Étienne Gilson (1884–1978) war ein französischer Philosoph und einer der bedeutendsten Historiker der mittelalterlichen Philosophie im 20. Jahrhundert. Er gilt als einer der führenden Vertreter des sogenannten Neuthomismus, also der erneuerten philosophischen Auseinandersetzung mit dem Denken des hl. Thomas von Aquin. Er war u. a. Professor an der Sorbonne, Mitglied der Académie française, 1929 Gründer des Päpstlichen Instituts für Mittelalterstudien. Étienne Gilson verfaßte den folgenden kurzen Text im Jahre 1965, als sich die Wucht des nachkonziliaren Sturmes gerade zu entfesseln begann und er sich fragte, ob er nun ein Schismatiker sei. Angesichts der gegenwärtigen Lage hat sich sechzig Jahre später nicht allzu viel geändert.
Von Étienne Gilson
In letzter Zeit ist viel vom Schisma die Rede. Zunächst hat mich das überrascht, aber nicht beunruhigt. Ich hatte immer geglaubt, Schismen seien kollektive Abspaltungen, durch die sich Gruppen von Christen vom Leib der Kirche trennten, um eigene Kirchen zu bilden. Das geschieht nicht oft; doch diese Auffassung schloß jede Furcht aus, man könne für sich selbst ein kleines persönliches Schisma begründen. Nun habe ich entdeckt, daß dieses Vertrauen unbegründet ist und daß sich auch ein einzelner Mensch den Luxus eines privaten Schismas leisten kann, sofern er sich bewußt und absichtlich außerhalb des Leibes der Gläubigen stellt.
Das kann auf vielerlei Weise geschehen. Die bemerkenswerteste, die ich kenne, ist die jenes Priesters aus Boston, der sich kürzlich durch seine Hartnäckigkeit, etwas zu lehren, was man mich noch in meiner Kindheit gelehrt hatte – nämlich daß es außerhalb der Kirche kein Heil gibt –, aus dem Leib der Kirche ausschließen ließ. Und nun steht er außerhalb! Er muß sehr überrascht sein; doch sein Fall kann auch andere beunruhigen, denn daraus folgt, daß eine bestimmte Person schismatisch werden kann, ohne es zu merken. Dazu genügt es, daß sie ihre Zustimmung zu einer bestimmten Formulierung der Lehre verweigert, die die Kirche lehrt und deren Annahme sie vorschreibt. Ich beginne mich zu fragen, ob ich nicht gegen meine tiefste Absicht selbst auf dem Weg zu einem so gefährlichen Irrtum bin.
Das sind die Fakten.
In einer der Pfarreien, die ich besuche, wird vor dem Hochamt den Gläubigen der Text der liturgischen Gebete ausgeteilt, die auf französisch – oder in einem diesem angenäherten Dialekt – gesungen werden sollen, sofern es nur nicht Latein und erst recht nicht Griechisch ist. Ich persönlich sehe darin keinen Nachteil; da diese Liturgiereform im Gange ist, bleibt den Gläubigen ohnehin nichts anderes übrig, als sich ihr zu fügen. Nun gut – „ganz irdisch“ also, wenn es denn ganz ist.
Dennoch befremdete mich anfangs eine Stelle im französischen Credo, in der es heißt, der Sohn sei „von derselben Natur“ wie der Vater. Den Rest konnte ich mitsingen, aber „von derselben Natur“ brachte ich nicht über die Lippen. Nach einigem Nachdenken verstand ich bald, warum. Da ich immer auf Latein gesungen hatte, der Sohn sei consubstantialem Patri – dem Vater wesensgleich –, erschien es mir seltsam, daß diese „Wesensgleichheit“ zu einer bloßen „Gleichheit der Natur“ geworden war.
Unsere Priester scheinen übrigens über diese Änderung nicht informiert worden zu sein. Im Hochamt singt der Zelebrant unbeirrt weiterhin „Consubstantialem Patri“, als sei nichts geschehen; wir jedoch, das Laienvolk in der Ebene unten, haben uns schlicht an die vereinfachte Liturgie für unseren Gebrauch zu halten. So antwortete mir der junge Vikar, den ich eines Tages fragte, als ich von ihm mein französisches Meßheft entgegennahm, ob „von derselben Natur“ nicht ein Druckfehler sei. „Ich bin hier, um die Hefte zu verteilen; Sie haben nur zu singen, was darin steht“, sagte er.
Im Grunde hatte er recht. Was ging mich das an? Der große Vorteil für die Laien, wenn man sie zu völliger Passivität anhält, besteht darin, daß man sie so jeder Verantwortung enthebt. Das wären sie freilich auch ohne dieses verfluchte Schisma! Zwei Wesen derselben Natur sind nicht notwendig von derselben Substanz. Zwei Menschen, zwei Pferde, zwei Lauchstangen sind von derselben Natur, aber jedes von ihnen ist eine eigene Substanz, und gerade deshalb sind es zwei. Sage ich, sie hätten dieselbe Substanz, so sage ich zugleich, sie hätten dieselbe Natur; doch sie können von derselben Natur sein, ohne dieselbe Substanz zu besitzen. Bin ich also weiterhin verpflichtet zu glauben, daß der Sohn dem Vater wesensgleich ist? Oder bin ich im Gegenteil verpflichtet zu glauben, daß sie lediglich von derselben Natur sind? Und wenn ich hartnäckig daran festhalte zu glauben, daß sie wesensgleich sind – trenne ich mich dann als schismatischer Rebell gegen die Liturgie meiner Pfarrei von jener Kirche, der ich so tief verbunden bin?
Das ist eine sehr peinliche Lage. Man könnte annehmen, die Kirche Frankreichs verfolge damit ein ökumenisches Ziel; doch nein, die griechischen Glaubensbekenntnisse des Epiphanios von Salamis und des Ersten Konzils von Nicäa sagen ausdrücklich vom Sohn, er sei homoousion tō Patri. Das sogenannte Symbolum von Papst Damasus I., das um das Jahr 500 in Gallien gebraucht wurde, sagt vom Vater und vom Sohn, sie seien unius naturae, fügt aber sogleich hinzu: uniusque substantiae, unius potestatis. Das alte Symbolum Clemens Trinitas est una divinitas bekennt die Einheit der göttlichen Dreifaltigkeit in diesen Worten, weil die drei Personen „eine einzige Quelle, eine einzige Substanz, eine einzige Kraft und eine einzige Macht“ sind. Die Personen haben dieselbe Natur – die göttliche –, insofern sie drei sind; insofern sie ein einziger Gott sind, haben sie dieselbe Substanz: „Drei, weder vermischt noch getrennt, sondern geeint in der Unterscheidung und unterschieden in der Einheit: geeint durch die Substanz, unterschieden durch die Namen; geeint durch die Natur, unterschieden durch die Personen.“
Ich könnte beliebig viele Glaubensformeln anführen, um – mit der Synode von Rom von 382 – jene zu anathematisieren, die nicht offen bekennen, daß der Heilige Geist, der Vater und der Sohn unius potestatis atque substantiae sind; und, wiederholen wir es: Die Einheit der Substanz schließt die Einheit der Natur ein. Unter den zahlreichen Texten, die die Einheit der Substanz bekräftigen – ob mit oder ohne ausdrückliche Erwähnung der Einheit der Natur –, erinnere ich mich an keinen, der lediglich die Einheit der Natur erwähnte: „Man glaubt, daß der Sohn von derselben Substanz ist wie der Vater; deshalb nennt man ihn homoousios mit dem Vater, das heißt ejusdem cum Patre substantiae; denn im Griechischen bedeutet homos eins, und ousia bedeutet Substanz, so daß beide zusammen ‚eine einzige Substanz‘ bedeuten.“
Das Dritte Konzil von Toledo (675) bringt es meines Erachtens sehr treffend zum Ausdruck. Die drei göttlichen Personen sind ein einziger Gott, weil sie eine einzige Substanz sind: „Hae tres personae sunt unus Deus, et non tres dii: quia trium est una substantia, una essentia, una natura, una divinitas, una immensitas, una aeternitas“. Auch das Dekret über die Jakobiten (1441) stellte weiterhin die Einheit der Substanz an erste Stelle, als Quelle aller übrigen [Eigenschaften/Aussagen].
Das französische Glaubensbekenntnis von 1965 ist meines Wissens das erste, das sich nicht scheut, sie zu beseitigen.
Was soll man davon halten? Am klügsten wäre es wohl, nichts zu sagen. Ein liturgischer Text, gewiß sorgfältig von höchsten theologischen Instanzen geprüft und von ihnen angenommen, muß alle erforderlichen Garantien bieten. Gewiß will man nicht zum einstigen homoiousios zurückkehren, der Quelle eines der furchtbarsten Schismen, die die Kirche gespalten haben: Der leiseste Verdacht in dieser Richtung wäre abwegig. Dennoch kann es nicht aus Zufall, Unwissenheit oder Nachlässigkeit geschehen sein, daß hier die Natur die Substanz ersetzt hat. Warum also wurde diese Ersetzung vorgenommen?
Aus einem apostolischen, so glaube ich, und großherzig christlichen Motiv. Man will den Gläubigen den Zugang zu den liturgischen Texten erleichtern. Mit solchem Eifer will man das, daß man sogar bestimmte theologisch präzise Begriffe aus dem Französischen entfernt, um sie durch weniger präzise zu ersetzen, die – mit Recht oder Unrecht – den einfachen Gläubigen „etwas sagen“ sollen. „Von derselben Natur“ scheint leichter verständlich als „von derselben Substanz“. Das ist es in der Tat, wenn man diesen Ausdruck wörtlich nimmt – und genau das dachten die Arianer. Doch die Liturgiker des neuen Textes glauben gewiß nicht, daß der Sohn dem Vater nur wesensähnlich sei. Sie glauben es nicht, sie sagen es nicht, sie wollen es nicht sagen; daher ist der einzig sichere Weg, diese falsche Bedeutung auszuschließen, das consubstantialem Patri der Überlieferung beizubehalten.
Es wäre beunruhigend zu glauben, daß eine gewisse Lockerung des theologischen Denkens manche dazu verleiten könnte zu behaupten, diese technischen Einzelheiten seien letztlich nicht von großer Bedeutung. Denn welchem Zweck dient es, den Akt des Glaubens zu erleichtern, wenn man dabei dem Inhalt dieses Glaubens einen Teil seiner Substanz entzieht?
Ursprünglich erschienen unter dem Titel „Suis-je schismatique?“, La France Catholique, Nr. 970, 2. Juli 1965.
Einleitung von Caminante Wanderer, ergänzt durch Giuseppe Nardi
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons/Collage
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