Die Internationale Marianische Vereinigung hat ihre Forderung nach einer offiziellen Klarstellung durch das Dikasterium für die Glaubenslehre bekräftigt. Anlaß ist die umstrittene Lehrnote Mater populi fidelis, die nach Ansicht der Vereinigung gravierende mariologische Mängel und inhaltliche Unschärfen aufweist.
Bereits am 8. Dezember 2025 hatte das Exekutivkomitee der Vereinigung eine umfangreiche, rund 23 Seiten umfassende Stellungnahme veröffentlicht. Darin analysierte eine internationale Kommission von über 45 Theologen die Lehrnote kritisch und bat um entsprechende Präzisierungen und Korrekturen. Da eine Antwort ausblieb, wurde nun mit Schreiben vom 19. März 2026 erneut an das Dikasterium appelliert.
Im Kern wirft die Vereinigung dem Dokument vor, zentrale Aussagen der kirchlichen Marienlehre zu verkürzen, abzuschwächen oder in einzelnen Fällen sogar in Spannung zu früheren lehramtlichen Aussagen zu stehen. Dies betreffe sowohl vor- als auch nachkonziliare Lehrentwicklungen sowie grundlegende Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Kritik versteht sich ausdrücklich als Beitrag zu einem „respektvollen synodalen Dialog“ und als Teil der theologischen Verantwortung, wie sie auch in kirchlichen Dokumenten beschrieben wird.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der historische Vergleich, den die Vereinigung in ihrem Schreiben anführt: Lehramtliche Dokumente seien in der Vergangenheit durchaus korrigiert worden. Als Beispiel wird eine Instruktion des Heiligen Offiziums aus dem Jahr 1866 genannt, die die Sklaverei nicht als grundsätzlich unvereinbar mit Natur- und göttlichem Recht bezeichnete. Diese Position wurde durch päpstliche Lehräußerungen revidiert – zunächst durch Leo XIII. und schließlich noch einmal explizit durch Johannes Paul II., der Sklaverei als „in sich schlecht“ einstufte. Daraus leitet die Vereinigung die Möglichkeit und Notwendigkeit ab, auch gegenwärtige lehramtliche Texte kritisch zu prüfen und gegebenenfalls zu präzisieren.
Vor diesem Hintergrund fordert das Exekutivkomitee erneut eine offizielle Stellungnahme des Dikasteriums. Es gehe nicht nur um eine interne theologische Debatte, sondern um die Glaubensunterweisung der Kirche insgesamt. Die Klärung sei daher im Interesse des „Volkes Gottes weltweit“.
Nachfolgend das vollständige Schreiben:
An den Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre
Kardinal Víctor Manuel Fernández
19. März 2026
Hochfest des heiligen Joseph
Eure Eminenz,
mit allem gebotenen Respekt wenden wir uns an Sie, um Ihre Aufmerksamkeit auf unsere frühere Mitteilung vom 8. Dezember 2025 zu lenken. Darin hat die Theologische Kommission der Internationalen Marianischen Vereinigung (IMATC), eine internationale Gruppe von mehr als 45 Theologen, dem Heiligen Stuhl einen 23seitigen mariologischen Kommentar sowie eine Kritik an der lehrmäßigen Note des Dikasteriums vom 4. November 2025, Mater Populi Fidelis (MPF), vorgelegt.
In unserem Kommentar haben wir zahlreiche Aussagen mariologischer Art in MPF aufgezeigt, die Auslassungen, Verharmlosungen oder in einigen Fällen sogar Widersprüche zu früheren marianischen Lehräußerungen des päpstlichen Lehramtes darstellen – sowohl aus vor- als auch aus nachkonziliarer Zeit. Wir haben dies als Ausdruck eines respektvollen synodalen Dialogs und im Streben nach bestmöglicher theologischer Klärung zum Wohl der Kirche getan. Diese Verantwortung der Theologen wird im Dokument des Dikasteriums Donum Veritatis (Nr. 30) ausdrücklich benannt.
Wir sind der Überzeugung, daß diese Klarstellungen und Korrekturen notwendig sind, um eine mariologische Hermeneutik der Kontinuität zu gewährleisten – sowohl im Hinblick auf die marianischen Lehren des päpstlichen Lehramtes vor und nach dem Konzil als auch auf die wesentlichen mariologischen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Bedauerlicherweise hat die IMATC bislang keinerlei Antwort von Ihrem Dikasterium erhalten.
Aus der Geschichte wissen wir, daß Lehrnoten des Heiligen Offiziums (heute DDF) mitunter einer Korrektur bedurften und tatsächlich durch direkte lehramtliche Aussagen der Päpste korrigiert wurden. So erklärte etwa eine Instruktion des Heiligen Offiziums aus dem Jahr 1866 zur Sklaverei: „Die Sklaverei selbst, als solche in ihrem Wesen betrachtet, ist keineswegs dem Natur- und göttlichen Recht entgegengesetzt“. Später korrigierte Papst Leo XIII. diesen lehrmäßigen Irrtum mit den Worten: „Der Zustand der Sklaverei … ist zutiefst beklagenswert … und steht in völligem Gegensatz zu dem, was ursprünglich von Gott und der Natur vorgesehen war.“ Schließlich erklärte Papst Johannes Paul II. die Sklaverei ausdrücklich als eine Praxis, die ihrem Wesen nach „in sich schlecht“ ist (Veritatis Splendor, Nr. 80).
Eure Eminenz, daher bitten wir Sie respektvoll um eine Antwort auf den Kommentar der IMATC zu Mater Populi Fidelis sowie auf die Bitten des Volkes Gottes weltweit hinsichtlich der festgestellten Mängel dieser Lehrnote – in Form einer offiziellen Klarstellung.
Hochachtungsvoll
Exekutivkomitee der Internationalen Marianischen Vereinigung
Text/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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