Noam Chomsky und Jeffrey Epstein – eine symptomatische Freundschaft

Keine Fehlentscheidung, sondern methodisches Prinzip


Der Fall Eppstein verlangt nach Offenlegung seines Netzwerks und nach Klärung der Frage, ob Epstein im Auftrag handelte. Im Bild Noam Chomsky, einer der überaschenden Freunde Epsteins, wie aus den Unterlagen hervorgeht.
Der Fall Eppstein verlangt nach Offenlegung seines Netzwerks und nach Klärung der Frage, ob Epstein im Auftrag handelte. Im Bild Noam Chomsky, einer der überaschenden Freunde Epsteins, wie aus den Unterlagen hervorgeht.

Die jüng­sten Ent­hül­lun­gen aus den „Epstein Files“ wer­fen ein neu­es Licht auf die Bezie­hun­gen zwi­schen pro­mi­nen­ten Per­sön­lich­kei­ten und dem in Ungna­de gefal­le­nen Finan­zier, Sexu­al­straf­tä­ter und mut­maß­li­chen Mos­sad-Agen­ten Jef­frey Epstein. Unter den über­ra­schen­den Namen taucht auch der lin­ke Intel­lek­tu­el­le Noam Chom­sky auf, bekannt als Lin­gu­ist, Phi­lo­soph, poli­ti­scher Kom­men­ta­tor, an des­sen Lip­pen gro­ße Tei­le des links­in­tel­lek­tu­el­len Spek­trums jah­re­lang hingen.

Die Unter­la­gen, die unter ande­rem E‑Mails und bis­lang unver­öf­fent­lich­te Fotos ent­hal­ten, zei­gen, daß Chom­sky und Epstein über Jah­re in ver­trau­tem Kon­takt stan­den. Als 2019 Epsteins Ver­ge­hen zuneh­mend öffent­lich wur­den, zeig­te sich Chom­sky soli­da­risch und schrieb Epstein, daß er die media­le Auf­merk­sam­keit auf ihn als „schmerz­haft“ emp­fin­de, und riet, nega­ti­ve Reak­tio­nen zu igno­rie­ren. Gleich­zei­tig übte er Kri­tik an den Medi­en und der öffent­li­chen Mei­nung, die sei­ner Ansicht nach vor­ei­lig und hyste­risch agierten.

In sei­ner Ana­ly­se hebt Ste­fa­no Magni (Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na) her­vor, daß Chom­skys Ver­hal­ten nach dem glei­chen Muster abläuft, das er seit Jahr­zehn­ten in der poli­ti­schen Kom­men­tie­rung anwen­det: Eine zunächst kate­go­ri­sche Leug­nung kri­ti­scher Dar­stel­lun­gen, gefolgt von Rela­ti­vie­run­gen, die das Ver­hal­ten ande­rer als eben­so pro­ble­ma­tisch dar­stel­len. Exkul­pie­rung, indem mit dem Fin­ger auf ande­re gezeigt wird. Magni zieht Par­al­le­len zu Chom­skys Hal­tung zu histo­ri­schen Ereig­nis­sen wie dem Völ­ker­mord in Kam­bo­dscha, dem Umgang mit dem Iran, der Volks­re­pu­blik Chi­na oder der Sowjet­uni­on, wo Chom­sky stets auf angeb­li­che Des­in­for­ma­ti­on durch Medi­en hin­wies und die Ver­ant­wor­tung ande­rer Staa­ten oder Akteu­re betonte.

Mag­nis Fazit ist poin­tiert: Chom­skys Ver­tei­di­gung Epsteins sei kein Aus­druck von blo­ßer Hypo­k­ri­sie, son­dern Teil eines kon­si­sten­ten intel­lek­tu­el­len Ansat­zes, in dem objek­ti­ve Rea­li­tät und Moral rela­ti­viert wer­den. Dem­nach ist Chom­skys Han­deln weni­ger eine per­sön­li­che Fehl­ent­schei­dung, son­dern ein metho­di­sches Prin­zip: Kri­tik und mora­li­sche Beur­tei­lung wer­den nach eige­ner ideo­lo­gi­scher Inter­es­sen­la­ge zugun­sten einer nar­ra­ti­ven Rela­ti­vie­rung unter­ge­ord­net, unab­hän­gig von den tat­säch­li­chen Opfern.

Die Ver­öf­fent­li­chung der Epstein-Doku­men­te stellt nicht nur die Repu­ta­ti­on Chom­skys infra­ge. Die Debat­te über die Freund­schaft zwi­schen Intel­lek­tu­el­len und mäch­ti­gen, aber mora­lisch kom­pro­mit­tier­ten Per­sön­lich­kei­ten ist damit kei­nes­wegs abge­schlos­sen, son­dern gera­de erst eröffnet.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Kel­ly Maeshiro/​Wikicommons

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