Wie Kardinal Ratzinger sagte: In einem Schisma trifft leider beide Seiten eine Mitschuld

Tradition kann nicht durch Traditionsbruch bewahrt werden


Pater Louis-Marie de Blignières, Prior der altrituellen Fraternité Saint-Vincent-Ferrier
Pater Louis-Marie de Blignières, Prior der altrituellen Fraternité Saint-Vincent-Ferrier

In der neu­en Aus­ga­be (Nr. 176) von Sedes Sapi­en­tiae behan­delt Pater Lou­is-Marie de Bli­g­niè­res die Fra­ge der von der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen. Dar­in ver­tei­digt er die Ein­heit mit der kirch­li­chen Hier­ar­chie, nicht zuletzt auf­grund sei­ner eige­nen Bio­gra­phie, als unverzichtbar.

Pater de Bli­g­niè­res ist ein fran­zö­si­scher Prie­ster, Phi­lo­soph und Theo­lo­ge. Nach einem Stu­di­um der Astro­phy­sik fand der zuvor agno­stisch ein­ge­stell­te Stu­dent zum katho­li­schen Glau­ben und nahm anschlie­ßend das Stu­di­um der Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie auf, das er weit­ge­hend in Ecô­ne absol­vier­te. 1977 wur­de er dort von Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re zum Prie­ster geweiht.

Da de Bli­g­niè­res zuneh­mend sedis­va­kan­ti­sti­sche, genau­er: sedis­pri­va­tio­ni­sti­sche Posi­tio­nen ver­trat, kam es zum Bruch mit Erz­bi­schof Lefeb­v­re und der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. 1979 grün­de­te er die Fra­ter­ni­té Saint-Vin­cent-Fer­ri­er, eine alt­ri­tu­el­le Gemein­schaft mit domi­ni­ka­ni­scher Spi­ri­tua­li­tät. Ihre Ange­hö­ri­gen wer­den daher auch als Alt-Domi­ni­ka­ner bezeichnet.

Ab Mit­te der 1980er Jah­re voll­zo­gen de Bli­g­niè­res und sei­ne Gemein­schaft eine schritt­wei­se Los­lö­sung von ihren sedis­pri­va­tio­ni­sti­schen Posi­tio­nen und such­ten die Wie­der­her­stel­lung der vol­len kirch­li­chen Gemein­schaft mit Rom. Das von Papst Johan­nes Paul II. als Reak­ti­on auf die uner­laub­ten Bischofs­wei­hen durch Erz­bi­schof Lefeb­v­re im Jahr 1988 erlas­se­ne Motu pro­prio Eccle­sia Dei schuf schließ­lich den kir­chen­recht­li­chen Rah­men für die kano­ni­sche Regu­la­ri­sie­rung der Gemein­schaft und die Rück­kehr zur vol­len Ein­heit mit Rom.

Seit­her zählt Pater Lou­is-Marie de Bli­g­niè­res zu den pro­fi­lier­ten Ver­tre­tern des tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Katho­li­zis­mus. Dabei betrach­tet er die Ein­heit mit dem Papst und der kirch­li­chen Hier­ar­chie als unver­zicht­bar. In die­sem Sin­ne ergriff er nun das Wort in der seit 1981 von sei­ner Gemein­schaft her­aus­ge­ge­be­nen theo­lo­gi­schen Zeit­schrift Sedes Sapi­en­tiae. Sei­ne Aus­füh­run­gen wer­den in der von Micha­el Jan­va für Le Salon Beige getrof­fe­nen Aus­wahl dokumentiert:

Wie Kardinal Ratzinger sagte: In einem Schisma trifft leider beide Seiten eine Mitschuld

Von Pater Lou­is-Marie de Blignières

[…] Zur Recht­fer­ti­gung der ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen füh­ren die FSSPX und ihre Sym­pa­thi­san­ten auch an, dass „nur die FSSPX die Irr­tü­mer anpran­ge­re“. Das ist falsch. Zu nen­nen sind ins­be­son­de­re die Kar­di­nä­le Wal­ter Brand­mül­ler, Ray­mond Leo Bur­ke, Car­lo Caf­farra, Ger­hard Lud­wig Mül­ler, Robert Sarah und Joseph Zen; die Bischö­fe Atha­na­si­us Schnei­der, Rob Muts­aerts und Wil­lem Eijk sowie – im Zusam­men­hang mit Fidu­cia sup­pli­cans – der gesam­te afri­ka­ni­sche Epi­sko­pat haben bestimm­te Erklä­run­gen von Papst Fran­zis­kus ent­schie­den kritisiert.

Die Prie­ster und Gläu­bi­gen der ehe­ma­li­gen Eccle­sia-Dei-Insti­tu­te (sowie ande­re Prie­ster) wei­sen eben­falls auf Irr­tü­mer hin. Sie tun dies eher in fun­dier­ten Fach­ar­ti­keln als durch pau­scha­le Behaup­tun­gen von der Kan­zel her­ab. Dabei bemü­hen sie sich, den Ton zu wah­ren, der Theo­lo­gen oder gebil­de­ten Lai­en ange­mes­sen ist, wenn sie sich an die Auto­ri­tä­ten der Kir­che wen­den – wie Söh­ne an ihren Vater –, mit jener „gebüh­ren­den Ehr­furcht gegen­über den Hir­ten“, die selbst das Kir­chen­recht empfiehlt.

Die­sen Kampf gegen die Irr­tü­mer füh­ren sie umfas­sen­der als die FSSPX. Denn in einem wesent­li­chen Punkt ver­stüm­melt die ehe­ma­li­ge Eccle­sia-Dei-Bewe­gung die Tra­di­ti­on nicht, wie es die FSSPX und die ihr fol­gen­den Gemein­schaf­ten tun. Ein grund­le­gen­der Bestand­teil der katho­li­schen Tra­di­ti­on wird näm­lich in deren Hal­tung und Han­deln nicht mehr aus­rei­chend geach­tet: die Ein­heit mit der katho­li­schen Hierarchie.

Der Kampf der ehe­ma­li­gen Eccle­sia-Dei-Bewe­gung hält zwei untrenn­ba­re Ele­men­te zusam­men: einer­seits die zeit­li­che Kon­ti­nui­tät des­sen, was in Leh­re und Sakra­men­ten von den Apo­steln stammt, und ande­rer­seits die Ein­heit mit deren Nachfolgern.

In die­sem Punkt wei­se ich den Vor­wurf des „Schwei­gens“, der uns bis­wei­len gemacht wird, zurück. Allein in der Zeit­schrift Sedes Sapi­en­tiae fin­den sich kri­ti­sche Bei­trä­ge zur Lit­ur­gie­re­form, zum Ordens­le­ben im Codex des Kir­chen­rechts, zur angeb­li­chen Pflicht zur Kon­ze­le­bra­ti­on, zur Buß­pra­xis, zu Assi­si, zu Amo­ris lae­ti­tia, zu Cor orans, zu Tra­di­tio­nis cus­to­des, zur Homo­se­xua­li­tät, zum moder­nen Rechts­ver­ständ­nis sowie zum Doku­ment des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re über die Miterlösung.

Auch Publi­zi­sten oder katho­li­sche Lai­en­per­sön­lich­kei­ten, die die Wei­hen von 1988 nicht akzep­tier­ten – ins­be­son­de­re Jean Madiran und Ber­nard Ant­o­ny –, blie­ben im Bereich der theo­lo­gi­schen Kon­tro­ver­se sehr aktiv. Man muss nur lesen, was Madiran bis zu sei­nem Tod im Jahr 2013 in Itin­é­rai­res und spä­ter in Pré­sent schrieb, sowie die Bei­trä­ge Ant­o­nys in Zeit­schrif­ten und auf Inter­net­sei­ten seit 1988 bis heute.

Das Argu­ment „Man muss Bischö­fe wei­hen, um die Irr­tü­mer anzu­pran­gern, denn nur die FSSPX tut dies“ ist daher falsch. Lei­der kommt es vor, dass Ver­ant­wort­li­che der FSSPX in die­sem Bereich Unwahr­hei­ten ver­brei­ten. Auf öffent­li­chen Tagun­gen oder von der Kan­zel behaup­ten sie bei­spiels­wei­se, die Obe­ren der Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten hät­ten alle im neu­en Ritus kon­ze­le­briert oder sie hät­ten auf das jüng­ste Doku­ment des Glau­bens­dik­aste­ri­ums zur Mit­er­lö­sung nicht reagiert. Doch selbst nach­dem sie auf ihren Irr­tum hin­ge­wie­sen wur­den, ver­öf­fent­li­chen sie kei­ne Berichtigung.

Wie glaubwürdig sind die Anklagen der Priesterbruderschaft St. Pius X.?

Gewiss pran­gert die FSSPX Irr­tü­mer an. Aber ist sie dabei immer glaub­wür­dig, nach­dem sie sich von der kirch­li­chen Auto­ri­tät getrennt und jeder Kon­trol­le ent­zo­gen hat?

Die gele­gent­lich offen­kun­di­ge Über­trei­bung ihrer Aus­sa­gen spricht nicht gera­de für ihre Objek­ti­vi­tät. Auch die Argu­men­ta­ti­on über­zeugt nicht immer, weil sich die FSSPX in einer ste­ti­gen Ver­schär­fung ihrer Kri­tik an der Hier­ar­chie befin­det und den Ein­druck erweckt, die Miss­stän­de beson­ders dra­stisch dar­zu­stel­len, um ihre Tren­nung zu rechtfertigen.

Auf­fäl­lig ist der bis­wei­len ver­ein­fa­chen­de und ein­di­men­sio­na­le Cha­rak­ter der Argu­men­ta­ti­on man­cher Prie­ster und Sym­pa­thi­san­ten der FSSPX. Häu­fig geht theo­lo­gi­sches Den­ken in blo­ße Rhe­to­rik über: Die Kir­che wird als sin­ken­des Schiff oder bren­nen­des Haus dar­ge­stellt, die „guten“ nach­kon­zi­lia­ren Leh­ren sei­en in Wirk­lich­keit ver­gif­te­te Kuchen. Hin­zu kommt gele­gent­lich ein Ton der Über­heb­lich­keit. Für Men­schen, die sich als Katho­li­ken ver­ste­hen und zur Hier­ar­chie der Kir­che spre­chen, ist dies bedauerlich.

Ein aktu­el­les Bei­spiel fin­det sich in einem Text von Abbé Jean-Michel Glei­ze, einem ein­fluss­rei­chen und qua­si offi­zi­el­len Theo­lo­gen der FSSPX:

„In Wirk­lich­keit gibt es: 1. eine schwer­wie­gend ver­sa­gen­de Auto­ri­tät in Rom, die die See­len ernst­haft skan­da­li­siert; […] Die gan­ze Fra­ge besteht dar­in, ob man die­sen ersten Punkt akzep­tiert. Wenn man ihn nicht akzep­tiert, wenn die Neue Mes­se kein Busch vol­ler gif­ti­ger Rep­ti­li­en ist, wenn das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil den Glau­ben nicht gefähr­det, wenn die Reli­gi­ons­frei­heit nicht den Leh­ren Pius‘ IX. wider­spricht, wenn der Öku­me­nis­mus das Dog­ma von der Ein­zig­ar­tig­keit der heil­brin­gen­den Bedeu­tung der katho­li­schen Kir­che nicht infra­ge stellt, wenn die Kol­le­gia­li­tät das Dog­ma von der Ein­zig­ar­tig­keit des Trä­gers des Pri­mats nicht infra­ge stellt, dann „ist alles in Ord­nung“, und der Gene­ral­obe­re ist ein Hal­lu­zi­nie­ren­der – eben­so wie die gan­ze Bruderschaft.“

Die­ser Text offen­bart eine binä­re Sicht­wei­se. Für Abbé Glei­ze gibt es nur zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der ist das Lehr­amt häre­tisch (das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ent­hält Glau­bens­irr­tü­mer, die refor­mier­te Lit­ur­gie ist vol­ler „gif­ti­ger Rep­ti­li­en“), oder es gibt über­haupt kei­ne Kri­se in der Kir­che. Einen Mit­tel­weg gibt es nicht.

Doch die Wirk­lich­keit ist differenzierter.

Wenn man die Grund­zü­ge der schwe­ren Kri­se, die die Kir­che seit etwa sech­zig Jah­ren durch­lebt, ohne Beschö­ni­gung, aber auch ohne Über­trei­bung skiz­zie­ren woll­te, könn­te man drei Punk­te hervorheben:

  1. Es gibt eine gewis­se Schwä­che in den Doku­men­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, wie Abbé Ber­to in sei­nem wei­ter oben zitier­ten Brief an Abbé de Nan­tes erklärt. Dar­über hin­aus ent­hal­ten eini­ge Pas­sa­gen Mehr­deu­tig­kei­ten, die von der pro­gres­si­sti­schen Bewe­gung genutzt wur­den, um Irr­tü­mer in der Kir­che zu verbreiten.
  2. Über vie­le Jah­re hin­weg war die kirch­li­che Hier­ar­chie zu schwach, um die­se sub­ver­si­ve Bewe­gung auf­zu­hal­ten. Sie hat die­je­ni­gen, die sich bemüh­ten, sie ein­zu­däm­men, kaum unter­stützt und sie in man­chen Fäl­len sogar ent­schie­den bekämpft.
  3. Die Lit­ur­gie­re­form hat auf­grund ihrer Män­gel – auch wenn die Sakra­men­te gül­tig und daher an sich hei­li­gend sind – zur Desta­bi­li­sie­rung des christ­li­chen Lebens vie­ler Gläu­bi­ger beigetragen.

Den Baum an seinen Früchten erkennen?

Schließ­lich wird das von eini­gen Ver­ant­wort­li­chen oder Sym­pa­thi­san­ten der FSSPX vor­ge­brach­te Kri­te­ri­um, einen „Baum an sei­nen Früch­ten zu erken­nen“, bis­wei­len auf recht gro­be Wei­se angewandt.

„Bei uns gibt es vie­le Kin­der und Fami­li­en in den Got­tes­dien­sten, wir haben zahl­rei­che Beru­fun­gen, und wir eröff­nen regel­mä­ßig neue Gottesdienstorte.“

Ja, aber die­ses Argu­ment spricht nicht aus­schließ­lich für die FSSPX. Das­sel­be gilt auch für die ehe­ma­li­gen Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten sowie für meh­re­re nicht-tra­di­tio­na­li­sti­sche Insti­tu­te, die eben­falls einen Auf­schwung an Beru­fun­gen erle­ben. Eben­so lässt sich eine bemer­kens­wer­te Dyna­mik bei den Ortho­do­xen und unter evan­ge­li­ka­len Chri­sten beob­ach­ten. Allein dar­aus kann man nicht schlie­ßen, dass die­se „Bäu­me“ in jeder Hin­sicht gut sind.

Außer­dem wird die­ses Kri­te­ri­um selek­tiv ange­wandt, denn man müss­te alle Früch­te berück­sich­ti­gen – die guten wie die schlechten.

Die Spal­tung der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Bewe­gung ist bei­spiels­wei­se eben­falls eine Frucht der Bischofs­wei­hen von 1988. Hät­te Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re statt der uner­laub­ten Wei­hen an der unter­zeich­ne­ten Ver­ein­ba­rung fest­ge­hal­ten, gäbe es heu­te tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Bischö­fe in regu­lä­rer kir­chen­recht­li­cher Stellung.

Wahr­schein­lich wäre die Ver­brei­tung tra­di­tio­nel­ler Glau­bens­päd­ago­gik inner­halb der sicht­ba­ren Struk­tu­ren der Kir­che gestärkt wor­den. Sie hät­te Legi­ti­mi­tät und Unter­stüt­zung erhal­ten, anstatt teil­wei­se an den Rand gedrängt und außer­halb der kirch­li­chen Struk­tu­ren ange­sie­delt zu wer­den. Wäre die Kri­se auf die­se Wei­se nicht wirk­sa­mer bekämpft worden?

Auch Bischof Richard Wil­liam­son und die etwa zwölf Bischö­fe, die er spä­ter weih­te, sind eine Frucht der Wei­hen von 1988.

Indem die FSSPX am 1. Juli 2026 neue Bischö­fe weiht, geht sie das Risi­ko ein, dass sich wei­te­re bischöf­li­che Lini­en bil­den, die immer unab­hän­gi­ger und „unkon­trol­lier­ter“ wer­den. Histo­risch betrach­tet ist dies in allen Fäl­len gesche­hen, in denen Bischofs­wei­hen außer­halb und gegen die katho­li­sche Hier­ar­chie vor­ge­nom­men wurden.

Die Verantwortung der Hierarchie

Von den Wei­hen von 1988 bis zu denen von 2026 hat der Hei­li­ge Stuhl unter ver­schie­de­nen Päp­sten mehr­fach ver­sucht, der sich ver­fe­sti­gen­den Dis­si­denz zu begegnen.

Gesprä­che mit den Ver­ant­wort­li­chen der FSSPX wur­den ange­bo­ten, ins­be­son­de­re 2001, dann 2010–2012 gegen­über Bischof Ber­nard Fel­lay und zuletzt – wenn auch sehr spät – gegen­über Abbé Davi­de Pagliarani.

Für das Schei­tern die­ser Vor­schlä­ge gibt es meh­re­re Grün­de. Eini­ge davon habe ich bereits genannt, und sie betref­fen die Ver­ant­wor­tung der FSSPX.

Es ist jedoch gerecht, auch einen wei­te­ren wich­ti­gen Grund zu nen­nen, bei dem die Schuld mei­nes Erach­tens eher auf Sei­ten der Hier­ar­chie liegt: den Ver­lust des Vertrauens.

Zunächst konn­te der Hei­li­ge Stuhl trotz der lobens­wer­ten Bemü­hun­gen meh­re­rer Kar­di­nä­le, die der Kom­mis­si­on Eccle­sia Dei vor­stan­den, die Bischö­fe nicht dazu brin­gen, die Bestim­mun­gen des Motu pro­prio Eccle­sia Dei vom 2. Juli 1988 tat­säch­lich umzu­set­zen, wenn die­se dem Anlie­gen ableh­nend gegen­über­stan­den – was ins­be­son­de­re in Frank­reich häu­fig der Fall war.

So erklär­te Bischof Fel­lay im Jahr 2001:

„Die Gläu­bi­gen, die die alte Mes­se besu­chen möch­ten, müs­sen dies ohne Schi­ka­nen tun kön­nen. Die Lösung, die der Petrus­bru­der­schaft gewährt wur­de, ist nicht lebens­fä­hig: Man über­lässt alles den Orts­bi­schö­fen, von denen die mei­sten der Tra­di­ti­on radi­kal ableh­nend gegenüberstehen.“

Eben­so setz­te der Hei­li­ge Stuhl nicht voll­stän­dig um, was recht­mä­ßig gefor­dert wor­den war, damit das Motu pro­prio wirk­sam ange­wandt wer­den konnte.

So wur­de die Wei­he von Bischö­fen aus den Rei­hen die­ser Bewe­gung – eine For­de­rung sowohl der Insti­tu­te als auch der Gläu­bi­gen – nicht ver­wirk­licht. Gera­de dies hät­te gegen­über der FSSPX ein star­kes Glaub­wür­dig­keits­ar­gu­ment dargestellt.

Dar­über hin­aus erhielt die Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus wäh­rend einer schwe­ren inter­nen Kri­se (1998–2006), die ihre Iden­ti­tät bedroh­te, vom Hei­li­gen Stuhl nicht den Schutz, den sie berech­tig­ter­wei­se erwar­ten durf­te. Statt­des­sen wur­den die stö­ren­den Ele­men­te eher ermutigt.

Dies führ­te bei den Ver­ant­wort­li­chen der FSSPX zu einem nach­voll­zieh­ba­ren Miss­trau­en gegen­über den ihnen gemach­ten Zusagen.

„Es ist nor­mal, miss­trau­isch zu sein, wenn man sieht, was geschieht […], wenn man sieht, was gera­de in der Petrus­bru­der­schaft pas­siert ist. Man kann sich berech­tig­ter­wei­se fra­gen, ob es sich nicht um eine Fal­le han­delt, um uns zu zer­schla­gen, etwa indem man eine Spal­tung zwi­schen denen erzeugt, die ein römi­sches Ange­bot anneh­men wol­len, und denen, die es ableh­nen. Daher ist es offen­sicht­lich, dass Miss­trau­en besteht; es kann gar nicht anders sein.“

Hin­zu kam 2021 das Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des, das recht­lich auf das all­mäh­li­che Ver­schwin­den des über­lie­fer­ten Ritus in der Kir­che abzielt. Die­ses Doku­ment nähr­te inner­halb der FSSPX das Miss­trau­en erheb­lich und ver­stärk­te die Ableh­nung jeder Annä­he­rung an den Hei­li­gen Stuhl.

Außer­dem stell­te es bei den Ver­hand­lun­gen mit Bischof Fel­lay und spä­ter mit Abbé Pagli­a­ra­ni einen schwe­ren Feh­ler dar, sich nicht an die Bedin­gun­gen des Pro­to­kolls vom 5. Mai 1988 zu halten.

Zwar hat­te die FSSPX ihre Kri­tik am Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil im Lau­fe der Jah­re ver­schärft, was die Vor­be­hal­te des Hei­li­gen Stuhls teil­wei­se erklärt. Doch das Pro­to­koll von 1988 war die ein­zi­ge Garan­tie, die für die FSSPX akzep­ta­bel erschien.

Im Jahr 2012 ent­stand bei der FSSPX der Ein­druck, die­ses Doku­ment wer­de als über­holt betrach­tet und Rom ver­lan­ge nun von ihr eine voll­stän­di­ge Zustim­mung gera­de zu jenen neue­ren Ent­wick­lun­gen, die ihr die größ­ten Schwie­rig­kei­ten bereiteten.

2026 waren die Vor­schlä­ge des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re zwar wei­ter gefasst, doch wur­den sie nach meh­re­ren Jah­ren des Schwei­gens erst im Zusam­men­hang mit der Ankün­di­gung neu­er Bischofs­wei­hen vor­ge­legt. Zu die­sem Zeit­punkt war das Ver­trau­en bereits weit­ge­hend verschwunden.

Wie Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger mir 1988 sag­te: In einem Schis­ma tra­gen lei­der bei­de Sei­ten Schuld.

Die Tradition retten?

Wenn die Feh­ler der Hier­ar­chie auch sehr real sind – recht­fer­tigt dies die Behaup­tung, dass die „Tra­di­ti­on“ nur außer­halb der katho­li­schen Hier­ar­chie kon­kret bewahrt und gelebt wer­den könne?

Nein. Eine sol­che Posi­ti­on wäre ihrem Wesen nach untra­di­tio­nell und letzt­lich unka­tho­lisch. Man ret­tet die Tra­di­ti­on nicht durch Mit­tel, die der Tra­di­ti­on selbst wider­spre­chen – eine Beob­ach­tung, die bereits Jean Madiran sei­ner­zeit gemacht hatte.

„Ich habe kei­ne per­sön­li­che Leh­re“, sag­te Erz­bi­schof Lefeb­v­re. „Mein gan­zes Leben lang habe ich mich an das gehal­ten, was man mich auf den Bän­ken des Fran­zö­si­schen Semi­nars in Rom gelehrt hat. Ich habe nichts Neu­es erfun­den. Wir kön­nen uns nicht irren, wenn wir an dem fest­hal­ten, was die Kir­che zwei­tau­send Jah­re lang gelehrt hat. Ich tue das, was die Bischö­fe über Jahr­hun­der­te hin­weg getan haben; ich habe nichts ande­res getan.“

Doch genau hier­in liegt das Pro­blem: Am 30. Juni 1988 tat Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re eben doch etwas ande­res. Er tat etwas Neu­es: Er weih­te Bischö­fe gegen den aus­drück­lich bekun­de­ten Wil­len des Papstes.

Man kann nicht behaup­ten, die Bischö­fe hät­ten dies „über Jahr­hun­der­te und Jahr­hun­der­te hin­weg“ getan. Die Kir­che hat weder wäh­rend zwei­tau­send Jah­ren noch im Fran­zö­si­schen Semi­nar in Rom gelehrt, dass man ein aus­drück­li­ches Ver­bot des Pap­stes hin­sicht­lich der Wei­he neu­er Bischö­fe igno­rie­ren dürfe.

Gera­de bei die­sem Akt ent­fällt daher die Sicher­heit, sich an das zu hal­ten, was die Kir­che immer getan hat.

Für die­sen kon­kre­ten Schritt gilt die Garan­tie nicht mehr, die Lefeb­v­re selbst for­mu­liert hat­te, als er sagte:

„Wir kön­nen uns nicht irren.“

Denn hier hat er den Bereich ver­las­sen, in dem die­se Gewiss­heit bestand.

Schlussbetrachtung

Zum Abschluss soll­ten wir die ein­dring­li­chen Wor­te eines Kir­chen­va­ters an einen Schis­ma­ver­ur­sa­cher bedenken.

Dio­ny­si­us von Alex­an­dri­en betont in einem Brief an Nova­ti­an, man müs­se „alles eher ertra­gen, als die Kir­che Got­tes zu spal­ten“, und dass das Ver­mei­den eines Schis­mas ein eben­so gro­ßes oder grö­ße­res Zeug­nis sei als das Mar­ty­ri­um gegen den Götzendienst.

So schwer­wie­gend die Kri­se in der Kir­che auch sein mag und so real die Feh­ler kirch­li­cher Auto­ri­tä­ten sein kön­nen, die Ein­heit mit der kirch­li­chen Hier­ar­chie bleibt ein wesent­li­cher Bestand­teil der katho­li­schen Tra­di­ti­on. Wer die Tra­di­ti­on bewah­ren will, darf dies nicht durch Mit­tel tun, die selbst einen Bruch mit die­ser Tra­di­ti­on darstellen.

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons