Ein jüngst veröffentlichtes Arbeitspapier aus dem Umfeld des weltweiten Synodenprozesses sorgt für erhebliche theologische Irritation. Unter dem wie meist sperrigen Titel „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung. Studiengruppe Nr. 4. Die Revision der Ratio Fundamentalis Institutionis Sacerdotalis in synodal-missionarischer Perspektive“ findet sich eine Formulierung, „die in ihrer Tragweite kaum überschätzt werden kann“, so Miguel Escrivá auf InfoVaticana: Das Weiheamt solle in seiner „ekklesiologischen Dimension gestärkt“ und „in und aus dem Volk Gottes neu definiert“ werden.
Was auf den ersten Blick wie eine pastorale Akzentverschiebung erscheint, berührt in Wahrheit den Kern katholischer Ekklesiologie.
Man weiß, wie lange es sich mit den Berichten der Studiengruppen der Synodalitätssynode hingezogen hat. Franziskus verlängerte die Abgabefristen, erlebte diese aber nicht mehr. Wegen seinem Tod und dem Konklave verlängerte der neugewählte Papst Leo XIV. die Frist bis Jahresende 2025. Erste Schlußberichte von zwei Studiengruppen wurden gestern veröffentlicht.
Kritiker bezeichneten die von Papst Franziskus einberufene Synodalitätssynode bereits als unnötig und den damit verbundenen „synodalen Prozeß“ als falsch. Der nun vorliegende, hier besprochene Arbeitsgruppenbericht bestätigt die Kritiker, die im synodalen Prozeß einen schleichenden Umbau der Kirche sehen, versteckt hinter einem intransparenten, synodalen Apparat, der als Synode firmiert, aber unter historisch nie dagewesenen Spielregeln stattfindet. Was vom kirchlichen ’68 noch nicht vollendet ist, soll nun vollendet werden.
Nicht die Ausbildung, sondern das Weiheamt selbst
Das Dokument spricht nicht lediglich von einer Anpassung der Priesterausbildung, sondern explizit von einer „Neudefinition“ des Weiheamtes selbst. In einer Kirche, die als Netzwerk von Charismen und Diensten gedacht wird, so die Argumentation, müsse die Identität des Priesters innerhalb dieser Dynamik neu bestimmt werden.
Hier liegt der entscheidende Punkt: Das Weihesakrament ist nach katholischem Verständnis keine kirchliche Organisationsform, die historisch umgestaltet werden könnte. Es gehört zur göttlichen Verfassung der Kirche.
Christus selbst hat das apostolische Amt eingesetzt, als er die Zwölf berief, bevollmächtigte und sandte, in seinem Namen zu lehren, zu heiligen und zu leiten. Dieses Amt wird durch das Sakrament der Weihe in apostolischer Sukzession weitergegeben.
Das Konzil von Trient bekräftigt verbindlich, daß die Weihe eines der sieben von Christus eingesetzten Sakramente ist und daß die Kirche über dessen Substanz keine Verfügungsgewalt besitzt. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Lehre ausdrücklich bestätigt: Die Bischöfe empfangen die Fülle des Weihesakraments, die Priester nehmen kraft sakramentaler Weihe an ihrem Dienst teil. Der Priester handelt in persona Christi capitis – in der Person Christi, des Hauptes der Kirche.
Seine Vollmacht geht nicht vom Volk Gottes aus, sondern von Christus allein.
Eine problematische Umkehrung der Ordnung
Genau hier wird die bergoglianisch-synodale Sprachregelung brisant. Wenn vom „Neudefinieren“ des Amtes „aus dem Volk Gottes“ die Rede ist, wird zumindest sprachlich eine Verschiebung vorgenommen: Das Amt erscheint nicht mehr eindeutig als von Christus herkommend und für das Volk eingesetzt, sondern als aus der Gemeinschaft heraus zu bestimmende Größe.
In der katholischen Theologie ist die Beziehung klar: Das Weiheamt existiert für das Volk Gottes – aber es geht nicht aus dem Volk Gottes hervor. Hier geht es nicht um eine „Demokratisierung“, die einigen Vertretern des Synodalismus vorschwebt, als hätte die Kirche den in der Französischen Revolution angestoßenen politischen Prozeß zu übernehmen. Der Ursprung des Weiheamtes liegt in Christus, seine Vermittlung im Sakrament der Weihe. Das Gottesvolk ist Empfänger des Dienstes, nicht seine Quelle.
Wo diese Ordnung verwischt wird, so Kritiker, nähert man sich Kategorien an, die klassisch protestantisch sind. In der lutherischen Ekklesiologie etwa entsteht das Amt aus der Gemeinde, die es zur Verkündigung delegiert. Der Amtsträger empfängt keinen unauslöschlichen sakramentalen Charakter, sondern eine funktionale Beauftragung.
Gerade diese Sicht hat die katholische Kirche stets zurückgewiesen, weil dadurch das sakramentale Band zwischen Christus und dem apostolischen Dienst aufgehoben und eliminiert würde.
Synodalität als Deutungsschlüssel?
Das synodale Papier versucht zwar, die sakramentale Dimension zu bekräftigen, indem es die Autorität der Hirten als „spezifische Gabe des Heiligen Geistes, gebunden an das Weihesakrament“ bezeichnet. Doch diese Aussage steht in Spannung zu der gleichzeitig eingeführten Perspektive einer gemeinschaftlichen „Neudefinition“.
Das Problem ist weniger eine explizite Leugnung der Sakramentalität – eine solche findet sich nicht –, sondern eine konzeptionelle, an den Fundamenten rüttelnde Verschiebung. Wenn das Amt primär als Teil eines dynamischen Netzes von Charismen verstanden wird, droht es funktionalisiert zu werden. Es erscheint dann als einer von mehreren Diensten, dessen Gestalt aus dem synodalen Prozeß heraus weiterentwickelt werden kann.
Hier zeigt sich ein methodischer Grundfehler mancher synodaler Texte: Sie operieren mit einer Sprache, die strukturelle Reform und sakramentale Verfassung nicht mehr klar unterscheidet.
Selbst das Dokument räumt ein, daß es sich um ein „Orientierungspapier“ handelt, nicht um einen lehramtlichen Akt. Gerade deshalb ist theologische Kritik legitim und notwendig. Wo die sakramentale Grundstruktur der Kirche berührt wird, darf keine begriffliche Unschärfe stehenbleiben.
Reform ja – Neudefinition nein
Die Kirche kann und muß ihre pastoralen Strukturen erneuern, ihre Ausbildungswege verbessern, ihre missionarischen Methoden vertiefen. Sie kann Disziplinen anpassen und Verwaltungsformen verändern.
Was sie nicht kann, ist das neu zu definieren, was Christus selbst eingesetzt hat.
Die apostolische Struktur der Kirche ist kein Produkt synodaler Verhandlungen, keine Kopie der weltlichen politischen Systeme. Synodalität kann, wenn man unbedingt meint, die Ausübung des Weiheamtes begleiten, beraten und unterstützen – sie kann es aber nicht konstituieren.
In einer Zeit, in der vielfach von „Machtumverteilung“ und „neuen Leitungsmodellen“ die Rede ist, bedarf es einer klaren Erinnerung an diese Grundwahrheit: Das Weihesakrament gehört zur göttlichen Verfassung der Kirche. Es ist kein variables Element kirchlicher Selbstorganisation.
Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht in einzelnen Reformvorschlägen, sondern in der schleichenden Verschiebung des theologischen Koordinatensystems. Wo das geweihte Amt als aus der Gemeinschaft „neu definierbar“ erscheint, wird unmerklich eine funktionale Sicht des Priestertums eingeführt.
Eine solche Sicht mag sich katholischer Terminologie bedienen. Ihrem inneren Gefüge nach steht sie jedoch näher an reformatorischen Amtsmodellen als an der sakramentalen Tradition der Kirche.
Die Debatte um dieses Dokument ist deshalb keine Randfrage innerkirchlicher Strategie. Sie berührt die Identität der Kirche selbst.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: synod.va (Screenshot)
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