Die Freimaurerei erklärt von einem Großmeister des 33. Grades

Stefano Erario 33°, Großmeister der Vereinigten Großloge von Italien 1952


Freimaurerei und Gnosis, Esoterik und Satanismus
Freimaurerei und Gnosis, Esoterik und Satanismus

Von Pater Pao­lo M. Siano*

1. Aus dem Doku-Film „Lux Vera 6023: Die Freimaurerei“: Magie, Esoterik-Gnosis, Ablehnung der Dogmen…

Im Jah­re 2024 erscheint der Doku-Film „Lux Vera 6023: Die Frei­mau­re­rei“, pro­du­ziert und insze­niert von Samu­el Scod­eggio, der auch das Dreh­buch ver­faß­te. Unter­stützt von sei­nem Freund Samu­el und des­sen Fern­seh­team führt der Unter­neh­mer, You­Tuber und Blog­ger aus Caglia­ri, Mor­ris San, ali­as Mau­ri­zio San­na, ein Inter­view zum The­ma „Frei­mau­re­rei“ mit Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio, ehe­ma­li­ger Groß­mei­ster der Sere­nis­si­ma Gran Log­gia Unita d’Italia SGLUI-IGNIS 1952 („Durch­lauch­tig­ste Ver­ei­nig­te Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952“) sowie 33. Grad des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus des Ori­ents (AASR). Era­rio emp­fängt Mor­ris dazu im Frei­mau­rer­tem­pel sei­ner Obö­di­enz in Brindisi.

Ich wei­se auf eini­ge Pas­sa­gen des Doku­men­tar­films hin, der auf Ama­zon Prime Video voll­stän­dig ange­se­hen wer­den kann. Der Film ist ins­ge­samt beein­druckend und zugleich beunruhigend…

Bezüg­lich des „Refle­xi­ons­ka­bi­netts“, von dem die Initia­ti­on in den 1. Grad des Lehr­lings beginnt, sagt Era­rio, daß es sich um einen dunk­len Raum ohne Licht hand­le (vgl. Min. 29), und daß die Initia­ti­on im Kan­di­da­ten „ein star­kes Trau­ma“ her­vor­ru­fen müs­se (Min. 29:25–29:26), einen „initia­ti­schen Schock“ (Min. 29:34–29:35. Im Film ist auch ein ver­mumm­ter Frei­mau­rer zu sehen, mit der Schär­pe des 30. Gra­des AASR, Rit­ter Kado­sch, der das Testa­ment über­bringt, das der Kan­di­dat ver­fas­sen muß (vgl. Min. 29:54–30:00).

Bezüg­lich des Gro­ßen Bau­mei­sters des Uni­ver­sums (GADU) sagt Mor­ris, daß die­ser in der pro­fa­nen (anti­frei­mau­re­ri­schen) Welt als „Satan-Luzi­fer“ ver­stan­den wer­de. Nach Era­rio jedoch bedeu­tet der GADU „die Bedeu­tung der Exi­stenz selbst“, „der Gro­ße Archi­tekt als die Gott­heit selbst reprä­sen­tiert das Gan­ze“, sei aber zugleich auch „die inne­re Gott­heit“ (vgl. Min. 33:50–34:50). Era­rio erklärt, Gott „haben wir auch in uns“ (Min. 35:00–35:01) und daß die Frei­mau­re­rei kei­ne Reli­gi­on sei, son­dern „alle Reli­gio­nen ver­ei­ne“ (Min. 35:10–35:47). Anders gesagt macht Era­rio deut­lich, daß die Frei­mau­re­rei Eso­te­rik und Gno­sis ist.

Groß­mei­ster Era­rio zeigt ein ver­grö­ßer­tes Foto (mit ver­deck­ten Gesich­tern), das „Schwe­stern“ einer weib­li­chen Loge sei­ner Obö­di­enz zeigt (vgl. Min. 36). Das Foto wird in Schwarz-Weiß gezeigt, spä­ter jedoch auch in Far­be; die Frei­mau­re­rin­nen tra­gen rote Tuni­ken, wäh­rend eine Lehr­lings­kan­di­da­tin eine schwar­ze Tuni­ka trägt (vgl. Min. 36). Die Gesich­ter sind jeweils durch einen wei­ßen Kreis ver­deck. Die Obö­di­enz Era­ri­os besitzt aus­schließ­lich getrenn­te Män­ner­lo­gen und Frauenlogen.

Inne­res der Loge Ste­fa­no De Caro­lis Vil­lars Nr. 102 im Ori­ent von Brindisi

Außer­halb des Frei­mau­rer­tem­pels, in einem Restau­rant in Brin­di­si, speist Mor­ris gemein­sam mit Era­rio und eini­gen Frei­mau­rern die­ser Män­ner­lo­ge. Nach eini­gen ritu­el­len Trink­sprü­chen (mit Wein­glä­sern), die gemein­sam aus­ge­führt wer­den, sagt Mor­ris, daß auch in der Mafia Ritua­le exi­stie­ren. Dar­auf ant­wor­tet Erario:

„Die Mafia hat, um sakra­li­siert zu wer­den, die magi­schen Werk­zeu­ge über­nom­men, um sich selbst zu ver­stär­ken. Damit ein Mafia-Eid stark, mäch­tig und fei­er­lich sei, muß man not­wen­di­ger­wei­se etwas anwen­den, das eso­te­risch mäch­ti­ge Eigen­schaf­ten besitzt. Und woher nimmt die Mafia die­se Metho­den, um Ritua­le zu sakra­li­sie­ren? Gera­de aus der Frei­mau­re­rei oder jeden­falls aus den initia­ti­schen Schu­len“ (Min. 42:28–43:06).

Era­rio prä­zi­siert anschlie­ßend, daß die Frei­mau­re­rei im Gegen­satz zur Mafia die „Drei schlech­ten Gefähr­ten“ ver­ur­tei­le (die laut frei­mau­re­ri­scher Legen­de Hiram töten), wäh­rend die Mafia die­se gera­de ver­herr­li­che (vgl. Min. 43:54–43:59.

Mor­ris fin­det die Frei­mau­re­rei „fas­zi­nie­rend“ und distan­ziert sich von „Ver­schwö­rungs­theo­rien“, wel­che die Frei­mau­rer als „sata­ni­sche Eli­te“ und Ver­schwö­rer dar­stel­len. Statt­des­sen, so Mor­ris, stel­le Ste­fa­no Era­rio die Frei­mau­re­rei so dar, wie sie tat­säch­lich sei (vgl. Min. 45–48). Mor­ris betont zugleich, daß er kein Frei­mau­rer sei (vgl. Min. 48).

Auf die Fra­ge sei­nes Freun­des Samu­el: „Die Ver­bin­dung Freimaurerei–Teufel, dei­ner Mei­nung nach?“ (Min. 48:59), ant­wor­tet Mor­ris, daß er lie­ber nicht ant­wor­te und sei­ne Gedan­ken für sich behal­te (vgl. Min. 49).

Danach erklärt Mor­ris, daß es zwei Arten von „Erleuch­tung“ gebe: jene des „uni­ver­sel­len Got­tes“ und jene des „Gro­ßen Bau­mei­sters der Frei­mau­re­rei“… Man müs­se zwi­schen die­sen bei­den Erleuch­tun­gen wäh­len (vgl. Min. 50). Mor­ris sagt, daß er im Logen­raum kei­ne nega­ti­ven Ener­gien gespürt habe… aber als die ritu­el­le Hand­lung begann, habe er ein „Egre­gor“ gespürt und einen Moment der Angst erlebt (vgl. Min. 50).

Spä­ter im Doku-Film kehrt man in das Inne­re der Loge von Ste­fa­no Era­rio zurück, deren Name und Obö­di­enz ange­ge­ben wer­den: es han­delt sich um die „Ehr­wür­di­ge Loge Ste­fa­no De Caro­lis Vil­lars Nr. 102“ im Ori­ent von Brin­di­si, unter der Obö­di­enz der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952 (vgl. Min. 53–54). Eini­ge Frei­mau­rer las­sen sich von Mor­ris inter­view­en, mit offe­nem Gesicht; einer jedoch behält Kapu­ze und ver­frem­de­te Stim­me wäh­rend des Inter­views bei.

Der erste Inter­view­te ist Simo­ne Chec­chia, 20 Jah­re alt, Metall­ar­bei­ter, Kunst­ge­fähr­te (2. frei­mau­re­ri­scher Grad) der ehr­wür­di­gen Loge „Costan­ti­no Nigra Nr. 104“ im Ori­ent von Turin, in Gemein­schaft mit der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ital­i­ne 1952 (Min. 53:35–54:27). Auf die Fra­ge nach sei­nem Ziel in der Frei­mau­re­rei ant­wor­tet Chec­chia, daß der Geist die Rea­li­tät for­me, und daß er daher die Not­wen­dig­keit ver­spürt habe, sei­ne Denk­wei­se zu ver­bes­sern, um sei­ne Rea­li­tät zu ver­än­dern und sich selbst zu ver­bes­sern, um auch ande­re zu ver­bes­sern (vgl. Min. 1:45:53–1:46:19).

Mar­co Sta­g­ni, 52 Jah­re alt, frei­be­ruf­lich tätig, Frei­mau­rer­mei­ster der „Ehr­wür­di­gen Loge „Gio­van­ni Gal­va­ni Nr. 110“ in Bolo­gna, in Gemein­schaft mit der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952 (vgl. Min. 59:19–59:43), erklärt, daß „die Frei­mau­re­rei ein initia­ti­scher Weg der west­li­chen Tra­di­ti­on, rein sym­bo­lisch“ sei (Min. 59:42–59:48).

Bei Min. 1:02:01 erscheint auf schwar­zem Bild­schirm die wei­ße Ein­blen­dung: „Die Aus­sa­gen der Inter­view­ten sind per­sön­li­che Mei­nun­gen und spie­geln nicht not­wen­di­ger­wei­se jene der Frei­mau­re­rei wider.

Anschlie­ßend inter­viewt Mor­ris Mat­tia Vad­ac­ca, 26 Jah­re alt, Mit­glied der „Ehr­wür­di­gen Loge „Ste­fa­no De Caro­lis Vil­lars Nr. 102“ im Ori­ent von Brin­di­si, unter der Obö­di­enz der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952. Vad­ac­ca gibt auch sei­nen Grad an, des­sen Insi­gni­en er im Doku-Film trägt: er ist Mei­ster, Rit­ter und Aus­er­wähl­ter des IX (9.) Gra­des des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus der Levan­te (vgl. Min. 1:02:17–1:02:47). Mor­ris sagt ihm, daß „vie­le“ den Gott der Frei­mau­re­rei mit „Luzi­fer-Satan“ ver­bin­den… Mat­tia ant­wor­tet: „Die Frei­mau­re­rei gibt jeder Glau­bens­rich­tung Raum, solan­ge ein Glau­be vor­han­den ist. Per­sön­lich jedoch den­ke ich, daß der Haupt­gott in uns selbst liegt. Gott ist in jedem von uns“ (1:04:35–1:04:58).

Dar­auf wird Andrea Gua­d­a­lu­pi inter­viewt, Mei­ster vom Stuhl der­sel­ben Loge in Brin­di­si der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952 (vgl. Min. 1:05:00ff.). Mor­ris merkt an, daß vie­le den­ken, der Gott der Frei­mau­re­rei, der „GADU“, sei Satan, Luzi­fer. Mor­ris fragt daher Gua­d­a­lu­pi, was er dazu sage. Gua­d­a­lu­pi ant­wor­tet, daß der Gott der Frei­mau­re­rei der Gro­ße Bau­mei­ster des Uni­ver­sums sei, der Archi­tekt, der alles geschaf­fen habe, was uns umgibt (vgl. Min. 1:06:00–1:07:06); der GADU sei „ein Ver­bin­dungs­punkt zwi­schen Mensch und Gött­li­chem“ (Min. 1:07:07–1:07:16). Auf die Fra­ge, war­um die Frei­mau­re­rei mit Riten in Ver­bin­dung gebracht wer­de, die „Satan, Luzi­fer“ näher stün­den, ant­wor­tet Gua­d­a­lu­pi schlicht, die Frei­mau­re­rei wer­de ver­leum­det, weil sie für alle unbe­quem sei (vgl. Min. 1:07:20–1:07:32).

Außer­halb der Loge erklärt Mor­ris sei­nem Freund Samu­el, daß man die Frei­mau­re­rei nur ver­ste­hen kön­ne, wenn man sie lebe und von innen erfah­re (vgl. Min. 1:09:19–1:09:52). Mor­ris ist über­zeugt, daß die Loge ihn in ihren Tem­pel in Brin­di­si ein­ge­la­den habe, um „Klar­heit zu schaf­fen“, da er sich in der Ver­gan­gen­heit kri­tisch über die Frei­mau­re­rei geäu­ßert habe. Samu­el fragt ihn, ob er sei­ne Mei­nung geän­dert habe; Mor­ris ant­wor­tet, er habe sei­ne Mei­nung nicht geän­dert, habe jedoch gro­ßen Respekt vor der Frei­mau­re­rei und habe sich über den erhal­te­nen „Frei­mau­rer­aus­weis“ gefreut (vgl. Min. 1:09:53–1:10:32). Mor­ris betont erneut, daß er sei­ne Gedan­ken nicht offen­le­gen und nie­man­den beein­flus­sen wol­le. Er ist der Ansicht, daß es für die Frei­mau­re­rei wich­tig und rich­tig sei, ihre Geheim­nis­se und ihr Wis­sen nicht preis­zu­ge­ben (vgl. Min. 1:10:35–1:11:05). Mor­ris erklärt fer­ner, daß er vie­le per­sön­li­che Gedan­ken „bis ins Grab“ mit sich tra­gen wer­de, aus Respekt und weil es so rich­tig sei (vgl. Min. 1:11:24–1:11:35).

Der dem Inter­view­er über­ge­be­ne Frei­mau­rer­aus­weis, obwohl die­ser behaup­tet „nicht Frei­mau­rer“ zu sein

Bei Minu­te 1:12:20 ist im Büro des Groß­mei­sters Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio ein Gemäl­de mit dem Sym­bol des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus (AASR der Levan­te) zu sehen, das in sei­ner Obö­di­enz prak­ti­ziert wird: der Adler des 33. und letz­ten Gra­des des AASR ist vom Ourob­oros, der sich selbst ver­schlin­gen­den Schlan­ge, umgeben.

Mor­ris inter­viewt anschlie­ßend den Groß­mei­ster Era­rio. Zur Defi­ni­ti­on der Frei­mau­re­rei erklärt Era­rio, daß sie „sicher­lich eine Ver­ei­ni­gung von Men­schen ist, aber durch ihre eso­te­ri­schen Aspek­te gekenn­zeich­net ist, zusätz­lich zu den grund­le­gen­den initia­ti­schen Aspek­ten“ (1:15:10–1:15:23).

Mor­ris fragt nach dem Hahn, der im Raum der Betrach­tung dar­ge­stellt ist. Era­rio ant­wor­tet: „Der Hahn stellt das erste Licht dar, tat­säch­lich das, was alle Luzi­fer nen­nen, Luzi­fer, weil der Hahn nicht der Son­ne, son­dern der Venus singt, da die Venus das erste Licht ist“ (Min. 1:15:24–1:15:55).

Wie oben wie­der­ge­ge­ben, sagt Era­rio zwei­mal das Wort „Luzi­fer“.

Era­rio spricht zudem von der „Sakra­li­tät“ der frei­mau­re­ri­schen Initia­ti­on (vgl. 1:16:32–1:16:33).

Vom Büro zur Loge über­ge­hend erklärt Era­rio Mor­ris, daß die „reli­giö­se Inqui­si­ti­on“ den Men­schen dar­an hin­de­re, selbst zu den­ken und sich spi­ri­tu­ell zu ent­wickeln, da sie ihm bereits einen Gott vor­ge­be. Daher wer­de ein Umfeld dämo­ni­siert, das eine Schu­le für „Erleuch­te­te“ sei, also für Men­schen, die ver­ste­hen, erken­nen und Bewußt­sein erlan­gen wol­len; dies sei für jene offen­bar nicht vor­teil­haft (vgl. Min. 1:19:00–1:19:35).

Auf die Fra­ge von Mor­ris „Wer regiert die­se Welt?“ ant­wor­tet der Mei­ster vom Stuhl Gua­d­a­lu­pi: „Ich habe bereits gesagt, daß es der GADU ist“ (Min. 1:46:20–1:46:24).

Der Frei­mau­rer Mar­co Sta­g­ni erklärt: „Es ist ein stän­di­ges Ster­ben und Wie­der­ge­bo­ren­wer­den. Bei jedem Grad­wech­sel haben wir einen Tod und eine Wie­der­ge­burt“ (Min. 1:46:26–1:46:33).

Es wird das Logen­bild des drit­ten Gra­des des Frei­mau­rer­mei­sters gezeigt, auf dem der Sarg bzw. das Grab Hiram Abi­ffs, ein mensch­li­cher Schä­del mit gekreuz­ten Kno­chen, ein (künst­li­cher) Blut­fleck sowie ein aus dem Grab wach­sen­der Aka­zi­en­zweig dar­ge­stellt sind (vgl. Min. 1:46:36–1:47:16).

Nun: Wenn der Doku-Film einer­seits zei­gen will, daß die wah­re Frei­mau­re­rei kei­ne mafiö­se oder geschäft­li­che Ver­ei­ni­gung ist, so ent­hält er doch ande­rer­seits zwei­fel­los genü­gend Ele­men­te, um die Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei zu erken­nen. Denn die von dem ehe­ma­li­gen Groß­mei­ster Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio 33° dar­ge­stell­te und prak­ti­zier­te Frei­mau­re­rei sowie sei­ne Loge und Obö­di­enz beinhal­ten: Ableh­nung von Dog­men, Eso­te­rik (Ein­be­zie­hung, Inte­gra­ti­on und Über­win­dung aller Reli­gio­nen), ritu­el­le Magie bzw. magi­sche Ritua­li­tät (die frei­mau­re­ri­sche Ritua­li­tät macht die Ein­ge­weih­ten und den Logen­raum „hei­lig“), sowie Gno­sis (der Ein­ge­weih­te ent­deckt in sich selbst sei­nen Gott, die gött­li­che Inner­lich­keit)… Doch wol­len wir nicht beim Doku-Film ste­hen­blei­ben. Wir unter­su­chen auch eini­ge Schrif­ten von Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio 33° zur Frei­mau­re­rei. Doch zuvor müs­sen wir über etwas ande­res spre­chen, im fol­gen­den Abschnitt.

Ein unerwartetes Epilog (2025): das Ende der Loge von Brindisi und der Vereinigten Großloge von Italien 1952!

Etwa zwei Jah­re nach dem Doku-Film „Lux Vera 2023: die Frei­mau­re­rei“ ereig­net sich ein über­ra­schen­der Vor­gang: das Ende der Loge Ste­fa­no De Caro­lis Vil­lars in Brin­di­si und sogar das Ende der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952! Tat­säch­lich erklärt Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio 33° mit einer Mit­tei­lung vom 23. Okto­ber 2025 die ritu­el­len Arbei­ten sei­ner Groß­lo­ge end­gül­tig für been­det. Mit ande­ren Wor­ten: Die­se frei­mau­re­ri­sche Obö­di­enz wird „ruhend“ gestellt, da die für die Bil­dung einer Groß­lo­ge erfor­der­li­che Min­dest­an­zahl an Logen nicht mehr erreicht wurde.

Era­rio zieht die Grün­dungs­ur­kun­den von vier der fünf akti­ven Logen zurück (die bei­den Logen in Brin­di­si, dar­un­ter die „Ste­fa­no De Caro­lis Vil­lars“, dann die „Costan­ti­no Nigra“ in Turin und die „Gio­van­ni Mer­lo­ni“ in Cese­na), denen jene Frei­mau­rer ange­hör­ten, die im Doku-Film „Lux Vera 6023: die Frei­mau­re­rei“ zusam­men mit Era­rio zu sehen waren. Era­rio teilt mit, daß die ein­zi­ge Loge, die ihre Grün­dungs­ur­kun­de behält, die „De Dignita­te Homi­nis“ in Rom ist, der er selbst als ehe­ma­li­ger Ehren-Groß­mei­ster und als Sou­ve­rä­ner Groß­in­spek­tor-Gene­ral des Ritus (also 33. Grad AASR) angehört.

Ich fin­de die­ses „Auf­lö­sen“ der Groß­lo­ge selt­sam und fra­ge mich, ob jener Doku-Film (in dem das Inne­re einer Loge, Tei­le ritu­el­ler Hand­lun­gen, Gesich­ter von Frei­mau­rern usw. gezeigt wur­den) in irgend­ei­ner Wei­se das Ende die­ser Obö­di­enz beein­flußt haben könnte…

2. Aus dem Buch „Freimaurerei: Geschichte, Lichter und Schatten“ (2025): Kabbala und Logenmagie

Am 1. Novem­ber 2025 wird von der Ama­zon Ita­li­en in Tor­raz­za Pie­mon­te (Turin) das Buch „Frei­mau­re­rei: Geschich­te, Lich­ter und Schat­ten“ von Ste­fa­no Era­rio ver­öf­fent­licht. In der „Autoren­bio­gra­phie“ heißt es, daß er 1968 in Brin­di­si in eine Fami­lie alter adli­ger Her­kunft gebo­ren wur­de. Er sei Frei­mau­rer gewe­sen und habe das Amt des Groß­mei­sters der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952 beklei­det. Außer­dem tra­ge er den Titel eines Sou­ve­rä­nen Groß­in­spek­tor-Gene­rals des 33. Gra­des des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus der Levan­te (S. 146).

Im 1. Kapi­tel „Ursprün­ge, Mythen und Geheim­nis­se der Frei­mau­re­rei“ macht Era­rio 33° den magi­schen Cha­rak­ter der frei­mau­re­ri­schen Ritua­li­tät deut­lich. Über die moder­ne Frei­mau­re­rei, die offi­zi­ell 1717 mit der Grün­dung der Groß­lo­ge von Lon­don ent­stand, schreibt Erario:

„Von die­sem Moment an ver­brei­te­te sich die Bru­der­schaft in ganz Euro­pa und dar­über hin­aus, nahm je nach Kon­text unter­schied­li­che For­men an, behielt jedoch ihren initia­ti­schen Kern bei. Das Herz die­ses Kerns ist das Ritu­al. Ein Ritu­al ist nie­mals Thea­ter, kei­ne Auf­füh­rung für Zuschau­er, son­dern eine hei­li­ge Hand­lung, die das Bewußt­sein der Teil­neh­mer formt. Wenn ein Kan­di­dat zum ersten Mal in die Loge ein­ge­führt wird, durch­schrei­tet er einen Raum, der nicht nur phy­sisch ist. Ihm wer­den ver­trau­te Bezugs­punk­te ent­zo­gen, er wird auf­ge­for­dert, sym­bo­lisch den Tod sei­nes pro­fa­nen Zustands zu durch­le­ben, und durch­läuft Prü­fun­gen, die kei­ne Stra­fen, son­dern arche­ty­pi­sche Erfah­run­gen sind. Jede Geste, jedes Wort, jedes Objekt hat eine genaue Funk­ti­on. Die Lich­ter, die sich ent­zün­den, die Schlä­ge, die die Zeit struk­tu­rie­ren, die Bewe­gun­gen im Raum der Loge – all dies trägt dazu bei, ein ener­ge­ti­sches Feld zu schaf­fen, das ver­wan­delt“ (S. 14).

Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio, gewe­se­ner Groß­mei­ster der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952 und Hoch­g­rad­frei­mau­rer des 33. Gra­des des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus

Kurz dar­auf schreibt Era­rio über den drit­ten Grad des Meisterfreimaurers: 

„Der Mei­ster durch­lebt das Dra­ma von Ver­lust und Suche, erfährt den initia­ti­schen Tod und die Wie­der­ge­burt, erkennt, daß letz­te Erkennt­nis nicht Besitz, son­dern fort­dau­ern­de Suche ist. Die­ses Sche­ma ist kei­ne künst­li­che Kon­struk­ti­on, son­dern ein Spie­gel der Struk­tur des mensch­li­chen Wesens. Hier öff­net sich erneut der Bezug zur Kab­ba­la. Die zehn Sephi­r­oth des Lebens­baums sind eben­so vie­le Bewusst­seins­zu­stän­de, die der Ein­ge­weih­te durch­schrei­tet“ (S. 15).

Era­rio führt im Zusam­men­hang zwi­schen den drei frei­mau­re­ri­schen Gra­den, den kab­ba­li­sti­schen Sephi­r­oth und der ope­ra­ti­ven sowie alche­mi­sti­schen Logen­ma­gie wei­ter aus:

„Der Lehr­ling arbei­tet am rohen Stein und befin­det sich in Mal­kuth, dem Reich der Mate­rie. Der Gesel­le baut auf dem Fun­da­ment und wirkt in Yes­od, der Basis, die oben und unten ver­bin­det. Der Mei­ster, der ver­eint und har­mo­ni­siert, lebt in Tife­ret, der Schön­heit, die Stren­ge und Barm­her­zig­keit inte­griert. Die Werk­zeu­ge der Loge und die ritu­el­len Gesten ent­spre­chen den Pfa­den des Bau­mes, die Sephi­ra mit Sephi­ra ver­bin­den und inne­re Wege dar­stel­len. Jedes gespro­che­ne hei­li­ge Wort hat sein Echo in einem hebräi­schen Buch­sta­ben, jede ritu­el­le For­mel ent­spricht einer schöp­fe­ri­schen Schwin­gung. Die ope­ra­ti­ve Magie der Frei­mau­re­rei zeigt sich nicht als Spek­ta­kel okkul­ter Kräf­te, son­dern als sub­ti­le Trans­for­ma­ti­on des Indi­vi­du­ums und der Grup­pe. Das Eröff­nungs­ri­tu­al der Loge sta­bi­li­siert ein ener­ge­ti­sches Feld, das das kol­lek­ti­ve Bewußt­sein auf die Arbeit vor­be­rei­tet. Die Ket­te der Ver­ei­ni­gung, mit inein­an­der ver­schränk­ten Hän­den und kon­zen­trier­ten Gedan­ken, ist nicht bloß sym­bo­li­sche Geste, son­dern eine rea­le Zir­ku­la­ti­on von Ener­gie zwi­schen den Anwe­sen­den“ (S. 15).

Wei­ter heißt es bei Era­rio 33° über die Freimaurerloge:

„Die Loge ist wie ein Tem­pel gebaut, aber auch ein magi­scher Orga­nis­mus. Die Säu­len reprä­sen­tie­ren die Pola­ri­tä­ten, die Lich­ter die Zen­tren des Bewusst­seins, der Thron den Punkt der Syn­the­se. Jedes Ele­ment besitzt ope­ra­ti­ven Wert. In die­sem Sin­ne ist die Frei­mau­re­rei ein voll­stän­di­ges System. Sie ist mora­li­sche Schu­le, eso­te­ri­sche Tra­di­ti­on, kab­ba­li­sti­sche Dis­zi­plin, alche­mi­sti­sches Labor und magi­sche Werk­statt“ (S. 16).

Im 6. Kapi­tel „Frei­mau­re­rei, Gott und die Reli­gio­nen“ erklärt Era­rio, daß die Reli­gio­nen jeweils ihre eige­nen Leh­ren, Dog­men und Glau­bens­sy­ste­me auf­rich­ten, wäh­rend die Frei­mau­re­rei alle Reli­gio­nen respek­tie­re und auf­neh­me, ihre dog­ma­ti­schen und kon­fes­sio­nel­len Gren­zen über­stei­ge und statt­des­sen ihre Gemein­sam­kei­ten beto­ne, um Dia­log und Annä­he­rung zu ermög­li­chen. Die frei­mau­re­ri­sche For­mel des Gro­ßen Bau­mei­sters des Uni­ver­sums ver­ei­ne die­se Per­spek­ti­ven (vgl. S. 66–69).

Im 9. Kapi­tel „Frei­mau­re­rei, Sata­nis­mus und dunk­le Bewe­gun­gen“ ver­tritt Era­rio die Ansicht, die Theo­rie, daß die Frei­mau­re­rei Sata­nis­mus prak­ti­zie­re, sei ein „Mythos“, eine Erfin­dung von Léo Taxil. Nach Era­rio sei die Frei­mau­re­rei grund­sätz­lich unver­ein­bar mit dem Sata­nis­mus (S. 85–90). Er schreibt, daß Taxil „1907“ sei­ne angeb­li­chen Ent­hül­lun­gen über den frei­mau­re­ri­schen Sata­nis­mus wider­ru­fen habe (vgl. S. 88). Tat­säch­lich erfolg­te die­ser Wider­ruf jedoch bereits 1897. Das Jahr 1907 ist viel­mehr sein Todes­jahr. Zum The­ma „Frei­mau­re­rei und Luzi­fer“ gehe ich im näch­sten Abschnitt näher ein.

Im 13. Kapi­tel „Frei­mau­re­rei und Gesell­schaft, gestern, heu­te und mor­gen“ (vgl. S. 108–127) stellt Era­rio die Frei­mau­rer­lo­ge als „Labo­ra­to­ri­um uni­ver­sa­ler Mystik“ dar (S. 124), in dem der GADU das „gemein­sa­me Zen­trum“ bil­de und die Tran­szen­denz ver­kör­pe­re, die alle spi­ri­tu­el­len Wege, Reli­gio­nen, Phi­lo­so­phien und Wis­sen­schaf­ten ver­bin­de (vgl. S. 124). Era­rio erklärt: „Frei­mau­re­rei und uni­ver­sa­le Mystik tref­fen sich daher nicht auf dem Boden des Dog­mas, son­dern auf dem der Erfah­rung“ (S. 124).

Ein aus­führ­li­che­rer Lebens­lauf der frei­mau­re­ri­schen Tätig­keit von Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio ist auf der Web­site von Giu­lia­no Di Ber­nar­do zu fin­den (sie­he hier: Web­site Giu­lia­no Di Ber­nar­do – Era­rio).

3. Aus dem „Freimaurer-Glossar“ von Erario 33° (2022/​2025): Kabbala, Androgyn, Luzifer…

Im Jah­re 2022 ver­öf­fent­lich­te Ama­zon Ita­li­en (Tor­raz­za Pie­mon­te – Turin) das Buch von Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio 33° mit dem Titel: „Glos­sa­rio Masso­ni­co. Istru­zi­o­ni e Les­si­co“ („Frei­mau­re­ri­sches Wör­ter­buch. Anlei­tun­gen und Lexi­kon. Kab­ba­lah – Alpha­be­tisch – Sym­bo­lisch – Nume­risch – Emble­ma­tisch der Frei­mau­re­rei“).

Auf Sei­te 3 der „Vor­re­de: Die Ter­mi­no­lo­gie der Frei­mau­re­rei“ schreibt Erario:

„Der Wort­schatz der Frei­mau­re­rei ver­weist auf eine beson­de­re her­me­ti­sche und sym­bo­li­sche Spra­che, die für Nicht-Ein­ge­weih­te schwer ver­ständ­lich sein kann. […] In jedem Fall stel­len alle ver­wen­de­ten Begrif­fe die Werk­zeu­ge einer guten initia­ti­schen Über­lie­fe­rung eines Frei­mau­rers dar. […] In der Hoff­nung, etwas ‚Gutes und Rich­ti­ges‘ getan zu haben, um die­se Samm­lung zugäng­lich zu machen, wün­sche ich allen Brü­dern und Schwe­stern, die sie lesen und stu­die­ren wer­den, einen frucht­ba­ren und leuch­ten­den initia­ti­schen Weg in der Freimaurerei.“

Auf Sei­te 4 unter­zeich­net Era­rio als „Groß­mei­ster“ sei­ner frei­mau­re­ri­schen Obö­di­enz für den Zeit­raum 2017–2020.

Am Ende des Ban­des, auf Sei­te 644, heißt es:

„Tex­te, die von der Durch­lau­tig­sten Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952 für den Unter­richt in der Frei­mau­re­rei ver­wen­det wer­den. Über­ar­bei­tung und Anpas­sung der Tex­te durch Bru­der Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio 3°. 33°.“

Auf Sei­te 646 steht: „In Ita­li­en gedruckt am 11. März 2022. Sti­li­sti­sche Über­ar­bei­tung – 21. Okto­ber 2025 durch den Autor.“

Damit wur­de der Text zwi­schen 2022 und 2025 gedruckt, also vor der end­gül­ti­gen Ein­stel­lung der Tätig­kei­ten der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952.

Ausgewählte Begriffe aus dem „Freimaurer-Glossar“

Kabbala (Qabbalah – Kabbalah oder Kabalà)

Era­rio schreibt:

„[…] Form der jüdi­schen Eso­te­rik, die im 1. Jahr­hun­dert nach Chri­stus ent­stand und ihren Ursprung in der direk­ten Über­lie­fe­rung von Gott an den Men­schen durch Engel haben soll. Die Kab­ba­la umfaßt sowohl intel­lek­tu­el­le Magie (Kraft des Gei­stes) als auch ope­ra­ti­ve Magie (Ver­wen­dung von Talis­ma­nen, ‚Engel‘, Gei­ster)“ (S. 79).

Am Ende des Arti­kels heißt es:

„Die Kab­ba­la ist die uralte Weis­heit (Erkennt­nis), wel­che alle Reli­gio­nen und alle eso­te­ri­schen, her­me­ti­schen, alche­mi­sti­schen und prak­ti­schen (magi­schen) Leh­ren aller Völ­ker der Welt bis heu­te struk­tu­riert“ (S. 80).

Zohar (Sefer ha-Zohar)

„Der Zoh­ar ist das ‚Buch der Bücher‘ der Weis­heit der Kab­ba­la […]. Das Buch des Zoh­ar wur­de wirk­lich für uns geschrie­ben, um uns aus dem Zustand des gei­sti­gen Exils her­aus­zu­füh­ren; und wenn wir die Lage ver­bes­sern wol­len, müs­sen wir den Zoh­ar zum zen­tra­len Buch der Welt machen. Er ist nicht nur ein Buch, son­dern das Mit­tel der Ver­bin­dung zwi­schen uns und der Höhe­ren Kraft“ (S. 628).

Androgyn (Mensch) (esoterisch)

„Nach der offi­zi­el­len Wis­sen­schaft bezeich­net man als Andro­gyn einen Men­schen mit par­ti­el­lem Pseu­do-Herm­aphro­di­tis­mus, gekenn­zeich­net durch Fehl­bil­dun­gen der äuße­ren männ­li­chen Geschlechts­or­ga­ne durch Ent­wick­lungs­stopp im embryo­na­len Sta­di­um. Die­se Per­so­nen zei­gen gewis­se weib­li­che äuße­re Merk­ma­le.
In der eso­te­ri­schen Leh­re ist der Andro­gyn der Logos, die Ein­heit, die sich dop­pelt mani­fe­stiert: als Gut und Böse“ (S. 31).

Geheimnis des 33. Grades

In einer an den Frei­mau­rer gerich­te­ten Pas­sa­ge heißt es:

„[…] Eure zeu­gen­den Väter, Ange­hö­ri­ge ande­rer Wel­ten, die euch offen­bart wur­den und die euch auf eurem Pla­ne­ten her­vor­ge­bracht haben“ (S. 502).

Es wird von der „Exi­stenz höhe­rer Enti­tä­ten“ gespro­chen, „die in euch das Bewußt­sein des Unend­li­chen erzeugt haben“ (S. 502). Wei­ter heißt es: „‚Gott ist in dir‘“ (S. 503).

Der Leser erin­nert sich, daß sowohl im Doku-Film „Lux Vera 6023: die Frei­mau­re­rei“ als auch im Buch „Frei­mau­re­rei: Geschich­te, Lich­ter und Schat­ten“ Ste­fa­no Era­rio 33° zusam­men mit den von ihm beschrie­be­nen Frei­mau­rern jede Ver­bin­dung zwi­schen Frei­mau­re­rei und Sata­nis­mus bzw. Luzi­fe­ris­mus zurück­weist. Und doch fin­den sich im „Frei­mau­rer-Glos­sar“ von Ste­fa­no Era­rio 33° meh­re­re Ein­trä­ge, die ein ande­res Bild vermitteln…

Elohim (Alhim)

„[…] Die Elo­him sind die ersten Leh­rer des Men­schen im Gar­ten Eden. Die Schlan­ge ist nicht Satan, son­dern einer der Elo­him, der leuch­ten­de Engel, der durch die ver­bo­te­ne Frucht den Men­schen in eine unver­gäng­li­che und zugleich sterb­li­che Natur ver­wan­del­te“ (S. 158).

Kinder des Lichts

„Wesen, die aus dem unend­li­chen Oze­an des Lichts her­vor­ge­hen, aus dem sie sich selbst erzeugt haben. Sie sind die Nou­me­na aller Phä­no­me­ne, die sich aus der abso­lu­ten Dun­kel­heit ent­wickeln, die sie­ben Dhya­ni-Bud­dhas der Kon­tem­pla­ti­on […]. Sie sind Engel, die die nie­de­ren Prin­zi­pi­en über­wan­den und den Kör­per beherrsch­ten, jen­seits des Phy­si­schen und Psy­chi­schen“ (S. 177).

Kinder der Weisheit

Dies sind die „spi­ri­tu­el­len Dhya­ni“, von denen eini­ge sich inkar­nier­ten und zu „rebel­li­schen Engeln, gefal­le­nen Engeln“ wur­den (S. 177). Wei­ter heißt es:

„Sie sind die Engel der höhe­ren Sphä­ren, die dem Men­schen die Geheim­nis­se des Him­mels offen­ba­ren. Sie sind die Kin­der der dunk­len Weis­heit, unse­re Vor­fah­ren, atlan­ti­sche und ari­sche Adep­ten. Ihr Ver­dienst ist es, den Men­schen belebt, ihm Bewußt­sein gege­ben und ihm einen Geist ver­lie­hen zu haben“ (S. 177–178).

Luzifer

Eine beson­ders zen­tra­le Stel­le lautet:

„Der erste Erz­engel, der aus der Tie­fe des Cha­os ent­stand, der das Licht brach­te, wur­de Lux-fero genannt, der leuch­ten­de Sohn des Mor­gens (des Uni­ver­sums), die man­vanta­ri­sche Mor­gen­rö­te. Spä­ter trat Jeho­va auf, der jedoch von der Kir­che als höher als Luzi­fer ange­se­hen wur­de; daher muß­te die­ser her­ab­ge­wür­digt wer­den und wur­de zu Satan gemacht. Die­se Ope­ra­ti­on dau­ert bis heu­te an, wenn er abwer­tend mit der Venus iden­ti­fi­ziert wird, wobei der hell­ste Pla­net, der Vor­bo­te von Mor­gen- und Abend­däm­me­rung, falsch inter­pre­tiert wird“ (S. 287).

Wei­ter heißt es:

„Er ist der Mor­gen­stern, der Engel des Lichts, der Trä­ger von Licht und Leben. Er ist der Geist der intel­lek­tu­el­len Erleuch­tung und der Gedan­ken­frei­heit. Der Mythos von Pro­me­theus ist eine wei­te­re Ver­si­on der Rebel­li­on Luzi­fers“ (S. 287).

Und schließ­lich:

„Der Teu­fel ist ein Sün­der, der bereut und durch Hin­ga­be zum Adept­en­tum zu sei­nem Gott zurück­kehrt. Nur die katho­li­sche Kir­che konn­te ihn zur ewi­gen Ver­damm­nis ver­ur­tei­len! Jeho­va schuf einen geist­lo­sen Men­schen; Luzi­fer öff­ne­te ihm die Augen, indem er sag­te: ‚Ihr wer­det sein wie die Elo­him und Gut und Böse erken­nen‘“ (S. 288).

Era­rio fährt fort:

„Luzi­fer ist der Bote, der Engel, der Seraph, der Che­rub, der die Lie­be des Wis­sens ver­kör­pert… Er ist die astra­le Kraft des Uni­ver­sums, das Feu­er, das Licht, die Frei­heit, der Fort­schritt, die Zivi­li­sa­ti­on, die Unab­hän­gig­keit… Luzi­fer ist Licht und Leben, Ursa­che und Wir­kung des uni­ver­sa­len Daseins. Das Wort und Luzi­fer sind das­sel­be“ (S. 288).

4. Schlußfolgerung

Die Betrach­tung des Doku-Films „Lux Vera 6023: die Frei­mau­re­rei“ hat mich dazu ver­an­laßt, wei­ter­zu­for­schen und mich nicht mit den Mei­nun­gen oder Erklä­run­gen der in der Loge „Ste­fa­no De Caro­lis Vil­lars Nr. 102“ im Ori­ent von Brin­di­si inter­view­ten Frei­mau­rer zufrie­den zu geben, wel­che der Obö­di­enz der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Ita­li­en 1952 von Ste­fa­no Edo­ar­do Era­rio 33° angehören.

Der Titel des Doku-Films könn­te im Ver­hält­nis zu dem tat­säch­lich Erar­bei­te­ten als zu „weit gefaßt“ erschei­nen. Die Repor­ta­ge von Mor­ris San und Samue­le Scod­eggio berühr­te ledig­lich eine ein­zi­ge Loge einer ein­zi­gen frei­mau­re­ri­schen Obö­di­enz, die zudem heu­te, soweit ersicht­lich, nicht mehr exi­stiert. Hin­zu­zu­fü­gen ist, daß dies weder die ein­zi­ge Loge noch die ein­zi­ge (damals bestehen­de) frei­mau­re­ri­sche Obö­di­enz in Brin­di­si war. In die­ser apu­li­schen Stadt exi­stiert auch eine Loge des Groß­ori­ents von Ita­li­en. Den­noch sind, wie ich bereits an ande­rer Stel­le aus­ge­führt habe, die grund­le­gen­den initia­ti­schen Ele­men­te und Inhal­te im wesent­li­chen in allen Frei­mau­re­rei­en die­sel­ben, sodaß man von „Frei­mau­re­rei“ im Sin­gu­lar spre­chen kann. Die­se las­sen sich in einer Tri­as zusam­men­fas­sen: frei­mau­re­ri­scher Huma­nis­mus, frei­mau­re­ri­sche Ritua­li­tät und frei­mau­re­ri­sche Esoterik.

a) Freimaurerischer Humanismus

Der frei­mau­re­ri­sche Huma­nis­mus zielt auf die Ver­voll­komm­nung des Men­schen (des Ein­ge­weih­ten) und der Gesell­schaft ab. Im Mit­tel­punkt steht der Frei­mau­rer (Mann oder Frau), der von Dog­men, Reli­gio­nen sowie kirch­li­chen oder reli­giö­sen Auto­ri­tä­ten unab­hän­gig ist. Der Frei­mau­rer ver­steht sich als Zen­trum sei­ner eige­nen initia­ti­schen Reli­gio­si­tät: der soge­nann­te Gro­ße Bau­mei­ster des Uni­ver­sums (GADU) kann von jedem Frei­mau­rer indi­vi­du­ell als Prin­zip, Sym­bol, Wesen, per­sön­li­cher Gott, Geist oder unper­sön­li­che Kraft inter­pre­tiert wer­den, in deren „Glo­rie“ und „Namen“ die Loge Men­schen unter­schied­li­cher Reli­gio­nen vereint.

Im GADU ver­bin­den sich aus frei­mau­re­ri­scher Sicht alle Gegen­sät­ze – auch Deis­mus und The­is­mus. Dar­über hin­aus ist der Frei­mau­rer (in jedem Grad und Ritus) frei, im GADU auch Luzi­fer zu sehen, sofern die­ser als „Enti­tät“ oder „Sym­bol“ des Guten und des Lichts ver­stan­den wird.

b) Freimaurerische Ritualität

Die frei­mau­re­ri­sche Ritua­li­tät ist de fac­to als magisch zu beschrei­ben: jen­seits von Dog­men und unter­schied­li­chen reli­giö­sen oder dok­tri­nä­ren Auf­fas­sun­gen zielt sie dar­auf ab, die Ein­ge­weih­ten (Pro­fa­ne sind von der Ritu­al­pra­xis aus­ge­schlos­sen) zu ver­ei­nen, den Ort und die Teil­neh­mer zu sakra­li­sie­ren, sie dem Sakra­len anzu­nä­hern bzw. mit ihm zu ver­bin­den, die soge­nann­te „initia­ti­sche Todes­er­fah­rung“ zu voll­zie­hen und „Licht“ bzw. „Erleuch­tung“ zu vermitteln.

c) Freimaurerische Esoterik

Die frei­mau­re­ri­sche Eso­te­rik schöpft aus alten Dis­zi­pli­nen bzw. soge­nann­ten Wis­sen­schaf­ten wie Alche­mie, Her­me­tik, Magie und Theur­gie sowie der jüdi­schen Kab­ba­la. Sie stellt eine Form von Gno­sis dar, in der der Adept sei­ne inne­re Gött­lich­keit bzw. den gött­li­chen Fun­ken in sich selbst ent­deckt oder „erweckt“.

Huma­nis­mus, Ritua­li­tät und Eso­te­rik sind in allen For­men der Frei­mau­re­rei stets prä­sent und mit­ein­an­der verflochten.

Weit über den Doku-Film hin­aus zei­gen auch die Schrif­ten von Ste­fa­no Era­rio 33° die­se drei Ele­men­te deutlich.

Im „Frei­mau­rer-Glos­sar“ geht der ehe­ma­li­ge Groß­mei­ster Era­rio 33° jedoch noch einen Schritt wei­ter: Er rich­tet sich nicht nur an die Mit­glie­der sei­ner eige­nen Obö­di­enz, son­dern an alle Frei­mau­rer all­ge­mein. Dabei ver­tritt er aus­drück­lich eine gno­sti­sche bzw. neo­gno­sti­sche Inter­pre­ta­ti­on und Reha­bi­li­tie­rung Luzi­fers als „Licht­trä­ger“.

Die­se Deu­tung bleibt nicht auf den Autor des „Glos­sars“ oder sei­ne Obö­di­enz beschränkt, son­dern fin­det sich – in unter­schied­li­chen For­men und Aus­prä­gun­gen – auch bei Frei­mau­rern ande­rer Obö­di­en­zen, sowohl soge­nann­ter „regu­lä­rer“ als auch „irre­gu­lä­rer“ Syste­me wieder.

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. In zahl­rei­chen sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen geht es ihm dar­um, den Nach­weis zu erbrin­gen, daß die Frei­mau­re­rei von Anfang an eso­te­ri­sche und gno­sti­sche Ele­men­te ent­hielt, die bis heu­te ihre Unver­ein­bar­keit mit der kirch­li­chen Glau­bens­leh­re begründen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Lux Vera 6023/​Youtube (Screen­shots)

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