von Giuseppe Stevi
Im Jahr 1809 veröffentlichte François-René de Chateaubriand (1768–1848) den Roman Die Märtyrer. Es handelte sich um ein zweifellos innovatives verlegerisches Werk, da der französische Schriftsteller beabsichtigte, einen epischen Roman zu schaffen, der – auch durch besondere historische Anspielungen – das Zeugnis der ersten Christen hervorheben sollte. Die erzählte Handlung, angesiedelt zwischen Griechenland und seinen Inseln, in Rom und im Gallien der ersten Jahre des 4. Jahrhunderts, verknüpft die Liebesgeschichte eines Christen, Eudoros, mit der einer jungen Heidin, Cymodoke, die sich zum Christentum bekehrt und schließlich zusammen mit ihrem Geliebten das Martyrium erleidet.
In der Erzählung treten römische Kaiser und Feldherren, Engel als Boten und Päpste der ersten Jahrhunderte, heidnische Priester und Priesterinnen sowie zahlreiche Kirchenväter wie der heilige Hieronymus und der heilige Augustinus auf. Es ist eine fesselnde Geschichte, mit der Chateaubriand den Geist der christlichen Zivilisation – mitsamt ihren kulturellen Ausprägungen – neu beleben wollte, über den der Katholizismus, insbesondere im Frankreich der Jahre nach der revolutionären und napoleonischen Barbarei, wieder natürlich, frei und offen sprechen wollte. Das Werk verherrlicht die Haltung des Gläubigen, also dessen, der die Schönheit der Christenheit aus der Gewißheit der christlichen Botschaft und der Lehre der Kirche heraus erfährt; diese bilden den Mittelpunkt des Zeugnisses, das die Beziehungen des Jüngers Christi belebt.
Ausgehend von diesem literarischen Anknüpfungspunkt, greifen wir eine jüngste Debatte auf, die in der Presse mit der Formel eines „Christentums ohne Christenheit“ zusammengefaßt wurde. Dieses Konzept wurde dem Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Matteo Zuppi, zugeschrieben, der bei der Eröffnung der Vollversammlung der Bischöfe im vergangenen November erklärte: „Das Ende der Christenheit fällt nicht mit dem Verschwinden des Glaubens zusammen, sondern markiert den Übergang zu einer Zeit, in der der Glaube nicht mehr vom gesellschaftlichen Kontext getragen wird, sondern Frucht einer persönlichen und bewußten Entscheidung ist, sich dem Evangelium anzuschließen.“
Die Begriffe Christentum und Christenheit sind zweifellos voneinander zu unterscheiden – doch lassen sie sich trennen? Eine Trennung ergibt nur dann Sinn, wenn man unter Christenheit eine bestimmte irdische Ordnung versteht – sozialer, kultureller, politischer oder gar parteipolitischer Art. In dieser Perspektive existiert Christenheit nur insofern, als solche Strukturen mit der Botschaft des Evangeliums übereinstimmen; geht diese Übereinstimmung verloren, spricht man folglich vom Ende der Christenheit.
Anders verhält es sich, wenn man das Christentum zunächst als geistliche Wirklichkeit betrachtet, unabhängig von historischen und institutionellen Formen. Von diesem Standpunkt aus läßt sich nicht nur sagen, daß dort, wo Christenheit ist, auch Christentum vorhanden ist, sondern vor allem – und tiefergehend –, daß dort, wo authentisches Christentum gelebt wird, immer auch eine Form von Christenheit entsteht, verstanden als lebendige und wirksame Spannung hin zu einer vom Evangelium inspirierten Zivilisation.
Letztlich klärt sich die Frage durch die Beantwortung einer entscheidenden Gegenfrage: Von welchem Standpunkt aus betrachten wir die Welt? Wenn wir sie überwiegend durch soziale, kulturelle oder politische Kategorien wahrnehmen, laufen wir Gefahr, das Evangelium in den Hintergrund zu drängen und es den herrschenden Logiken anzupassen. In einem solchen Fall wird es schwierig, die evangelische Botschaft und die Tradition der Kirche mit Überzeugung zu verkünden und zu behaupten, daß authentisches Christentum stets auch eine Christenheit hervorbringt.
Fehlt dieses vertrauensvolle und echte Engagement, gerät man in die Abhängigkeit von der – oft interessengeleiteten – Anerkennung sozialer oder politischer Strukturen, die dem Christentum bisweilen feindlich gegenüberstehen. Das Ergebnis kann ein auf Innerlichkeit reduziertes Christentum sein, ohne kulturelle und historische Durchschlagskraft, sowie ein Glaubensbekenntnis, das von der Realität abgekoppelt und an irrende Gesellschafts- und Politikformen angepaßt ist.
Wenn hingegen Evangelium und kirchliche Tradition nicht unangemessenen Instrumenten sozialen und politischen Handelns untergeordnet werden, entstehen die Voraussetzungen für eine authentische christliche Haltung, die Christentum und Christenheit unterscheidet, ohne sie zu trennen. Es handelt sich dann nicht um ein passiv an die Welt angepaßtes Christentum, sondern um ein Christentum, das sich der Einzigartigkeit der evangelischen Botschaft bewußt ist und aktiv am Aufbau einer christlichen Zivilisation mitwirkt. Dieses Wirken nimmt zunächst im persönlichen und familiären Leben Gestalt an und erstreckt sich dann auf die sozialen und kulturellen Beziehungen, die auf diese Weise frei, transparent und authentisch erhellt und evangelisiert werden – auch im Widerstand gegen die Entgleisungen jener skrupellosen Bereiche, die sich andernfalls durchsetzen würden.
In diesem Zusammenhang sind die Hinweise von Msgr. Henri Delassus (1836–1921) in seinem Werk Le problème de l’heure présente : antagonisme de deux civilisations (Das Problem der gegenwärtigen Stunde. Antagonismus zwischen zwei Zivilisationen) stets ermutigend: „Damit eine Erneuerung stattfinden kann, ist es notwendig und ausreichend, den wahren Begriff des Lebens wieder in den menschlichen Geist zurückzuführen. Alles übrige wird sich von selbst ergeben; Sitten und Institutionen werden sich nahezu von selbst verwandeln, so wie sie sich durch die Predigt des Evangeliums Jesu Christi zum Guten gewandelt haben und sich seit der Predigt des Evangeliums der Humanisten zum Schlechten gewandelt haben. Kann der wahre Begriff des Lebens unserer Gesellschaft zurückgegeben werden? Beginnen wir damit, ihn uns selbst zurückzugeben; arbeiten wir dann daran, jene zu erleuchten und zu heilen, die um uns herum leben – unsere Familie, unsere Pfarrei. Auf diese Weise werden wir unsererseits dazu beitragen, die Gesellschaft von ihrer Basis her zu reformieren.“
(Henri Delassus, Das Problem der gegenwärtigen Stunde. Antagonismus zwischen zwei Zivilisationen, Zweiter Teil, Dritter Abschnitt, Kap. XVII, Desclée & C., Rom 1907)
Die Lösung liegt also nicht in einem sozial, kulturell oder politisch verunreinigten Ansatz, wie er den „Humanisten“ eigen ist, sondern darin, uns an den Quellen Christi, Gottes des Vaters und seines Evangeliums zu laben, das durch unsere sozialen Beziehungen ausstrahlt. Wenn dies unsere Haltung ist, werden auch die kulturellen, sozialen, politischen und parteipolitischen Ausprägungen christlich sein; sie werden Teil der Christenheit sein, als freie und transparente Konsequenzen eines authentischen Zeugnisses, das nicht mit einer gefälligen Weltlichkeit kompromittiert ist. Kurz gesagt: Wozu Zeugnis ablegen, wenn wir uns mit dem Christentum begnügen und es für selbstverständlich halten, auf die Christenheit zu verzichten?
Die Trennung des Begriffs der Christenheit vom Begriff des Christentums kann das Risiko bergen, Haltungen einzunehmen, die denjenigen jener Zeugen völlig fremd sind, die später Märtyrer genannt wurden. Genau dieses Risiko scheint das heutige Christentum in der westlichen Welt einzugehen: ein Christentum ohne Christenheit (oder man könnte auch sagen: ohne Verlangen nach Christenheit), ein Christentum, das nicht immer fähig ist, die authentische Botschaft Christi zu bezeugen, und das – wie Monsignore Delassus selbst unter Berufung auf Alexis de Tocqueville feststellt – „absolut nichts in der Nacht sieht, in der wir uns befinden“. Man ist „… ohne Kompaß, ohne Segel und ohne Ruder auf einem grenzenlosen Meer …“, wo nirgends ein Strand zu erkennen ist; wo man es müde ist, sich vergeblich abzumühen, und sich „auf den Boden des Bootes legt“, um die Zukunft abzuwarten
(Das Problem der gegenwärtigen Stunde, a. a. O., Zweiter Teil, Kap. XXX).
In diesem Kontext stehen wir, wenn wir den Begriff der Christenheit vom Christentum lösen, vor einem Christentum, das unfähig ist, Frucht zu bringen, weil es vollständig in lautlosen Individualitäten eingeschlossen ist, deren Zahl auf Erden nur noch fortschreitend abnehmen kann – bis zum Erlöschen. Ganz anders ist das, woran uns Chateaubriand in Die Märtyrer erinnern wollte, wenn er einen der Protagonisten sagen läßt: „Verzeiht, o Fürsten, diese christliche Freiheit: Der Mensch hat auch Pflichten gegenüber dem Himmel zu erfüllen“; und wenn er von „jenem Gott spricht, der den Kindermord, die Entweihung der Ehe durch Prostitution und den zum Schauspiel gemachten Mord nicht erlaubt; jenem Gott, der mich mit den Werken seiner Wohltätigkeit bedeckt; jenem Gott, der das Licht der Wissenschaften und der Künste bewahrt und der die Sklaverei auf Erden abschaffen will“, und daran erinnert, daß „… wenn ich eines Tages die Barbaren wieder vor meinen Toren sehen sollte, nur dieser Gott, so fühle ich es, mich retten und mein dahinsiechendes Alter in eine unsterbliche Jugend verwandeln könnte“
(François-René de Chateaubriand, Die Märtyrer, Biblioteca Universale Rizzoli, Mailand 1952, S. 257f).
Hier ist das Christentum; hier ist die Christenheit: Beide sind vorhanden.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana