923 wur­de eine ent­spre­chen­de Aus­ga­be aus­drück­lich ver­bo­ten und ver­ur­teilt. Aus­ge­rech­net damit eine angeb­lich von der Kir­che bestä­tig­te end­zeit­li­che „Not­la­ge Roms“ bewei­sen zu wol­len, hat schon eine gewis­se Ironie.
      Nicht bes­ser wird es mit Atha­na­si­us und der aria­ni­schen Kri­se. Aus Atha­na­si­us nach­träg­lich einen Lefeb­v­re des 4. Jahr­hun­derts zu machen, der gegen „mate­ri­ell häre­ti­sche Päp­ste“ eigen­mäch­tig Bischö­fe wei­hen muss­te, ist kei­ne Kir­chen­ge­schich­te, son­dern Geschichts­klit­te­rung durch die Bril­le einer heu­ti­gen Kon­tro­ver­se. Die kom­pli­zier­ten Vor­gän­ge um Libe­ri­us geben die­sen Ver­gleich schlicht nicht her.
      Auch Quo pri­mum wird regel­mä­ßig behan­delt, als hät­te Pius V. sei­nen Nach­fol­gern für alle Zei­ten jede Ände­rung des römi­schen Mis­sa­les unter­sagt. Das wäre schon des­halb eine erstaun­li­che Theo­rie päpst­li­cher Gewalt, weil spä­te­re Päp­ste das Mis­sa­le tat­säch­lich geän­dert haben. Eine dis­zi­pli­nä­re Bul­le eines Pap­stes kann des­sen Nach­fol­gern nicht die Gewalt über die Lit­ur­gie nehmen.
      Beson­ders hübsch wird die Beru­fung auf die „voll­kom­me­ne Über­ein­stim­mung mit der Tra­di­ti­on“ aber bei den jüng­sten Bischofs­wei­hen selbst: Aus­ge­rech­net dort, wo der tra­di­tio­nel­le Wei­he­ri­tus nach dem päpst­li­chen Man­dat fragt, konn­te man die über­lie­fer­te Ord­nung offen­bar nicht ein­fach für sich spre­chen las­sen, son­dern muss­te eine eige­ne kir­chen­recht­li­che Erklä­rung ver­le­sen, um das feh­len­de Man­dat zu recht­fer­ti­gen. Man muss sich die­se Iro­nie wirk­lich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen: Rom wird mit Quo pri­mum vor­ge­wor­fen, die über­lie­fer­te Lit­ur­gie ver­än­dert zu haben – und die selbst­er­nann­ten Ver­tei­di­ger der Tra­di­ti­on for­mu­lie­ren aus­ge­rech­net jene Stel­le um, an der die tra­di­tio­nel­le Lit­ur­gie ihre eige­ne Posi­ti­on unan­ge­nehm deut­lich infra­ge stellt.
      Das­sel­be Muster zieht sich durch die gan­ze Argu­men­ta­ti­on: Pastor aeter­nus wird ange­ru­fen, um letzt­lich eine Pra­xis zu recht­fer­ti­gen, bei der man selbst ent­schei­det, wann die päpst­li­che Juris­dik­ti­on nicht mehr zu beach­ten sei. La Salet­te wird als kirch­li­che Auto­ri­tät ange­führt, aber gera­de jene Fas­sung benutzt, die kei­nes­wegs Gegen­stand der kirch­li­chen Aner­ken­nung war. Atha­na­si­us wird zum Kron­zeu­gen gemacht, indem man die aria­ni­sche Kri­se erst ein­mal in die heu­ti­ge FSSPX-Kon­tro­ver­se umschreibt.
      Natür­lich kann man das II. Vati­ca­num, die nach­kon­zi­lia­re Ent­wick­lung, Fidu­cia sup­pli­cans und Ent­schei­dun­gen Roms sehr scharf kri­ti­sie­ren. Dar­über kann und soll gestrit­ten wer­den. Aber wer unun­ter­bro­chen „Tra­di­ti­on!“ ruft, soll­te beson­ders sorg­fäl­tig mit histo­ri­schen Quel­len, Lehr­amt, Kir­chen­recht und der tat­säch­lich über­lie­fer­ten Lit­ur­gie umgehen.
      Denn wenn „Tra­di­ti­on“ am Ende immer genau das bedeu­tet, was die eige­ne Posi­ti­on bestä­tigt, und dort neu inter­pre­tiert wer­den muss, wo sie ihr wider­spricht, ver­tei­digt man nicht mehr die Tra­di­ti­on gegen Rom.
      Man ver­tei­digt die eige­ne Inter­pre­ta­ti­on gegen die Tra­di­ti­on – und nennt das anschlie­ßend „voll­kom­me­ne Übereinstimmung“.

  7. Erin­nert sei ange­le­gent­lich auch an ein Bon­mot von Chesterton:
    „Die gan­ze moder­ne Welt hat sich in Kon­ser­va­ti­ve und Pro­gres­si­ve auf­ge­teilt. Die Auf­ga­be der Pro­gres­si­ven ist es, immer Feh­ler zu machen. Die Auf­ga­be der Kon­ser­va­ti­ven ist es, zu ver­hin­dern, dass die Feh­ler kor­ri­giert werden.“
    In die­sem Sin­ne zei­gen sich nun die tat­säch­lich Kon­ser­va­ti­ven. Die Pius­bru­der­schaft gehört defi­ni­tiv nicht dazu, sie bleibt – eher reak­tio­när als kon­ser­va­tiv – schlicht treu.

  8. Die Insti­tu­ti­on, die das Kir­chen­recht ver­tritt, ist weg. Die Pius­bru­der­schaft hat die Rol­le die­ser Insti­tu­ti­on nicht über­nom­men. Damit ist das Kir­chen­recht nur noch Papier. Es ist eine sehr gewag­te Hypo­the­se, anzu­neh­men, es wür­de noch­mal zurückkommen. 

    Was bleibt, ist die Tra­di­ti­on. Das See­len­le­ben der Betei­lig­ten nimmt die Tra­di­ti­on sehr kom­plex wahr. Trotz­dem ist die Tra­di­ti­on ein­mal die Gesamt­heit der Kir­chen­ge­schich­te. Und ande­rer­seits ist es die ursprüng­li­che apo­sto­li­sche Leh­re, bevor die Insti­tu­ti­on Kir­che kam. Letz­te­res ist das ein­zi­ge, was sicher ist.

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