Die Inventio Crucis, ein beiseitegelegtes Hochfest

Die Auffindung und die Rückführung des wahren Kreuzes Jesu Christi


Am 6. und 7. Mai feiert die Kirche in Jerusalem die Auffindung und die Rückführung des Heiligen Kreuzes. Im Bild die Prozession am Morgen des 7. Mai in der Grabeskirche
Am 6. und 7. Mai feiert die Kirche in Jerusalem die Auffindung und die Rückführung des Heiligen Kreuzes. Im Bild die Prozession am Morgen des 7. Mai in der Grabeskirche

Von Cri­sti­na Siccardi*

Obwohl sie nach der Lit­ur­gie­re­form des Jah­res 1960 unter dem Pon­ti­fi­kat von Johan­nes XXIII. nicht mehr im römi­schen Kalen­der ent­hal­ten ist, wur­de am 3. Mai das Fest der Inven­tio Cru­cis (vom Latei­ni­schen: „Wie­der­auf­fin­dung“ oder „Ent­deckung“) gefei­ert, das heißt die Auf­fin­dung des Hei­li­gen Kreu­zes durch die hei­li­ge Hele­na, an wel­chem unser Herr Jesus Chri­stus gekreu­zigt wor­den war. Wäh­rend einer Pil­ger­rei­se nach Palä­sti­na um das Jahr 325 bemüh­te sich die hei­li­ge Hele­na dar­um, den Richt­platz aus­fin­dig zu machen, auf wel­chem der Sohn Got­tes geop­fert wor­den war.

Wäh­rend jener Pil­ger­fahrt lern­te die Mut­ter von Kai­ser Kon­stan­tin per­sön­lich den hei­li­gen Maka­ri­us ken­nen, der von 312 bis 335 Bischof von Jeru­sa­lem war. Der Kir­chen­va­ter und Kir­chen­leh­rer Atha­na­si­us – des­sen Fest wir am 2. Mai gefei­ert haben – ver­weist in einer sei­ner Reden gegen den ver­häng­nis­vol­len Aria­nis­mus gera­de auf Bischof Maka­ri­us als Bei­spiel für den „schlich­ten und red­li­chen Lebens­stil apo­sto­li­scher Män­ner“. Um das Jahr 325 unter­stütz­te der hei­li­ge Maka­ri­us, der am Kon­zil von Nicäa des Jah­res 325 teil­nahm und höchst­wahr­schein­lich zu den Ver­fas­sern des nicä­no-kon­stan­ti­no­po­li­ta­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses (Sym­bo­lum Nicae­num Con­stan­ti­no­po­li­ta­num) gehör­te, die Kai­se­rin in Jeru­sa­lem bei ihrer Suche nach dem wah­ren Kreuz und beglei­te­te sie dabei.

Im Mar­ty­ro­lo­gi­um Roma­num liest man unter dem 10. März: „Gedächt­nis des hei­li­gen Maka­ri­us, Bischofs von Jeru­sa­lem, auf des­sen Ermah­nung hin die hei­li­gen Stät­ten durch Kon­stan­tin den Gro­ßen und sei­ne Mut­ter, die hei­li­ge Hele­na, wie­der ans Licht gebracht und durch den Bau hei­li­ger Basi­li­ken aus­ge­zeich­net wurden.“

Die hei­li­ge Hele­na und der hei­li­ge Maka­ri­us wirk­ten gemein­sam dar­an, die hei­li­gen Stät­ten aus dem Leben und Ster­ben Chri­sti zu bestim­men; unter die­sen Orten wur­de auch auf Gol­ga­tha gegra­ben. Wie bereits erwähnt, wur­de das lit­ur­gi­sche Fest der Inven­tio des Hei­li­gen Kreu­zes als eige­nes Hoch­fest am 3. Mai gefei­ert und war über 1300 Jah­re hin­weg fester Bestand­teil des lit­ur­gi­schen Kalen­ders, bis zur Reform Ron­cal­lis, jenes Pap­stes, der das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil eröffnete. 

Obwohl das Fest im all­ge­mei­nen Kalen­der von ihm abge­schafft wur­de, blieb es man­cher­orts erhal­ten, bei­spiels­wei­se in Spa­ni­en: Am 3. Mai wird in Gra­na­da der „Tag des Kreu­zes“ – Día de la Cruz – gefei­ert, eines der male­risch­sten Feste der Stadt, bei wel­chem Stra­ßen, Plät­ze, Höfe und Schau­fen­ster mit Altä­ren zu Ehren des Hei­li­gen Kreu­zes geschmückt wer­den. Die bedeu­tend­ste Fei­er fin­det jedoch am 7. Mai in Jeru­sa­lem in der Gra­bes­kir­che statt.

Der hei­li­ge Cyrill von Jeru­sa­lem erin­nert dazu an ein außer­ge­wöhn­li­ches Ereig­nis, daß gera­de am sieb­ten Tage des Monats Mai des Jah­res 351 am Him­mel ein gro­ßes leuch­ten­des Kreuz erschien, das sich von Gol­ga­tha bis zum Ölberg erstreck­te. Der­sel­be hei­li­ge Cyrill erwähnt auch die Auf­fin­dung des Kreu­zes Jesu durch die hei­li­ge Helena.

In Jeru­sa­lem gibt es drei gro­ße lit­ur­gi­sche Fei­ern zu die­sem Hoch­fest, die am 6. und 7. Mai statt­fin­den: Am Nach­mit­tag des 6. Mai erfolgt der fei­er­li­che Ein­zug des Kustos des Fran­zis­ka­ner­or­dens – gegen­wär­tig Bru­der Fran­ces­co Pat­ton, der 168. Kustos des Hei­li­gen Lan­des – in die Gra­bes­kir­che, gefolgt von der Pro­zes­si­on in der Basi­li­ka und der Ves­per in jener Kapel­le, in wel­cher das wah­re Kreuz Chri­sti gefun­den wur­de. Die nächt­li­che Vigil wird in der­sel­ben Grot­te gehal­ten; wäh­rend­des­sen wird ein Abschnitt aus der Kir­chen­ge­schich­te des hei­li­gen Rufi­nus ver­le­sen, wel­cher die Auf­fin­dung des Kreu­zes durch die hei­li­ge Hele­na schil­dert. Am Mor­gen des 7. Mai wird die fei­er­li­che hei­li­ge Mes­se zele­briert; anschlie­ßend wird die Reli­quie des Hei­li­gen Kreu­zes in Pro­zes­si­on durch die Basi­li­ka bis zur Rotun­de der Ana­sta­sis getra­gen, wo man drei­mal das lee­re Grab Jesu Chri­sti umschreitet.

Vera Crux Jesu Christi

Wie es in anti­ka­tho­li­scher oder moder­ni­sti­scher Geschichts­schrei­bung üblich ist, wird das außer­ge­wöhn­li­che Ereig­nis der Auf­fin­dung des Hei­li­gen Kreu­zes heut­zu­ta­ge zur „Legen­de“ her­ab­ge­stuft, weil die kost­ba­re und außer­or­dent­li­che Über­lie­fe­rung der Kir­che durch eine lai­zi­sti­sche oder pro­te­stan­ti­sie­ren­de Intel­li­gen­zi­ja gede­mü­tigt wer­den soll. Tat­säch­lich jedoch han­delt es sich nach maß­geb­li­chen histo­ri­schen und iko­no­gra­phi­schen Quel­len um Ereig­nis­se von sol­cher Bedeu­tung, daß sie im Lau­fe der Zeit eine umfang­rei­che und viel­ge­stal­ti­ge schrift­li­che wie bild­li­che Über­lie­fe­rung her­vor­ge­bracht haben, die weit davon ent­fernt ist, eine phan­ta­sti­sche Erzäh­lung zu sein.

In sei­nem Werk De obitu Theo­dosii (395) berich­tet der Kir­chen­va­ter und Kir­chen­leh­rer Ambro­si­us, Bischof von Mai­land, wie die Kai­se­rin Hele­na auf Wunsch ihres Soh­nes Kon­stan­tin nach Jeru­sa­lem gereist sei und dort mit Hil­fe des Hei­li­gen Gei­stes auf Gol­ga­tha das Kreuz Chri­sti gefun­den habe. Bereits eini­ge Jah­re zuvor (390) hat­te ein ande­rer Kir­chen­va­ter, der hei­li­ge Johan­nes Chry­so­sto­mus, die Reli­quie erwähnt (Homi­li­en zum Johan­nes­evan­ge­li­um, 85). Die hei­li­ge Hele­na wird fer­ner vom hei­li­gen Bischof Pau­li­nus von Nola im Jah­re 402 sowie vom Mönch und Kir­chen­schrift­stel­ler Rufi­nus von Aqui­le­ja (einem Freund und Mit­schü­ler des hei­li­gen Hie­ro­ny­mus) im Jah­re 403 genannt; bei­de berich­ten, daß sie jeweils von Juden bezie­hungs­wei­se von Bischof Maka­ri­us unter­stützt wor­den sei.

Der hei­li­ge Rufi­nus erzählt, daß die hei­li­ge Hele­na, „durch gött­li­che Visio­nen ermahnt“, nach Jeru­sa­lem gereist ist, um die Stät­te zu suchen, an wel­cher Jesus gekreu­zigt wor­den war. Die Kai­se­rin konn­te Gol­ga­tha des­halb aus­fin­dig machen, weil sich dort eine Venus­sta­tue befand, die Kai­ser Hadri­an nach der Zer­stö­rung Jeru­sa­lems hat­te errich­ten las­sen, um den Kult der ersten Chri­sten zu unter­drücken und der Erin­ne­rung an den genau­en Ort der Oster­er­eig­nis­se des Erlö­sers zu spot­ten. Die hei­li­ge Hele­na ließ den Ort rei­ni­gen, und nach­dem die Trüm­mer bis in die Tie­fe besei­tigt wor­den waren, fand man drei Kreu­ze, die unge­ord­net nie­der­ge­legt waren. Da Unge­wiß­heit dar­über bestand, wel­ches der drei das wah­re Holz des Hei­les sei, hat­te Bischof Maka­ri­us die Ein­ge­bung, die Kreu­ze in das Haus einer schwer­kran­ken Frau brin­gen zu las­sen, um fest­zu­stel­len, wel­ches von ihnen wun­der­tä­ti­ge Kraft besit­ze. Nach­dem die ersten bei­den Kreu­ze auf den Leib der Ster­ben­den gelegt wor­den waren, trat kei­ner­lei Wir­kung ein; als man ihr jedoch das drit­te näher­te, öff­ne­te sie plötz­lich die Augen und begann, „weit leb­haf­ter, als sie es selbst in gesun­den Tagen gewe­sen war, im gan­zen Hau­se umher­zu­ge­hen und die Macht Got­tes zu prei­sen“. Ande­re Quel­len berich­ten von Leich­na­men, die auf die drei Kreu­ze gelegt wur­den, wobei eines der­sel­ben die Toten wie­der zum Leben erweckte.

Ein Manu­skript aus karo­lin­gi­scher Zeit bezeugt die Über­lie­fe­rung der Auf­fin­dung; eben­so wer­den in den Cano­nes con­ci­li­o­rum von Ver­cel­li um das Jahr 800 die Doku­men­te der Kon­zi­li­en des 4. und 5. Jahr­hun­derts durch Zeich­nun­gen ein­ge­lei­tet, die sich auf die Über­lie­fe­rung der Auf­fin­dung des Hei­li­gen Kreu­zes bezie­hen. Text und Illu­stra­tio­nen ent­stan­den in der Diö­ze­se Mai­land – wobei an das grund­le­gen­de Zeug­nis des hei­li­gen Ambro­si­us erin­nert sei.

Um das Jahr 620 raub­te der Per­ser­kö­nig Chosrau II. die Reli­quie aus Jeru­sa­lem; Kai­ser Hera­kli­us gewann sie jedoch in Kte­si­phon, im heu­ti­gen Iran, zurück, nach­dem er den sas­sa­ni­di­schen Groß­kö­nig in des­sen astro­lo­gi­schem Palast­tem­pel ent­haup­tet hat­te. Der Sohn Chosraus bekehr­te sich zum Chri­sten­tum, und Hera­kli­us kehr­te sieg­reich mit dem Hei­li­gen Kreuz nach Jeru­sa­lem zurück. Die Rück­füh­rung der Reli­quie war von einem Wun­der beglei­tet: Ein Engel ver­wehr­te den Zugang durch das Gol­de­ne Tor der Stadt so lan­ge, bis der byzan­ti­ni­sche Kai­ser bereit war, demü­tig und bar­fuß die Reli­quie zur Gra­bes­kir­che zurück­zu­brin­gen. Aus die­sen Ereig­nis­sen ent­stand der Kult der Kreuz­erhö­hung, die am 14. Sep­tem­ber gefei­ert wird; dank des hei­li­gen Hra­ba­nus Mau­rus kön­nen wir die Kreuz­erhö­hung durch sein bewun­derns­wer­tes lite­ra­ri­sches Werk De lau­di­bus Sanc­tae Cru­cis (813–814) nach­emp­fin­den, das spä­ter ver­schie­de­nen Bischö­fen und Päp­sten sowie Kai­ser Lud­wig dem From­men gewid­met wur­de. Die dort ver­faß­ten car­mi­na figu­ra­ta behan­deln unter Ver­bin­dung von Wort und Bild beson­de­re Aspek­te des einen gro­ßen zen­tra­len The­mas: des Lob­prei­ses des Hei­li­gen Kreu­zes Christi.

Die Ver­bin­dung zwi­schen dem Kreuz und dem Lig­num vitae – dem Baum des Lebens – wur­de bereits in früh­christ­li­chen Meta­phern her­ge­stellt. Das Holz des Hei­li­gen Kreu­zes ist das Werk­zeug des ewi­gen Lebens; es ist der Baum des Sie­ges über Sün­de und Tod; es ist der Altar, auf wel­chem das Lamm zur Ret­tung vie­ler geop­fert wurde.

Bedeut­sam und auf­schluß­reich ist, daß die Kir­che am Tag nach dem 3. Mai das lit­ur­gi­sche Gedächt­nis des Hei­li­gen Grab­tu­ches fei­ert. Im Jah­re 1506 ent­sprach Papst Juli­us II. dem lit­ur­gi­schen Gesuch bezüg­lich des Hei­li­gen Lin­nens, das Zeug­nis ablegt von Lei­den, Tod und Auf­er­ste­hung Jesu Chri­sti. Die­ses Gesuch war von Her­zog Karl II. von Savoy­en und des­sen Mut­ter, Her­zo­gin Clau­di­ne von Bros­se, an Rom gerich­tet wor­den und durch eine Dele­ga­ti­on über­bracht wor­den, bestehend aus Mon­si­gno­re Lui­gi di Gor­re­vod, Bischof von Mau­ri­en­ne, sowie Man­fre­do di Saluz­zo, Andrea Pro­va­na und Filip­po Chevrier.

Am 9. Mai bil­lig­te der Papst mit der Bul­le Salubria vota den öffent­li­chen Kult des Hei­li­gen Grab­tu­ches und setz­te hier­für ein eige­nes Fest mit hei­li­ger Mes­se und eige­nem lit­ur­gi­schem Offi­zi­um ein. Als Datum wur­de der 4. Mai fest­ge­legt, also der Tag unmit­tel­bar nach jenem, an wel­chem die Kir­che der Inven­tio Cru­cis gedachte.

*Cri­sti­na Sic­car­di, Histo­ri­ke­rin und Publi­zi­stin, zu ihren jüng­sten Buch­pu­bli­ka­tio­nen gehö­ren „L’inverno del­la Chie­sa dopo il Con­ci­lio Vati­ca­no II“ (Der Win­ter der Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Ver­än­de­run­gen und Ursa­chen, 2013); „San Pio X“ („Der hei­li­ge Pius X. Das Leben des Pap­stes, der die Kir­che geord­net und erneu­ert hat“, 2014), „San Fran­ces­co“ („Hei­li­ger Fran­zis­kus. Eine der am mei­sten ver­zerr­ten Gestal­ten der Geschich­te“, 2019), „Quella mes­sa così mar­to­ria­ta e per­se­gui­ta­ta, eppur così viva!“ „Die­se so geschla­ge­ne und ver­folg­te und den­noch so leben­di­ge Mes­se“ zusam­men mit P. Davi­de Pagli­a­ra­ni, 2021), „San­ta Chia­ra sen­za fil­tri“ („Die hei­li­ge Kla­ra unge­fil­tert. Ihre Wor­te, ihre Hand­lun­gen, ihr Blick“, 2024), 

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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