Carrie Prejean Boller: „Die Maga-Bewegung ist tot“

Politische, gesellschaftliche und religiöse Implikationen


Carrie Prejean Boller links in der Kommission für Religionsfreiheit der USA am 9. Februar, als sie Kritik am Zionismus wagte, und gestern in dem Interview von Piers Morgan, als sie Trumps MAGA-Bewegung für tot erklärte.
Carrie Prejean Boller links in der Kommission für Religionsfreiheit der USA am 9. Februar, als sie Kritik am Zionismus wagte, und gestern in dem Interview von Piers Morgan, als sie Trumps MAGA-Bewegung für tot erklärte.

Die Ent­las­sung der Katho­li­kin Car­rie Pre­jean Bol­ler, aus der White Hou­se Reli­gious Liber­ty Com­mis­si­on der USA löste in kon­ser­va­ti­ven, reli­giö­sen und poli­ti­schen Krei­sen hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen aus. Die Ent­schei­dung wirft nicht nur Fra­gen nach poli­ti­scher Ein­fluß­nah­me auf, son­dern hat weit­rei­chen­de gesell­schaft­li­che Kon­se­quen­zen. Seit dem Angriff gegen den Iran wei­tet sich die Debat­te viel­mehr noch aus.

Pre­jean Bol­ler, die 2009 als Miss Kali­for­ni­en durch ihre öffent­li­che Ver­tei­di­gung der natür­li­chen Ehe zwi­schen einem Mann und einer Frau bekannt wur­de und als Ver­fech­te­rin der Eltern­rech­te aktiv ist, gehör­te dem Wahl­kampf­ko­mi­tee von Donald Trump als Ver­tre­te­rin der Women for Trump Coali­ti­on an. Als sol­che warb sie aktiv in kon­ser­va­ti­ven Wäh­ler­krei­sen für die Wahl Trumps. Die­ser berief sie Anfang 2025 in die neu von ihrem ein­ge­rich­te­te Kom­mis­si­on für Reli­gi­ons­frei­heit des Wei­ßen Hau­ses.

Pre­jean Bol­ler stell­te in der fünf­ten Sit­zung der Kom­mis­si­on für Reli­gi­ons­frei­heit am 9. Febru­ar eine Fra­ge zum Zio­nis­mus. Sie stell­te die simp­le Fra­ge, ob Kri­tik an Isra­el auto­ma­tisch „anti­se­mi­tisch“ sei und wie weit die Kom­mis­si­on anti­se­mi­ti­sche oder anti­zio­ni­sti­sche Äuße­run­gen regu­lie­ren soll­te. Dabei ver­wies sie auf die umstrit­te­ne Anti­se­mi­tis­mus-Defi­ni­ti­on der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­brance Alli­ance (IHRA), die Kri­tik am Zio­nis­mus mit Anti­se­mi­tis­mus gleich­setzt.1 Wäh­rend die Mehr­heit der Mit­glie­der zustimm­te, daß Kri­tik an Isra­el nicht auto­ma­tisch „Anti­se­mi­tis­mus“ sei, beton­ten eini­ge, dar­un­ter der Vor­sit­zen­de, der Pre­jean Bol­ler an ihren Aus­füh­run­gen zu hin­dern such­te, die Not­wen­dig­keit einer kla­ren Abgren­zung, ins­be­son­de­re bei Infrag­stel­lung des Exi­stenz­rechts Israels.

Nach der Sit­zung erklär­te Kom­mis­si­ons­vor­sit­zen­der Dan Patrick über­ra­schend, Bol­ler sei ent­las­sen, weil sie ver­sucht habe, „eine Anhö­rung für per­sön­li­che und poli­ti­sche Zwecke zu instru­men­ta­li­sie­ren“. Die­ser Schritt und sei­ne lapi­da­re Begrün­dung sor­gen seit­her für Empö­rung. Wozu brau­che es eine sol­che Kom­mis­si­on, lau­tet eine Fra­ge, wenn ihre Mit­glie­der kei­ne Mei­nung äußern dürften. 

Pre­jean Bol­ler selbst kri­ti­sier­te die Form der Mit­tei­lung über das Per­so­nal­bü­ro des Prä­si­den­ten und mach­te die reli­giö­se Bera­te­rin des Prä­si­den­ten, die evan­ge­li­ka­le Pasto­rin Pau­la White-Cain, eine füh­ren­de Expo­nen­tin des christ­li­chen Zio­nis­mus, für die „Hexen­jagd“ ver­ant­wort­lich. Der soge­n­annn­te „Christ­li­che Zio­nis­mus“, ist eine in den 1970er Jah­ren ent­stan­de­ne evan­ge­li­ka­le Rich­tung in den USA, die nach puri­ta­ni­scher Art stark alt­te­sta­ment­lich aus­ge­rich­tet ist und von katho­li­schen Kri­ti­kern als christ­li­che Häre­sie bezeich­net wird. 

In einem offe­nen Brief an Prä­si­dent Trump beton­te Bol­ler ihre lang­jäh­ri­ge Unter­stüt­zung, ihre Teil­nah­me an Amts­ein­füh­run­gen und öffent­li­che Ver­tei­di­gung des Prä­si­den­ten gegen Widerstände.

Politische Auswirkungen

Die Ent­las­sung von Pre­jean Bol­ler mar­kiert den Beginn eines Bru­ches inner­halb der kon­ser­va­ti­ven Bewe­gung, der sich seit dem Angriff der USA und Isra­els gegen den Iran wei­ter ver­tieft hat. Beob­ach­ter sehen in der Ent­fer­nung der pro­mi­nen­ten kon­ser­va­ti­ven Frau, die ein sicht­ba­res Aus­hän­ge­schild der katho­li­schen Posi­tio­nen ist und zugleich die offi­zi­el­le pro-israe­li­sche Linie der Trump-Regie­rung kri­ti­siert, ein Zei­chen dafür, daß abwei­chen­de Mei­nun­gen in Schlüs­sel­gre­mi­en uner­wünscht sind. Die poli­ti­sche Loya­li­tät wird offen­sicht­lich über die fach­li­che Exper­ti­se und unab­hän­gi­ge Mei­nung gestellt, was die Glaub­wür­dig­keit sol­cher Kom­mis­sio­nen gefährdet.

Gesellschaftliche Folgen

Gesell­schaft­lich betrach­tet wirft die Ent­schei­dung Fra­gen zur Tole­ranz gegen­über ande­ren Mei­nun­gen auf. Pre­jean Bol­ler war das ein­zi­ge Kom­mis­si­ons­mit­glied, das offen die zio­ni­sti­sche Maxi­me der US-Regie­rung in Fra­ge stell­te, und das weni­ge Wochen vor Aus­bruch des Krie­ges gegen den Iran. Ihr Aus­schluß wird von Unter­stüt­zern als Warn­si­gnal gese­hen, daß kri­ti­sche Stim­men inner­halb poli­tisch sen­si­bler Gre­mi­en mar­gi­na­li­siert wer­den. Die Debat­te zeigt, wie schwer es in den USA ist, eine Balan­ce zwi­schen poli­ti­scher Ein­heit und dem Schutz indi­vi­du­el­ler Aus­drucks­frei­heit zu hal­ten, sobald es um Isra­el geht. Genau die­se außen­po­li­ti­sche Fixie­rung hat­te Pre­jean Bol­ler zu ihrer Kri­tik veranlaßt.

Religiöse Implikationen

Für katho­li­sche Grup­pen und kon­ser­va­ti­ve Chri­sten hat die Abset­zung eine beson­de­re Bri­sanz. Sie wird als Ver­such gewer­tet, katho­li­sche Per­spek­ti­ven auf inter­na­tio­nal-poli­ti­sche Fra­gen zu dele­gi­ti­mie­ren. Dies könn­te das Ver­trau­en von reli­giö­sen Gemein­schaf­ten in staat­li­che Insti­tu­tio­nen unter­gra­ben, die eigent­lich Reli­gi­ons­frei­heit schüt­zen sol­len. Zugleich beleuch­tet die Debat­te Span­nun­gen zwi­schen theo­lo­gi­schen Über­zeu­gun­gen und poli­ti­scher Linie in einer poli­tisch stark pola­ri­sier­ten Umgebung.

Der Hei­li­ge Stuhl ver­tritt im Hei­li­gen Land als Min­dest­pro­gramm die Zwei-Staa­ten-Lösung. Der Schwer­punkt liegt jedoch auf der For­de­rung nach einem inter­na­tio­na­len Sta­tus für Jeru­sa­lem, um den frei­en Zugang zu den hei­li­gen Stät­ten zu garan­tie­ren. Nur unter Fran­zis­kus gab es kurz­zei­tig Signa­le, von die­ser Posi­ton abzu­rücken und einen gemein­sa­men Staat zu prä­fe­rie­ren, in dem Juden und Palä­sti­nen­ser, also mus­li­mi­sche und christ­li­che Ara­ber, zusammenleben. 

Juristische Betrachtung

Obwohl Kom­mis­si­ons­mit­glie­der in den USA in der Regel „at-will“ vom Prä­si­den­ten abbe­ru­fen wer­den kön­nen, berührt die Abset­zung ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­prin­zi­pi­en wie die Mei­nungs­frei­heit (First Amend­ment) und den Schutz vor reli­giö­ser Dis­kri­mi­nie­rung. Exper­ten war­nen, daß eine geziel­te Ent­fer­nung auf­grund abwei­chen­der theo­lo­gi­scher oder poli­ti­scher Über­zeu­gun­gen pro­ble­ma­tisch ist und als poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung inter­pre­tiert wer­den könnte.

Die Ent­las­sung von Car­rie Pre­jean Bol­ler geht weit über die Per­son hin­aus: Sie offen­bart struk­tu­rel­le Span­nun­gen im Umfeld des US-Prä­si­den­ten, das Span­nungs­feld zwi­schen poli­ti­scher Loya­li­tät und Mei­nungs­frei­heit sowie die Schwie­rig­kei­ten, reli­giö­se Viel­falt in staat­li­chen Insti­tu­tio­nen zu wah­ren. Gleich­zei­tig wirft sie ein Licht auf die gesell­schaft­li­che Debat­te über die Gren­zen legi­ti­mer Kri­tik an Isra­el und den Schutz von ande­ren Mei­nun­gen in hoch­po­li­ti­sier­ten Kontexten.

Pre­jean Bol­ler nahm mit ihrer Kri­tik vor­weg, was sich seit Kriegs­be­ginn zeigt: Han­delt der US-Prä­si­dent im Inter­es­se der USA oder im Inter­es­se Isra­els, also eines aus­län­di­schen Staa­tes? Auf ent­spre­chen­de Kri­tik des bekann­ten Jour­na­li­sten Tucker Carl­son, reagier­te Trump mit des­sen Aus­schluß aus der Maga-Bewe­gung und dem Vor­wurf, Carl­son sei „zu dumm, um zu ver­ste­hen, wor­um es geht“. Wäh­rend­des­sen scheint Trump einen Aus­weg aus den Kampf­hand­lun­gen zu suchen, der es ihm erlaubt, das Gesicht zu wah­ren, mög­lichst viel von den Kriegs­zie­len zu errei­chen, aber ohne zu hohe Ver­lu­ste zu erlei­den. Bei der Suche nach Wil­li­gen, die für die USA gegen den Iran in den Krieg zie­hen – gemäß der seit dem Ersten Welt­krieg von den USA ange­wand­ten „Stell­ver­tre­ter-Stra­te­gie“ –, war Washing­ton bis­her aller­dings wenig erfolg­reich. Die sun­ni­ti­schen Golf­emi­ra­te, die Kur­den des Irak, die Belut­schen im Grenz­raum zu Paki­stan und zuletzt auch die Ase­ris, erteil­ten eine Absage.

Die Zahl jener in den USA, die von US-Prä­si­dent Trump ent­täuscht sind, wächst offen­bar rapi­de an, auch unter Katho­li­ken. Dies gilt vor allem für jene, die Trump gewählt hat­ten, damit es kei­ne neu­en Krie­ge geben wird. Das Dilem­ma, in dem die USA fest­stecken, ist, daß das ein­zi­ge Alter­na­tiv­an­ge­bot, die Demo­kra­ten, noch abschrecken­der sind. Beob­ach­ter hal­ten den­noch ein Wahl­de­ba­kel der Repu­bli­ka­ner bei den Wah­len im Herbst für mög­lich. Es sei nicht damit zu rech­nen, daß ent­täusch­te Trump-Wäh­ler zu den Demo­kra­ten abwan­dern; sie könn­ten aber in gro­ßer Zahl den Urnen fern­blei­ben, wodurch wahl­ent­schei­de­ne umkämpf­te Wahl­krei­se ver­lo­ren­ge­hen würden.

Pre­jean Bol­ler ist zum Sym­bol eines Bruchs gewor­den. Der Vor­rang, den die US-Regie­rung dem Zio­nis­mus ein­räumt, ist gera­de dabei, die müh­sam auf­ge­bau­te Ein­heit des kon­ser­va­ti­ven Lagers in den USA zu zer­rei­ßen. Auch inner­halb katho­li­scher Krei­se tritt die para­do­xe Situa­ti­on auf, daß es wegen einer reli­gi­ös bemän­tel­ten poli­ti­schen Ideo­lo­gie einer ande­ren Reli­gi­on zu Streit kommt. Kann die­ser Bruch noch über­wun­den werden?

Gestern erklär­te Car­rie Pre­jean Bol­ler in einem Inter­view mit Piers Mor­gan: „Die Maga-Bewe­gung ist tot“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: You­tube (Screen­shots)

  1. Die ita­lie­ni­sche Regie­rung von Mini­ster­prä­si­den­tin Gior­gia Melo­ni will gera­de ein Son­der­ge­setz zur Ver­fol­gung und Bestra­fung von Anti­se­mi­tis­mus ein­füh­ren und stützt sich dabei auf die IHRA-Defi­ni­ti­on, was bedeu­tet, daß auch Kri­tik am Zio­nis­mus unter Stra­fe gestellt wür­de. ↩︎

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