Zerrbild des Glaubens: Die neue Messe und ihre „Gabenbereitung“

Kleine Textreihe über die überlieferte Messe II


Kardinal Raymond Burke bei der Inzensierung des Altars zum Offertorium im überlieferten Römischen Ritus.
Kardinal Raymond Burke bei der Inzensierung des Altars zum Offertorium im überlieferten Römischen Ritus.

Von P. Joa­chim Heim­erl von Heimthal*

Wenn es stimmt, dass die „katho­li­sche Kir­che“ eine „neue“ Kir­che gewor­den ist und einen „neu­en“ Glau­ben lehrt, der mit dem über­lie­fer­ten Glau­ben ganz oder teil­wei­se gebro­chen hat, dann wird das nir­gend­wo deut­li­cher als in der Hei­li­gen Mes­se, aus der 1969 eben­falls eine „neue Mes­se“ gewor­den ist.

Dass die­se „neue Mes­se“ von der über­lie­fer­ten Mes­se abweicht, ist nicht nur an äuße­ren Riten zu sehen, son­dern vor allem an den Tex­ten des Missales.

Ein Bei­spiel dafür ist das „Offer­to­ri­um“, in dem das Opfer auf dem Altar vor­be­rei­tet und Gott dar­ge­bracht wird.

In der „neu­en Mes­se“ ist dar­aus schlicht eine „Gaben­be­rei­tung“ gewor­den, die den Haupt­ak­zent der gan­zen Mes­se aber ent­schei­dend ver­schiebt: Aus der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Kreu­zes­op­fers ist eine pro­te­stan­ti­sche Mahl­fei­er gewor­den, die als „Lob- und Sühnop­fer“ an die Hei­lig­ste Drei­fal­tig­keit nicht mehr erkenn­bar ist. Der dog­ma­tisch defi­nier­te Cha­rak­ter der Mes­se ist unsicht­bar geworden.

Die Gebe­te, mit denen der Prie­ster die Auf­op­fe­rung der eucha­ri­sti­schen Gaben voll­zieht, sind nichts­sa­gen­den Tisch­ge­be­ten gewi­chen, die Brot und Wein ledig­lich als „Frucht der Erde und der mensch­li­chen Arbeit“ ver­ste­hen, um sie „vor Got­tes Ange­sicht“ zu bringen.

Mit dem Kreu­zes­op­fer wer­den sie nicht mehr asso­zi­iert, ledig­lich mit einem nicht näher bezeich­ne­ten „Heil“ – das kann alles und nichts sein, und klingt sicher „christ­li­cher“, als es in Wahr­heit ist.

Von der Anru­fung der Drei­fal­tig­keit fehlt bezeich­nen­der­wei­se jede Spur, und selbst der Name Chri­sti fällt bei­läu­fig nur ein ein­zi­ges Mal, näm­lich bei der Mischung von Was­ser und Wein. Aber auch bei die­sem klei­nen Gebet hat man die tri­ni­ta­ri­sche For­mel gestri­chen und den zen­tra­len Gedan­ken der Erlö­sung durch das Opfer Chri­sti bei­sei­te gelas­sen. – Wenn der Glau­be der Kir­che mit ihrem Beten iden­tisch ist, ist vom katho­li­schen Glau­ben hier nichts mehr zu erken­nen; ohne den drei­ei­ni­gen Gott und das Opfer Chri­sti schwebt die „Gaben­be­rei­tung“ wie im luft­lee­ren Raum.

In der über­lie­fer­ten Mes­se dage­gen erschließt bereits das erste Gebet des Offer­to­ri­ums den Sinn der hei­li­gen Hand­lung, und dies schon dadurch, dass es mit einer ent­schei­den­den Bit­te beginnt: „Sus­ci­pe, sanc­te Pater, omni­po­tens aeter­ne deus.“ – Ja, dar­um geht es: Das demü­ti­ge „Nimm an“ rich­tet sich unmit­tel­bar an den „all­mäch­ti­gen, ewi­gen“ Vater, um ihm, „dem wah­ren und leben­di­gen Gott“ („deo meo vivo et vero“) die makel­lo­se Opfer­ga­be („imma­cu­la­tam hosti­am“) dar­zu­brin­gen, und eben nicht eine dubio­se „Frucht der Erde“, die fatal an heid­ni­sche Kul­te erinnert.

Dass die­se Dar­brin­gung durch den Prie­ster als einen „unwür­di­gen Die­ner“ („ego, indig­nus famu­lus tuus“) erfolgt, ist eine zutiefst wah­re Refle­xi­on des Prie­sters über sich selbst, die hier den rech­ten Platz hat: Das Hei­lig­ste voll­zieht sich durch die Hän­de eines Sün­ders, und es ist unab­ding­bar, dass der Prie­ster vor der Erha­ben­heit Got­tes in sein eige­nes Nichts zurück­tritt. Nur so kann er es wagen, die Opfer­ga­ben zum Herrn zu erhe­ben, und zwar für ihn selbst, „für alle sei­ne Sün­den, Feh­ler und Nach­läs­sig­kei­ten (pro innu­mera­bi­li­bus pec­ca­tis et offen­sio­ni­bus et negle­gen­ti­is meis“) sowie für alle Teil­neh­mer, alle Leben­den und Ver­stor­be­nen“ („pro omni­bus cir­cum­st­an­ti­bus, sed et pro omni­bus fide­li­bus chri­stia­nis vivis atque defunc­tis“). – Die erlö­sen­de Uni­ver­sa­li­tät des Mess­op­fers wird hier mit weni­gen Wor­ten so deut­lich wie sein über­na­tür­li­ches Ziel: „damit es mir und ihnen zum Heil im ewi­gen Leben gerei­che“ („ut mihi et illis pro­fi­ci­at ad salu­tem in vitam aeter­nam“).

Nach dem Vor­bild die­ses ersten Gebets sind auch die wei­te­ren Tei­le des Offer­to­ri­ums mit einem Bekennt­nis zu zen­tra­len Glau­bens­wahr­hei­ten ver­knüpft: zur All­macht des ein­zi­gen und wah­ren Got­tes, zur Sünd­haf­tig­keit und Erlö­sungs­be­dürf­tig­keit des Men­schen, zur allei­ni­gen Heils­mit­t­ler­schaft Chri­sti sowie zur Bedeu­tung des eucha­ri­sti­schen Opfers für das ewi­ge Heil.

Im letz­ten Gebet wird all dies schließ­lich in der Auf­op­fe­rung an die Aller­hei­lig­ste Drei­fal­tig­keit zusam­men­ge­fasst. Noch ein­mal bit­tet der Prie­ster hier um die Annah­me der Opfer­ga­be („Sus­ci­pe, sanc­ta tri­ni­tas“), erin­nert an das Lei­den, die Auf­er­ste­hung und Him­mel­fahrt des Herrn und dar­an, dass das Opfer der Seli­gen Jung­frau und allen Hei­li­gen zur Ehre, uns aber zum ewi­gen Heil gerei­chen möge. – Prä­zi­ser könn­te man nicht zusam­men­fas­sen, was in der hei­li­gen Mes­se geschieht.

In der „neu­en Mes­se“ dage­gen bleibt all dies bei­sei­te, und sogar der Begriff „Opfer“ fällt in der „Gaben­be­rei­tung“ nur ein ein­zi­ges Mal. Um wel­ches „Opfer“ es sich dabei han­delt, bleibt wie­der im Dunk­len; im Grun­de geht die „Gaben­be­rei­tung“ der „neu­en Mes­se“ am Sinn des Offer­to­ri­ums und am Glau­ben der Kir­che kom­plett vor­bei. Es ver­dun­kelt das Wesen der Hei­li­gen Mes­se und führt letzt­lich zur (pro­te­stan­ti­schen) Häresie.

Kar­di­nal Otta­via­ni hat dies in sei­ner „kri­ti­schen Unter­su­chung“ (1969) der neu­en Mes­se fest­ge­stellt, und betont, dass nur die über­lie­fer­te Mes­se das „voll­stän­di­ge Denk­mal“ des katho­li­schen Glau­bens sei; die neue Mes­se darf man dage­gen als sein Zerr­bild verstehen.

Die schwer­wie­gen­den Defek­te der neu­en Mes­se ver­dich­ten sich in der Defi­zi­enz ihrer „Gaben­be­rei­tung“, und nicht weni­ge Prie­ster, die sie zele­brie­ren (müs­sen), ste­hen vor einem Dilem­ma: Wer die Hei­li­ge Mes­se ernst nimmt, kann die neu­en Gebe­te unmög­lich spre­chen, ohne einen Ver­rat am katho­li­schen Glau­ben zu begehen.

Des­halb bleibt hier nur die Mög­lich­keit bzw. die Not­wen­dig­keit, die schäd­li­chen Gebe­te der „Gaben­be­rei­tung“ durch das über­lie­fer­te Offer­to­ri­um zu erset­zen, das sich glück­li­cher­wei­se in die „neue Mes­se“ ein­fügt, im Stil­len gebe­tet wird und damit für kei­ne Kon­fron­ta­tio­nen sorgt.

Ich selbst habe das, ohne dass es jemand beach­tet hät­te, stets so gehal­ten, aber mehr als eine Not­lö­sung ist dies frei­lich nicht. Ich rate des­halb allen Prie­stern drin­gend, zur über­lie­fer­ten Form der Mes­se zurück­zu­keh­ren und damit zu jenem authen­ti­schen Aus­druck des katho­li­schen Glau­bens, wie ihn das Offer­to­ri­um beschreibt.

Ohne Bles­su­ren wird das nicht mög­lich sein, aber gera­de wir Prie­ster haben die Ver­pflich­tung die Hei­li­ge Mes­se wie die übri­gen Sakra­men­te zu ver­tei­di­gen und zu bewahren.

*Joa­chim Heim­erl von Heim­thal, Prie­ster der Erz­diö­ze­se Wien, stu­dier­te Ger­ma­ni­stik, Geschich­te, Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie. Er ist pro­mo­vier­ter Ger­ma­nist und war Lehr­be­auf­trag­ter an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen. Neben lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten ist er Autor zahl­rei­cher Auf­sät­ze und Kom­men­ta­re zu kirch­li­chen The­men in in- und aus­län­di­schen Medien.

Bild: MiL