Von Roberto de Mattei*
De Maria numquam satis – „Über Maria läßt sich nie genug sagen“ –, lautet ein Ausspruch, der dem heiligen Bernhard von Clairvaux zugeschrieben wird. Zu diesem Thema wird im kommenden Oktober in Rom ein internationaler Kongreß stattfinden, mit dem Ziel, das unergründliche Geheimnis der Größe der allerseligsten Jungfrau Maria zu vertiefen.
Doch der 13. Mai erinnerte uns daran, daß seit den Erscheinungen der Jungfrau von Fatima bereits 109 Jahre vergangen sind. Diese begannen am 13. Mai 1917 und endeten am 13. Oktober desselben Jahres. In diesen Erscheinungen übermittelte die Gottesmutter den drei Hirtenkindern Lucia, Jacinta und Francisco eine prophetische Botschaft, die an die gesamte Menschheit gerichtet war. Die Botschaft enthielt die Ankündigung einer Reihe von Katastrophen, die über die Welt hereinbrechen würden, falls die Menschheit nicht zur Achtung und Liebe gegenüber dem Gesetz Gottes zurückkehre. Der Geist des Gebets und der Buße, die Praxis der Sühnekommunion an den ersten Samstagen des Monats sowie die Weihe Rußlands an ihr Unbeflecktes Herz waren die ausdrücklich geforderten Bedingungen, um die über der Welt schwebende Strafe aufgrund der Sünden der Menschen abzuwenden. Die Botschaft war also bedingt; unbedingt jedoch war ihr Schluß: der endgültige Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens.
109 Jahre sind vergangen, doch wir könnten – in Anlehnung an den heiligen Bernhard – sagen: De Fatima numquam satis. Über Fatima wurde nie genug gesagt und es wird niemals genug gesagt werden, auch deshalb, weil es sich um eine „offene“ Prophetie handelt, deren Erfüllung noch aussteht.
Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort beginnt seine berühmte „Abhandlung über die wahre Marienverehrung“ mit den Worten:
„Durch die allerseligste Jungfrau Maria ist Jesus Christus in die Welt gekommen; ebenso muß er durch sie in der Welt herrschen“ (Nr. 1).
Die gesamte Theologie der universalen Mittlerschaft Mariens ist in diesem Grundsatz enthalten, den der Heilige in seiner ganzen Abhandlung ausführlich entfaltet. Es ist das Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes, das die Menschheit in zwei Epochen teilt: vor und nach dem Kommen Jesu Christi. Niemand kannte die biblischen Prophezeiungen und die göttliche Verheißung des Alten Testaments, die das Kommen eines Messias, des Erlösers der Menschheit, ankündigten, besser als Maria, die reinste Tochter des heiligen Joachim und der heiligen Anna. Maria hatte keine theologischen Studien betrieben, doch die Tiefe ihres Verstandes und die Glut ihres Unbefleckten Herzens ließen sie von Tag zu Tag tiefer eintauchen in die demütige Betrachtung des Geheimnisses, das der Herr vor dem Geist der Hochmütigen verborgen hielt.
Maria sah vor ihren Augen den moralischen Verfall des Römischen Reiches und die Tragödie ihres Volkes Israel, das verhärtet und seiner Sendung untreu geworden war. Dennoch zweifelte sie niemals an der Erfüllung der alten Verheißungen. Ein Erlöser würde kommen – anders, als ihr Volk es erwartete –, und durch sein Opfer würde er die Welt erlösen. Alle Übel der Erde waren die Folge der Erbsünde der Stammeltern Adam und Eva. Sie selbst sollte die neue Eva sein, auserwählt, mit dem neuen Adam, Christus dem Erlöser, verbunden zu werden. Der Tod, sagt der heilige Hieronymus, sei durch Eva gekommen; das Leben werde durch Maria kommen.
Dieses Geheimnis wurde der allerseligsten Jungfrau vom Erzengel Gabriel in Bethlehem in der Nacht der Verkündigung offenbart, und sie stimmte mit ihrem Fiat der Menschwerdung des Wortes Gottes zu. So kam Jesus Christus durch sie in die Welt. Doch wie wird Jesus durch sie über die Welt herrschen? Die „Abhandlung über die wahre Marienverehrung“ erklärt es: Die Herrschaft Jesu Christi über die Welt ist nicht nur eine rechtmäßige Königsherrschaft, die ihm ohnehin gehört, sondern eine tatsächliche, geschichtliche Herrschaft, die er noch nicht in ihrer ganzen Fülle ausgeübt hat. Dieses zweite Ereignis bleibt noch immer von Geheimnis umhüllt, doch wie bei der Menschwerdung des Wortes wird Maria darin eine entscheidende Rolle spielen.
„Der Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens“, schrieb Plinio Corrêa de Oliveira vor siebzig Jahren, „was könnte er anderes sein als das von Ludwig Grignion de Montfort prophezeite Reich der allerseligsten Jungfrau? Und was könnte dieses Reich anderes sein als jene Epoche der Tugend, in der die Menschheit, mit Gott im Schoß der Kirche versöhnt, auf Erden nach dem Gesetz Gottes leben und sich auf die Herrlichkeiten des Himmels vorbereiten wird?“ (Catolicismo, Nr. 84, Dezember 1957).
Die Botschaft von Fatima bestätigt dies. Durch die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens wird Christus über die Welt herrschen, und das Reich Christi auf Erden wird zugleich das Reich Mariens sein: der strahlende Triumph ihres Unbefleckten Herzens. Nach den Erscheinungen von Fatima bestätigten sowohl die Gottesmutter als auch Jesus selbst der heiligen Jacinta Marto, die am 20. Februar 1920 im Alter von neun Jahren starb, und Schwester Lucia dos Santos, die am 13. Februar 2005 im Alter von 97 Jahren verstarb, wiederholt die Dringlichkeit und die Bedeutung dieser Geschichtstheologie.
Am 3. Januar 1944 hatte Schwester Lucia in Tuy, kurz bevor sie das Dritte Geheimnis niederschrieb, eine Vision einer schrecklichen kosmischen Katastrophe. Danach jedoch vernahm sie in ihrem Herzen – wie eine unfehlbare Vorahnung – „eine sanfte Stimme, die sagte: In der Zeit: ein einziger Glaube, eine einzige Taufe, eine einzige Kirche, heilig, katholisch, apostolisch. In der Ewigkeit: der Himmel!“
Alle Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts haben die Echtheit dieser Botschaft bekräftigt. Im Verlauf der vergangenen 109 Jahre hat sich eine große Verehrung für Fatima entwickelt. Die Statuen der Pilgernden Muttergottes von Fatima haben jeden Winkel der Erde erreicht; unzählige Bücher wurden gedruckt und erreichten Millionenauflagen; Konferenzen und Kongresse wurden organisiert, zuletzt im Jahr 2017, dem Jahr des hundertjährigen Jubiläums. Zahllose Gebete sind zum Himmel aufgestiegen.
Und dennoch erscheint die Madonna von Fatima heute wie die große Vergessene. Nie zuvor haben die internationalen Ereignisse in ihrer Dramatik so deutlich gemacht, wie aktuell das ist, was die Gottesmutter 1917 angekündigt hat; und nie zuvor wäre es so wichtig gewesen, die Hoffnung auf den endgültigen Triumph lebendig zu halten, den die Gottesmutter verheißen hat. Doch das Vertrauen in diesen Triumph scheint in den Seelen schwächer geworden zu sein – in Seelen, denen oft ein wahrhaft übernatürlicher Geist fehlt und die ihre Marienverehrung auf fragile und schwankende Gefühle gründen.
Und doch ist dies die Stunde der theologischen Tugend der Hoffnung, gegründet nicht auf Gefühle, sondern auf Vernunft und Glauben. Über Fatima ist nicht alles gesagt worden, und nicht alles hat sich erfüllt: De Fatima numquam satis. Dies ist nicht die Stunde der Müdigkeit und der Flucht, sondern die Stunde der großen Rückkehr zu Fatima, des vertrauensvollen Kampfes für den Sieg Mariens – der Mittlerin, der Miterlöserin, der triumphierenden Königin des Himmels und der Erde –, denn:
„Durch sie ist Jesus Christus in die Welt gekommen, und ebenso muß er durch sie in der Welt herrschen.“
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
Bücher von Prof. Roberto de Mattei in deutscher Übersetzung und die Bücher von Martin Mosebach können Sie bei unserer Partnerbuchhandlung beziehen.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
„und Schwester Lucia dos Santos, die am 13. Februar 2005 im Alter von 97 Jahren verstarb“
Es ist bedauerlich, daß sich Prof. de Mattei nicht mit dem Rätsel der Verschiedenheit der Physiognomien, des Auftretens und der Botschaft zwischen den beiden „Sr. Lucia“ befaßt.
„Alle Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts haben die Echtheit dieser Botschaft bekräftigt.“
Das stimmt so nicht, da klarerweise die Päpste vor 1917 das nicht tun konnten und m. W. auch Pius XI. das nicht explizit getan hat. Es war die lokale Autorität, der Bischof von Leiria, der die Übernatürlichkeit der Ereignisse bekräftigt hat (13. Mai 1930). Die Botschaft selber wurde ja erst nach und nach bekannt (unter Pius XII.). Johannes XXIII., der das Dritte Geheimnis vergrub und desavouierte, bekräftigte „die Echtheit dieser Botschaft“ bestimmt nicht. Sie spielte in seinem Pontifikat keine Rolle. Paul VI. kam auch nicht darauf zurück, Johannes Paul II. bezog dann das Dritte Geheimnis absurderweise auf sich selbst (Erklärung der CDF vom 26. Juni 2000).
„Am 3. Januar 1944 hatte Schwester Lucia in Tuy, kurz bevor sie das Dritte Geheimnis niederschrieb, eine Vision einer schrecklichen kosmischen Katastrophe. Danach jedoch vernahm sie in ihrem Herzen – wie eine unfehlbare Vorahnung – „eine sanfte Stimme, die sagte““
Wo das stehen soll, ist mir unbekannt. In der Literatur bin ich auf diese „Vision“ niemals gestoßen. Was Sr. Lucia gemäß den Fachleuten von der Niederschrift des 3. Geheimnisses im Jänner 1944 so lange abgehalten hatte, war der schlimme Inhalt, der sich – nach allem, was man erschließen kann – nicht auf kosmische Katastrophen sondern auf die Apostasie der Gottgeweihten bezieht.
Es ist sehr schade, daß ein renommierter Historiker wie Prof. de Mattei nicht darangeht, die vatikanoffizielle Deutung von Fatima gründlich zu hinterfragen.
„Im Verlauf der vergangenen 109 Jahre hat sich eine große Verehrung für Fatima entwickelt.“ Das ist leider nicht zutreffend, weil diese Verehrung bereits in den letzten Jahren von Pius XII. seitens der Hierarchie eingeschränkt und danach unterdrückt, bekämpft oder uminterpretiert wurde.
Heute ist Fatima ja in weiten Teilen der Kirche unbekannt und kommt in den kirchlichen Medien, im Schulunterricht, in der Universitätstheologie und im Lehramt nicht vor.