Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem kündigte angesichts der anhaltenden Kriegslage tiefgreifende Einschränkungen für die diesjährigen Feiern der Karwoche an. In einer Mitteilung wird deutlich, daß zentrale liturgische Zelebrationen aufgrund der staatlichen Einschränkungen durch die israelischen Behörden entweder abgesagt oder verschoben werden müssen – ein Schritt, der die außergewöhnliche Belastung der christlichen Gemeinschaft im Heiligen Land unterstreicht und zugleich die seit Jahren prekäre Lage der dortigen Christen weiter verschärft.
Im Zentrum der Erklärung steht die ernüchternde Feststellung, daß „aufgrund des Krieges es uns in diesem Jahr nicht möglich gewesen ist, den traditionellen Weg der Fastenzeit in Jerusalem zu leben“. Zwar hätten sich die Gläubigen individuell im Gebet vorbereiten können, doch „haben wir den gemeinschaftlichen Weg auf Ostern hin verloren“. Gerade mit Blick auf die bevorstehende Karwoche, „das schlagende Herz unseres Glaubens“, stelle sich nun die Frage, in welcher Form deren Feier überhaupt möglich sei.
Diese Entwicklung fügt sich in ein Gesamtbild ein, das bereits seit Jahren von Beobachtern und kirchlichen Medien beschrieben wird. So wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß die christliche Präsenz im Heiligen Land durch Abwanderung, wirtschaftlichen Druck und politische Spannungen kontinuierlich abnimmt. Die jüngste Eskalation des Konflikts durch den Angriff Israels und der USA auf den Iran hat diese Tendenzen weiter verstärkt. Seit dem 28. Februar werden die Gläubigen am Zugang zur Grabeskirche in Jerusalem gehindert.
Die gegenwärtigen Umstände lassen wenig Spielraum für Optimismus. „Die durch den Konflikt auferlegten Einschränkungen und die Ereignisse der letzten Tage lassen keine unmittelbare Verbesserung erwarten“, heißt es in der Erklärung. In enger Abstimmung mit den israelischen Behörden und anderen christlichen Kirchen bemühe man sich zwar um Lösungen, doch bleibe die Lage dynamisch, sodaß „keine endgültigen Hinweise für die kommenden Tage gegeben werden können“ und eine Koordination „von Tag zu Tag“ erforderlich sei.
Konkrete Entscheidungen betreffen zwei der wichtigsten liturgischen Ereignisse: Die traditionelle Palmsonntagsprozession vom Ölberg nach Jerusalem entfällt in diesem Jahr vollständig. Stattdessen soll „ein Moment des Gebets in der Stadt Jerusalem, an einem noch festzulegenden Ort“ stattfinden. Auch die Chrisammesse wird nicht wie üblich gefeiert, sondern „auf einen noch zu bestimmenden Zeitpunkt verschoben“, voraussichtlich in die Osterzeit und mit Zustimmung der zuständigen vatikanischen Stellen.
Gerade die Palmsonntagsprozession gilt seit Jahrzehnten als sichtbares Zeichen der lebendigen christlichen Präsenz in Jerusalem. Ihr Ausfall ist daher nicht nur eine organisatorische Maßnahme, sondern besitzt auch eine hohe symbolische Bedeutung. In früheren Jahren war sie immer wieder auch von politischen Spannungen begleitet, blieb jedoch Ausdruck der Hoffnung und des öffentlichen Glaubenszeugnisses.
Trotz dieser Einschränkungen bleiben die Kirchen der Diözese geöffnet. Seelsorger seien angehalten, „in den möglichen Formen und Modalitäten alles zu tun, um das Gebet und die Teilnahme der Gläubigen an den Osterfeiern zu fördern“. Dennoch wiegt der Verzicht auf die gemeinsamen Feiern schwer: „Zur Härte dieser Zeit des Krieges, die uns alle betrifft, kommt heute auch die hinzu, daß wir Ostern nicht gemeinsam und würdig feiern können. Das ist eine Wunde, die sich zu so vielen anderen vom Konflikt zugefügten gesellt.“
Die Kirchen bleiben offen, die Grabeskirche wurde aber von den israelischen Behörden geschlossen. Heute ist der 25. Tag, daß Gläubigen der Zugang zum Heiligtum, das Golgotha und das Heilige Grab umschließt, verwehrt ist. Es gab noch keine Zeit, in der die Basilika so lange geschlossen war.
Kirchliche Stimmen haben in den vergangenen Monaten immer wieder darauf hingewiesen, daß die Christen im Heiligen Land in besonderer Weise zwischen die Fronten geraten. Neben den unmittelbaren Gefahren durch Gewaltakte seien es auch wirtschaftliche Einbußen – etwa durch den Ausfall von Pilgerströmen –, die das kirchliche Leben beeinträchtigen. Christliche Familien verlieren ihre Existenzgrundlage, was die ohnehin starke Abwanderung weiter beschleunige.
Gleichzeitig ruft das Patriarchat zur geistlichen Standhaftigkeit auf. „Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Wenn wir uns nicht so versammeln können, wie wir es möchten, verzichten wir nicht auf das Gebet.“ In diesem Zusammenhang wird an die Worte Jesu erinnert: „Betet allezeit, ohne nachzulassen“ (Lk 18,1).
Als Zeichen der Verbundenheit soll ein besonderer Gebetstag dienen: Die Gläubigen sind eingeladen, am Samstag, dem 28. März, den Rosenkranz zu beten, „um die Gabe des Friedens und der Gelassenheit zu erflehen, besonders für alle, die unter dem Konflikt leiden“. Auch wenn räumlich getrennt, könne das gemeinsame Gebet „auf die Kraft der Liebe Gottes zurückgreifen, die uns im Geist der Hoffnung und des Vertrauens vereint“.
Die Botschaft schließt mit einem österlichen Ausblick, der trotz aller Dunkelheit Zuversicht formuliert: „Keine Finsternis, nicht einmal die des Krieges, kann das letzte Wort haben. Das leere Grab ist das Siegel des Sieges des Lebens über den Haß.“ Gerade diese Perspektive sei es, so wird in kirchlichen Stellungnahmen immer wieder betont, die den Christen im Heiligen Land Halt gebe – auch unter Bedingungen, die das öffentliche kirchliche Leben massiv einschränken.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/lpj.org (Screenshots)
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