Die Auseinandersetzung zwischen dem Heiligen Stuhl und der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) tritt in eine neue, möglicherweise entscheidende Phase ein. Papst Leo XIV. persönlich kritisierte die Ankündigung der traditionsverbundenen Bruderschaft, am 1. Juli im schweizerischen Écône vier Priester ohne päpstliche Beauftragung zu Bischöfen zu weihen, mit deutlichen Worten warnte vor den Folgen eines solchen Schrittes. Die geplanten Weihen könnten, so der Papst, eine Vertiefung der kirchlichen Spaltung nach sich ziehen.
Vor Journalisten in Castel Gandolfo erklärte Leo XIV. gestern vor seiner Rückkehr nach Rom, der Heilige Stuhl habe die Verantwortlichen der Priesterbruderschaft wiederholt aufgefordert, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen. „Versuchen wir, die Gemeinschaft in der Kirche zu leben“, habe Rom ihnen nahegelegt. Die Entscheidung liege nun bei der Bruderschaft selbst. Sie müsse sich jedoch der Bedeutung ihres Handelns für die Kirche und für ihre eigene Zukunft bewußt sein.
Die offene Wunde seit 1988
Der Konflikt reicht Jahrzehnte zurück. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. Sie versteht sich als Bewahrerin der katholischen Tradition und hält insbesondere an der überlieferten Liturgie fest. Ihr ist deren lebendige Bewahrung zu verdanken in der Zeit, als Rom den überlieferten Ritus behandelte, als sei er „verboten“. Zugleich lehnt die Bruderschaft Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab, etwa in Fragen der Religionsfreiheit, der Ökumene und des Verhältnisses der Kirche zu anderen Religionen.
Bereits 1988 hatte Erzbischof Lefebvre, aufgrund seines fortgeschrittenen Alters, ohne päpstliche Zustimmung vier Bischöfe geweiht. Damals sprach Papst Johannes Paul II. von einem schismatischen Akt. Die daraus resultierenden Exkommunikationen latae sententiae wurden 2009 von Papst Benedikt XVI. für aufgehoben erklärt. Eine vollständige kanonische Einigung zwischen Rom und der Bruderschaft kam aber wegen der umstrittenen Fragen zu Konzil und Nachkonzilszeit bis heute nicht zustande. Die Gemeinschaft befindet sich weiterhin in einer kirchenrechtlich irregulären Situation.
Jüngste Warnungen aus dem Vatikan
In den vergangenen Monaten hatte der Vatikan mehrfach versucht, die angekündigten Bischofsweihen zu verhindern. Konkrete Versuche, auf die Bruderschaft zuzugehen, wurden nicht bekannt. Erst nachdem die Ankündigung der Bischofsweihen erfolgt war, schlug das römische Glaubensdikasterium unter der Leitung von Kardinal Victor Manuel Fernández einen theologischen Dialog vor und bat die Bruderschaft, die Weihen auszusetzen.
Der Vorstoß aus Rom wurde im Generalhaus der Bruderschaft als zu vage und unverbindlich beurteilt. Zudem genießt Kardinal Fernández in traditionsverbundenen Kreisen kaum Vertrauen. Daß der Papst ausgerechnet ihn zum Ansprechpartner und Mahner der Piusbruderschaft bestimmte, wurde als diplomatisches Fehlzeichen empfunden. Manche werteten es gar als Affront. Für nicht wenige Beobachter bestätigte dies den Eindruck, daß Rom gegenwärtig eher auf Druck als auf einen ernsthaften Dialog setzt.
Da die Bruderschaft an ihren Plänen festhielt, verschärfte der Heilige Stuhl im Mai seine Tonlage. Kardinal Fernández erklärte wiederum ausdrücklich, die vorgesehenen Weihen besäßen kein päpstliches Mandat und würden deshalb einen „schismatischen Akt“ darstellen. Wer sich einem solchen Schisma anschließe, ziehe sich nach kirchlichem Recht die Exkommunikation zu. Diese Warnung erfolgte ausdrücklich im Namen und mit Billigung des Papstes, wie der aus bergoglianischer Zeit stammende Glaubenspräfekt betonte.
Einheit nicht um jeden Preis
Papst Leo XIV. verband seine Mahnungen in Castel Gandolfo mit einer bemerkenswerten Nüchternheit. Zwar sprach er von der Trauer über jede Spaltung unter Christen, zugleich machte er jedoch deutlich, daß die Kirche nicht auf grundlegende Glaubens- und Lehrentscheidungen verzichten könne. Die Bruderschaft verweigere die Annahme wesentlicher Elemente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sollte sie den angekündigten Weg beschreiten, werde die Kirche dennoch ihren Auftrag fortsetzen müssen. Damit hob der Papst die Frage von der zuletzt vor allem diskutierten disziplinarischen Frage auf die meritorische Ebene. Die Botschaft scheint zu lauten: Die von der Piusbruderschaft beklagten Neuerungen seien nicht verhandelbar. So hatte es sein Vorgänger Franziskus, wenn auch in anderem Zusammenhang, wiederholt.
Damit setzte Leo XIV. ein Signal, wenn auch informell in einem Gespräch mit Journalisten, das über den konkreten Streitfall hinausweist. Während er gegenüber traditionsverbundenen Katholiken vielfach Gesprächsbereitschaft erkennen läßt, allerdings noch keine substantiellen Zeichen setzte, das belastende bergoglianische Erbe abzubauen, zieht er zugleich eine klare Grenze dort, wo die kirchliche Einheit und die päpstliche Autorität berührt werden. Das Zweite Vatikanische Konzil erscheint als verbindlicher Bestandteil der kirchlichen Entwicklung.
Bewährungsprobe für Tradition und Autorität
Die Verantwortlichen der Piusbruderschaft begründen die geplanten Weihen mit der Notwendigkeit, die Zukunft ihrer weltweit wachsenden Gemeinschaft zu sichern. Angesichts des Alters und der Zahl der bisherigen Bischöfe seien neue Hirten erforderlich. Rom hingegen sieht darin eine bewußte Mißachtung der kirchlichen Ordnung. Nach katholischem Verständnis kann die Weihe eines Bischofs nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Papstes erfolgen.
Diese Praxis entwickelte sich im Hochmittelalter, als die Päpste die Ernennung der Bischöfe von immer mehr Bistümern sich vorbehielten. Es handelte sich dabei um einen langsamen, viele Jahrhunderte dauernden Prozeß, der vor allem während des Avignoner Exils unter Clemens V. und Johannes XXII. erste konkrete Gestalt annahm. Erstmals als allgemein klar erkennbare allgemeine Rechtsnorm wurde sie erst im Codex Iuris Canonici von 1917 kodifiziert, wenngleich die Praxis älteren Datums ist. Im Kaisertum Österreich ernannte bis zu dessen Ende 1918 der Kaiser die Bischöfe. Er hatte das sogenannte „Präsentationsrecht“.
So steht die Kirche wenige Wochen vor dem 1. Juli vor einer ernsten Bewährungsprobe. Für viele Gläubige, die der traditionellen Liturgie verbunden sind, wäre eine weitere Eskalation schmerzhaft, zumal die Wunden, die durch das bergoglianische Pontifikat geschlagen wurden, nicht einmal ansatzweise durch Rom korrigiert wurden.
Zugleich zeigt der Konflikt, daß die Frage nach Tradition und Erneuerung auch mehr als sechzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nichts von ihrer Brisanz verloren hat.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanNews/Youtube (Screenshot)
Papst Leo XIV. spricht diese Warnung vor Journalisten aus und spricht Ende Mai in Audienz mit dem für die katholische Kirche unwichtigen Bürgermeister von Chiago, aber mit einem Vertreter von der FSSPX spricht er nicht und seine Warnung überbringt er nicht einmal persönlich. Das verstößt doch grob gegen das übergeordnete Gebot der liebenden Einheit. Der so häufig geforterte Gehorsam ist aber der Einheit in der Liebe nachgeordnet.
(Als Laie spreche ich lieber nicht über die oberste Ebene der Einheit: Der Einheit im Glauben – das können andere besser)
Wer diese Diskrepanzen des römischen Amtsträgers nicht sehen will, den Frage ich mit Markus 8,18:
Habt ihr Augen, und sehet nicht? Und habt ihr Ohren, und höret nicht? Und erinnert ihr euch nicht?
Vielleicht ist es einfach nötig, dass die Piusbruderschaft wieder von Rom bestraft wird, um den Abstand zwischen Rom und katholischer Tradition zu verdeutlichen. Wurden nicht schon viele gute Christen von anderen Christen wegen ihrer Treue zur Wahrheit verfolgt?
Leo XIV. ist jemand, der sehr simpel argumentiert und der die Dinge wenig differenziert betrachtet. Ich sehe auch – bei allem Respekt – keine überragende Bildung oder besondere geistige Gaben in seinen (höchst durchschnittlichen) Äußerungen (was für ein Abstand zu Benedikt XVI.!!). – Sich hier nur auf das CIC zu berufen, greift (selbstredend) zu kurz, was insbesondere Kanonisten ja nur allzu gern tun, wie man weiß. Das wahre Dilemma ist, dass die Kirche ihre eigene Tradition verleugnet und sich neu erfindet: nachkonziliar und synodal. Darin besteht der eigentliche Bruch in der Kirche. Zu behaupten, die FSSPX vollziehe diesen Bruch, ist schlicht und ergreifend unredlich (Methode „schwarzer Peter“) – und es ist eine Beleidigung all derer, die bei klarem Verstande sind, die ein und eins zusammenzählen können und die man damit – pardon – doch für dumm verkaufen möchte! Leider ist genau das in der kirchlichen Hierarchie aber beständiger Usus. Das müsste man spätestens seit Franziskus kapiert haben. Päpste können irren und vom Glauben abfallen. Auch das haben wir ja schon hinter uns, und schon deshalb muss man hier klar sehen und das Katholische im Blick haben, das in hier eben nicht (mehr) das „Päpstliche“ ist. Aber: Der Papst ist nicht der Herrgott, auch wenn das offensichtlich noch immer etliche Katholiken glauben. Denen ist freilich dann auch nicht zu helfen.
Bin schwer enttäuscht von Papst Leo, kann diesen Mann nicht verstehen, ein Brückenbauer ist er schon gar nicht. Seit vielen Monaten ersuchen die Oberen der Piusbruderschaft um eine Audienz beim Papst, bisher kam leider nur Schweigen und Stille. Die unzähligen häretischen Bischöfe haben Narrenfreiheit in der Kirche, aber bei der Piusbruderschaft ist der Papst prompt mit Drohungen zur Stelle, widersprüchlicher geht es wohl kaum.
Wie man beobachtet hat, welche Schar von Leuten vom Papst empfangen wurden, Atheisten, Vertreter anderer Religionen, Künstler, Sportvereine usw.,
nur für eine große katholische Gemeinschaft die FSSPX, hat er keine Zeit.
Es kommt mir vor, als hätte der Papst nur auf die Ankündigungen der Bischofsweihen gewartet, um sie dann endlich bequem loszuwerden mit einer Exkommunikation.
Alles schön und gut, was Papst Leo sagt? Man muß die Piusbruderschaft nicht mögen, aber wo bleiben die päpstlichen Ermahnungen, besser Donnerwetter, gegenüber den meisten Bischöfen Deutschlands und darüber hinaus? Was ist mit den häretischen Dokumenten und Äußerungen von Papst Franziskus?
So ist Papst Leo kaum glaubwürdig.
Was wären eigentlich die Konsequenzen für die Piusbrüder?
Schlimmer als nach 1988 kann es doch nicht kommen, ja heute steht die Piusbruderschaft aufgrund des offen antichristlich agierenden Roms viel besser da als noch 1988!
In China dürfen die Kommunisten Bischöfe nach ihren Wünschen aussuchen und der Vatikan erkennt sie nachher einfach an. Was man der wirklich katholischen Untergrundkirche in China damit antut, ist scheinbar auch zweitrangig. Um ebenso zweitrangig sind eben die berechtigten Einwände der Piusbruderschaft. Wenn man nur wollte, könnte man leicht einen Bischof für die Piusbruderschaft erlauben, aber man will einfach nicht, weil die offizielle Kirche halt in eine ganz andere Richtung geht. Das wird ja überdeutlich, wenn man sieht wie Rom die Bischöfe in Deutschland einfach gewähren lässt und überhaupt nichts dagegen unternimmt, obwohl es da genug Gründe für ein Eingreifen oder sogar für Exkommunikationen gäbe.
Es gibt keine Rechtfertigung im Unrecht anderer.
Natürlich wünschen die alten Brecher, keinen neuen.