Von Caminante Wanderer*
„No te hagás la rata cruel“, Milonga von Enrique Maroni, 1930.
Eine bekannte Milonga, „Tortazos“, die Enrique Maroni 1930 für Carlos Gardel schrieb, sagt gegen Ende:
Señora, pero hay que ver,
tu berretín de matrona.
Si te acordás de Ramona,
abonale el alquiler.
No te hagás la rastacuer,
desparramando la guita.
Bajá el copete m’hijita
con tu vida bacanada.
Pero si sos más manyada
que el tango La Cumparsita.
Eine Milonga, eng mit dem Tango verbunden, meint eine Tanzform und einen Liedtext. Der Satz: „No te hagás la rata cruel“ bedeutet wörtlich: „Mach dich nicht zur grausamen Ratte“ und stammt ursprünglich aus dem Lunfardo, der Gaunersprache von Buenos Aires. Er ging aber als volkstümliche, etwas scherzhaft gemeinte Ermahnung in den allgemeinen Sprachgebrauch über und meint: „Tu nicht so, als wärst du etwas Besseres“; „Gib dich nicht als jemand aus, der du nicht bist“; „Stell dich nicht auf – bleib auf dem Boden“; „Tu nicht so wichtig“.
Die oben zitierte Milonga von Enrique Maroni besagt sinngemäß ins Deutsche übertragen:
„Meine Dame, man muß dich wirklich sehen
mit deinem Gebaren als feine Frau.
Wenn du noch an Ramona denkst,
zahl ihr die Miete.
Tu nicht so, als wärst du etwas Besseres,
während du dein Geld zum Fenster hinauswirfst.
Komm runter, mein Töchterchen,
mit deinem luxuriösen Leben.
Denn du bist bekannter als der Tango La Cumparsita.
In diesem Liedtext erscheinen gleich mehrere Lunfardo-Wörter, unter denen besonders rastacuer hervorsticht – eine lautliche Verballhornung des französischen rastaquouère, das im französischen Volksmund jemanden bezeichnet, der sich als etwas ausgibt, was er nicht ist – ein Emporkömmling, ein Parvenü.
Und durch die faszinierenden Wege, die Sprache manchmal nimmt, verwandelte sich der lunfardische Ausdruck rastacuer schließlich in rata cruel – „grausame Ratte“. In diesem Sinne bedeutet also „No te hagás la rata cruel“, wie es der Komiker Minguito in den 1980er Jahren zu sagen pflegte: „Gib dich nicht als jemand aus, der du nicht bist“.
Als ich die Aufmachung von Kardinal „Tucho“ Fernández bei der Vorstellung des Dokuments Mater populi fidelis sah, seine Gesten, seine Pose, war mein erster Gedanke als Landsmann, ihm – bei allem Respekt vor seiner Purpurwürde – zuzurufen: „No te hagás la rata cruel.“
Denn tatsächlich wissen wir alle, daß Fernández einen Platz einnimmt, der ihm viel zu groß ist, und daß er ihn nur der Vetternwirtschaft und dem Rachsuchttrieb verdankt, die Papst Franziskus, seinem Gönner, eigen waren. Er besitzt weder die Ausbildung noch die Fähigkeit noch das Rückgrat, um eine Position von solcher Bedeutung in der Kirche zu bekleiden – und die Beweise liegen offen zutage.
Es geht nicht nur um das Schlamassel, in das er die Kirche mit Fiducia supplicans gebracht hat, sondern nun hat er sie in eine neue Bedrängnis geführt, deren Ausgang niemand kennt – und deren Wunden am mystischen Leib Christi und am Ansehen von Papst Leo selbst noch nicht absehbar sind.
In der letzten Woche seit der Veröffentlichung des unglückseligen Dokuments über einige Marientitel ist unzählige Male darüber geschrieben worden: über seine Widersprüche, die mangelnde theologische Fundierung und seine Unangemessenheit. Ich werde das hier nicht wiederholen; ich empfehle vielmehr das Video von Pater Santiago Martín1, der die entscheidenden Punkte treffend herausarbeitet.
Ich möchte jedoch einige Aspekte hervorheben, die meines Erachtens noch nicht ausreichend betont wurden, die aber wichtig sind, um das Gesamtbild der Lage zu vervollständigen.
Zunächst – und ich gestehe, daß dies kein eigentliches Argument ist – erscheint es zumindest merkwürdig, ja widerwärtig, daß jemand, der als Priester Bücher über die Unterschiede zwischen Lippenkuß und Zungenkuß, über den weiblichen Orgasmus und die männliche sexuelle Unersättlichkeit geschrieben hat, einige Jahre später ein Dokument verfaßt und unterzeichnet, das die Verehrung verletzt, die die Katholiken der Mater populi fidelis entgegenbringen.
Welche moralische Autorität oder theologische Urteilskraft kann ein Pornograph besitzen?
No te hagás la rata cruel. Gib dich nicht als jemand aus, der du nicht bist.
Weiters haben Kardinal Fernández und seine Anhänger behauptet, dieses Dokument werde den „Traditionalisten“ nicht gefallen. Darin liegen zwei Lügen.
Soweit ich weiß, sind die einzigen Traditionalisten, die mit wirklichem Eifer und Überzeugung den Titel Miterlöserin für die allerseligste Jungfrau Maria verteidigen, die Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX). Und sie hat jedes Recht dazu, denn in der Geschichte der Kirche haben viele Orden bestimmte Titel oder theologische Ansichten vertreten, auch wenn diese nie dogmatisch definiert wurden.
Das einfachste Beispiel sind die Franziskaner mit der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis, die sie mit solcher Leidenschaft verteidigten, daß sie darüber sogar mit dem heiligen Thomas von Aquin aneinandergerieten.
Das sogenannte „Problem“ der Miterlösung ist also kein Problem der gesamten traditionalistischen Welt – sondern nur eines Teils davon. Warum also dieser Seitenhieb? Und, schlimmer noch, es war überhaupt kein Problem, bis dieses unselige Dokument erschien.
Viele sehen – und ich glaube, zu Recht –, daß die Schriften von Tucho Fernández weniger einer Notwendigkeit der Kirche als vielmehr seinen persönlichen psychologischen und biographischen Bedürfnissen entspringen.
So war es bei Fiducia supplicans (dazu müßte man übrigens P. Daniel Pellizzón einige Fragen stellen, dem früheren Sekretär von Papst Franziskus, der, zufällig, fast zeitgleich mit Fernández in sein heutiges Amt berufen wurde. Erinnern wir uns: Die Predigt bei Pellizzóns Primiz hielt damals Erzbischof Víctor Manuel Fernández; und schon vor seiner Priesterweihe hatte Pellizzón eng mit ihm zusammengearbeitet, als er Rektor der Päpstlichen Katholischen Universität von Argentinien (UCA) war – das erinnert stark an Roger Peyrefitte und manche seiner Romane). Und ebenso verhält es sich nun mit Mater populi fidelis.
Ehemalige Studenten von Fernández an der Theologischen Fakultät der UCA erinnern sich, daß er vom Thema der marianischen Miterlösung geradezu besessen war – er ließ keine Gelegenheit aus, gegen diesen Marientitel zu polemisieren. Es scheint also, daß er, nun da er die höchste Stufe erreicht hat, seine kleinen Ressentiments pflegt und Rache an jenen nimmt, die er für seine Gegner hält – ohne zu bedenken, welchen Schaden seine Eitelkeiten der Kirche zufügen.
Ein weiterer Punkt ist, daß Kardinal Fernández mit diesem Dokument ein Problem geschaffen hat, das zuvor gar nicht existierte.
Wie oben gesagt, war der Titel Miterlöserin nie Anlaß zu Streit, Spaltung oder Kontroverse innerhalb der Kirche. Einige gebrauchten ihn und lehrten ihn; die große Mehrheit schwieg, akzeptierte ihn stillschweigend – ja, feierte ihn sogar in der Liturgie mit dem sinngleichen Titel Mittlerin aller Gnaden.
Nun aber hat Fernández in das Wespennest gestochen – und dort, wo kein Problem war, schwirrt jetzt ein dichter Schwarm wütender Wespen, die sich gegenseitig attackieren und tiefe Wunden reißen, gerade in dem Moment, da das Pontifikat Leos XIV. beginnt, das ein Pontifikat der Einheit sein sollte.
Hat Fernández das nicht vorhergesehen?
Wenn doch – und er veröffentlichte das Dokument trotzdem – ist das eine ungeheure Verantwortungslosigkeit, die ihn für sein Amt disqualifiziert.
Wenn nicht – ist es eine erschreckende Unfähigkeit, die ihn ebenso disqualifiziert.
Er hat nicht nur der Kirche Schaden zugefügt, sondern auch dem Ansehen von Papst Leo und dem Glauben an das Programm seines Pontifikats.
Und wieder: No te hagás la rata cruel. Gib dich nicht als jemand aus, der du nicht bist.
Das Geschehen zeigt letztlich deutlich den Mangel an Kenntnis – oder gar die Verachtung –, die der Präfekt gegenüber den Traditionen und Vorgehensweisen der Kirche hegt.
Wir feiern derzeit das 1700jährige Jubiläum des Konzils von Nicäa, auf dem die zwei Naturen Christi definiert wurden – ein Beschluß, der erst nach Jahrzehnten heftigster Debatten und Spaltungen innerhalb der Kirche zustande kam.
Mehr als ein Jahrtausend später brachte die Kirche die De-auxiliis-Kontroverse, die Dominikaner und Jesuiten in erbitterte Auseinandersetzungen verwickelte und hunderte Bücher hervorbrachte, erst ein Jahrhundert danach zur versöhnenden Entscheidung: daß beide Lehren – die der Thomisten wie die der Molinisten – nebeneinander bestehen dürfen.
Kardinal Fernández hingegen, ohne Streit, ohne theologische Debatte, ohne gelehrte Abhandlungen, veröffentlicht kurzerhand ein Dokument, das er ausdrücklich als „Teil des ordentlichen Lehramts der Kirche“ bezeichnet.
Mit welchem Ziel? Oder wie Pater Martín fragt: Cui prodest? – Wem nützt es?
Niemandem – außer dem Teufel und der Befriedigung der seelischen Enge Tuchos.
No te hagás la rata cruel. Gib dich nicht als jemand aus, der du nicht bist.
Doch man muß ehrlich sein: Diese Situation offenbart ein noch größeres Problem.
Die Veröffentlichung von Mater populi fidelis wurde von Papst Leo XIV. autorisiert – dem Papst, der sich als jener vorgestellt hat, der die Einheit der Kirche nach der tiefen Spaltung des Franziskus-Pontifikats wiederherstellen werde.
Das Dokument steht in offenem Widerspruch zu diesem Ziel: Es hat eine tiefe und neue Spaltung aufgerissen, wo zuvor keine war.
Warum also hat Leo getan, was er tat?
Ich sehe einige mögliche Antworten:
- Vielleicht war die Absicht, die Kirche zu vereinen, nichts als ein Vorwand, um unruhige Gemüter zu beruhigen, ohne daß dies wirklich sein Ziel war.
- Vielleicht war er sich der Spaltung, die er hervorrufen würde, nicht bewußt – was fast schlimmer wäre, denn es würde auf einen begrenzten Geist hindeuten, unfähig, die Folgen seiner Handlungen abzuschätzen.
- Oder er besitzt nicht genug Persönlichkeit, um den Forderungen Tuchos oder den posthumen Wünschen des „verehrten verstorbenen Vorgängers“ entschieden entgegenzutreten.
Welche Antwort auch immer zutrifft – es scheint, daß wir es mit einem ernsten Problem zu tun haben.
Wenn der Heilige Vater den Rat eines einfachen Laien im synodalen Geist annimmt, würde ich ihm empfehlen, rasch zu handeln, um zu verhindern, daß sich die Spaltung weiter ausbreitet und die Kirche zerreißt:
Er möge die Rücktrittserklärung von Kardinal Fernández annehmen und an seiner Stelle eine fähige, weise und kluge Person ernennen – und, wenn er es vorzieht, mit juristischer Eleganz und diplomatischem Geschick das Dokument, die Quelle des Konflikts, annullieren.
*Caminante Wanderer, argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung/Fußnote: Giuseppe Nardi
Bild: Caminante Wanderer
1 Santiago Martín Rodriguez ist ein spanischer Priester und Moraltheologe. Er ist im Medienapostolat aktiv, auch als Schriftsteller und ist Gründer der Gemeinschaft Franciscanos de María (Franziskaner Mariens).