Die Reform der Karwoche: Prolegomena

"Wichtigster Akt auf liturgischem Gebiet seit dem heiligen Pius V."


Pius XII. setzte 1955 mit der Reform der Karwoche den ersten Schritt zur großen Liturgiereform von 1969.
Pius XII. setzte 1955 mit der Reform der Karwoche den ersten Schritt zur großen Liturgiereform von 1969.

Von Cami­nan­te Wanderer*

Im Okto­ber 1949 setz­te die Riten­kon­gre­ga­ti­on eine Lit­ur­gie­kom­mis­si­on ein, die sich mit dem Römi­schen Ritus sowie mit etwa­igen durch­zu­füh­ren­den Refor­men und deren Not­wen­dig­keit befas­sen soll­te. Lei­der war die für eine der­ar­ti­ge Arbeit erfor­der­li­che Ruhe auf­grund des anhal­ten­den Drucks sei­tens der Epi­sko­pa­te Frank­reichs und Deutsch­lands nicht gege­ben, die mit größ­ter Dring­lich­keit und Nach­druck sofor­ti­ge Ände­run­gen ver­lang­ten. Die Sacra Ritu­um Con­gre­ga­tio und die Kom­mis­si­on sahen sich daher gezwun­gen, sich mit der Fra­ge der lit­ur­gi­schen Zei­ten der Kar­wo­che zu befas­sen, um den Bestre­bun­gen gewis­ser „auto­no­mer Fei­ern“, ins­be­son­de­re in bezug auf die Oster­nacht des Kar­sams­tags, Ein­halt zu gebie­ten. In die­sem Zusam­men­hang wur­de ein Doku­ment ad expe­ri­men­tum appro­biert, das die Zele­bra­ti­on der Riten des Kar­sams­tags in den Abend­stun­den erlaub­te: Es han­delt sich um den Ordo Sab­ba­ti Sanc­ti vom 9. Juni 1951.

In den Jah­ren 1948/​1949 wur­de die Kom­mis­si­on unter dem Vor­sitz des Kar­di­nal­prä­fek­ten Cle­men­te Mica­ra errich­tet, der 1953 durch Kar­di­nal Gaet­a­no Cico­gna­ni ersetzt wur­de. Ihr gehör­ten fer­ner Mon­si­gno­re Alfon­so Carin­ci sowie die Patres Josef Löw CSsR, Alfon­so Albare­da OSB, Augu­stin Bea SJ und Anni­ba­le Bug­nini CM an. Im Jah­re 1951 trat Mon­si­gno­re Enri­co Dan­te hin­zu, 1960 Mon­si­gno­re Pie­tro Frutaz, Don Lui­gi Rovi­gat­ti, Mon­si­gno­re Cesa­rio d’Amato und schließ­lich Pater Car­lo Bra­ga. Letz­te­rer war bereits seit eini­ger Zeit ein enger Mit­ar­bei­ter Anni­ba­le Bug­ninis und nahm in den Jah­ren 1955 und 1956, obwohl er noch kein offi­zi­el­les Mit­glied der Kom­mis­si­on war, an deren Arbei­ten teil (C. Bra­ga: Maxi­ma Redemp­tio­nis Nost­rae Myste­ria 50 anni dopo (1955–2005), in: Eccle­sia Orans Nr. 23 [2006], S. 11). Bra­ga erklärt aus­drück­lich, die Reform per­sön­lich mit­er­lebt und aktiv an den Arbei­ten mit­ge­wirkt zu haben. Gemein­sam mit Bug­nini ver­faß­te er auch die histo­risch-kri­ti­schen und pasto­ra­len Tex­te über die Kar­wo­che, näm­lich A. Bug­nini und C. Bra­ga: Ordo Heb­domadae Sanc­tae instau­ra­tus (Biblio­the­ca Eph­eme­ri­des Lit­ur­gi­cae, Sec­tio histo­ri­ca 25), Rom 1956, die gewis­ser­ma­ßen als eine Art „wis­sen­schaft­li­cher“ Frei­brief für die vor­ge­nom­me­nen Ände­run­gen dienten.

Die Kom­mis­si­on arbei­te­te im Gehei­men und unter dem Druck der mit­tel­eu­ro­päi­schen Epi­sko­pa­te. Das Maß der Geheim­hal­tung war so groß, daß die impro­vi­sier­te und uner­war­te­te Ver­öf­fent­li­chung des Ordo Sab­ba­ti Sanc­ti instau­ra­ti vom 1. März 1951 „selbst die Beam­ten der Riten­kon­gre­ga­ti­on über­rasch­te“, wie das Kom­mis­si­ons­mit­glied Anni­ba­le Bug­nini berich­tet (A. Bug­nini: La rif­or­ma lit­ur­gi­ca [1948–1975], Rom 1983, S. 19).

Es war eben jener Pater Bug­nini, der auch die eigen­tüm­li­che Wei­se erläu­ter­te, in der die Ergeb­nis­se der Kom­mis­si­ons­ar­bei­ten zur Kar­wo­che Papst Pius XII. unter­brei­tet wur­den, der durch Mon­si­gno­re Mon­ti­ni und dar­über hin­aus, ja sogar wöchent­lich, durch Pater Bea, den Beicht­va­ter Pius’ XII., auf dem lau­fen­den gehal­ten wur­de. Dank die­ses Ver­fah­rens konn­ten bemer­kens­wer­te Ergeb­nis­se erzielt wer­den, auch in Zei­ten, in denen die Krank­heit des Pap­stes es unmög­lich mach­te, sich ihm zu nähern (A. Bug­nini: La rif­or­ma lit­ur­gi­ca, a. a. O., S. 19).

Der Papst litt an einer schwe­ren Magen­krank­heit, die ihn zu einer lan­gen Rekon­va­les­zenz zwang; folg­lich war es nicht der Kar­di­nal­prä­fekt der Riten­kon­gre­ga­ti­on, der als Ver­ant­wort­li­cher der Kom­mis­si­on fun­gier­te, der ihn infor­mier­te, son­dern der dama­li­ge Mon­si­gno­re Mon­ti­ni sowie der spä­te­re Kar­di­nal Bea, der bei den nach­fol­gen­den Refor­men eine bedeu­ten­de Rol­le spie­len sollte.

Die Arbei­ten der Kom­mis­si­on fan­den 1955 ihren Abschluß, als am 16. Novem­ber das Dekret Maxi­ma redemp­tio­nis nost­rae myste­ria ver­öf­fent­licht wur­de, das zu Ostern des fol­gen­den Jah­res in Kraft tre­ten soll­te. Der Wel­tepi­sko­pat nahm die Neue­run­gen unter­schied­lich auf; über den auf­grund der päpst­li­chen Ent­schei­dung vor­herr­schen­den Tri­umph hin­aus fehl­te es nicht an Kla­gen über die ein­ge­führ­ten Neue­run­gen, ja es mehr­ten sich sogar die Bit­ten, den tra­di­tio­nel­len Ritus bei­be­hal­ten zu dür­fen. Doch die Lit­ur­gie­re­form war bereits in Gang gesetzt, und ihr Fort­gang soll­te sich – wie die fol­gen­de Ent­wick­lung zei­gen wür­de – nicht mehr auf­hal­ten lassen.

Zu den bekann­te­sten Per­sön­lich­kei­ten, die ihre Oppo­si­ti­on gegen die Reform zum Aus­druck brach­ten, zählt der Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler Léon Gro­mier, bekannt für sei­nen fun­dier­ten Kom­men­tar zum Cae­remo­nia­le Epis­co­po­rum; er war Con­sul­tor der Riten­kon­gre­ga­ti­on und der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on für die Reform der Kar­wo­che. Selbst Papst Johan­nes XXIII. fei­er­te am Kar­frei­tag 1959 in der Kir­che San­ta Cro­ce in Geru­sa­lem­me nach den über­lie­fer­ten Rubri­ken und unter Miß­ach­tung der Refor­men Pius’ XII., womit er zeig­te, daß er die ein­ge­führ­ten Unstim­mig­kei­ten nicht teil­te (vgl. die pho­to­gra­phi­sche Doku­men­ta­ti­on sowie die Bestä­ti­gung durch Mon­si­gno­re Dome­ni­co Bar­to­luc­ci1, der angab, von Mon­si­gno­re Dan­te den Auf­trag erhal­ten zu haben, die tra­di­tio­nel­len Riten beizubehalten).

In den fol­gen­den Bei­trä­gen wer­den wir im Detail dar­le­gen, wel­che Ver­än­de­run­gen durch die­se Reform ein­ge­führt wur­den, die Kar­di­nal Fer­di­nan­do Anto­nel­li als den 

„wich­tig­sten Akt auf lit­ur­gi­schem Gebiet seit dem hei­li­gen Pius V. bis in unse­re Tage“

bezeich­ne­te (F. Anto­nel­li: „La rif­or­ma lit­ur­gi­ca del­la Set­ti­ma­na San­ta: import­an­za, attua­li­tà, pros­pet­ti­ve“, in: La Restau­ra­zio­ne lit­ur­gi­ca nell’opera di Pio XII. Atti del pri­mo Con­gresso Inter­na­zio­na­le di Lit­ur­gia Pasto­ra­le, Assisi–Rom, 12.–22. Sep­tem­ber 1956, Genua 1957, S. 179–197).

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blogger.

Übersetzung/​Fußnote: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cami­nan­te Wanderer


  1. Dome­ni­co Bar­to­luc­ci (1917–2013), der Mae­stro der Cap­pel­la Musi­cale Pon­ti­fi­cia Sisti­na, wur­de 2010 von Papst Bene­dikt XVI. zum Kar­di­nal kre­iert. ↩︎

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