Von Cristina Siccardi*
Obwohl sie nach der Liturgiereform des Jahres 1960 unter dem Pontifikat von Johannes XXIII. nicht mehr im römischen Kalender enthalten ist, wurde am 3. Mai das Fest der Inventio Crucis (vom Lateinischen: „Wiederauffindung“ oder „Entdeckung“) gefeiert, das heißt die Auffindung des Heiligen Kreuzes durch die heilige Helena, an welchem unser Herr Jesus Christus gekreuzigt worden war. Während einer Pilgerreise nach Palästina um das Jahr 325 bemühte sich die heilige Helena darum, den Richtplatz ausfindig zu machen, auf welchem der Sohn Gottes geopfert worden war.
Während jener Pilgerfahrt lernte die Mutter von Kaiser Konstantin persönlich den heiligen Makarius kennen, der von 312 bis 335 Bischof von Jerusalem war. Der Kirchenvater und Kirchenlehrer Athanasius – dessen Fest wir am 2. Mai gefeiert haben – verweist in einer seiner Reden gegen den verhängnisvollen Arianismus gerade auf Bischof Makarius als Beispiel für den „schlichten und redlichen Lebensstil apostolischer Männer“. Um das Jahr 325 unterstützte der heilige Makarius, der am Konzil von Nicäa des Jahres 325 teilnahm und höchstwahrscheinlich zu den Verfassern des nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses (Symbolum Nicaenum Constantinopolitanum) gehörte, die Kaiserin in Jerusalem bei ihrer Suche nach dem wahren Kreuz und begleitete sie dabei.
Im Martyrologium Romanum liest man unter dem 10. März: „Gedächtnis des heiligen Makarius, Bischofs von Jerusalem, auf dessen Ermahnung hin die heiligen Stätten durch Konstantin den Großen und seine Mutter, die heilige Helena, wieder ans Licht gebracht und durch den Bau heiliger Basiliken ausgezeichnet wurden.“
Die heilige Helena und der heilige Makarius wirkten gemeinsam daran, die heiligen Stätten aus dem Leben und Sterben Christi zu bestimmen; unter diesen Orten wurde auch auf Golgatha gegraben. Wie bereits erwähnt, wurde das liturgische Fest der Inventio des Heiligen Kreuzes als eigenes Hochfest am 3. Mai gefeiert und war über 1300 Jahre hinweg fester Bestandteil des liturgischen Kalenders, bis zur Reform Roncallis, jenes Papstes, der das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete.
Obwohl das Fest im allgemeinen Kalender von ihm abgeschafft wurde, blieb es mancherorts erhalten, beispielsweise in Spanien: Am 3. Mai wird in Granada der „Tag des Kreuzes“ – Día de la Cruz – gefeiert, eines der malerischsten Feste der Stadt, bei welchem Straßen, Plätze, Höfe und Schaufenster mit Altären zu Ehren des Heiligen Kreuzes geschmückt werden. Die bedeutendste Feier findet jedoch am 7. Mai in Jerusalem in der Grabeskirche statt.
Der heilige Cyrill von Jerusalem erinnert dazu an ein außergewöhnliches Ereignis, daß gerade am siebten Tage des Monats Mai des Jahres 351 am Himmel ein großes leuchtendes Kreuz erschien, das sich von Golgatha bis zum Ölberg erstreckte. Derselbe heilige Cyrill erwähnt auch die Auffindung des Kreuzes Jesu durch die heilige Helena.
In Jerusalem gibt es drei große liturgische Feiern zu diesem Hochfest, die am 6. und 7. Mai stattfinden: Am Nachmittag des 6. Mai erfolgt der feierliche Einzug des Kustos des Franziskanerordens – gegenwärtig Bruder Francesco Patton, der 168. Kustos des Heiligen Landes – in die Grabeskirche, gefolgt von der Prozession in der Basilika und der Vesper in jener Kapelle, in welcher das wahre Kreuz Christi gefunden wurde. Die nächtliche Vigil wird in derselben Grotte gehalten; währenddessen wird ein Abschnitt aus der Kirchengeschichte des heiligen Rufinus verlesen, welcher die Auffindung des Kreuzes durch die heilige Helena schildert. Am Morgen des 7. Mai wird die feierliche heilige Messe zelebriert; anschließend wird die Reliquie des Heiligen Kreuzes in Prozession durch die Basilika bis zur Rotunde der Anastasis getragen, wo man dreimal das leere Grab Jesu Christi umschreitet.

Wie es in antikatholischer oder modernistischer Geschichtsschreibung üblich ist, wird das außergewöhnliche Ereignis der Auffindung des Heiligen Kreuzes heutzutage zur „Legende“ herabgestuft, weil die kostbare und außerordentliche Überlieferung der Kirche durch eine laizistische oder protestantisierende Intelligenzija gedemütigt werden soll. Tatsächlich jedoch handelt es sich nach maßgeblichen historischen und ikonographischen Quellen um Ereignisse von solcher Bedeutung, daß sie im Laufe der Zeit eine umfangreiche und vielgestaltige schriftliche wie bildliche Überlieferung hervorgebracht haben, die weit davon entfernt ist, eine phantastische Erzählung zu sein.
In seinem Werk De obitu Theodosii (395) berichtet der Kirchenvater und Kirchenlehrer Ambrosius, Bischof von Mailand, wie die Kaiserin Helena auf Wunsch ihres Sohnes Konstantin nach Jerusalem gereist sei und dort mit Hilfe des Heiligen Geistes auf Golgatha das Kreuz Christi gefunden habe. Bereits einige Jahre zuvor (390) hatte ein anderer Kirchenvater, der heilige Johannes Chrysostomus, die Reliquie erwähnt (Homilien zum Johannesevangelium, 85). Die heilige Helena wird ferner vom heiligen Bischof Paulinus von Nola im Jahre 402 sowie vom Mönch und Kirchenschriftsteller Rufinus von Aquileja (einem Freund und Mitschüler des heiligen Hieronymus) im Jahre 403 genannt; beide berichten, daß sie jeweils von Juden beziehungsweise von Bischof Makarius unterstützt worden sei.
Der heilige Rufinus erzählt, daß die heilige Helena, „durch göttliche Visionen ermahnt“, nach Jerusalem gereist ist, um die Stätte zu suchen, an welcher Jesus gekreuzigt worden war. Die Kaiserin konnte Golgatha deshalb ausfindig machen, weil sich dort eine Venusstatue befand, die Kaiser Hadrian nach der Zerstörung Jerusalems hatte errichten lassen, um den Kult der ersten Christen zu unterdrücken und der Erinnerung an den genauen Ort der Osterereignisse des Erlösers zu spotten. Die heilige Helena ließ den Ort reinigen, und nachdem die Trümmer bis in die Tiefe beseitigt worden waren, fand man drei Kreuze, die ungeordnet niedergelegt waren. Da Ungewißheit darüber bestand, welches der drei das wahre Holz des Heiles sei, hatte Bischof Makarius die Eingebung, die Kreuze in das Haus einer schwerkranken Frau bringen zu lassen, um festzustellen, welches von ihnen wundertätige Kraft besitze. Nachdem die ersten beiden Kreuze auf den Leib der Sterbenden gelegt worden waren, trat keinerlei Wirkung ein; als man ihr jedoch das dritte näherte, öffnete sie plötzlich die Augen und begann, „weit lebhafter, als sie es selbst in gesunden Tagen gewesen war, im ganzen Hause umherzugehen und die Macht Gottes zu preisen“. Andere Quellen berichten von Leichnamen, die auf die drei Kreuze gelegt wurden, wobei eines derselben die Toten wieder zum Leben erweckte.
Ein Manuskript aus karolingischer Zeit bezeugt die Überlieferung der Auffindung; ebenso werden in den Canones conciliorum von Vercelli um das Jahr 800 die Dokumente der Konzilien des 4. und 5. Jahrhunderts durch Zeichnungen eingeleitet, die sich auf die Überlieferung der Auffindung des Heiligen Kreuzes beziehen. Text und Illustrationen entstanden in der Diözese Mailand – wobei an das grundlegende Zeugnis des heiligen Ambrosius erinnert sei.
Um das Jahr 620 raubte der Perserkönig Chosrau II. die Reliquie aus Jerusalem; Kaiser Heraklius gewann sie jedoch in Ktesiphon, im heutigen Iran, zurück, nachdem er den sassanidischen Großkönig in dessen astrologischem Palasttempel enthauptet hatte. Der Sohn Chosraus bekehrte sich zum Christentum, und Heraklius kehrte siegreich mit dem Heiligen Kreuz nach Jerusalem zurück. Die Rückführung der Reliquie war von einem Wunder begleitet: Ein Engel verwehrte den Zugang durch das Goldene Tor der Stadt so lange, bis der byzantinische Kaiser bereit war, demütig und barfuß die Reliquie zur Grabeskirche zurückzubringen. Aus diesen Ereignissen entstand der Kult der Kreuzerhöhung, die am 14. September gefeiert wird; dank des heiligen Hrabanus Maurus können wir die Kreuzerhöhung durch sein bewundernswertes literarisches Werk De laudibus Sanctae Crucis (813–814) nachempfinden, das später verschiedenen Bischöfen und Päpsten sowie Kaiser Ludwig dem Frommen gewidmet wurde. Die dort verfaßten carmina figurata behandeln unter Verbindung von Wort und Bild besondere Aspekte des einen großen zentralen Themas: des Lobpreises des Heiligen Kreuzes Christi.
Die Verbindung zwischen dem Kreuz und dem Lignum vitae – dem Baum des Lebens – wurde bereits in frühchristlichen Metaphern hergestellt. Das Holz des Heiligen Kreuzes ist das Werkzeug des ewigen Lebens; es ist der Baum des Sieges über Sünde und Tod; es ist der Altar, auf welchem das Lamm zur Rettung vieler geopfert wurde.
Bedeutsam und aufschlußreich ist, daß die Kirche am Tag nach dem 3. Mai das liturgische Gedächtnis des Heiligen Grabtuches feiert. Im Jahre 1506 entsprach Papst Julius II. dem liturgischen Gesuch bezüglich des Heiligen Linnens, das Zeugnis ablegt von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Dieses Gesuch war von Herzog Karl II. von Savoyen und dessen Mutter, Herzogin Claudine von Brosse, an Rom gerichtet worden und durch eine Delegation überbracht worden, bestehend aus Monsignore Luigi di Gorrevod, Bischof von Maurienne, sowie Manfredo di Saluzzo, Andrea Provana und Filippo Chevrier.
Am 9. Mai billigte der Papst mit der Bulle Salubria vota den öffentlichen Kult des Heiligen Grabtuches und setzte hierfür ein eigenes Fest mit heiliger Messe und eigenem liturgischem Offizium ein. Als Datum wurde der 4. Mai festgelegt, also der Tag unmittelbar nach jenem, an welchem die Kirche der Inventio Crucis gedachte.
*Cristina Siccardi, Historikerin und Publizistin, zu ihren jüngsten Buchpublikationen gehören „L’inverno della Chiesa dopo il Concilio Vaticano II“ (Der Winter der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Veränderungen und Ursachen, 2013); „San Pio X“ („Der heilige Pius X. Das Leben des Papstes, der die Kirche geordnet und erneuert hat“, 2014), „San Francesco“ („Heiliger Franziskus. Eine der am meisten verzerrten Gestalten der Geschichte“, 2019), „Quella messa così martoriata e perseguitata, eppur così viva!“ „Diese so geschlagene und verfolgte und dennoch so lebendige Messe“ zusammen mit P. Davide Pagliarani, 2021), „Santa Chiara senza filtri“ („Die heilige Klara ungefiltert. Ihre Worte, ihre Handlungen, ihr Blick“, 2024),
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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