Der Fall des exkommunizierten Erzbischofs Carlo Maria Viganò wirft ein Schlaglicht auf die intransparente Praxis päpstlicher Audienzen im Vatikan. Während immer wieder auch umstrittene, aber zeitgeistige Persönlichkeiten Zugang zum Papst erhalten, blieb einem Kirchenmann, der sich unter Franziskus offen gegen die kirchliche Autorität gestellt hatte, aber die Glaubenswahrheiten verteidigt, eine bereits zugesagte Begegnung mit dem Leo XIV. verwehrt.
Erzbischof Viganò, ehemaliger Apostolischer Nuntius in den USA, wurde am 5. Juli 2024 exkommuniziert, da er, so die römische Entscheidung, die Gemeinschaft mit Papst Franziskus verlassen habe. Tatsächlich gehört der ehemalige vatikanische Spitzendiplomatden seit dem Sommer 2018 zu den schärfsten Kritikern der römischen Kirchenleitung. Der Konflikt war am Fall von Theodore McCarrick ausgebrochen, einem ehemaligen Kardinal und emeritierten Erzbischof von Washington, dem Homosexualität und Päderastentum zum Vorwurf gemacht wurde, den aber Franziskus zu einem seiner engsten Vertrauten in Sachen USA gemacht hatte. In der Vergangenheit bezeichnete Msgr. Viganò den vormaligen Franziskus gar als „Antichristen“. Der Diplomat übt deutliche Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil und erhebt regelmäßig schwerwiegende Vorwürfe gegen führende Vertreter der Römischen Kurie.
Umso bemerkenswerter ist sein jüngster Versuch, eine Audienz beim neuen Papst Leo XIV. zu erlangen. Nach eigenen Angaben wandte sich Msgr. Viganò erstmals kurz nach dem Konklave, im Juni 2025, in einem persönlichen Schreiben an das neue Kirchenoberhaupt, dessen Inhalt er als „äußerst sensibel“ beschreibt. Nachdem eine Antwort ausblieb, erneuerte er im August desselben Jahres seine Anfrage über die Präfektur des Päpstlichen Hauses.
Tatsächlich erhielt er im September eine Zusage: Für den 11. Dezember 2025 wurde ihm ein Audienztermin in der Bibliothek des Apostolischen Palastes bestätigt. Doch nur zwei Tage vor dem geplanten Treffen folgte die überraschende Absage. Offizielle Gründe wurden nicht genannt. Der zuständige Kurienvertreter, Msgr. Leonardo Sapienza, seit 2012 Regent der Präfektur des Päpstlichen Hauses, habe laut Erzbischof Viganò lediglich vage und wenig überzeugende Erklärungen geliefert und eine spätere Neuansetzung in Aussicht gestellt.
Ein neuer Termin wurde aber bis heute nicht angesetzt. Weitere Kontaktversuche Msgr. Viganòs verliefen im Sande. Auch ein Einschalten des einflußreichen Kardinaldekans Giovanni Battista Re brachte keine konkrete Lösung. Zwar habe dieser Verständnis signalisiert, zugleich aber angedeutet, daß die Zurückhaltung des Papstes weniger organisatorische als vielmehr inhaltliche Gründe habe. Ohne erkennbare Änderung in Viganòs Haltung als Vorbedigung sei eine Begegnung offenbar schwer vorstellbar, so der Kardinaldekan.

Der ehemalige Nuntius interpretiert seine Exkommunikation als ungerecht und betrachtet sie als eine Art modernes Äquivalent zur antiken Verbannung. Gleichwohl hält er an seinem Wunsch fest, persönlich mit dem Papst zu sprechen – bislang ohne Erfolg.
Der Vorgang illustriert eine auffällige Spannung: Während der Vatikan nach außen hin den Dialog mit unterschiedlichsten Akteuren betont, werden im innerkirchlichen Konfliktfall andere Maßstäbe angewandt und klare Grenzen gezogen.
Gerade gegenüber einem innerkirchlichen Kritiker wie Erzbischof Viganò wird deutlich, daß die Bereitschaft zum Gespräch dort endet, wo Loyalitätsfragen berührt sind.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/X/Arcivescovo Carlo Maria Viganò (Screenshots)

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