Hotel Imperial in Jerusalem – Vom Kaiserbesuch zum Zankapfel

Der Niedergang der christlichen Präsenz im Heiligen Land

Das Hotel Imperial in Jerusalem. Zum Besuch von Kaiser Wilhelm II. errichtet, ist es zum Zankapfel geworden – und zum Symbol für die Verdrängung der Christen aus dem Heiligen Land.
Das Hotel Imperial in Jerusalem. Zum Besuch von Kaiser Wilhelm II. errichtet, ist es zum Zankapfel geworden – und zum Symbol für die Verdrängung der Christen aus dem Heiligen Land.

(Jeru­sa­lem) In Jeru­sa­lem begeg­nen ein­an­der die drei mono­the­isti­schen Reli­gio­nen Juden­tum, Chri­sten­tum und Islam wie an kei­nem ande­ren Ort der Welt. Dabei han­delt es sich mehr um ein erzwun­ge­nes Zusam­men­le­ben. Die klein­ste Grup­pe dabei sind die Chri­sten. Die zwei­tau­send­jäh­ri­ge Prä­senz der ein­hei­mi­schen Chri­sten wird zwi­schen den bei­den ande­ren Reli­gio­nen aufgerieben.

Die Zahlen

In den ver­gan­ge­nen 2000 Jah­ren war Jeru­sa­lem das erste Jahr­hun­dert jüdisch, dann die mei­ste Zeit christ­lich, gefolgt von einer lan­gen isla­mi­schen Pha­se seit dem Hoch­mit­tel­al­ter und wie­der einer ver­hält­nis­mä­ßig kur­zen jüdi­schen Zeit seit hun­dert Jahren.

Mehr­heit­lich christ­lich blieb Jeru­sa­lem auch unter isla­mi­scher Herr­schaft bis zur Zer­stö­rung der Gra­bes­kir­che. Durch die dar­auf fol­gen­den Kreuz­zü­ge konn­te die christ­li­che Mehr­heit in der Stadt wie­der­her­ge­stellt wer­den. Erst Sala­din setz­te dem 1187 ein Ende. Jeru­sa­lem wur­de im 13. Jahr­hun­dert isla­mi­siert. Die Prä­senz ortho­do­xer und ori­en­ta­li­scher Chri­sten blieb jedoch auf­recht. Dane­ben gab es bis auf eine kur­ze Peri­ode in der römi­schen Anti­ke auch immer eine jüdi­sche Bevöl­ke­rung in der Stadt.

Als die Tür­ken die Herr­schaft über­nah­men, waren 1526 laut Steu­er­li­sten 66 Pro­zent der Ein­woh­ner Mus­li­me, 21 Pro­zent Juden und 13 Pro­zent Christen.

Bis in die erste Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts nahm der Anteil von Juden und Chri­sten wie­der zu, da die Stadt für die Mus­li­me eine gerin­ge Rol­le spiel­te. Für die­se Zeit gibt es aller­dings nur Berich­te von euro­päi­schen For­schern, Pil­gern und Rei­sen­den. Da die Anga­ben nahe bei­ein­an­der lie­gen, bie­ten sie den­noch einen guten Anhalts­punkt, der im gewich­te­ten Durch­schnitt wie­der­ge­ben wird. Dem­nach hat­te sich die Zahl der Juden auf 25 Pro­zent erhöht und die der Chri­sten auf etwa 20 Pro­zent. Für sie hat­te Jeru­sa­lem auch eine weit grö­ße­re Bedeutung.

Ein zuver­läs­si­ge­res Bild bie­tet die osma­ni­sche Volks­zäh­lung von 1905. Sie spie­gelt die jüdi­sche Ein­wan­de­rung wider, die ab 1850 ein­ge­setzt hat­te und sich immer stär­ker im zio­ni­sti­schen Fahr­was­ser beweg­te. Durch die in der End­pha­se von den Osma­nen gewähr­ten Mög­lich­kei­ten wuchs auch das Inter­es­se der latei­ni­schen Chri­sten an einer dau­er­haf­ten Nie­der­las­sung in Jeru­sa­lem. Die Juden mach­ten nun 41 Pro­zent aus, die Mus­li­me nur mehr 34 Pro­zent und die Chri­sten immer­hin wie­der 25 Prozent.

Der Erste Welt­krieg brach­te das Ende der osma­ni­schen Herr­schaft, die im Namen des Völ­ker­bun­des von der bri­ti­schen Herr­schaft abge­löst wur­de. Unter den Bri­ten beschleu­nig­te sich die jüdi­sche Zuwan­de­rung. Laut der bri­ti­schen Volks­zäh­lung von 1931 waren von den Ein­woh­nern Jeru­sa­lems 57 Pro­zent Juden, 22 Pro­zent Mus­li­me und 21 Pro­zent Christen.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de der Staat Isra­el aus­ge­ru­fen. Um Jeru­sa­lem begann ein bis heu­te andau­ern­der Kampf, der teil­wei­se mili­tä­risch, heu­te poli­tisch und demo­gra­phisch aus­ge­tra­gen wird. Die Stadt wur­de ent­ge­gen den ursprüng­li­chen Plä­nen und auch gegen die Wün­sche und Emp­feh­lun­gen des Hei­li­gen Stuhls geteilt. Die Alt­stadt liegt im palä­sti­nen­si­schen Ost­je­ru­sa­lem. Dort hal­ten die Mus­li­me noch heu­te eine knap­pe Mehr­heit von etwa 53 Pro­zent. Von jüdi­scher Sei­te wird mit lega­ler und ille­ga­ler Sied­lungs­po­li­tik ver­sucht, eine jüdi­sche Mehr­heit her­zu­stel­len. Aller­dings konn­ten in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren kaum mehr nen­nens­wer­te Erfol­ge erzielt wer­den, da die Mus­li­me den jüdi­schen Zuzug durch eine höhe­re Gebur­ten­ra­te ausgleichen.

Der Anteil der Chri­sten ist hin­ge­gen auf ein histo­ri­sches All­zeit­tief gefal­len und liegt in ganz Jeru­sa­lem nur mehr bei 1,8 Pro­zent. Durch den Nah­ost-Kon­flikt schrumpf­te ihre Prä­senz in der hei­li­gen Stadt in den ver­gan­ge­nen 75 Jah­ren stär­ker als in den 750 Jah­ren davor.

Immobilien für die Siedlungspolitik

Im Juli 2020 schlu­gen drei­zehn Patri­ar­chen und Ober­häup­ter der christ­li­chen Kir­chen der Stadt Alarm, unter ihnen auch der Latei­ni­sche Patri­arch, mit der Bot­schaft: „Radi­ka­le jüdi­sche Grup­pen ver­su­chen die plu­ra­li­sti­sche Iden­ti­tät der Hei­li­gen Stadt zu sabo­tie­ren“. Im christ­li­chen Vier­tel der Jeru­sa­le­mer Alt­stadt sind jüdisch-radi­ka­le Krei­se bestrebt, kirch­li­ches Eigen­tum zu erwer­ben und dadurch die christ­li­che Prä­senz in der Stadt zu schwä­chen und die jüdi­sche zu stär­ken. Doch nicht nur in Jeru­sa­lem sor­gen Immo­bi­li­en­ver­käu­fe für Unru­he unter den Chri­sten, son­dern auch in Nazareth.

Seit 1949 waren die Daja­ni Päch­ter des Jeru­sa­le­mer Hotels Impe­ri­al. Die Daja­nis sind palä­sti­nen­si­sche Chri­sten, ein­hei­mi­sche Chri­sten. Eigen­tü­mer des Hotels ist das grie­chisch-ortho­do­xe Patri­ar­chat der Stadt. Abu Walid Daja­ni, das Fami­li­en­ober­haupt, ist heu­te 78 Jah­re alt. Er hat die gan­ze Zeit mit­er­lebt, die sei­ne Fami­lie das Hotel führt. Heu­te ist er außer sich. Der frü­he­re grie­chisch-ortho­do­xe Patri­arch von Jeru­sa­lem, Ire­ne­os I., hat­te in einer undurch­sich­ti­gen Akti­on den Pacht­ver­trag des Hotels an eine Fir­ma mit Sitz auf den Jung­fern­in­seln wei­ter­ver­kauft. Wie sich her­aus­stell­te, steht die Fir­ma in Ver­bin­dung mit der zio­ni­sti­schen Sied­ler­or­ga­ni­sa­ti­on Ate­ret Koh­anim.

„Das ist ein Pro­blem für das gesam­te Chri­sten­tum: Wie sol­len wir das palä­sti­nen­si­sche Erbe, das christ­li­che Erbe, in der Alt­stadt von Jeru­sa­lem bewah­ren?“, klag­te Daja­ni gegen­über der Pres­se­agen­tur EFE.

Von dem Ver­kauf hat­te er damals aus der israe­li­schen Tages­zei­tung Maariv erfah­ren, die auf der Titel­sei­te dar­über berich­te­te. Der 98jährige Pacht­ver­trag des Hotels war für 1,25 Mil­lio­nen Dol­lar samt der Mög­lich­keit für eine zwei­ma­li­ge Ver­län­ge­rung auf ins­ge­samt 294 Jah­re ver­kauft wor­den.

Unter ähn­li­chen Umstän­den über­nahm Ate­ret Koh­anim die Kon­trol­le über zwei wei­te­re Immo­bi­li­en des Grie­chi­schen Patri­ar­chats in dem von Isra­el besetz­ten Ost­je­ru­sa­lem: Im nahe­ge­le­ge­nen Gäste­haus Petra zogen im März jüdi­sche Fami­li­en ein. Die drit­te Immo­bi­lie ist das Muz­a­mi­ya Hou­se im christ­li­chen Vier­tel. Seit 15 Jah­ren fin­det seit­her ein Rechts­streit statt, mit dem die dama­li­gen Ver­käu­fe rück­gän­gig gemacht wer­den sollen.

„Ich bete jeden Tag, daß alles gelöst wird, aber wir brau­chen die Unter­stüt­zung der gan­zen Welt, aller Kir­chen, um Druck auf die israe­li­sche Regie­rung aus­zu­üben, damit die­se Besitz­tü­mer in den Hän­den des grie­chisch-ortho­do­xen Patri­ar­chats bleiben.“

Daja­ni, der EFE ein Inter­view gab, führt seit 1963 das Hotel Impe­ri­al mit 44 Zim­mern. Errich­tet wor­den war es, um das Gefol­ge des deut­schen Kai­sers Wil­helm II. unter­zu­brin­gen, als die­ser 1898 im Rah­men sei­ner Hei­lig-Land-Rei­se auch Jeru­sa­lem besuch­te. Daher auch der Name des Hotels.

Daja­ni rich­te­te sei­ne Bit­ten heu­te nicht mehr an den Kai­ser, son­dern an den US-Prä­si­den­ten. Joe Biden wird am 13./14. Juli Jeru­sa­lem besuchen.

„Biden, tref­fen Sie sich auch für zehn Minu­ten mit christ­li­chen Führern!“

Zusam­men mit den Daja­nis leben zwölf christ­li­che Fami­li­en von dem Betrieb des histo­ri­schen Hotels, das in bester Lage im christ­li­chen Vier­tel der Alt­stadt nahe dem Jaf­fa-Tor liegt.

Der jet­zi­ge grie­chisch-ortho­do­xe Patri­arch von Jeru­sa­lem, Theo­phi­los III., ver­such­te ver­geb­lich die umstrit­te­nen Ver­käu­fe sei­nes Vor­gän­gers rück­gän­gig zu machen und ver­wies dabei auch auf Kor­rup­ti­on und feh­len­de Trans­pa­renz. Die ent­spre­chen­den Kla­gen wur­den jedoch abge­wie­sen, so zuletzt Anfang Juni vom Ober­sten Gerichts­hof von Isra­el auch jene der Fami­lie Daja­ni. „Ich wer­de bis zu mei­nem letz­ten Atem­zug gegen die Ver­trei­bung mei­ner Fami­lie kämp­fen“, sagt Daja­ni. Die Chan­cen ste­hen aller­dings schlecht.

Ost­je­ru­sa­lem ist seit 1967 völ­ker­recht­lich ein von Isra­el besetz­tes Gebiet. Laut inter­na­tio­na­lem Recht ver­fügt Isra­el daher über kei­ne legi­ti­me Juris­dik­ti­on. Isra­el annek­tier­te aber 1980 Ost­je­ru­sa­lem ein­sei­tig und setzt sei­ne Rechts­ord­nung durch. Die Macht des Fak­ti­schen liegt in der Hand Israels.

Daja­ni befürch­tet, daß ver­gleich­ba­re Vor­gän­ge sich in ande­ren Tei­len des Hei­li­gen Lan­des wie­der­ho­len könn­ten. „Wenn die­ses Gebäu­de in die Hän­de jüdi­scher Extre­mi­sten gelangt“, könn­ten „ern­ste Pro­ble­me“ und sogar „eth­ni­sche Gewalt“ die Fol­ge sein.

Bei Ate­ret Koh­anim unter ihrem Ober­haupt Rab­bi Schlo­mo Avi­ner spricht man von einem nor­ma­len Immo­bi­li­en­ge­schäft. Jeder habe das Recht „in der wie­der­ver­ei­nig­ten Haupt­stadt Isra­els“ Eigen­tum zu erwer­ben. Der inter­na­tio­na­len Pres­se wirft die zio­ni­sti­sche Sied­ler­or­ga­ni­sa­ti­on wegen ihrer Bericht­erstat­tung über die Käu­fe „Anti­se­mi­tis­mus“ vor.

Zugleich ist man bei Ate­ret Koh­anim stolz dar­auf, bereits mehr als tau­send jüdi­sche Fami­li­en in den christ­li­chen und mus­li­mi­schen Vier­teln der Alt­stadt ange­sie­delt zu haben. Ziel der Orga­ni­sa­ti­on ist es, die „unbe­streit­bar jüdi­schen Wur­zeln“ der Stadt zu stär­ken. Das Hotel Impe­ri­al sei heu­te „her­un­ter­ge­kom­men“, wäh­rend es von sei­ner Errich­tung bis in die 20er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts ein „wun­der­schö­nes kosche­res Hotel“ gewe­sen sei, das nach­ein­an­der von zwei jüdi­schen Fami­li­en geführt wur­de, ehe es vom grie­chisch-ortho­do­xen Patri­ar­chat erwor­ben wurde.

Die jüdi­sche Fami­lie Amdurs­ky hat­te nach dem Erd­be­ben von 1927 und dem ara­bi­schen Auf­stand von 1929 wegen wirt­schaft­li­cher Pro­ble­me ihren Besitz ver­kau­fen müs­sen. Seit­her hat sich in der Stadt viel verändert.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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