Die Dragoner des Prinzen von Lambesc

Den Willen haben, die Kraft zu gebrauchen


Karl Eugen von Lothringen, Prinz von Lambesc
Karl Eugen von Lothringen, Prinz von Lambesc

von Rober­to de Mattei

Im hei­ßen Juli des Jah­res 1789, als die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on ihre ersten Schrit­te mach­te, begann ein Name sich auf den Stra­ßen von Paris zu ver­brei­ten: der der Dra­go­ner des Prin­zen von Lam­besc, bekannt für ihren Mut und ihre Königs­treue. Ihr Kom­man­deur, Karl Eugen von Loth­rin­gen, Prinz von Lam­besc, gebo­ren 1751, war das Ober­haupt und der letz­te Ver­tre­ter der Fami­lie der Her­zö­ge von Gui­se – eines Hau­ses, das der Kir­che von Rom stets erge­ben war und wäh­rend der Reli­gi­ons­krie­ge des 16. Jahr­hun­derts die Katho­li­sche Liga gegen die pro­te­stan­ti­schen Huge­not­ten geführt hat­te. Lam­besc erkann­te klar, was vie­le nicht wahr­ha­ben woll­ten: Paris war nicht nur unru­hig, es stand am Ran­de der Revol­te. Sei­ne Dra­go­ner vom König­lich-Deut­schen Regi­ment1 – waren erfah­re­ne Sol­da­ten und dem König abso­lut loy­al. Als Rei­ter mit Säbel und Mus­ke­te bewaff­net, aus­ge­bil­det sowohl im Kampf zu Pferd als auch zu Fuß, stell­ten sie eine der letz­ten wirk­lich fähi­gen Kräf­te dar, die im wach­sen­den Cha­os die Ord­nung hät­ten wie­der­her­stel­len können.

Die Lage ver­schärf­te sich rapi­de. Am 9. Juli 1789 erklär­te sich die fran­zö­si­sche Natio­nal­ver­samm­lung zur ver­fas­sung­ge­ben­den Ver­samm­lung. König Lud­wig XVI. ent­ließ den Mini­ster Jac­ques Necker und rief Trup­pen rund um die Haupt­stadt zusam­men, zöger­te jedoch. Als from­mer und mil­der, aber schwa­cher Herr­scher konn­te er sich schwer vor­stel­len, Fein­de zu haben, und ver­such­te ledig­lich, eine offe­ne Kon­fron­ta­ti­on zu vermeiden.

Am 12. Juli herrsch­te mit­tags in Paris völ­li­ges Cha­os. In den Tui­le­rien­gär­ten und im Palais-Roy­al dräng­te sich die Men­ge in einem Wir­bel aus Schrei­en, Beschimp­fun­gen und Falsch­mel­dun­gen. Man rief Paro­len, schwenk­te die Büsten Neckers und des Her­zogs von Orlé­ans, des­sen Palast das Zen­trum der Revol­te war, wäh­rend die het­ze­ri­schen Reden von Camil­le Des­moulins die Unzu­frie­den­heit in blan­ke Wut verwandelten.

Die Dra­go­ner des Prin­zen von Lam­besc, auf­ge­reiht auf dem Platz Lud­wig XV. vor dem Ein­gang zu den Tui­le­rien, wur­den mit Stei­nen, Zie­geln und Glas­scher­ben bewor­fen. Ihre Säbel glänz­ten in der Son­ne, doch der König hat­te den Befehl gege­ben, nicht zu reagie­ren. Lam­besc ließ sei­ne Sol­da­ten eini­ge Manö­ver aus­füh­ren, führ­te einen begrenz­ten, eher demon­stra­ti­ven als zer­stö­re­ri­schen Angriff durch und zog sich anschlie­ßend auf das lin­ke Seine­ufer zurück.

Zwei Tage spä­ter, am 14. Juli, stürm­te eine Men­ge von nicht mehr als tau­send auf­ge­brach­ten Men­schen, haupt­säch­lich aus dem Fau­bourg Saint-Antoine, das Hôtel des Inva­li­des und anschlie­ßend die Bastil­le, die als Sym­bol der mon­ar­chi­schen Macht galt. Der Gou­ver­neur Ber­nard-René de Laun­ay kapi­tu­lier­te nach Ver­hand­lun­gen mit den Auf­stän­di­schen, die ihm Sicher­heit ver­spra­chen, wur­de jedoch mas­sa­kriert. Ein Küchen­jun­ge schlug ihm den Kopf ab, steck­te ihn auf eine Pike und trug ihn, beglei­tet von einer wil­den Meu­te, bis in die Nacht durch die Stadt. Was spä­ter „die Schreckens­herr­schaft“ genannt wer­den soll­te, begann nicht mit Robes­pierre, son­dern mit der Ein­nah­me der Bastille.

Die Nach­richt des Auf­stands erreich­te den König, der sich in Ver­sailles befand, in der Nacht. Lud­wig XV., sein Vor­gän­ger, schreibt der Histo­ri­ker Pierre Gaxot­te, „wäre zu jeder Stun­de in den Sat­tel gestie­gen, hät­te mit allen kampf­fä­hi­gen Män­nern Paris betre­ten und wäre bei Tages­an­bruch von einer Bür­ger­schaft fre­ne­tisch begrüßt wor­den, die nach so vie­len Pro­te­sten nun um ihr Leben und ihr Eigen­tum fürch­te­te. Er hät­te ein Dut­zend Mör­der an den Fen­stern des Hôtel de Ville auf­knüp­fen las­sen, eine Gar­ni­son in der Bastil­le ein­ge­setzt und wäre nach Ver­sailles zurück­ge­kehrt, um die Erklä­run­gen der Unter­wer­fung einer demü­ti­gen und füg­sa­men Ver­samm­lung ent­ge­gen­zu­neh­men“ (dt. Aus­ga­be: Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, Nym­phen­bur­ger, Mün­chen 1949, S. 129).

Der Prinz von Lam­besc hät­te die Men­ge an der Spit­ze sei­ner Dra­go­ner angrei­fen und mit sei­nen Mus­ke­ten zer­streu­en wol­len, doch der Befehl lau­te­te, die Säbel stecken zu las­sen, da der König kein Blut­ver­gie­ßen woll­te. Peter Vik­tor von Besen­val, Reichs­frei­herr von Brunn­statt, der auf dem Platz von Paris über drei Schwei­zer Regi­men­ter und 800 Rei­ter ver­füg­te, griff eben­falls nicht ein, da er den könig­li­chen Befeh­len gehorch­te. Am 15. Juli ver­kün­de­te Lud­wig XVI. den Trup­pen­rück­zug, am 16. rief er Necker zurück, und am 17. zog er in Paris ein, wo er vom Bür­ger­mei­ster Bail­ly die Tri­ko­lo­re erhielt – das neue Sym­bol der Revo­lu­ti­on. Es war eine Geste der Ver­söh­nung, aber auch ein Zei­chen der Kapi­tu­la­ti­on vor der Revolution.

Eine Woche spä­ter lynch­te die Men­ge in einem Aus­bruch von Wut den Gene­ral­inten­dan­ten von Paris, Lou­is Ber­tier de Sau­vi­gny, und sei­nen Schwie­ger­va­ter Joseph Fran­çois Fou­lon, den Finanz­kon­trol­leur. Fou­lon wur­de ent­haup­tet, sein Kopf auf eine Pike gesteckt und in einem Zug durch die Stadt getra­gen; sein Mund war mit Heu gefüllt, um ihn als Ver­schwö­rer gegen das Volk zu brand­mar­ken. Danach zwang man Ber­tier de Sau­vi­gny, mit dem Kopf sei­nes Schwie­ger­va­ters vor sich durch die Stra­ßen zu mar­schie­ren, wäh­rend die Men­ge sang: „Küß Papa, küß Papa“. Vor dem Hôtel de Ville wur­de auch Ber­tier getö­tet: Man riß ihm das Herz aus der Brust und warf es den Rats­her­ren des Rat­hau­ses zu. Danach zog der Zug wei­ter, mit den Köp­fen von Ber­tier und Foulon.

Der Prinz von Lam­besc ver­ließ, zur Untä­tig­keit gezwun­gen, Frank­reich und ging nach Wien, wo er 1791 zum Gene­ral­ma­jor der kai­ser­li­chen Armee ernannt wur­de. In der Schlacht bei Tour­nai am 22. Mai 1794 führ­te er sei­ne Rei­ter gegen die fran­zö­si­sche Infan­te­rie und schlug sie in die Flucht. Danach kämpf­te er, aus­ge­zeich­net durch sei­nen Mut, als Gene­ral der öster­rei­chi­schen Armee in allen anti­ja­ko­bi­ni­schen und anti­na­po­leo­ni­schen Schlach­ten sei­ner Zeit. In die­ser Hin­sicht kann der Prinz von Lam­besc als Sol­dat der Gegen­re­vo­lu­ti­on bezeich­net wer­den, so wie sei­ne loth­rin­gi­schen Vor­fah­ren Sol­da­ten der katho­li­schen Gegen­re­for­ma­ti­on unter dem hei­li­gen Pius V. gewe­sen waren.

Mit der Restau­ra­ti­on der Bour­bo­nen im Jahr 1815 wur­den dem Prin­zen von Lam­besc alle sei­ne dyna­sti­schen Wür­den zurück­ge­ge­ben, und er wur­de zum Mar­schall von Frank­reich und erb­li­chen Pair de France ernannt. Doch sei­ne Hei­mat war inzwi­schen Wien gewor­den, wo er am 2. Novem­ber 1825 im Alter von 74 Jah­ren starb. Da er kei­ne Kin­der hat­te, erlosch mit sei­nem Tod das ruhm­rei­che Haus Guise.

Am 21. Janu­ar 1793 war Lud­wig XVI. guil­lo­ti­niert wor­den, und Papst Pius VI. hat­te in der Anspra­che Qua­re lacry­mae (War­um die­se Trä­nen?) vom 17. Juni 1793 im Opfer des Königs „einen Tod aus Haß gegen die katho­li­sche Reli­gi­on“ erkannt und ihm „die Ehre des Mar­ty­ri­ums“ zuge­schrie­ben. Wäre die Tra­gö­die ver­hin­dert wor­den, wenn die Dra­go­ner des Prin­zen von Lam­besc den nie erteil­ten Befehl erhal­ten hät­ten, die Auf­stän­di­schen anzugreifen?

Sicher ist: In Krie­gen und Revo­lu­tio­nen ist ange­sichts eines dro­hen­den Fein­des unter allen Ent­schei­dun­gen die schwie­rig­ste jene der Ver­tei­di­gung. Denn es genügt nicht, die Kraft zu besit­zen – man muß auch den Wil­len haben, sie zu gebrau­chen, und vor allem die Über­zeu­gung, dazu berech­tigt zu sein.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

Bücher von Prof. Rober­to de Mat­tei in deut­scher Über­set­zung und die Bücher von Mar­tin Mose­bach kön­nen Sie bei unse­rer Part­ner­buch­hand­lung beziehen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana
  1. Das König­lich-Deut­sche Dra­go­ner­re­gi­ment, Régiment Roy­al-Alle­mand cava­le­rie, bestand aus­schließ­lich aus Deut­schen, haupt­säch­lich Öster­rei­chern. ↩︎

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*