Turbulenter Amstantritt für den neuen Substituten des Kardinalstaatssekretärs

Dossier über Edgar Pena Parra sorgt im Vatikan für Unruhe

Der neue Substitut des Kardinalstaatssekretärs konnte seine Stelle noch gar nicht antreten und steht bereits im Kreuzfeuer eines anonymen Dossiers.
Der neue Substitut des Kardinalstaatssekretärs konnte seine Stelle noch gar nicht antreten und steht bereits im Kreuzfeuer eines anonymen Dossiers.

(Rom) Heu­te wird der Vati­kan­di­plo­mat Edgar Pena Par­ra sei­ne Stel­le als neu­er Sub­sti­tut des Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs antre­ten. Der Vene­zo­la­ner wur­de am ver­gan­ge­nen 15. August von Papst Fran­zis­kus zum Nach­fol­ger von Kuri­en­erz­bi­schof Ange­lo Becciu ernannt. Seit eini­gen Tagen sorgt ein Dos­sier über den neu­en Sub­sti­tu­ten für Unbe­ha­gen im Vati­kan. Droht nach dem Skan­dal McCarrick und dem Skan­dal Coc­co­pal­me­rio bereits der näch­ste Skan­dal, der das Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus erschüt­tert?

Nach­dem sich das Ver­hält­nis zwi­schen Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin und sei­nem Sub­sti­tu­ten Becciu immer mehr zer­rüt­te­te, aber bei­de Ver­trau­te des Pap­stes sind, griff Fran­zis­kus im ver­gan­ge­nen Mai zum Mit­tel der Weg­be­för­de­rung. Er ernann­te Becciu zum Prä­fek­ten der Hei­lig­spre­chungs­kon­gre­ga­ti­on und zugleich zum Kar­di­nal.

Von Maracaibo über Maputo nach Rom

Titu­lar­erz­bi­schof Edgar Pena Par­ra stammt aus dem Erz­bis­tum Mara­cai­bo und wur­de 1985 zum Prie­ster geweiht. Nach dem Stu­di­um des Kir­chen­rechts absol­vier­te er die vati­ka­ni­sche Diplo­ma­ten­aka­de­mie und trat 1993 in den Diplo­ma­ti­schen Dienst des Hei­li­gen Stuhls. 2011 erlang­te er den Rang eines Apo­sto­li­schen Nun­ti­us. Zuletzt ver­trat er den Hei­li­gen Stuhl in Mosam­bik.

„Jen­seits des Tibers kur­siert seit Wochen ein Dos­sier über ein angeb­lich unmo­ra­li­sches Ver­hal­ten des Prä­la­ten“, so das Wochen­ma­ga­zin L’Espresso.

Papst Franziskus und Nuntius Pena Parra Substitut
Papst Fran­zis­kus und Nun­ti­us Pena Par­ra Sub­sti­tut

Der Arti­kel stammt nicht von San­dro Magi­ster, dem Vati­ka­ni­sten des Blat­tes, son­dern vom Ent­hül­lungs­jour­na­li­sten Emi­lia­no Fit­ti­pal­di. Fit­ti­pal­di saß bereits wegen des Vati­leaks 2-Skan­dals auf der Ankla­ge­bank des Vati­kans, wur­de aber frei­ge­spro­chen.

Das enge­re Umfeld von Fran­zis­kus sieht im Dos­sier einen „neu­en Hin­ter­halt der kon­ser­va­ti­ven Front“ gegen den Papst, so L’Espresso.

Die Ernen­nung zum Sub­sti­tu­ten macht aus dem Vati­kan­di­plo­ma­ten die Num­mer Drei in der römi­schen Hier­ar­chie. Er kommt gleich hin­ter dem Papst und dem Kar­di­nal­staats­se­kre­tär. Für Pena Par­ra bedeu­tet das einen gro­ßen Kar­rie­re­sprung von der Peri­phe­rie in das Zen­trum der Welt­kir­che. Wegen der Bedeu­tung des Amtes sei die Ernen­nung „äußerst hei­kel“, so das Wochen­ma­ga­zin.

Mit der Beru­fung des Diplo­ma­ten über­rasch­te Fran­zis­kus die römi­sche Hier­ar­chie, da Pena Par­ra im Vati­kan mehr oder weni­ger unbe­kannt ist. „Wäh­rend der Nun­ti­us in Rom wie ein Mars­mensch erscheint, ken­nen ihn in Vene­zue­la hin­ge­gen vie­le“, so L‘Espresso. Nicht alle schät­zen ihn jedoch.

Pena Parra im Viganò-Dossier

Zu letz­te­ren gehört Nun­ti­us Car­lo Maria Viganò, der ehe­ma­li­ge Apo­sto­li­sche Nun­ti­us in den USA und Autor des Viganò-Dos­siers, das am 26. August ver­öf­fent­licht wur­de und die Kir­chen­füh­rung in erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten brach­te. Viganò beschul­digt dar­in Papst Fran­zis­kus, vom Homo-Dop­pel­le­ben von Kar­di­nal Theo­do­re McCarrick gewußt zu haben, und das seit Juni 2013, aber McCarrick zu sei­nem Ver­trau­ten für die USA gemacht zu haben, anstatt gegen ihn vor­zu­ge­hen Nun­ti­us Viganò for­dert seit­her den Rück­tritt von Fran­zis­kus.

In sei­nem Dos­sier fin­det sich auch ein Hin­weis auf Pena Par­ra. Viganò schreibt dar­in, daß der Vene­zo­la­ner eine enge Ver­bin­dung zum Pri­mas von Hon­du­ras, Kar­di­nal Oscar Rodri­guez Mara­dia­ga habe. Von 2003–2007 war er an der Nun­tia­tur in Tegu­cig­al­pa tätig. Kar­di­nal Mara­dia­ga steht selbst im Mit­tel­punkt eines Skan­dals, in dem er bis­her heil bleib, aller­dings Ende Juli sei­nen Weih­bi­schof opfern muß­te, des­sen Homo-Dop­pel­le­ben auf­ge­flo­gen war. Offi­zi­ell wur­de Weih­bi­schof Pine­da auf eige­nen Wunsch eme­ri­tiert. Auf die­se Wei­se soll­te jeder Ver­dacht von Kar­di­nal Mara­dia­ga fern­ge­hal­ten wer­den, so Kri­ti­ker. Wört­lich schreibt Viganò zu Pena Par­ra:

„Zustän­dig für die Päpst­li­chen Ver­tre­tun­gen waren besorg­nis­er­re­gen­de Infor­ma­tio­nen, die ihn betref­fen, zu mir gedrun­gen“.

Der Apo­sto­li­sche Nun­ti­us führt in sei­nem Dos­sier nicht näher aus, um wel­che „besorg­nis­er­re­gen­den Infor­ma­tio­nen“ es sich dabei han­del­te. „Sicher ist, daß nicht nur Viganò Zwei­fel an der Ent­schei­dung von Fran­zis­kus hat“, so das Wochen­ma­ga­zin.

Das Dossier Pena Parra

Neun Tagen nach Pena Parras Ernen­nung, so das Blatt in dem gestern erschie­ne­nen Arti­kel, ver­faß­te jemand einen „sehr har­ten Bericht über angeb­li­ches unmo­ra­li­sches Ver­hal­ten des Prie­sters“. Dem Bericht wur­den eini­ge Pho­to­ko­pien von Schrift­stücken bei­gelegt, die vom dama­li­gen Erz­bi­schof von Mara­cai­bo, Dom­in­go Roa Perez, unter­zeich­net sind. Sie bezie­hen sich auf Zwei­fel und schwer­wie­gen­de Anschul­di­gun­gen gegen den dama­li­gen Semi­na­ri­sten Edgar Pena Par­ra. Msgr. Roa Perez war von 1961 bis 1992 Erz­bi­schof von Mara­cai­bo in Vene­zue­la. 2000 ist er gestor­ben.

Das Dos­sier Pena Par­ra umfaßt 25 Sei­ten und ist unter­zeich­net mit „Lai­en des Erz­bis­tums Mara­cai­bo“. Vor weni­gen Tagen wur­de es mit­tels E‑Mail meh­re­rer Prä­la­ten zuge­lei­tet, die sofort Papst Fran­zis­kus infor­mier­ten – und den Espres­so.

Kern des Dos­siers ist ein Schrei­ben von 1985, gezeich­net von Erz­bi­schof Roa Perez, an den dama­li­gen Regens des erz­bi­schöf­li­chen Prie­ster­se­mi­nars von San Cri­sto­bal, das vom jun­gen Pena Par­ra besucht wur­de. Nach sei­nem Phi­lo­so­phie­stu­di­um hat­te er 1985 gera­de sein Theo­lo­gie­stu­di­um abge­schlos­sen. Für August war sei­ne Prie­ster­wei­he vor­ge­se­hen. Erz­bi­schof Roa Perez, „der bereits seit eini­ger Zeit Zwei­fel über den Kan­di­da­ten heg­te, hat­te gera­de ein anony­mes Schrei­ben erhal­ten“, L’Es­pres­so. Die Anga­ben sind so kon­kret, daß er sie ernst genug nimmt, um sich Klar­heit ver­schaf­fen zu wol­len.

Der Erz­bi­schof infor­mier­te den Regens von San Cri­sto­bal, Pio Leon Car­de­nas, daß die Berich­te über das Ver­hal­ten des jun­gen Pena Par­ra „ziem­lich nega­tiv waren“, wes­halb man ihn zwar nicht aus dem Semi­nar ent­las­sen, aber auch nicht dort fort­set­zen las­sen woll­te“. In der Hoff­nung, daß die Situa­ti­on nicht so schwer­wie­gend sei, ent­schied man, ihn in ein ande­res Semi­nar zu schicken, wo er die Stu­di­en fort­zu­set­zen hat­te, und ihn unter beson­de­re Beob­ach­tung zu stel­len. Aus Cara­cas, wo er nun Theo­lo­gie stu­dier­te, kamen „recht posi­ti­ve Berich­te“, sodaß die Ent­schei­dung anstand, ihn zum Dia­ko­nat und kurz dar­auf zur Prie­ster­wei­he zuzu­las­sen. „Nun erreich­te mich ein anony­mes Schrei­ben aus Cara­cas in dem es heißt, daß Pena Par­ra nach dem drit­ten Jahr aus dem Prie­ster­se­mi­nar von San Cri­sto­bal ent­las­sen wur­de: wegen Homo­se­xua­li­tät.“ Die Sache sei des­halb nicht bekannt gewor­den, weil ein Prie­ster des Erz­bis­tums den Bericht über Pena Par­ra gefälscht habe.

Intrige oder Wahrheit?

Der Erz­bi­schof been­de­te sein Schrei­ben an den Regens mit dem Satz: „Ich weiß nicht, ob es sich um eine Intri­ge han­delt. Sie wer­den ver­ste­hen, wel­che inne­re Not mich befällt. Ich brau­che drin­gend Prie­ster, aber ich kann kein ‚erbärm­li­cher Gott­lo­ser‘ sein, wie ein Hei­li­ger der Kir­che sagt, indem er sich auf die Wei­he jener bezieht, die ein­deu­tig unwür­dig sind. Wie gesagt: Es kann sich um eine Intri­ge han­deln, aber es kann auch wahr sein, was der anony­me Schrei­ber mit Nach­druck behaup­tet. Ich bit­te Sie mit Vehe­menz“, die Sache zu über­prü­fen.

Tat­sa­che ist, daß Pena Par­ra zum Prie­ster geweiht wur­de. Für Erz­bi­schof Roa Perez schei­nen sich die Ver­dachts­mo­men­te nicht erhär­tet zu haben. Spielt nun jemand mit getürk­ten Kar­ten, um dem neu­en Sub­sti­tu­ten zu scha­den?

L’Espresso ersuch­te das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt um eine Stel­lung­nah­me zum Dos­sier, vor allem was sei­ne Echt­heit betrifft, ohne eine Ant­wort zu erhal­ten.

„Es ist aber Tat­sa­che, daß der Papst, nach­dem er über das Dos­sier infor­miert wur­de, mit Ent­schie­den­heit erklär­te, nicht an die Stich­hal­tig­keit der Anschul­di­gun­gen zu glau­ben.“

Fran­zis­kus habe sei­nen Ver­trau­ten erklärt, daß das Dos­sier „nach dem von Viganò ein wei­te­rer Angriff gegen ihn sei“.

Das päpst­li­che Umfeld sei sich daher sicher, daß es „immer die kon­ser­va­ti­ve Front ist, die ver­sucht, sein Lehr­amt und das Anse­hen sei­ner Getreue­sten zu dis­kre­di­tie­ren“.

Fit­ti­pal­di schließt mit einer erstaun­li­chen Bemer­kung:

„Vor eini­gen Tagen hat der Prä­fekt der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on, Marc Ouel­let, effi­zi­ent die schwer­wie­gend­sten Anschul­di­gun­gen des offe­nen Briefs von Viganò wider­legt. Die neue Ange­le­gen­heit zeigt, daß der Angriff gegen den Papst kei­nes­wegs been­det ist.“

Die Bemer­kung erstaunt, da Kar­di­nal Ouel­let Nun­ti­us Viganò zwar scharf rüg­te, zugleich aber inhalt­lich in zen­tra­len Punk­ten bestä­tig­te. Die Ver­tei­di­gung des Kar­di­nals liest sich mehr wie eine Ankla­ge gegen Fran­zis­kus, den er den Wor­ten nach ver­tei­digt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: L’Es­pres­so (Screen­shots)

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