Von Caminante Wanderer*
Vor wenigen Wochen erklärte ein bedeutender spanischer Bischof, daß das Problem der traditionellen Messe darin liege, daß ihre Gläubigen ideologisiert seien. Das ist nichts Neues. Es ist vielmehr die immer gleiche Leier und der einfachste Weg, die Erlaubnis zur Zelebration dieser Messe zu verweigern: „Ihr seid ideologisiert“, sagen sie uns. Und sicherlich gibt es ideologisierte Gläubige, die an der traditionellen Messe teilnehmen, so wie es junge und alte Gläubige gibt, blonde und brünette. Doch das Problem dieses Bischofs, und vieler anderer wie ihm, ist, daß er den Splitter im Auge des anderen sieht, aber nicht in der Lage ist, den Balken in seinem eigenen zu erkennen. Ist es nicht so, daß die Ideologisierten vielmehr Verteidiger des neuen Ritus sind? Sie sind sich sicher und hegen keinen Zweifel, daß die „normalen“ Gläubigen die neue Messe der alten Ordnung „auf Latein und mit dem Rücken zum Volk“ vorziehen. Sie sind überzeugt, daß eine Messe, die den Gläubigen näher und verständlicher ist, diese mit größerer Leichtigkeit zur Kirche führen wird; sie sind sich sicher, daß die Liturgie nicht nur absolut verständlich sein muß, sondern daß sie auch populär und inkulturiert sein sollte, wobei die Gebräuche und Sitten jeder Kultur respektiert werden. Und daher wird ein zairischer und ein amazonischer Ritus geschaffen. Und wenn wir nicht aufpassen, werden wir bald einen mapudungunischen Ritus haben, natürlich entwickelt von einem deutschen und einem französischen Liturgiewissenschaftler.
Diese Woche erhielt ich eine merkwürdige E‑Mail: Ein Gläubiger des überlieferten Ritus schrieb mir aus Prag im Auftrag seines Kaplanes und schickte mir einen Brief, den dieser in einer lokalen Zeitung veröffentlicht hatte, in dem er berichtete, daß eine wichtige Autorität aus Gabun, die sich auf offiziellem Besuch in Prag befand, mit ihrem Gefolge an der traditionellen Messe teilgenommen hatte. Ich füge unten eine Übersetzung des Briefes bei. Was mich jedoch am meisten interessierte, war, daß für den spanischen Bischof, von dem wir sprachen, und für die meisten seiner Kollegen ein Afrikaner notwendigerweise eine Messe mit Tänzen, Klatschen und Trommeln bevorzugen sollte. Doch das ist nicht der Fall. Deshalb frage ich mich: Wer sind hier die Ideologisierten?
Hier nun der Brief aus Prag:
Am Sonntag, dem 22. Juni 2025, dem zweiten Sonntag nach Pfingsten, nahm die Verteidigungsministerin der Republik Gabun, Generalmajor der Nationalgendarmerie, Frau Brigitte Onkanowa, an der Heiligen Messe in der Kirche Mariä Himmelfahrt und des heiligen Kaisers Karl des Großen in Prag, die unter den Pragern allgemein als Karlov bekannt ist. Seit 2016 ist diese Kirche eine diözesane Filialkirche für die Zelebrationen im überlieferten Römischen Ritus. Die Ministerin befand sich auf einer offiziellen Reise in unserer Republik und äußerte den Wunsch, am Sonntag ausdrücklich an der traditionellen lateinischen, der „tridentinischen“ Messe am Sonntag teilzunehmen. Es war offensichtlich, daß es sich um eine persönliche Verbundenheit handelte, da die katholische Kirche in ihrem Heimatland die Gläubigen hauptsächlich durch die weit verbreitete Zelebration traditioneller Messen anzieht. Es zeigt sich nämlich, daß Afrikaner nicht notwendigerweise liturgische Tänze brauchen, um ihre kulturelle Identität zu bekräftigen – Tänze, die ihnen von Europäern nahezu aufgezwungen werden, als etwas vermeintlich Authentisches, das sie uns gegenüber gefälligst zur Schau stellen sollten.
Das diplomatische Protokoll ist oft unumgänglich und detailliert bis ins kleinste; jedoch war es klar, daß die Sonntagsmesse für die Ministerin Vorrang vor allem anderen hatte. Als praktizierende traditionelle Katholikin war sie mit allen liturgischen Haltungen vertraut, die in der „alten“ Messe strenger sind und gewisse körperliche Ausdauer verlangen. Nicht nur sie selbst trat zur Heiligen Kommunion, sondern auch einige Mitglieder ihres Gefolges. Solch ein Anblick würde hier wohl kaum zu sehen sein. Es ist ziemlich peinlich, Politiker zu beobachten, die zu offiziellen Anlässen eingeladen werden, bei denen es unangemessen wäre, fernzubleiben, aber gleichzeitig nicht wissen, wie sie sich in der Kirche verhalten sollen.
Vor allem war der Besuch der Ministerin eine Lektion echter Katholizität. Frau Onkanowa war tief berührt, daß sie in der Heiligen Messe genau das erleben konnte, was sie aus ihrem Land am Äquator kannte – tausende Kilometer entfernt von der Tschechischen Republik. Sie fühlte sich in der Kirche in Prag ebenso zu Hause wie in der gabunischen Hauptstadt Libreville. Sie erlebte das, was für Katholiken über Jahrhunderte hinweg selbstverständlich war: Von Neuseeland bis Alaska fühlt sich der Katholik in „seiner“ Messe zu Hause. Nicht einmal das Zweite Vatikanische Konzil wollte ihm diese Universalität der katholischen Kirche nehmen und verlangte ausdrücklich, was aber bald darauf den Gläubigen verweigert wurde: „Es soll der Gebrauch der lateinischen Sprache beibehalten werden; … man soll dafür sorgen, daß die Gläubigen die Teile des Ordinariums der Messe, die ihnen zukommen, auch auf Latein gemeinsam sprechen oder singen können“ (vgl. Sacrosanctum Concilium 36 und 54); in der traditionellen Messe jedoch wird das Latein nicht laut gesprochen, und es ist nicht nötig, ein Spezialist in dieser Sprache zu sein. In der Tat werden die meisten Gebete vom Priester in der Stille rezitiert, die die ganze Atmosphäre der Messe erfüllt, die erhaben und mystisch ist, vorzugsweise begleitet vom Gregorianischen Choral, der, wie das Konzil selbst sagt, „den ersten Platz“ unter allen Formen der Kirchenmusik einnehmen sollte (vgl. Sacrosanctum Concilium 116).
Daß sich die Kirche in Karlov in unserer tschechischen Hauptstadt befindet, zieht das Interesse von Touristen und katholischen Besuchern aus aller Welt an, von denen viele die traditionelle Liturgie bevorzugen. Die weltweite Verbreitung und zunehmende Beliebtheit dieses Ritus bezeugen nicht nur die wachsende Zahl dieser Gläubigen aus dem Ausland, sondern auch ihre Herkunft aus allen Kontinenten des Globus. Es ist, als würde hier, in der 1351 von unserem Vater des Vaterlandes Karl IV., Kaiser der Heiligen Römischen Reiches und König von Böhmen, gegründeten Kirche, das Pfingstwunder in die Gegenwart adaptieren: „Wir, Deutsche, Österreicher und Franzosen, Einwohner der Visegrád-Staaten, Italiener, Skandinavier, Brasilianer, Indonesier, Hongkonger, Taiwanesen, Amerikaner und Kanadier, Subsahara-Afrikaner, Briten, Ex-Protestanten und ‑Charismatiker, Australier und maronitische Libanesen, sogar Trinitarier und Tobagonier: Wir alle erleben gemeinsam die großen Werke Gottes!“ Selbst orthodoxe Gläubige, die in Prag wohnen oder zu Besuch sind, fühlen sich in unserer katholischen Messe wohl, eben weil sie im überlieferten Ritus gefeiert wird.
Das Pfingstwunder, die Sendung des Heiligen Geistes, bestand darin, die fremden Zungen zu verstehen, in denen die großen Werke Gottes verkündet wurden, die magnalia Dei. Und genau darum geht es. Am Anfang der Kirche war es ein dringendes Bedürfnis, diese Werke zu verkünden, wozu Nationalsprachen sicherlich ein unverzichtbares Mittel sind. Heute jedoch gibt es ein ebenso dringendes Bedürfnis, wirklich an diese Werke Gottes zu glauben. Wer das Glück hatte, die katholische Lehre über das Geheimnis der Eucharistie umfassend zu empfangen, auch in der eigenen Muttersprache, dem hilft die traditionelle lateinische Liturgie, dieses Wissen wirklich im Inneren zu leben. Man ist buchstäblich in das Geheimnis Gottes eingetaucht, in dem die Individualität des Priesters und die Notwendigkeit, jedes Wort zu verstehen, allmählich verschwinden. Kurz gesagt, dieser Katholik weiß, daß die magnalia Dei tatsächlich auf dem Altar geschehen: Christus teilt mit den Jüngern das letzte Abendmahl, leidet am Kreuz und ist wirklich von den Toten auferstanden. Hier braucht es keine Worte, sondern die andächtige Verehrung. Für katholische Christen aller Nationen ist die lateinische Struktur der Messe, in der die Katholizität und die Einheit der universalen Kirche buchstäblich greifbar sind, seit vielen Jahrhunderten und weiterhin nachweisbar das Ideal.
Man könnte jedoch einwenden, daß die Kirche in diesem Land, insbesondere in der Hauptstadt, auch kirchliche Verwaltungen für die Mitglieder einiger Nationen einrichtet, die eine größere Zahl katholischer Gläubiger vertreten. Für sie wird die Messe in Slowakisch, Polnisch, Ungarisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Vietnamesisch und anderen Sprachen gefeiert. Man muß jedoch zugeben, daß eine solche kirchliche Gnade eher eine religiöse Grundlage für die wöchentlichen Treffen von Freunden bietet. Wenn in diesen Fällen das zwischenmenschliche und soziale Wesen nicht zu kurz kommt, so ist umso mehr die Reinheit der Absicht derjenigen zu schätzen, die vor allem Christus finden wollen.
Schon die Kirchenväter hatten die wesentliche Verbindung zwischen dem Bericht der Apostelgeschichte über die Sendung des Heiligen Geistes und der Erzählung des Alten Testaments über die babylonische Sprachverwirrung erkannt. Der babylonische Versuch der Selbstvergöttlichung führte zur Spaltung der Menschheit, die der Heilige Geist zu Pfingsten wieder vereinte. Heute erleben wir oft eine neue Sprachverwirrung in unserer Kirche, besonders dann, wenn im Gottesdienst auf die Anwesenheit von Gläubigen aus verschiedenen Nationen Rücksicht genommen werden muß – Gläubige, die vor mehreren Jahrzehnten leichtfertig vom Latein in der katholischen Kirche entfremdet worden sind. Versuchen Sie zum Beispiel, eine Messe bei einem Treffen von Katholiken aus den Visegrád-Staaten zu feiern: Tschechen, Slowaken, Polen – das funktioniert noch. Aber was ist mit dem Ungarischen? Wie nützlich wäre es, das Vaterunser auf Latein zu kennen: Pater noster, qui es in caelis…
Aus den Aussagen von Papst Leo XIV. geht bereits hinreichend klar hervor, daß er persönlich das Latein als Teil des kirchlichen Lebens betrachtet. Gerade in einer Zeit fortgeschrittener weltweiter Globalisierung könnte die Kirche über ein praktisches Werkzeug verfügen, dessen sie sich zuvor unnötigerweise durch eine voreilige „revolutionäre“ Indiskretion beraubt hat. Wenigstens in bescheidener Form lassen sich die Früchte dieser Form der Globalisierung – die zur geistigen Vereinigung der Völker im eucharistischen Geheimnis Christi führt – in der Prager Kirche von Karlov erfahren.
Von Pater Stanislav Přibyl
Rektor der Kirche Mariä Himmelfahrt und des heiligen Kaisers Karl des Großen in Prag
*Caminante Wanderer ist ein argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Caminante Wanderer