In ihrem Essay „La ‚Nouvelle France‘, ou la marque d’une pensée totalitaire“ („La ‚Nouvelle France‘, Ausdruck eines totalitären Denkens“) setzt sich die französische Publizistin und EU-Abgeordnete Laurence Trochu mit dem Begriff „Neues Frankreich“ auseinander, den sie als Ausdruck eines angestrebten, tiefgreifenden politischen und kulturellen Umbaus deutet. Ihre zentrale These lautet: Hinter diesem Konzept stehe nicht lediglich eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur, sondern ein ideologisches Projekt, das auf eine grundlegende Neudefinition der französischen Nation ziele und totalitäre Züge habe.
Laurence Trochu, eine traditionsverbundene Katholikin, studierte Philosophie an der Sorbonne. Sie war von 2018 bis 2024 Vorsitzende des Mouvement conservateur, einer Bewegung, die aus den Bürgerprotesten Manif pour tous (Sens Commun) gegen die Einführung der „Homo-Ehe“ entstanden war. Ursprünglich eine Vertreterin der bürgerlichen Les Republicans, schloß sie sich 2021 der von Eric Zemmour gegründeten Partei Reconquête an, für die sie 2024 in das EU-Parlament gewählt wurde. Kurz darauf aus der Partei ausgeschlossen gehört sie dort der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer an.
Trochu verbindet ihre Analyse mit der Frage der Masseneinwanderung, die sie als eine der entscheidenden politischen Herausforderungen Frankreichs betrachtet. Die zunehmende Zahl legaler und illegaler Migration habe nach ihrer Auffassung eine gesellschaftliche Realität geschaffen, die sich inzwischen auch politisch bemerkbar mache. Besonders kritisch betrachtet sie dabei die politische Nutzung dieser Entwicklung durch Teile der französischen Linken, insbesondere der linksradikalen Bewegung La France insoumise von Jean-Luc Mélenchon, die sie als Vertreter einer idealisierten multikulturellen Vision beschreibt.
Der Begriff „Nouvelle France“ wurde maßgeblich von Mélenchon entwickelt und popularisiert. Das Konzept dahinter wurde von der parteiinternen Denkfabrik La Boétie erarbeitet und soll die Grundlage seines Präsidentschaftswahlkampfs 2027 bilden.
Das „Neue Frankreich“ als politisches Konzept
Für Trochu bezeichnet das „Neue Frankreich“ nicht einfach eine pluralistische Gesellschaft, sondern den bewußten Entwurf einer neuen nationalen Identität, die sich von der historischen, europäischen Prägung Frankreichs lösen wolle. Sie sieht darin eine Gegenüberstellung zwischen einem „alten“ Frankreich und einer neuen, außereuropäisch geprägten Ordnung.
Die Autorin argumentiert, daß dieser Ansatz nicht nur eine kulturelle Veränderung beschreibe, sondern einen politischen Anspruch enthalte: Die bisherigen Grundlagen der französischen Gesellschaft sollten nicht ergänzt, sondern überwunden werden.
Kritik an einem kulturellen Bruch mit der Vergangenheit
Ein wesentlicher Punkt ihrer Argumentation betrifft das Verhältnis zur Tradition. Trochu erkennt in der Idee des „Neuen Frankreich“ eine Fortsetzung bestimmter Strömungen des modernen linken Denkens, das kulturelle und geschichtliche Prägungen vielfach als Einschränkungen menschlicher Freiheit betrachtet.
Dabei verweist sie darauf, daß die klassische französische Linke historisch keineswegs immer migrationspolitische Positionen vertreten habe, die den heutigen Vorstellungen entsprächen. Sie erinnert etwa daran, daß frühere sozialistische Strömungen die Bedeutung der Nation für den sozialen Zusammenhalt der Arbeiterschaft betonten.
Die gegenwärtige Entwicklung sieht sie dagegen als Übergang von einer individuellen Befreiungsideologie zu einer kollektiven Identitätspolitik: Nicht mehr der einzelne Mensch solle sich von überlieferten Bindungen lösen, sondern eine gesellschaftliche Gruppe solle die bestehende nationale Ordnung grundlegend verändern.
Der Vorwurf des Totalitarismus
Den schärfsten Vorwurf formuliert Trochu mit dem Begriff des „Totalitären“. Sie zieht dabei eine Parallele zu den großen politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, die den Anspruch erhoben hätten, einen „neuen Menschen“ oder eine neue Gesellschaft zu schaffen.
Unter Berufung auf den französischen Philosophen Pierre Manent warnt sie vor politischen Projekten, die den Menschen oder eine Gemeinschaft im Namen einer abstrakten Idee neu erschaffen wollen. Das „Neue Frankreich“ gehe nach ihrer Interpretation sogar noch weiter: Nicht nur der einzelne Mensch solle verändert werden, sondern die historische Identität eines ganzen Volkes.
Trochu sieht darin einen grundlegenden Widerspruch: Einerseits werde Individualismus und Befreiung propagiert, andererseits entstehe eine stark kollektivistisch organisierte Identitätspolitik, die Menschen vor allem über Herkunft, Geschichte oder Gruppenzugehörigkeit definiere.
Eine Warnung vor einer Gesellschaft ohne Verwurzelung
Im letzten Teil ihres Beitrages verbindet Trochu ihre Kritik mit einem Plädoyer für den Konservatismus. Dieser müsse nicht als bloße Bewahrung bestehender Zustände verstanden werden, sondern als Verteidigung von Herkunft, Kontinuität und geschichtlicher Verbundenheit.
Sie beruft sich dabei auf den konservativen Philosophen Roger Scruton, nach dessen Verständnis Konservatismus aus dem Bewußtsein entstehe, „irgendwo dazuzugehören“. Für Trochu liegt darin die entscheidende Antwort auf die von ihr kritisierte Entwicklung: nicht die Ablehnung von Veränderungen, sondern die Bewahrung einer gewachsenen kulturellen Identität.
Laurence Trochus Beitrag ist eine kulturpolitische Warnung vor einem Gesellschaftsmodell, das sie als Bruch mit der historischen Überlieferung und Identität Frankreichs versteht. Die Masseneinwanderung habe Frankreichs gesellschaftliche und politische Landschaft grundlegend verändert. Der Begriff von einem „Neuen Frankreich“ stehe für ein bewußtes Projekt einer neuen nationalen Identität, die mit der alten Identität bricht.
Formen dieser neuen Identitätspolitik würden nicht Integration, sondern eine Umgestaltung der bisherigen Gesellschaft anstreben. Die Ersetzung historischer Bindungen durch ideologische Gesellschaftsentwürfe berge totalitäre Züge. Eine konservative Antwort müsse in Verwurzelung, kultureller Kontinuität und dem Bewußtsein geschichtlicher Zugehörigkeit bestehen.
Trochus Essay ist ein Beitrag zur aktuellen französischen Debatte über Nation, Migration, Identität und kulturelles Selbstverständnis. Er steht exemplarisch für jene konservativen Stimmen, die im gegenwärtigen Wandel nicht nur eine soziale Herausforderung, sondern eine grundsätzliche Auseinandersetzung um das geistige Fundament Europas sehen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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